Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten

Die Arbeitsmarktteilhabe von Flüchtlingen ist entscheidend für das Gelingen der Flüchtlingspolitik und den sozialen Zusammenhalt in Deutschland. Die Möglichkeit, einer Arbeit nachzugehen, ist nicht nur Bedingung für einen wirtschaftlichen Erfolg, sondern steht zentral für ein selbstbestimmtes Leben. So ermöglicht Arbeit die finanzielle Unabhängigkeit der Flüchtlinge und schützt vor Armut und Unterbeschäftigung. Flüchtlinge können durch Arbeit aktiv werden und ihre eigene Zukunft gestalten. Durch das Ausüben einer Erwerbstätigkeit können neue Kontakte geknüpft werden und zu sozialer Anerkennung und Achtung führen. Durch die Arbeitsmarktteilhabe der Flüchtlinge wird eine nachhaltige Integration in die deutsche Gesellschaft realisiert und somit der soziale Zusammenhalt gestärkt.

Aufgrund der positiven Beschäftigungssituation sind in Deutschland die Voraussetzungen für eine Arbeitsmarktintegration generell günstig. Flüchtlinge haben beim Übergang zum Arbeitsmarkt jedoch besonders hohe Hürden zu überwinden (für Informationen zu den besonderen Hürden des Arbeitsmarktzugangs von Frauen vgl. Den Arbeitsmarktzugang für geflüchtete Frauen ermöglichen!). So wird ihnen erst nach einer dreimonatigen Wartezeit Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt. Allerdings benötigen sie zusätzlich eine Erlaubnis der örtlichen Ausländerbehörde und eine entsprechende Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit. Während der Zeit, in der ein Ausländer verpflichtet ist, in einer Aufnahmeeinrichtung zu wohnen oder wenn es sich um einen Staatsangehörigen aus einem sicheren Herkunftsland handelt, besteht kein Recht zum Zugang zum Arbeitsmarkt. Nur 50 Prozent der vor längerer Zeit nach Deutschland zugewanderten Flüchtlinge, gelingt es, nach fünf Jahren Aufenthalt eine Beschäftigung zu finden. Deutschland steht also vor der Herausforderung, Hunderttausenden von Flüchtlingen den Schritt in ein Erwerbsleben zu ermöglichen.

Im Zuge der Forschungsarbeit hat sich herauskristallisiert, dass das Aufgabenfeld der Arbeitsmarktintegration größtenteils von Engagierten bearbeitet wird, die in einem vollzeitlichen Beschäftigungsverhältnis stehen. Bei der Auswahl von potenziellen Interviewpartnern hat sich aus diesem Grund die Suche nach ehrenamtlich Engagierten, die speziell in dem Bereich der Arbeitsmarktintegration tätig sind, schwierig gestaltet. Daher haben wir sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche mit Hilfe eines offenen Leitfadeninterviews befragt. Wir können in unserem Beitrag zeigen, dass ehrenamtliches Engagement in verschiedenen arbeitsmarktrelevanten Bereichen eine sehr hohe Bedeutung hat.

Konkret befasst sich unser Beitrag mit folgenden Aspekten: Im Abschnitt „Vorinstitutionelle und bürokratische Defizite bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen – Das Ehrenamt als helfende Hand in einer vorinstitutionellen Grauzone“ geht es um die Problematik ungenutzter Zeit, die durch eine Handlungsunfähigkeit von staatlichen Mittel entsteht. Dieser Zeitraum wird im Kapitel als ‚vorinstitutionelle Grauzone‘ bezeichnet. In dieser Grauzone könnte das Ehrenamt eine wichtige Rolle einnehmen und somit im Endeffekt den Prozess der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Deutschland verbessern und beschleunigen. Die meisten Diskussionen und Debatten um ein verbessertes System für die Arbeitsmarktintegration befassen sich mit Maßnahmen, die erst nach dem ersten Kontakt eines Flüchtlings mit dem Jobcenter in Kraft treten können. Durch die gegebenen Abläufe unseres Verwaltungssystems und die Überlastung dergleichen, entstanden hierbei jedoch vorinstitutionelle Grauzonen von bis zu zwei Jahren. Dieser Abschnitt identifiziert ehrenamtliche Maßnahmen, wo u.a. dem Jobcenter die Hände gebunden sind.

In dem Abschnitt „Sprache als Schlüssel der Integration auf dem Arbeitsmarkt“ wird der Frage nachgegangen, wie genau sich die Verbindung zwischen Sprache und Arbeitsmarkt gestaltet, um schlussendlich die Möglichkeiten der Unterstützung durch das Ehrenamt aufzuzeigen. Hierzu werden zunächst die fördernden aber auch hemmenden Faktoren für einen erfolgreichen Zweitspracherwerb herausgearbeitet. Dem Folgend wird die enge Verbindung zwischen Sprache und Arbeitsmarkt dargestellt und im Anschluss die beiden Modelle der Umsetzung, „Einstiegskurs“ und „Integrationskurs“, vorgestellt. Schlussendlich werden Defizite aufgezeigt, um die daraus resultierenden Handlungsspielräume für ehrenamtlich Tätige ausfindig zu machen.

Der Abschnitt „Arbeitsmarktteilhabe durch neue Formen des Lernens“ behandelt die Frage, wie Flüchtlinge durch neue Formen des Lernens an dem Arbeitsmarkt in Deutschland teilhaben können und welchen Beitrag Ehrenamtliche dabei leisten. Um diese Fragen näher zu beleuchten, werden zunächst einmal verschiedene Arten des Lernens erläutert und der derzeitige Forschungsstand diesbezüglich dargestellt. Danach stellt sich die Frage, welche Lernbeziehungen es zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen gibt und welchen Beitrag diese für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration leisten können. Anschließend werden Ergebnisse aus den Interviews sowie Kritikpunkte aufgezeigt, anhand dessen Empfehlungen für Wissenschaft, Politik und Ehrenamt abgeleitet werden.

Im letzten Abschnitt Dem Arbeitsmarkt ins Netz gegangen – die Bedeutung der Netzwerke für die Arbeitsmarktintegration wird auf die Bedeutung von Netzwerkstrukturen für eine erfolgreiche Arbeitsmarktintegration eingegangen. Als Einstieg wird in dem Abschnitt Netzwerk – Was ist das? eine generelle Einführung in den Netzwerk-Begriff gegeben, die als weitere Orientierung dienen wird. Unter Die Bedeutung von Netzwerken aus Sicht der Engagierten wird dann die Perspektive der freiwillig Engagierten selbst in den Blick genommen. In den Abschnitten Der Beitrag der Unternehmen und Der Beitrag der Flüchtlinge geht es dann um die Rolle, die potentielle Arbeitgeber und arbeitssuchende Flüchtlinge innerhalb der untersuchten Netzwerke spielen. Zuletzt werden dann noch unter dem Punkt Durchs Netz gegangen – bestehende Defizite jene Aspekte der Netzwerkstrukturen in den Blick genommen, die aus Sicht der Beteiligten problematisch sind und einer Arbeitsmarktintegration entgegenstehen. Abschließend wird dann unter Netzwerk gut, alles gut? – ein Fazit der Inhalt dieses Blogs noch einmal gebündelt zusammengefasst und ein abschließendes Fazit der Forschungsarbeit formuliert.

