Gemeinsam wachsen: Kultur und Politik auf eigene Faust

Was tun, wenn der Wille zum Engagement da ist, aber die Strukturen fehlen? Welche besonderen Herausforderungen und auch Möglichkeiten bringt es mit sich, eigene kreative Lösungen zu finden und sich das meiste selbst erarbeiten und erschließen zu müssen?

Die Betrachtung dieser Fragen ist für die Ruhrregion von großem Interesse. In der Antwort der Bundesregierung vom 21.02.2017 auf die kleine Anfrage von Bündnis90/Die Grünen-Abgeordneten werden drei Ruhrgebietsstädte – Oberhausen, Herne, Gelsenkirchen – mit zu sogenannten abgehängten Regionen gezählt[1]. Die Anfrage wurde auf Grund des zunehmenden Rechtspopulismus und der Vermutung eines Zusammenhangs mit wirtschaftlicher Strukturschwäche gestellt. Gerade in diesen Regionen können integrative und inklusive Kultur- und Politikkonzepte zu einem besseren Miteinander führen, und gerade in diesen Regionen fallen eben jene Konzepte oft als erstes Budgetkürzungen zum Opfer. Die Strukturschwäche nimmt somit Einfluss auf die Engagementpraktiken der AkteurInnen[2].

Der vorliegende Beitrag lässt vorrangig vier AkteurInnen mit ihren Überlegungen innerhalb eines Interviews zu Wort kommen, die für sich auf die oben gestellten Fragen Antworten finden mussten und konnten: Öffentlichen Raum aneignen, Kompetenzen aneignen, Vernetzen und viel Arbeit investieren.

Die AkteurInnen agieren allesamt in derselben Ruhrgebietsstadt, die seit langem ohne sozio-kulturelles Zentrum auskommen muss und seit Jahren einen Platz in der Top 10 der Pro-Kopf Schulden der NRW Großstädte sicher hat. Maßnahmen zur Budgetgesundung schließen nicht nur die stetige Minderung von Ausgaben für Kunst und Kultur mit ein, sondern auch Verschließung von Zugang zu Raum für selbstorganisierte Kultur- und Begegnungsstätten in steter Hoffnung auf die/den Stadtfinanzen rettende/n InvestorIn. In diesem Klima der Marktlogik sind die zwei Kollektive erwachsen deren AkteurInnen hier zu Wort kommen, die trotz alledem versuchen, Kunst, Kultur und politische Bildung möglichst, ohne monetäre Zugangsbeschränkungen zu verwirklichen.

Die Interviewten F und C engagieren sich innerhalb einer Gruppe K, an der jedeR teilnehmen kann, durch die Veranstaltung von Partys. Im Rahmen dieser Partys bietet das Kollektiv kleinen und lokalen Künstlern eine Plattform und somit die Möglichkeit, gehört zu werden, was die musikalisch-künstlerische Diversität fördert. Für ihre Veranstaltungen errichten sie mit allerhand Handwerks- und Bastelfertigkeiten Dekowelten, die die BesucherInnen aus alltäglichen Denkwelten befördern sollen und im Gesamtkonzept einen Freiraum zur Entfaltung und Begegnung bieten sollen. Da in der Regel öffentlicher Raum genutzt werden muss, entsteht die Notwendigkeit eine breite Palette an Tätigkeiten erfüllen zu können: Ton- und Musikanlagen müssen akquiriert, installiert und justiert werden, ein Veranstaltungsort muss mit bedacht gewählt werden, sodass er gut ohne Auto zu erreichen ist (was wieder eine monetäre Barriere schaffen würde) und gleichzeitig niemanden stört, logistische Herausforderungen sind zu meistern, auf Wochenmärkten werden Essensspenden gesammelt, um für kostenlose Verpflegung sorgen zu können. Kurz: für alles muss selbst gesorgt werden.