Vorinstitutionelle und bürokratische Defizite bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen – Das Ehrenamt als helfende Hand in einer vorinstitutionellen Grauzone   

„Die Leute sind zum Teil bis zu zwei Jahre im Land. Was ist in den zwei Jahren passiert? Und warum ist da nix passiert? Woran liegt es? Liegt es daran, dass sie in einem Verwahrstatus sind bis dahin, wo nicht klar ist ob sie bleiben dürfen, dass man sich sagt, in der Zeit werde ich auch nichts investieren in die Leute, oder liegt es einfach daran, dass da einer, wer auch immer nicht zu Ende gedacht hat?“ (Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft des Jobcenters)

Dieses Zitat stammt aus einem der Interviews, welches u.a. als Forschungsgrundlage für diesen Blogbucheintrag dienen sollte, mit einer Integrationsfachkraft des Jobcenters. Ein Zitat, das Defizite aufzeigt, die beginnen, noch bevor staatliche Arbeitsmarktintegrationsprozesse greifen können, also vor dem ersten Zusammentreffen mit dem Jobcenter. Die Probleme bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen sind vor als auch unmittelbar nach dem Eingreifen von staatlichen Prozessen im Kern die gleichen. Fast schon triviale Probleme sind hierbei sprachliche Defizite, kulturelle Unterschiede und die damit verbundenen Alltagsschwierigkeiten. Daraus resultieren Probleme, die (bei zusätzlich mangelhafter Ausbildung) den Zugang zum Arbeitsmarkt fast unmöglich machen und zu genüge in der Forschung als auch in den Medien diskutiert wurden und werden. Ein möglichst frühes Eingreifen wäre eigentlich im Interesse aller. Bis staatliche Instanzen eingreifen, kann jedoch in einigen Fällen über ein Jahr vergehen. Zeit, die die Integration in den Arbeitsmarkt erschwert. Denn je mehr Zeit ohne Arbeitspraxis vergeht, desto schwieriger wird die Vermittlung (Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft des Jobcenters). Diese Zeit, in der keine staatliche Maßnahme, oder auch keine andere öffentliche Institution greifen kann, wird in dieser Ausarbeitung als ‚vorinstitutionell‘ bezeichnet. In dieser ungenutzten zeitlichen Lücke, die durch diese vorinstitutionelle Phase entsteht, könnte das Ehrenamt wertvolle Dienste für die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen in Deutschland einbringen. Doch zunächst sollen Faktoren diskutiert werden, die die Arbeitsmarktintegrationsprozesse für die Flüchtlinge zusätzlich erschweren. Zusätzlich zu den geführten Interviews fanden telefonische Nachfragen zur Absicherung der Informationen statt.

Ursache der vorinstitutionellen Defizite
Bis ein Flüchtling in Deutschland offiziell einer Arbeit nachgehen darf, muss er einen langen und schwierigen Weg verschiedener Instanzen hinter sich lassen, welcher hier in aller Kürze beschrieben werden soll.
Zunächst muss ein Geflüchteter eine Aufenthaltsgestattung erlangen. Hierfür muss einer der drei Schutzarten in Deutschland greifen: Asylrecht, Schutz nach Genfer Flüchtlingskonvention oder subsidiärer Schutz. Allerdings besteht immer noch die Möglichkeit, dass eine Abschiebung, obwohl keiner der drei Schutzarten greift, durch die Europäische Menschenrechtskonvention als unzulässig erklärt wird (vgl. Bogumil et al 2016: 1). Je nach Art des erlangten Schutzstatus wird die Aufenthaltsgestattung für einen unterschiedlich langen Zeitraum erteilt. Im Falle von Flüchtlingen und Asylsuchenden wäre dies ein Zeitraum von drei Jahren „mit der Möglichkeit der Verlängerung bzw. dem Übergang in einen Daueraufenthalt.“ (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016). Mit dem Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung erhält man nun die Berechtigung „bis zur Entscheidung über den Asylantrag, in Deutschland zu leben und unter bestimmten Bedingungen zu arbeiten.“ (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016). Als nächstes muss dann jedoch noch eine Genehmigung zur Ausübung einer Beschäftigung bei der jeweiligen Ausländerbehörde eingeholt werden, die man allerdings erst drei Monate nach dem Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung bekommen kann. Zusätzlich muss an dieser Stelle dann noch beachtet werden, dass „Personen mit einer Aufenthaltsgestattung, die verpflichtet sind in einer Aufnahmeeinrichtung zu wohnen, […] grundsätzlich keiner Beschäftigung nachgehen“ dürfen (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016). Ein Zustand, der leider bei vielen Flüchtlingen gegeben ist (Beispiel Flüchtlingszelte). Überforderte Kommunen und Verwaltungsapparate (wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge) steuern zusätzlich zu einer Verlängerung der Dauer bei und dehnen somit diese ‚vorinstitutionelle‘ Grauzone noch weiter aus (vgl. Bogumil et al 2016: 7). Die Überforderung von Politik und Kommunen bei der Wohnungssuche für Flüchtlinge tut hierbei noch ihr übriges (vgl. WDR 2016).
Diese partielle Beschreibung der Abläufe ist zwar bei weitem nicht vollständig, zeigt aber gut auf, dass der Weg zur ‚legalen Beschäftigung‘ für Geflüchtete viele Schritte umfasst. Doch je länger die Zeit ohne Beschäftigung, desto mehr erschwert und verlängert sich eine erfolgreiche Arbeitsvermittlung und somit auch die Kosten für den Staat. Rechtlich gesehen darf das Jobcenter jedoch offiziell erst nach dem Erstkontakt, bei dem einem Geflüchteten ein offizieller Ansprechpartner zugeteilt wird, agieren und Maßnahmen ergreifen. Da dieser Erstkontakt in manchen Fällen bis zu zwei Jahre auf sich warten lassen kann, könnte ein gezieltes Ehrenamt dazu beitragen, die spätere Arbeitsmarktintegration zu erleichtern.

Ansatzpunkte und Ideen für das Ehrenamt zur Überwindung der Defizite   

Das Menschen mit Migrationshintergrund einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben ist wohl schon länger kein Geheimnis mehr (vgl. Pries: 2010: 15). Die Probleme bei Flüchtlingen unterscheiden sich hierbei im Kern nicht. Im Laufe der Interviews für diese Ausarbeitung haben sich besonders drei Punkte herauskristallisiert: Die Sprachbarriere, mangelndes kulturelles Verständnis und bürokratische Schwierigkeiten. Auf diese drei Punkte soll insbesondere im Hinblick darauf, was das Ehrenamt dementsprechend tun könnte, in diesem Kapitel eingegangen werden.      

Problematiken rund um die Sprachenkenntnisse von Flüchtlingen sind wohl bekannt und den meisten Helfern und Instanzen wahrscheinlich am besten bewusst, weshalb das Thema der Sprachbarriere an dieser Stelle nur kurzen Anklang finden soll. Auch staatliche Sprachkurse greifen nicht in der vorinstitutionellen Grauzone. Zwar gibt es seitens des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge seit 2015 einen vereinfachten Zugang für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive, „also Ausländer, die eine Aufenthaltsgestattung besitzen und bei denen ein rechtmäßiger und dauerhafter Aufenthalt zu erwarten ist (Iran, Irak, Syrien, Eritrea) [..], Ausländer, die eine Duldung gem. § 60a Abs. 2 Satz 3 AufenthG besitzen oder Ausländer, die eine Aufenthaltserlaubnis gem. § 25 Abs. 5 AufenthG besitzen“ (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2015), allerdings schließt dies einerseits nicht alle Flüchtlinge ein und anderseits vergeht auch hierbei einiges an Zeit, bis ein nötiger Aufenthaltsstatus erteilt wird. Ob es an den komplizierten bürokratischen Strukturen liegt (auf die später im Zuge dieses Blogbucheintrags noch eingegangen werden soll), bei denen ein Flüchtling gar nicht in der Lage ist, das Angebot des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zu nutzen, oder ob es an der Qualität der Kurse liegt ist in Kürze dieser Ausarbeitung nicht festzustellen. Jedoch lässt sich die momentane Situation (wenn auch eventuell etwas überspitzt) mit folgendem Zitat beschreiben: „es ist erstaunlich wie uniform die Masse der Flüchtlinge ist, die mir persönlich zur Beratung vorgestellt wurden. Da ist bei 99% nichts bis wenig zu bemerken an Sprachkenntnissen, die verwertbar wären“. (Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter). Erst beim ersten Kontakt mit dem Jobcenter können dann seitens des Jobcenters entschieden für welchen Sprachkurs eine geflüchtete Person geeignet ist. Doch auch hierbei kann es durch überfüllte Sprachkurse zu weiteren Wartezeiten von bis zu einem halben Jahr kommen (vgl. Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter). Hier entsteht eine Phase, in der das Ehrenamt eine helfende Hand reichen könnte. Das Repertoire an deutschen Staatsbürgern, mit der akademischen Kompetenz, Deutsch als Fremdsprache zu lehren und die sich auch zudem noch ehrenamtliche engagieren wollen, ist allerdings begrenzt. Jedoch braucht es das auch gar nicht im vollen Ausmaß, denn einen besonderen Wert hätte es alleine schon, wenn minimale sprachliche Grundlagen für den später staatlich erteilten Sprachkurs gäbe. Grundlagen, die keinerlei akademischen Bezug brauchen, sondern lediglich genug, um im Alltag zu bestehen. So wäre eine mögliche Vorgehensweise Flüchtlinge bei alltäglichen Situationen in Deutschland mitzunehmen, z.B. indem Flüchtlinge ehrenamtliche Personen beim Einkauf begleiten. Ein Erlernen des Standardvokabulars, wie eine Begrüßung, bis hin zur Fähigkeit theoretisch selbst seine Einkäufe erledigen zu können, ist ein realistisches Ziel. Dieser Punkt mag banal klingen, ist jedoch einer der Hauptkritikpunkte seitens des Jobcenters, denn nicht einmal diese Grundlagen sind oftmals beim ersten Besuch des Jobcenters vorzufinden. Hat eine geflüchtete Person zudem beim ersten offiziellen Kontakt mit dem Jobcenter bessere Sprachkenntnisse, so wird dieser in einen fortgeschrittenen Sprachkurs eingeteilt. Dies führt zu einer Verbesserung der Vermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt in einer kürzeren Zeit (vgl. Interview Duisburg 11.07.2016: Arbeitsvermittler beim Jobcenter).

Das Begleiten von Flüchtlingen im deutschen Alltag (oder auch das ‚sich begleiten lassen‘) hätte auch eine unterstützende Wirkung bei der kulturellen Integration. Denn auch hier ist keine große akademische Kompetenz von Nöten, die den Flüchtlingen weiterhelfen könnte. Alleine das regelmäßige ‚Mitbekommen‘ unseres Alltags mag Verständnislücken füllen. Denn kulturelle Probleme und Konflikte können oft einfach nur durch Unwissen entstehen. Ein tendenziell routiniertes Wissen über den deutschen Alltag wäre hierbei also von großem Wert. Zu erfahren wie ein Einkauf abläuft oder eine spontane Unterhaltung bei dem zufälligen Zusammentreffen mit einer bekannten Person. Die Situationen die aufkommen, wenn man pünktlich zum Arztbesuch kommen muss oder seine Bahn nicht verpassen will. Dinge, die uns auch an dieser Stelle banal vorkommen könnten, allerdings doch einen großen Erfahrungswert darstellen und für uns Selbstverständliches vermitteln. Denn die Flüchtlinge „kommen […] noch in ihrer Welt bei uns an. In ihrer Welt, nicht nur von der Sprache her […], aber in ihrer […] Vorstellungswelt. Wie was funktioniert, wie man im Leben jetzt beruflich vorankommt. Die haben überhaupt gar keine Ahnung davon wie Deutschland funktioniert. Auch das ist etwas, was im Ehrenamt sicherlich weich rübergebracht werden könnte und denkbar wertvoll wäre.“ (Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter). Zudem ist ein Einblick in einen (für uns) normalen, friedlichen Alltag besonders für Kriegsflüchtlinge ein besonders hohes Gut. Ein Wohlfühlen und Zurechtfinden durch ein einfaches Aufzeigen deutscher Städte und seiner Strukturen, verbunden mit seiner Kultur und damit dem Alltag, bringt geflüchteten Personen unserer Lebenswelt sprachlich als auch kulturell näher. Dies stellt jedoch einen wichtigen Schritt für die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration dar (vgl. Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter).

Zu guter Letzt liegt eine große Hürde für Neuankömmlinge in unserem Land in der Bürokratie. Wer kennt es nicht selbst? Die deutsche Bürokratie überfordert oftmals schon die eigene deutsche Bevölkerung. Viele ehrenamtliche Helfer haben darum in der Regel auch nicht das fachliche, teils auch juristische, nötige Fachwissen, um zu helfen. An dieser Stelle ist also nicht so einfach Hilfe geboten, da passende Kompetenzen limitiert sind. Doch genau hier wäre Hilfe und Beratung von Nöten. Die Bürokratischen Hürden von Flüchtlingen beginnt nicht nur bei den Volljährigen und Älteren selbst, sondern sie beginnen schon bei den Kindern der Flüchtlinge, die der Schulpflicht unterlegen. Dieses Beispiel zeigt, das weite Feld der nötigen fachlichen Wissenskompetenzen auf. So müssen sich geflüchtete Eltern nicht nur um die eigene Arbeitsmarktintegration kümmern und dabei beispielsweise ihre eigenen Möglichkeiten, je nach Aufenthaltsstatus nutzen und verstehen (Beispiel Integrationskurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge), sondern werden zusätzlich mit schulischen Herausforderungen ihrer Kinder konfrontiert, wie das Beantragen von Bustickets o.ä. Neben dem erweiterten Ausmaß der formellen Kompetenzen, wird mit Hilfe dieses Beispiels auch die erschwerten Umstände für die Bildung deutlich. Unsicherheiten im schulischen Alltag behindern die Produktivität der täglichen Bildung für Kinder, Eltern und Lehrpersonal und stellen somit auf lange Sicht auch eine Behinderung für die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge dar. Das Ausmaß dieser Bürokratischen Hürden macht also deutlich, dass Leute mit formellem Fachwissen von Nöten wären, um Sicherheit zu spenden und somit im Endeffekt Prozesse beschleunigen zu können (vgl. Interview Bochum 07.11.2016: studentische Betreuung einer internationalen Klasse). Neben einer allgemeinen Entlastung der Flüchtlinge von der formellen Bandbreite unserer Bürokratie, könnte eine Lösung sein, dass schon vor dem ersten Treffen mit dem Jobcenter ein Austausch zwischen ehrenamtlichen Helfern und Flüchtlingen stattfindet, um festzustellen wie und wo welche formellen Schritte von Bedeutung wären. So könnte nicht nur das Jobcenter, durch einen sinkenden Kommunikations- und Beratungsaufwand, profitieren, sondern auch die Flüchtlinge selbst. Hierfür wäre das Einrichten eines Kommunikationsstrangs zwischen Behörden und ehrenamtlichen Helfern von hohem Wert (vgl. Interview Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich). Gäbe es jedoch z.B. seitens des Jobcenters offizielle Anlaufstellen, bei denen sich ehrenamtlich Helfer stellvertretend für geflüchtete Personen informieren können (auf Basis des zuvor getätigten gezielten Austauschs), so könnte an dieser Stelle eine formelle Vorbereitung geschehen. Allerdings müsste diesem Konzept eine rechtliche Anpassung vorweg gehen, da das Jobcenter offiziell erst nach dem Erstkontakt beraten und helfen darf. Eine Möglichkeit könnte es darum sein, Angestellte des Jobcenters (oder ähnliche Institutionen) für das Ehrenamt zu gewinnen. Diese könnten dann ihren Kontakt zur Verfügung stellen. Beispielsweise eine E-Mail Adresse oder eine Handynummer, unter der Fragen gestellt werden könnten. So könnte die Problematik des fehlenden Fachwissens und der fehlenden Kompetenzen überwunden werden. Einmal erlangtes Wissen kann dann zudem auch unter ehrenamtlichen Helfern ausgetauscht werden und sich verbreiten. Bei einem positiven Verlauf könnte dies den gesamten Prozess der Arbeitsmarktintegration erleichtern. Dabei kann es schon helfen der geflüchteten Personen ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, und dabei Hilflosigkeit und Unwissenheit zu verringern.