Podestbau…

…und zelebrieren der Fertigstellung

(Aufnahmen des Verfassers)

K und M sind Teil eines anderen, ebenfalls nicht abgeschlossenen Kollektivs B, das sich durch Aktionen mit Eventcharakter für die Aneignung öffentlichen Raums, Begegnungskultur und politische Bildung abseits der etablierten Bildungseinrichtungen einsetzt. So organisieren sie etwa kritische alternative Einführungswochen zum Semesterstart und füllen diese mit Vorträgen zu gesellschaftspolitischen Themen. Themen der vergangenen kritischen Einführungswoche im Dezember 2017 waren unter anderem Antiziganismus und Ernährungssouveränität. Auch durch spielerische Stadtteilerkundung wird versucht, Begegnung zu fördern und Schranken zu heben.

Allem voran stelle ich im Abschnitt „Autonomie“ die Besonderheiten der autonomen Vorgehensweise auf Grund fehlender Strukturen oder bürokratischer Hürden zur Betrachtung. Es folgt der Teil „Learning by doing“, der sich dem Kompetenzerwerb durch die Ausübung des Engagements widmen wird. Das geschieht, weil die Engagierten selbst auf diesen Punkt zu sprechen kamen. Ebenso verhält es sich mit dem Kapitel „Einfach machen – Gemeinsam“, in dem die Bedeutung der Gruppe bzw. des Kollektivs, in dem die AkteurInnen agieren, für die Interviewten und ihr Engagement betrachtet wird. Die Trennung dieser Aspekte in Abschnitte erfolgt mehr aus einem Ordnungs- und Vorgehens-Gesichtspunkt als aus analytischen Trennungsgründen. Wie deutlich werden wird, bedingen sich die drei Aspekte Autonomie, Kompetenzerwerb und Gruppenbedeutung teilweise gegenseitig, was gegen Ende des Beitrags in einer Grafik resümiert wird. Den Abschluss sollen Überlegungen zu Handlungsmaßnahmen bilden, die die Engagementpraktiken der AkteurInnen erleichtern könnten. Hier ergeben sich aus den Interviews sowohl konkrete Wünsche an die Stadtverwaltung, als auch Maßnahmen, die die Kollektive selber ergreifen können.

Die Interviews mit den AkteurInnen wurden im Zeitraum Juli bis September 2017 durchgeführt und wurden möglichst offen gestaltet, um den Engagierten größtmöglichen Freiraum zum Erzählen zu bieten und sie so wenig wie möglich zu beeinflussen.

Autonomie

Keines der beiden Kollektive geht den Interviewten zu Folge den offiziellen und institutionalisierten Weg. Die Gründe dafür scheinen allerdings zu divergieren. K und M des Kollektivs B erzählen, dass zu Beginn ihrer Bemühungen ganz klar der Plan bestand den offiziellen Weg zu gehen und eine städtische Unterkunft für Geflüchtete zu unterstützen:

„Dann haben wir die gemacht [die Soliparty, Anm. d. V.], haben ordentlich Kohle gescheffelt und […] wollten dann mithelfen mit diesem Geld in dieser Unterkunft, wollten eine Fahrradwerkstatt mitunterstützen […]. Das hat alles leider nicht geklappt. Aus bürokratischen Problemen“

Die bürokratischen Gegebenheiten – wenn auch von den AkteurInnen nicht näher ausgeführt – stellten eine Hürde dar, die groß genug war, um in diesem Fall die Errichtung einer Fahrradwerkstatt zu verhindern, die Potenzial zur Mobilitätssteigerung der Geflüchteten und zu sozialer Integration gehabt hätte. Dieser Vorfall ist zumindest ein Teil der Gründe für die autonome Auslegung der Gruppe. In Folge dessen müssen die AkteurInnen sich für Veranstaltungen und Aktionen Freiräume aneignen, sodass sie sich immer auch vor rechtlichen Konsequenzen fürchten müssen.

Bemerkung:  Freiräume aneignen meint hier die Nutzung öffentlicher Räume für Veranstaltungen, Demonstrationen, Lesungen und Filmvorführungen, die normalerweise einer Konzession bedürfen.