Es sind also weitere Verbesserungen und Optimierungen durchaus auch ohne allzu großen Aufwand möglich. Die Maßnahme des regelmäßigen ‚sich begleiten lassen‘ und die punktierte Gewinnung ehrenamtlicher Helfer mit formellen Kompetenzen könnten wichtige Instrumente werden, bei der das Ehrenamt die ungenutzte Zeit der vorinstitutionellen Grauzone überwinden kann. Es gibt durchaus auch Kritik am Maß der Eigeninitiative seitens der Flüchtlinge, welche jedoch auch daher rühren mag, dass, besonders in der vorinstitutionellen Grauzone, überhaupt noch gar nicht klar ist, ob überhaupt mit einem Verbleib in Deutschland zu rechnen ist. Der Mangel könnte aber auch zu großen Teilen an einem Gefühl der Orientierungs- und Machtlosigkeit gebunden sein. Ein positiver Nebeneffekt könnte hierbei also noch eine steigende Eigeninitiative seitens der Flüchtlinge sein, da sie so einen besseren Zugang zu unserer Gesellschaft und unserer Lebenswelt finden, mit einem verbessertem Orientierungs- und Sicherheitsempfinden.

Fazit

Festzuhalten bleibt zunächst, dass die bürokratische Struktur in Deutschland eine institutionelle Grauzone hervorruft, die einen nicht nur ‚passiven‘, sondern sogar einen negativen Einfluss auf die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen hat. Eine Zeit, in der der Staat nicht aktiv eingreifen kann, was zu den Umständen führt, dass geflüchtete Personen einige Monate in Deutschland verbringen, ohne Fortschritte im kulturellen und sprachlichen Sinne zu machen, was grundlegende Einstiegsbarrieren für eine zukünftige Arbeitsmarktintegration darstellt.

Die Ungewissheit, ob eine geflüchtete Person in Deutschland bleiben darf oder nicht, erschwert die Motivation, einen aktiven Lernprozess zu starten. Dabei geht es lediglich um eine grundlegende sprachlich und kulturelle Integration in unseren Alltag. An dieser Stelle ergibt sich also eine Lücke, bei der das Ehrenamt mit einem gezielten Vorgehen eine nützliche Rolle einnehmen könnte. Zusammen mit einer bürokratischen Unterstützung über informierte Helfer mit passendem Fachwissen, wäre das für die Arbeitsmarktintegration bzw. beim ersten offiziellen Zusammentreffen mit dem Jobcenter von hohem Wert für eine Beschleunigung der Prozesse. Eine somit geschaffene Grundlage hilft und verbessert die Vermittelbarkeit von geflüchteten Personen für eine jeweilige Beschäftigung und verkürzt die nötige Zeit für die Erfüllung der notwendigen Schritte. Im Idealfall würde dies eine Senkung der staatlichen Ausgaben, eine vereinfachte Aufgabe für das Jobcenter und eine schnellere Arbeitsmarktintegration für die Flüchtlinge bedeuten.

 

 

 

Literaturverzeichnis
Bogumil, Jörg; Hafner, Jonas; Kuhlmann, Sabine: Verwaltungshandeln in der Flüchtlingskrise. Vollzugsdefizite und Koordinationschaos bei der Erstaufnahme und der Asylantragsbearbeitung, in: Die Verwaltung 2016, S. 289-300.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2016): Anlage 1 zum Trägerrundschreiben 06/15, [online] http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Integrationskurse/Kurstraeger/Traegerrundschreiben/2015/traegerrundschreiben-06_20151023-anlage1.pdf?__blob=publicationFile [24.01.2017].

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2016): FAQ: Zugang zum Arbeitsmarkt für geflüchtete Menschen, [online] http://www.bamf.de/DE/Infothek/FragenAntworten/ZugangArbeitFluechtlinge/zugang-arbeit-fluechtlinge-node.html [24.01.2017].

Pries, Ludger; Sezgin, Zeynep (2010): Jenseits von ‚Identität oder Integration‘: Grenzen überspannende Migrantenorganisationen. Pries, Ludger; Sezgin, Zeynep (Hrsg.) 1. Aufl. Berlin Heidelberg New York: Springer-Verlag, 2010.

WDR (2016): Bochumer Flüchtlinge wollen nicht umziehen, [online] http://www1.wdr.de/nachrichten/ruhrgebiet/streit-um-fluechtlingsunterkunft-in-bochum-100.html [24.01.2016].

Interviewquellen

Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter.

Duisburg 11.07.2016: Arbeitsvermittler beim Jobcenter.

Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich.

Bochum 07.11.2016: studentische Betreuung einer internationalen Klasse.

Bildquellen

https://pixabay.com/de/vatikan-treppe-grafiken-rom-1136071/ [24.01.2017].

https://pixabay.com/photo-317831/ [24.01.2017].

https://pixabay.com/de/handshake-unternehmen-professional-440959/ [24.01.2017].

Sprache als Schlüssel der Integration auf dem Arbeitsmarkt

Arbeiten gehört zu aller Leben und macht, wie Forschungen ergaben, erst ein glückliches Leben aus. Dabei ist das Kommunizieren über Sprache ein wichtiges Element, um eben dieses erfolgreich zu erlangen. Zudem sprechen wir alle miteinander, sei es im Privaten, beim Einkaufen oder eben bei der Arbeit. Wie ist es dann, wenn man in eine neue Gesellschaft kommt, in der man zunächst nicht die Landessprache spricht? Im Zuge der in den Medien sogenannten Flüchtlingswelle wurde die Bundesrepublik Deutschland unter anderem vor die Problematik gestellt, wie geflüchtete Menschen in den Alltag finden können. Dabei zählt der Zugang zum Arbeitsmarkt als zentraler gesellschaftlicher Integrationsmechanismus. Wie ein Interviewpartner kurz zusammenfasste: „Man kann Menschen nicht besser in eine Gesellschaft integrieren als durch Arbeit.“ (Interview Bochum 28.09.2016: ehrenamtliche Übersetzer).