Ähnliches berichtet auch ein Interviewter auf die Frage hin welchen Schwierigkeiten er sich gegenüber sieht:

„Das andere ist halt natürlich, dass es einfach nicht die offiziellen Räume gibt in denen man sowas machen kann. Es gibt halt keine Ausweichmöglichkeit, man ist oft gezwungen in einer Illegalität zu agieren“

Und an anderer Stelle:

„Und ja behördliche Sachen, wenn man Sachen offiziell machen könnte wär halt auch schön. Aber es sind halt so viele unsinnige Auflagen, die einem dann aufgedrückt werden, das also die können wir halt finanziell gar nicht erfüllen.“

Auch hier kommt klar der Wunsch zum Ausdruck die Veranstaltungen leichter in einem offiziellen Rahmen stattfinden lassen zu können. Auch das Problem der Finanzierbarkeit von Projekten, die weder profitorientiert noch in offiziellem Rahmen und somit ohne Fördergelder auskommen müssen kommt hier konzise zum Ausdruck. Ohne Zweifel gibt es Räumlichkeiten von privater Hand, die für Kulturveranstaltungen nutzbar sind. Die Kosten für diese Räume müssten aber unweigerlich an die Gäste weitergegeben werden, was wiederum die ein oder den anderen davon abhalten könnte am soziokulturellen Leben partizipieren zu können.

Ein weiterer Grund, der in den Interviews implizit bleibt, ist der erhöhte Zeitaufwand der durch die Auseinandersetzung mit Behörden und Ämtern entstünde. An mehreren Stellen verweisen die AkteurInnen schon auf eine zeitweise zu große Last. Im laufenden Betrieb scheinen keine Kraftreserven mehr vorhanden zu sein, um eine Kommunikation mit Stadt und Ämtern zu erbringen. Ganz im Gegenteil hat ein Interviewter „oft daran gedacht aufzuhören, weil es manchmal ein krass großer Workload ist […]“ Die Gruppe und eine Verantwortung jenen gegenüber für die er sich engagiert waren dann ausschlaggebend doch nicht aufzuhören.

Die strukturellen Defizite führen also bei beiden Gruppen dazu, dass ein hohes Maß an Autonomie und Anstrengungen erforderlich ist. Es kann oft nicht auf vorhandene Räumlichkeiten und institutionalisierte Abläufe rückgegriffen werden und erst Recht nicht auf Gelder. Die zusätzlichen Anstrengungen durch die Selbstorganisation werden allerdings von den AkteurInnen nicht nur negativ gelesen. Offenbar bieten sich ebenso Chancen durch das Agieren auf eigene Faust. Die Aus- und Wechselwirkungen dessen auf und mit dem Kompetenzerwerb und der Bedeutung der Gruppe werden in den folgenden Abschnitten betrachtet.

Learning by doing

Alle interviewten AkteurInnen berichten, dass sie mit der Zeit und mit dem Projekt gewachsen sind. Eine Vielzahl von Fähigkeiten können und müssen erworben werden, einige davon überhaupt erst auf Grund der hohen Autonomie. Selbiges gilt für die Verantwortungsübernahme, zu der analog zu den wachsenden Fertigkeiten eine höhere Bereitschaft besteht. So erzählt C. über die Entwicklung seines Einsatzes für das Projekt:

„Man muss viel lernen. Man muss organisatorische Fähigkeiten sich aneignen, man muss technische Fähigkeiten sich aneignen […] vor Allem halt auch in so einem Modus, in dem halt viel improvisiert wird und improvisiert werden muss. Ja und mit wachsenden Fähigkeiten ist halt auch mein Einsatz gestiegen“.

Und weiter:

„Insofern habe ich da Stück für Stück immer mehr gemacht, was mir halt auch einen krassen Boost gegeben hat, zu sehen wie man so wachsen kann und zu sehen, wie man sich in so einer Gruppe entwickeln kann“.

Die AkteurInnen berichten folglich von einem klaren Zusammenhang zwischen wachsenden Fertigkeiten und einem verbesserten Selbstwertgefühl. Weder der Erwerb von Kompetenzen im Feld des freiwilligen Engagements noch die Verquickung von Erfolg und Handlungspotenzial mit einem verbesserten Selbstbild sind ein Novum für Engagement- und Identitätsforschung[3]. Das Spezifische an dem vorliegenden Fall der Kollektive in denen die AkteurInnen agieren ist das erhöhte Potenzial für Kompetenzerwerb und Verantwortungsübernahme durch das hohe Maß an Selbstorganisation.

Ein Spezifikum, das mehr dem zeitweise politisch agierenden Kollektiv B eigen ist, geht über den Erwerb praktischer Fähigkeiten hinaus: Die Konfrontation mit anderen Sichtweisen auf die diskutierten gesellschaftspolitischen Themen fördert das Verständnis für die Themen und bietet fruchtbaren Hintergrund vor dem die eigenen Überzeugungen reflektiert werden können. So resümiert M. über eine von K. dargestellte Situation, in der ein hitziger Wortwechsel im Anschluss an einen Feminismus-Vortrag stattfand:

„Da hat sich dann auch halt gezeigt, wie wertvoll das sein kann aus diesen meinungshomogenen Gruppen auszubrechen und sich auch mal mit anderen Dingen auseinanderzusetzen. Das ist gut für die Leute, die sowas zum ersten Mal hören, das ist aber auch gut für die Leute, die schon voll dabei sind und voll dáccord, die aber ihre Argumente schärfen und ihre Meinung quasi nochmal überdenken und abstrahieren“

Einfach machen – Gemeinsam

Auch die Gruppe an sich trägt zum Kompetenzerwerb der AkteurInnen bei und stellt auf Grund des Gruppenkollektivs ein attraktives Einstiegs- und Bleibemotiv für die Engagierten dar. Die flachen Hierarchien mit fluiden Aufgabenzuschreibungen ermöglichen es offenbar, dass Leute sich ausprobieren können, neue und andere Funktionen übernehmen können und dadurch selbstverständlich auch stetig andere und neue Fertigkeiten erwerben können. Beide AkteurInnen des Kollektivs K berichten von sich stetig verändernder Intensität ihres Einsatzes. So zum Beispiel eine Interviewte:

„[…] in unserem Kollektiv passiert das schon oft, dass es mal schwankt bei den verschiedenen Leuten, also die Intensität ihres Engagements. Es gibt Leute, die sind immer sehr engagiert, aber das beschränkt sich eigentlich auf zwei drei Leute, die wirklich konstant sind und bei dem Rest schwankt das mal hin und her.“

Dies ist nur möglich, da innerhalb der Gruppe die Bereitschaft besteht neue Kompetenzen zu erlernen und die damit verbundene Verantwortung zu übernehmen. Wer beispielsweise bereits öfter die Verkabelung einer Anlage und deren Stromzufuhr organisiert hat gibt diese Kompetenzen vor einem temporären Rückzug oder auf Grund der Übernahme einer anderen Tätigkeit weiter. So entsteht durch und innerhalb der Gruppe ein Wissenspool auf den eine jede und jeder, vor allem auch neu dazu gestoßene, zugreifen können.

Jeder der AkteurInnen konstituiert die Kollektive und somit deren Engagement mit. Mit der Beendigung des Handelns endet auch das Kollektiv, da keine offiziellen Strukturen darüber hinaus bestehen. Daraus erwächst auch eine größere Verantwortung und die Hürde das Engagement bei Rückschlägen und Hindernissen zu beenden ist größer. So berichten die Interviewten des Kollektivs B über die Schwierigkeiten nach dem an Bürokratie gescheiterten Versuch eine Fahrradwerkstatt in einem Geflüchtetenheim einzurichten über die Option der Resignation:

,,[…] ich glaub jetzt, dass durch diese Gruppenstruktur diese Option gar nicht so attraktiv schien und auch gar nicht unbedingt – durch Verbindlichkeiten – gar nicht unbedingt – nicht nicht möglich war, aber war halt keine attraktive Option.“

„[…] ja also ich mein wir haben die Gruppe deswegen gegründet und die Gruppe dann daran zersplittern zu lassen wär ja irgendwie auch noch frustrierender gewesen. Vielleicht hat uns dann diese Gruppe auch echt nochmal gepusht“.