Da die Arbeitsfindung/- ausübung zentral an Sprache gekoppelt ist, soll dieser Beitrag der Frage nachgehen, wie sich die enge Verbindung der beiden Aspekte ausgestaltet, da die Sprache als ein wichtiger Schlüssel für eine erfolgreiche Integration von Migranten und Geflüchteten gilt (vgl. Schröder 2016; Esser 2006: i). Dies zeigt sich gegenwärtig auch daran, dass das neue Zuwanderungsgesetz den Integrationskurs als zentrale Integrationsmaßnahme vorsieht, der aus einem Sprachkurs und landeskundlichen Grundinformationen besteht (vgl. Hentges et. Al. 2010: 9). Die Sprache hängt eng mit der Entstehung und Verfestigung ethnischer Schichtungen in Aufnahmeländern zusammen. Defizite bei der Beherrschung der jeweiligen Landessprache spielen in Bezug auf eine erfolgreiche Integration eine besonders negative Rolle (vgl. Esser 2006: i). Dies bestätigen auch die interviewten ehrenamtlichen Helfer, wenn sie angeben, dass „Sprache […] einfach der Grundstein“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer) für Integration oder „ […] der wichtigste Ansatzpunkt die Sprache“ sei (Interview Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe). Die Sprache nimmt eine überaus wichtige Bedeutung im Prozess der Integration, sowohl auf individueller als auch gesellschaftlicher Ebene ein. Sie besitzt mehrere Funktionen: Sprache ist ein Medium der alltäglichen Kommunikation, „eine Ressource, insbesondere bei der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt“ (Esser 2006: i), aber auch ein Symbol der Zugehörigkeit oder Fremdheit. Das Nicht-Beherrschen der Landessprache kann so zu Abgrenzung und/ oder Diskriminierung und Ausschluss aus dem Arbeitsmarkt führen (vgl. Esser 2006: iii). Besonders das Beherrschen der Schriftsprache gewährleistet in der schriftkulturell geprägten Gesellschaft den Zugang zu dieser. Der Spracherwerb und –erhalt ist das Ergebnis eines Zusammenspiels des Handelns bzw. des Lernens der Geflüchteten einerseits und gewisser sozialer Bedingungen andererseits. Das Erlernen der neuen Sprache ist dabei von den grundlegenden Größen „Motivation (z.B. die Aussicht auf ein höheres Einkommen), Zugang (z.B. Kontaktmöglichkeiten oder Kursangebote), Fähigkeiten (z.B. Intelligenz oder die spezielle Lernfähigkeit für Sprachen) und Kosten des Lernens (z.B. Zeitaufwand, Angleichungs-Stress) abhängig“ (Esser 2006: i).

Sprache und Arbeitsmarkt: „Das Wichtigste bei der Arbeitsmarktintegration ist die Sprache“ (Interview Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe)

Sowohl der Bildungserfolg als auch die beruflichen Chancen hängen primär von guten Kenntnissen der Landessprache ab. Bei der „Integration von MigrantInnen auf dem Arbeitsmarkt sind, neben den zentralen Faktoren des (Aus-) Bildungsniveaus und der Betriebserfahrung, umfassende Kompetenzen in der Landessprache von überragender Bedeutung“ (Esser 2010: iv). Sprachliche Defizite vermindern die Chance auf Beschäftigung bzw. einer höheren Stellung, welche mit merklichen Abschlägen beim Einkommen verbunden ist. Dies ist noch höher bei steigendem Anteil an kommunikativen Tätigkeiten und Abstimmungen. „Wer die Landessprache nicht umfassend beherrscht, kann auch durchaus vorhandene und wertvolle eigene Kenntnisse und Berufserfahrungen kaum nutzen“ (Schröder 2007). Dabei kann Zugang zum Arbeitsmarkt auch eine wichtige Möglichkeit bieten, die eigenen Sprachkompetenzen zu verbessern. Ein Interviewter betont:

„da beißt sich die Katze in den Schwanz: also einerseits sollen sie [die deutsche] Sprache lernen aber gleichzeitig ist es schwierig die Leute ohne Sprache dann auch in Arbeit zu bringen“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer).

Allerdings ist der Erwerb der Landessprache als Zweitsprache nicht einfach und wird durch eine Reihe von Faktoren beeinflusst. Zum einen durch die Bedingungen im Herkunfts- und Aufnahmeland, der Existenz und Struktur ethnischer Gemeinden, zum anderen den individuellen und familiären Lebensbedingungen. Besonders ein niedriges Einreisealter, eine lange Aufenthaltsdauer im Einwanderungsland und eine höhere Bildung können sich als außerordentlich nützliche Faktoren bewähren. Einen hemmenden Effekt hingegen haben größere linguistische Distanzen zwischen den beiden Sprachen, eine hohe weltweite Verwertbarkeit der Erstsprache und starke soziokulturelle Distanzen zwischen Einwanderergruppe und der Mehrheitsgesellschaft. Des Weiteren kann der Erwerb der Sprache auch durch das Aufnahmeland behindert werden, wenn beispielsweise eine stärkere ethnische Konzentration im Wohnumfeld oder binnenethnische Kontakte und Kommunikationsmöglichkeiten in der Herkunftssprache im Wohnumfeld vorherrschen oder über herkunftssprachliche Medien verfügt wird (vgl. Esser 2006: ii).

Zudem äußert die Leitung einer studentischen Flüchtlingshilfe, dass Unternehmen mehr Informationen und mehr Präsenz zeigen sollten, um bei entsprechender Qualifikation eine unterstützende Rolle einzunehmen. Denn, so führt sie an, „wenn wir auch immer mal Praktikumstellen oder sonstige Jobs suchen, ist es immer schwer rauszufinden, wer steht dem gegenüber offen da und wer vielleicht eher nicht, wo kann man sich den Aufwand sparen.“ (Interview Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe).

Einstiegskurse

„Den Richtlinien der BA [Bundesagentur für Arbeit] zufolge mussten die Träger nicht offiziell als Sprachschulen zugelassen sein. Sie hätten lediglich „die erforderliche Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit besitzen“ und diese „glaubhaft darstellen“ müssen, heißt es auf Anfrage. Konkrete Anforderungen an die Lehrkräfte wurden nicht formuliert. Die Auswahl liege „in der Verantwortung der Bildungsträger“, teilt die BA mit.“ (Amory Burchard 2016).

Einstiegskurse konnten somit, je nach Auswahl der Bildungsträger, sowohl von ehrenamtlich Tätigen, als auch Hauptamtlichen unterrichtet werden.