Eingeleitet wurden diese Bemerkungen von der Überlegung einer Interviewten, dass es „was anderes“ ist „als wenn man jetzt im privaten Bereich mit Frustrationen konfrontiert wird“. Es wird deutlich, dass die Gruppe hier als essentiell für die Weiterführung des Engagements wahrgenommen wird. Es ist beinahe erstaunlich wie ähnlich die Wahrnehmung des Interviewten aus dem anderen Kollektiv bezüglich der Bedeutung der Gruppe ist. Auf die Frage hin ob bereits der Gedanke bestand das Engagement zu beenden reflektiert er zunächst über den großen Zeit- und Arbeitsaufwand. Er gibt an selbst kaum Geld zu haben und hat sich daher des Öfteren gefragt, ob er seine Zeit nicht in etwas investieren solle, das seiner finanziellen Situation zu Gute kommt, aber

„[…] dann fällt einem halt auch wieder ein, dass man, wenn man halt aufhört das zu machen haben eventuell viele Leute nicht mehr die Möglichkeit, die keine Kohle haben oder zu wenig Kohle haben an nem kulturellen Leben teilzunehmen. Und ja irgendwie ist man halt auch in dieser Gruppe drin und mag das dann und will das gar nicht missen“ 

Neben der Gruppenbedeutung äußert der Interviewte auch noch einmal den Umstand, dass hier die Engagierten konstituierendes Element der gesamten Unternehmung sind. Das Fortbestehen des Kollektivs wird nur durch die wiederholte Performanz gesichert. Zudem kommt hier ein Verantwortungsbewusstsein jenen gegenüber zum Ausdruck, denen es an finanziellen Mitteln mangelt.

Die Gruppe ist also Einstiegsfaktor in das Engagement, Wissenspool, Motivation um weiterzumachen und wichtiger Rückhalt um sich auch zeitweise zurückzuziehen ohne das Engagement ganz aufgeben zu müssen.

Fazit und Handlungsempfehlungen

 

Die folgende Grafik fasst noch einmal zusammen an welchen Stellen die verschiedenen Aspekte aufeinander einwirken:

Abbildung: eigene Darstellung

Handlungsempfehlungen für die Stadt

Die befragten AkteurInnen nehmen die Kommunikation mit und teilweise auch die Behörden selbst als Hürde wahr. Entweder findet das Anliegen kein Gehör, oder Projekte sind auf Grund bürokratischer Auflagen für die Freiwilligen schlicht nicht finanzierbar.

Ist das Potenzial von bürgerschaftlichem Engagement für den Zusammenhalt der Gesellschaft einmal erkannt und wird von offizieller Stelle lobgepriesen, so sollte sich der Verwaltungsapparat derart gestalten lassen, dass er einladend wirkt für all jene, die sich engagieren wollen anstatt sie abzuschrecken. Obwohl natürlich wie im vorliegenden Fall auch Chancen und Möglichkeiten in kreativen und autonomen Lösungen liegen, so äußerten doch alle Engagierten den Wunsch in offiziellen Strukturen agieren zu können, Räumlichkeiten zur Verfügung zu haben, die sie nicht aus eigener Tasche finanzieren müssen und gesetzliche Sanktionen nicht fürchten zu müssen.

Bezüglich gesetzlicher Auflagen für Veranstaltungen müsste den Engagierten mehr Vertrauen entgegengebracht werden, dass kreative und praxisorientierte Lösungen gefunden werden, die nicht zwingend einer Vorschrift entsprechen, aber den mit der Vorschrift beabsichtigten Sinn dennoch erfüllen. Wo sich bisher Freiräume temporär angeeignet wurden, gab es im Nachhinein nie Beanstandungen bezüglich Verunreinigungen durch Toilettengänge oder Müll. Die Bürokratie hat ihre Funktion, doch gerade wenn sich BürgerInnen finden, die freiwillig versuchen die kulturellen Lücken zu füllen, die die Stadt – ob nun gerechtfertigt oder nicht – nicht zu schließen vermag, sollte eine praxisorientierte Lesart solcher Vorschriften doch gangbar sein.