Die Grundlage für die Initiative der Bundesagentur für Arbeit, Einstiegskurse für AsylbewerberInnen zu finanzieren, war zunächst die Rechtsänderung im Sozialgesetzbuch III im Rahmen des Asylbeschleunigungsgesetzes von Oktober 2015. Wie Schröder (2007) schon den Vorreiter Niederlande feststellte, wird so „ausnahmsweise und zeitlich begrenzte Finanzierung von Sprachkursen für geflüchtete Menschen mit guter Bleibeperspektive“ ermöglicht. Diese Kurse mussten in Deutschland bis zum 31. Dezember 2015 beginnen und die TeilnehmerInnen durften noch keinen Integrations- oder Sprachkurs des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge besucht haben (Bundesagentur für Arbeit 2016a). Dieses Gesetz ist seit dem 24.10.2015 in Kraft. Dabei sind nur Personen aus den Herkunftsstaaten Syrien, Iran, Irak und Eritrea, die eine Aufenthaltsgestattung oder die Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchenden (BüMA) besitzen, zugelassen. Dementsprechend werden Personen, die als staatenlos gelten oder andere Herkunftsländer besitzen, ausgeschlossen. Die Feststellung über die Förderbarkeit muss anhand der oben genannten Aufenthaltsgestattung bzw. BüMa vom Träger vorgenommen werden. Als Nachweis gelten dabei jegliche Bescheinigungen öffentlicher Stellen, die mit der „Aufenthaltsgestattung zum Zweck der Asylantragstellung oder – nach Asylantragstellung – für die Dauer des Asylverfahrens nachgewiesen wird.“ (Bundesagentur für Arbeit 2016b). Demnach gelten Personen mit einer Duldung als nicht förderbar. Pro Maßnahme ist eine maximale Förderdauer von 320 Unterrichtseinheiten (8 Wochen x 40 Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten) festgelegt. Die Abrechnung der Maßnahme erfolgt über die Teilnehmerzahl zu Kursbeginn und die Kosten werden dem Träger in vollem Umfang erstattet (Bundesagentur für Arbeit 2016b). Dieses Vorgänger- Modell zu dem aktuell angebotenen Integrationskurs barg große Defizite. Aus dem vorliegenden Interviewmaterial des mittlerweile ehrenamtlich tätigen Lehrers für Deutsch als Fremdsprache gibt an, dass von den ursprünglich 24 Anmeldungen für seinen Einstiegskurs nur 8 Teilnehmer in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen erschienen sind (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Jeder angemeldete Teilnehmer wurde direkt über das Jobcenter abgerechnet, auch wenn diese nicht aktiv an diesem Kurs teilnahmen (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Auch die anfänglich sehr hohe Motivation nahm mit der Einführung von Hausaufgaben ab. Zudem seien vor allem Unpünktlichkeit, nicht erscheinen und die schlechte Lernsituation in den Flüchtlingsunterkünften (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer) Hauptprobleme für das Unterrichten. Ebenso war die Umsetzung dieser Kurse eher schlecht organisiert: „Einige Länder haben natürlich Leute [eingestellt], die einfach Zeit haben, Studenten, und da hat wohl auch die Qualität drunter gelitten, weil halt viele Bildungsträger sich möglichst viele Anmeldungen geholt und dann halt abgerechnet haben, damit sie das Geld haben. Aber wie viele Leute dann da waren, das kann dann keiner überprüfen.“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Werden diese Ergebnisse auf das Ehrenamt übertragen, so lässt sich feststellen, dass an dieser Stelle das Ehrenamt eine Aufgabe übernehmen musste, die so nicht sinnvoll war. Dies fasst auch eine Befragte zusammen: „Aber da sehe ich jetzt nicht den Ehrenamtlichen, wobei es ja sonst keiner macht, teilweise zumindest, [das] müssen dann vielleicht die Ehrenamtlichen machen und da wäre dann auf jeden Fall Bedarf, die Sprachkurse weiter anzubieten, vielleicht auch in Kooperation mit Hauptamtlichen.“ (Interview Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe) Ein Vorschlag war daher, statt der Sprachkursunterrichtung eine Kinderbetreuung durch Ehrenamtliche während diesem anzubieten (vgl. ebd.).

Integrationskurse

Im Gegensatz zu den Einstiegskursen, sind Richtlinien bzw. Voraussetzung für das Unterrichten der Integrationskurse zu erfüllen. Gemäß der Verordnung muss ein abgeschlossenes Studium Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache vorliegen. Dies jedoch kann umgangen werden, sofern „die Lehrkraft an einer vom Bundesamt vorgegebenen Qualifizierung teilgenommen hat“. (IntV §15) Beiden Kursen gemein ist also, dass sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche in die Position des Lehrenden einsteigen können. Denn die zu erfüllenden Qualifikationen kann auch ein, wie auch in den Interviews vorhanden, ein Germanistik Student erfüllen, der zusätzlich Schulungen besucht.

Die Neugestaltung der Integrationskurse beendete jedoch zumindest die bisherigen Zustände unübersichtlicher Heterogenität der Sprachkursangebote für Zuwanderer. Sie setzen sich aus 600 Stunden Deutschunterricht und 30 Stunden Orientierungskurs zusammen. Diese „vereinheitlichte Konzeption der Integrationskurse übernimmt in Bezug auf die Zielvorstellungen der erwarteten sprachlichen Kompetenzen bei erfolgreichem Kursabschluss das sechsstufige Raster des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für (Fremd-)Sprachen“, so Schröder (2007) über die Einführung in den Niederlanden. Damit verbunden ist auch die Erwartung, die bis dato unklaren Beschreibungskategorien kann sich auf ausreichende Art mündlich verständigen, hat ausreichende Kenntnisse durch einheitlich kontrollier- und testbare Kategorien zu ersetzen. Für den erfolgreichen Abschluss des Integrationskurses wurde die Niveaustufe B1 als Bedingung festgelegt. Dieses Ziel folgt den niederländischen Erfahrungen, wo zunächst bei gleicher Stundenzahl B2 angesetzt worden war, jedoch nur 13 % der Teilnehmer dieses Niveau erreichen konnten. Mittlerweile liegen zwei Gutachten vor, die die bisherigen Erfahrungen mit Integrationskursen bewerten und Vorschläge für das weitere Vorgehen geben. Die beiden Gutachten stimmen darüber überein, dass bildungsferne Zuwanderer, die die Kurse am nötigsten haben, am wenigsten von ihnen profitieren. Diejenigen, die aufgrund ihrer Bildung und/oder Vorkenntnissen vielleicht ohnehin erfolgreich Deutsch gelernt hätten zeigen sich auch hier erfolgreich. Diese „sich öffnende Schere erfordert zielgruppenorientierte Kurse für Teilnehmer mit spezifischem Förderbedarf“ (Schröder 2007), der vor allem den Lehrkräften auffällt. Ein Deutschlehrer berichtete von anfänglich 24 Teilnehmern, die sich im Verlauf halbiert hätten, da unter anderem das Lerntempo zu schnell für sie war (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Aus einem weiteren Gutachten geht hervor, dass 40% der Teilnehmer eines Integrationskurses angeben, dass sie sich infolge des Kurses eher trauen Deutsch zu sprechen und dass dies ihnen im Alltag zugutekommt. Dem gegenüber stehen nur knapp 15%, die sagen, dass ihnen die verbesserten Deutschkenntnisse bei der Suche nach einem Ausbildungs-, Studien- oder Arbeitsplatz geholfen hätten (vgl. Schröder). Dieses geringe Ergebnis könnte auch, neben der bereits genannten fehlenden Kontrolle der Anwesenheit seitens des Jobcenters, ausschlaggebend für die Anwesenheit in den Kursen sein. Denn neben dem Faktor Zeit, dass also einige Teilnehmer schlicht weg keine Zeit mehr für den Kurs fanden, da zeitgleich auch studienvorbereitende Kurse stattfanden (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer) „und das wurde dann einigen auch zu viel“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer) ist gerade die Motivation ausschlaggebend. Eine ehrenamtliche Übersetzerin für Geflüchtete merkt an, dass „man halt gemerkt hat, der hat jetzt nicht wirklich Lust zu kommen“ (Interview Bochum 28.09.2016: ehrenamtliche Übersetzerin). Auch der Deutschlehrer stellt fest: „man merkt, dass der Wille einfach nicht da ist, dass man in eine andere Kultur integriert werden will, sondern dass das nur eine Übergangslösung [ist].“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Es wird so auch eine Geduldsprobe für die Lehrer (vgl. Interview Bochum 28.09.2016: ehrenamtliche Übersetzerin).

Der passende Schlüssel für ein Schloss:

Herausforderungen und Handlungsspielräume für ehrenamtlich Tätige

An dieser Stelle kommen mehrere Ebenen an Herausforderungen für Ehrenamtlich tätige zum Tragen: zum einen die bereits angemerkten individuelle Motivation der Geflüchteten selbst, welche teilweise gar kein Interesse haben, die deutsche Sprache zu erlernen. Zum anderen aber auch die Wohnsituation, denn „die Hälfte der Leute will auf jeden Fall direkt zurück, sobald der Krieg zu Ende ist und das Land auch wieder aufbauen. Deswegen kann ich vielleicht auch verstehen, hemmt das vielleicht die Motivation eine Sprache zu lernen, besonders, wenn man in einer großen arabisch- türkischen Communtiy [lebt], wo man das dann auch nicht unbedingt nötig hat.“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Hier gilt es entweder die Verpflichtung zu den Integrationskursen zu überdenken, oder aber den Inhalt ansprechender zu gestalten. Letzteres würde aber auch eine Professionalisierung des Lehrpersonals mit sich ziehen.

Auf der anderen Seite stehen jene Geflüchtete, die durch bürokratische Schranken von den Integrationskursen ausgeschlossen sind. Hierzu erläutert die Leiterin einer Flüchtlingshilfe „die [Geflüchteten] wollen ja eigentlich sofort arbeiten, dann verstehen sie natürlich auch ‚Ok ich muss dafür ein bisschen Deutsch lernen‘. Da wird dann schon behindert quasi, indem man Deutschkurse nur für bestimmte Herkunftsländer zugänglich macht, oder auch nur wenig Kursangebot hat“ (Interview Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe). Aber auch die Seite der Sprachkurse offenbart Herausforderungen für Ehrenamtliche. So berichtete der Lehrer für Deutsch als Fremdsprache von seinem Einstieg als eine Art Sprung ins kalte Wasser, denn er „hatte Null Unterrichtserfahrung und auch vorher hatte [er] mit arabischen Leuten jetzt gar nichts zu tun“ (Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer), was sich für die Unterrichtsgestaltung als durchaus schwierig gestalten kann, da er unter anderem das Lerntempo für sich und den Kurs selbst herausfinden musste (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Auch die schlechte Bezahlung und Jobperspektive als Deutschlehrer spielen eine große Rolle, da es sich bei dieser Arbeit meist um Honorarkräfte handle (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer). Er forderte an dieser Stelle zum einen kleinere Kurse, um somit besser arbeiten zu können. Zum anderen aber auch eine bessere Ausbildung der Lehrer, um den Sprung vom theoretischen zum praktischen Unterrichten zu erleichtern. Für das Unterrichten an sich schlägt er vor, dieses mit einer praktischen Anwendung zu verknüpfen, um so das Erlernen für die Geflüchteten zu erleichtern (vgl. Interview Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer).

Gerade Ehrenamtliche mit geringeren pädagogischen Vorkenntnissen gilt es besser zu Unterstützen. Eine pädagogische Begleitung wäre daher empfehlenswert, sofern ehrenamtlich Tätige weiterhin in den Sprachkursen involviert sein sollen.

Eine weitere Möglichkeit, in Anbetracht dieser Erkenntnisse, wäre es diese eventuell anders und somit sinnvoller einzusetzen. Ein bereits genannter Vorschlag der Leiterin einer Flüchtlingshilfe war es, die Kinderbetreuung während der Kurse zu übernehmen (vgl. Interview Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe). Auch denkbar wären Unterstützungen bei den Hausaufgaben und die Beschränkung der ehrenamtlichen Arbeit auf eine beratende Funktion.

Neben der Entlastung des Lehrpersonals soll damit auch gewährleistet werden, dass auch die Sprachkurse professioneller und durch ausgebildetes Fachpersonal, statt Engagierten durchgeführt werden. Denn neben dem Ausbau der Sprachkurse sollte auf jeden Fall auch die Qualität des Unterrichts maximiert werden. Dies beinhaltet die bessere Vorbereitung des Lehrpersonals aber auch eine praktische Verzahnung des zu Erlernenden, um dies zu erleichtern.

Literaturverzeichnis

Burchard, Amory (2016): http://www.tagesspiegel.de/wissen/verwirrende-vielfalt-bei-deutschkursen-fuer-fluechtlinge-die-schlingerkurse/13070740.html [24.01.2017].

Esser, Hartmut (2006): Migration, Sprache und Integration; Arbeitsstelle Interkulturelle Konflikte und gesellschaftliche Integration (AKI), Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

Hentges, Gudrun/ Hinnenkamp, Volker/ Zwengel, Almut (2010): Migrations- und Integrationsforschung in der Diskussion. Biografie, Sprache und Bildung als zentrale Bezugspunkte; 2., aktualisierte Auflage, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schröder, Christoph (2007): http://www.bpb.de/apuz/30449/integration-und-sprache?p=all [11.01.2017].

Bundesagentur für Arbeit (2016a): Nach dem Einstiegskurs der Integrationskurs: Schritt für Schritt geht es weiter. Agentur für Arbeit Herford, Pressemitteilung vom 06. September 2016: http://www.jobcenter-herford.de/common/library/dbt/sections/_uploaded/160906_PM_Kanjo.pdf.

Bundesagentur für Arbeit (2016b): Einstiegskurse für Asylbewerberinnen und Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive:

https://www3.arbeitsagentur.de/web/content/DE/Institutionen/Traeger/Einstiegskurse/Detail/index.htm?dfContentId=L6019022DSTBAI782320 [15.01.2017].

IntV: http://www.gesetze-im-internet.de/intv/BJNR337000004.html [24.01.2017].

Interviewquellen

Bochum 20.09.2016: Leiterin einer ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe.

Bochum 26.09.2016: ehrenamtlich Tätiger Deutschlehrer/ „Deutsch als Fremdsprache“ (Integrationskurs, vorher Hauptamtlich bei Einstiegskurs).

Bochum 28.09.2016: ehrenamtliche Übersetzerin/ Begleiterin für Amtswege.

Bildquellen

https://pixabay.com/de/brief-handschrift-alt-schl%C3%BCssel-637441/ [15.01.2017].

https://pixabay.com/de/flucht-fl%C3%BCchtling-asyl-asylant-818184/ [15.01.2017].

https://pixabay.com/de/burg-schl%C3%BCssel-schlie%C3%9Fen-rostige-1583281/ [15.01.2017].

Arbeitsmarktteilhabe durch neue Formen des Lernens

Experten und Laien sind sich darüber einig, dass das Erlernen der Sprache als wichtigster Faktor und somit als Schlüssel zur erfolgreichen Integration in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt dient. Es gibt also auf dem Arbeitsmarkt schon eine rege Auseinandersetzung mit dem Erlernen der Sprache. Doch wie schaut es mit anderen Lernmöglichkeiten für Flüchtlinge aus, die genauso wichtig für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe sind? So müssen sich Flüchtlinge in einem ganz neuen Arbeitsmarktsystem orientieren, in welchem sich selbst Menschen, die in diesem System aufgewachsen sind, oftmals nicht zurechtfinden. Nützt das Erlernen der Sprache allein, wenn jemand das komplizierte Arbeits- und Ausbildungssystem mit seinen über 328 Ausbildungsberufen (vgl. Statista 2016) nicht verstanden hat? Und nützt die Sprache allein, wenn Flüchtlinge nicht wissen wie man sich im Alltag und im Berufsleben zurechtfindet? Wenn man zum Beispiel nicht weiß was Gleitzeit ist oder wie man Bewerbungen schreibt?

Daher stellt sich in diesem Blog die Leitfrage, wie Flüchtlinge, neben dem Erlernen der Sprache, durch neue Formen des Lernens an dem Arbeitsmarkt teilhaben können und welchen Beitrag Ehrenamtliche dabei leisten. Um diese Fragen näher zu beleuchten, sollen zunächst einmal verschiedene Arten des Lernens erläutert und der momentane Forschungsstand diesbezüglich dargestellt werden. Danach stellt sich die Frage, welche Lernbeziehungen es zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen gibt und welchen Beitrag diese Lernbeziehungen für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe leisten.

Hierbei sollen auch Probleme der Wissensvermittlung über Ehrenamtlern thematisiert werden. Anschließend werden Ergebnisse aus den Interviews aufgezeigt und anhand dessen Empfehlungen für Wissenschaft, Politik und Ehrenamt abgeleitet.

Welche Lernformen gibt es?

In der Literatur wird von verschiedenen Arten des Lernens gesprochen, welche sich durch die Umweltbedingungen bzw. –kontexte unterscheiden lassen, in denen das Lernen stattfindet:

Dem formellen Lernen, dem nicht-formellen Lernen und dem informellen Lernen.