Angesichts der bereits jetzt schon hohen zeitlichen Auslastung der Engagierten kann es nicht ihre Aufgabe sein, die Kommunikation mit der Stadt zu suchen. Die Webpräsenz der Stadt (aus Anonymisierungsgründen nicht belegbar) listet derzeit über 13 Projekte der Stadtentwicklung, die allesamt auf Einzelhandel, hochpreisigen Wohn-Neubau und Tourismusverkehr abzielen. Hier werden das wahre strukturschwache Gesicht und die Probleme der Stadt systematisch ignoriert. Ressourcen aus nur einem dieser Projekte auf Soziokulturelles zu verwenden, im ersten Schritt auf eine Kommunikation mit den BürgerInnen-Initiativen verspricht zumindest einen Versuch Wert zu sein. Aus Zielformulierungen in Konzeptpapieren für einen stark migrantisch geprägten Stadtteil geht hervor, dass dort Maßnahmen gewünscht werden, die bereits von Engagierten selbstorganisiert geleistet werden ohne, dass dies Erwähnung fände oder zur Kenntnis genommen würde.

Allem Voran stünde also erst einmal die Schaffung von leicht wahrzunehmenden Kommunikationskanälen zwischen Stadt und engagierten BürgerInnen. Die AkteurInnen formulieren klar den Wunsch nach einem soziokulturellen Zentrum. Dass dies angesichts der hochgreifenden Stadtentwicklungsprojekte nicht realisierbar sein sollte scheint unglaubhaft, da dazu lediglich die Bereitstellung eines Gebäudes notwendig wäre.

Bemerkenswert ist auch das hervorgehobene Bewusstsein der Engagierten für die finanzielle Situation vieler BürgerInnen in ihrer strukturschwachen Stadt. Der wiederholt geäußerte Fokus auf ein Angebot mit möglichst niedrigen monetären Zugangsbeschränkungen steht in krassem Gegensatz zu den Zukunftsplänen der Stadt, die Einzelhandel anlocken will. Lediglich auf einen Gesinnungswandel der Stadtpolitik zu hoffen würde allerdings Handlungs- und Verbesserungschancen an anderen Stellen verkennen.

Kurz: Kommunikationskanäle schaffen und Leerstände für Soziokulturelles zur Verfügung stellen. Damit wäre den AkteurInnen schon sehr geholfen.

Handlungsempfehlung für die Engagierten

Auf Grund der in den Interviews getroffenen Aussagen der Engagierten ergeben sich auch für diese konkrete Handlungsempfehlungen, die zu einer Erleichterung der Engagementausübung führen können. So erwähnen Mitglieder aus beiden Kollektiven, dass nicht aktiv nach neuen MitstreiterInnen gesucht wird. Die Erweiterung der Gruppen geschieht wenn durch aktive Nachfrage von Interessierten. Gerade da der Arbeitsaufwand oft als hoch empfunden wird könnte ein aktives Herantreten an weitere helfende Engagierte eine dringend notwendige Entlastung für die bereits Aktiven bedeuten. Die Chance auf ein Fortbestehen der Gruppen würde so konsolidiert und verbessert werden und auch neue Kraftressourcen eröffnen um näher an die offizielle Stadtpolitik heranzutreten.

Auch eine engere Vernetzung bietet sich an. Das Kollektiv K ist bereits aus der Fusion zweier Gruppen entstanden und hat so ganz andere Projekte ermöglicht. Es gab zwar auch schon Kooperationen der beiden Kollektive K und B, eine engere Verzahnung scheint aber naheliegend und fruchtbar, da Ressourcen wie Technik und Arbeitszeit besser aufgeteilt werden können und sich nicht zuletzt auch Ideen und Herangehensweisen gegenseitig neu und anders denken lassen.

Abschließend könnten beide Gruppen dazu beitragen, die Einstiegshürden für selbstorganisiertes Engagement zu senken, indem sie Problemlösungen, die sie für sich gefunden haben – ähnlich dem Konzept präfigurativer Politik (vgl. auch die Blogbeiträge: Backpulver statt Zahnpasta, das Selbstexperiment, Füllbar – Zwischen Hoffnung Leidenschaft und Berufung)  [4] – festhalten und aktiv verbreiten. Kollektiv B agiert zwar teilweise öffentlich mit Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Themen, davon abgesehen handeln beide eher verdeckt. Die Projekte und das Erreichte öffentlich zugänglich zu machen könnte eine Inspiration für Interessierte in der eigenen und in Nachbarstädten des Ruhrgebiets sein, welches auf Grund der verbreiteten Strukturschwächen und Schwierigkeiten des Wandels sicher in vielen Kommunen und Städten davon profitieren würde wenn mehr selbstorganisierte Initiativen auf den Plan treten. Mehr Initiativen die Wert auf Kunst, Kultur und Politik legen geben dann im Laufe der Zeit vielleicht das notwendige Signal an die Stadtpolitischen Entscheider, was von BürgerInnen wirklich gewünscht und als erforderlich empfunden wird.

Und das ist nicht das nächste Einkaufszentrum.

Ein Beitrag von Christian Rehfeld

Literatur

Deutscher Bundestag, 18. Wahlperiode (2017): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Markus Tressel, Britta Haßelmann, Christian Kühn (Tübingen), weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Drucksache 18/11263. Online verfügbar unter http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/112/1811263.pdf (letzter Aufruf 12.01.2018).

Düx, Wiebken / Sass, Erich / Prein, Gerald / Tully, Claus J. (2012): Kompetenzerwerb im freiwilligen Engagement. Eine empirische Studie zum informellen Lernen im Jugendalter. 2. Aufl. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwissenschaften (Schriften des deutschen Jugendinstituts).

Hansen, Stefan (2008): Lernen durch freiwilliges Engagement. Eine empirische Studie zu Lernprozessen in Vereinen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH Wiesbaden.

Staemmler, Johannes (2014): Wie Städte sich neu finden. Chancen und Grenzen von Governance mit Zivilgesellschaft in strukturschwachen Kommunen. Baden-Baden: Nomos Verlag

Yates, Luke (2015): Rethinking Prefiguration: Alternatives, Micropolitics and Goals in Social Movements. In: Social Movement Studies, Vol. 14, No. 1, S.1-21.

[1] Vgl. Deutscher Bundestag, S. 4

[2] vgl. Staemmler S. 33

[3] vgl. Düx S. 53

[4] vgl. Yates, S. 12

Ein Gedanke zu „Gemeinsam wachsen: Kultur und Politik auf eigene Faust

  1. stefanie dnenstedt

    In meinem Seminar beschäftige ich mich gerade mit der Frage „Was ist bürgerschaftliches Engagement in der Geflüchtetenhilfe?“. Dieser Blogeintrag fasst sehr deutlich zusammen, dass die Herangehensweise an ehrenamtliche Projekte und ihre Ausführung in mehreren Aspekten unterschätzt werden. Vor allem autonome Projekte wirken in ihrer Ausführung komplex und ich würde gerne mehr über den Ablauf solcher Projekte, ihre Problemlösungen, Erfolge und Herangehensweisen erfahren. Deshalb ist es wirklich wichtig diese Informationen öffentlich zugänglich zu machen, sodass andere Interessierte inspiriert und motiviert werden und bestehende Projekte sich besser vernetzen können. Schon öfter habe ich von Interessierten gehört, dass sie nicht wissen wie sie sich engagieren sollen oder an wen sie sich wenden müssen. Deshalb wäre es wohl wichtig, aktiv Interessierte zu werben und ihnen die Hemmungen zu nehmen. Vor allem ist mir deutlich geworden wie wichtig die drei genannten Teilaspekte und ihre Wechselwirkungen sind. Kollaborative Partizipation als tragende Rolle im Kompetenzerwerb und autonomen Projekten, als Wissenspool und gegenseitige Verbindlichkeit ist ausschlaggebend für ein gelingendes Projekt, kann aber auch nur unter bestimmten Bedingungen funktionieren. In der ganzen Thematik scheint mir das Zusammenspiel aus politisch agierendem Kollektiv mit seinen gesellschaftlichen Ansprüchen und kreativen, praxisorientieren Lösungsansätzen sehr spannend und herausfordernd.

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