Formelles Lernen bezeichnet einen organisierten und strukturierten Lernprozess, der in Bildungs- und Ausbildungseinrichtungen stattfindet und zu anerkannten, nachweisbaren Abschlüssen und Qualifikationen führt (Europäische Kommission 2001: 32).

Beim nicht-formellen Lernen, handelt es sich um einen Lernprozess, welcher nicht in Bildungs- oder Ausbildungseinrichtungen stattfindet und üblicherweise nicht zur Zertifizierung führt, aber gleichzeitig systematisch in Bezug auf Lernziele, Lerndauer und Lernmittel systematisch und aus Sicht der Lernenden zielgerichtet ist (Europäische Kommission 2001: 36). Typische Beispiele für nichtformelles Lernen sind zum Beispiel innerbetriebliche Weiterbildungen. Beim informellen Lernen, handelt es sich um ein Lernen, welches im Alltag, am Arbeitsplatz, in Familien oder in der Freizeit stattfindet. Es ist in Bezug auf Lernziele, Lernzeit oder Lernförderung nicht strukturiert und führt üblicherweise nicht zur Zertifizierung (Europäische Kommission 2001: 32).

Teilhabe am Arbeitsmarkt: Welche Lernformen werden berücksichtigt?

In Deutschland findet eine Teilhabe am Arbeitsmarkt hauptsächlich über Qualifikationen, also über nachweisbare, in formellen Lernprozessen erworbene Fähigkeiten statt, die normalerweise durch Zertifikate nachgewiesen werden (vgl. Aumüller 2016: 18).

Obwohl es bislang noch keine systematischen Erhebungen darüber gibt, welche Qualifikationen Flüchtlinge mitbringen, legen erste Abfragen nahe, dass nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge über formell verwertbare Qualifikationen verfügt und dass die vorhandenen Qualifikationen stark unter dem Anforderungsniveau einer qualifizierten Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt liegen (vgl. Brücker, Hauptmann und Vallizadeh 2015: 4).

Daher sieht Aumüller (2016: 6) einen starken Handlungsbedarf was die Anerkennung von Kompetenzen der Flüchtlinge betrifft, da bisher Verfahren mit bundesweit gültiger Aussagekraft fehlen, welche die im Herkunftsland informell oder nicht-formell erworbenen beruflichen Kompetenzen verbindlich feststellen und zertifizieren. Unter Kompetenzen werden unterschiedliche persönliche, soziale, methodische und fachliche Fähigkeiten bezeichnet, die auch in einem beruflichen Kontext nutzbar gemacht werden können (vgl. Döring, Müller und Neumann 2015: 12).

Es wird also deutlich, dass sich die Arbeitsmarktteilhabe von Flüchtlingen vor allem mit formellen Qualifikationen beschäftigt und die Auseinandersetzung mit non-formellen und informellen Kompetenzen noch am Anfang steht. Da aber die Vermutung nahe liegt, dass nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge über formelle Qualifikationen verfügt, ist die Auseinandersetzung mit alternativen Lernformen für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe von großer Bedeutung. Hierbei stellt sich die Frage, welchen Beitrag Ehrenamtliche bezüglich der unterschiedlichen Arten des Lernens für eine Arbeitsmarktteilhabe von Flüchtlingen leisten können. Dieser Frage wird im nächsten Abschnitt nachgegangen.

Welchen Beitrag können Ehrenamtliche leisten?

Han-Broich (2015) typisiert verschiedene integrationsförderliche Beziehungen zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen. Eine davon ist die Lernbeziehung, welche Han-Broich wie folgt beschreibt: Durch den Kontakt zu Ehrenamtlichen können Flüchtlinge die Sprache, Verhalten, Normen, Werte und Erwartungen der Aufnehmenden kennenlernen. Durch diesen Lerneffekt wird die kognitiv-kulturelle Integration von Flüchtlingen gefördert. Hiermit ist gemeint, dass Flüchtlinge dadurch die Verhaltensweisen und menschlichen Regungen der Deutschen einschätzen können, was wiederum die allgemeine Kontaktbereitschaft erhöht und zu einer besseren sozialen Integration beiträgt (S: 46).

Diese Lernbeziehungen sind aber nicht nur einseitig, sondern auch wechselseitig gerichtet. So können Ehrenamtliche ihren Horizont erweitern, indem die Menschen aus anderen Kulturkreisen kennenlernen und können zwischen den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerungsgruppe vermitteln oder als Meinungsmultiplikator eine aufklärende Rolle in der Gesellschaft übernehmen (S: 46).

Ein Vergleich dieser Lernbeziehungen mit den verschiedenen Arten des Lernens macht deutlich, dass Ehrenamtliche vor allem einen Beitrag beim informellen Lernen leisten können. Bezogen auf den Arbeitsmarkt gibt es jedoch noch keine Forschung darüber, ob und wie (informelle) Lernbeziehungen zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen zu einer Arbeitsmarktteilhabe beitragen können.

In den von mir geführten Interviews zeigen sich dafür jedoch verschiedene Hinweise, die die Annahme stützen, dass gerade informelles Lernen durch Interaktion von Engagierten und Geflüchteten einen wichtigen Beitrag zur Arbeitsmarktintegration leisten kann, auf die im Folgenenden eingegangen wird. Es wurden insgesamt drei Interviews geführt. Ein Interview mit einer ehrenamtlichen Patin für Flüchtlinge und zwei mit Hauptamtlichen, die sich mit dem Thema Arbeitsmarktintegration auseinandersetzen.

Informelle Lernbeziehungen: Erfolgsfaktor für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe?

Flüchtlinge stehen bei der Arbeitsmarktintegration vor der großen Herausforderung, dass sie sich in einem komplett unbekannten Arbeitsmarktsystem mit einer eigenen Berufsordnung vorfinden und somit kein Wissen über den deutschen Arbeitsmarkt und das dafür erforderliche Qualifikationsniveau haben (vgl. Aumüller 2016: 40).

Flüchtlinge, die in ihrem Herkunftsland beispielsweise in einer Garage gearbeitet haben und sich beruflich im Kfz-Bereich orientieren möchten, stehen nun vor der Information, dass es in Deutschland eine ganze Reihe von Ausbildungsberufen rund um das Auto gibt: angefangen vom Mechatroniker über den Kfz-Lackierer, Karosseriemechaniker bis hin zum Servicemechaniker (Aumüller 2016: 39).

Ein Interviewpartner macht auch darauf aufmerksam, dass viele Flüchtlinge auch gar nicht um die Qualität von deutschen Ausbildungen wissen, da in ihrem Heimatland diese nicht als wertvoll angesehen werden und diese Denkweise dann auf die deutschen Ausbildungen übertragen wird. „Und wenn das Ehrenamt da unterstützend tätig wird und die Leute schult, informiert und denen einen Einblick darüber gibt“ können somit ein gewisses Informations- und Sozialisationsdefizit ausgeglichen werden (Interview Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich). Es wird deutlich, dass Ehrenamtliche hier einen großen Beitrag leisten können, indem sie zum Beispiel Informationen über das deutsche Arbeitssystem mit ihren Möglichkeiten und Begrenzungen aufzeigen.

Ein Beispiel hierfür ist das Projekt „InCharge“. Hierbei handelt es sich um ein ehrenamtliches Mentorenprogramm, mit dem Ziel, Flüchtlinge an den deutschen Arbeitsmarkt heranzuführen. Die Ehrenamtlichen registrieren sich hierfür in einer Datenbank und werden durch ein vorheriges „Matching“ mit den Flüchtlingen so zusammengeführt und ausgewählt, dass sie in gegenseitiger Nähe wohnen, ihre Sprachkenntnisse kompatibel sind und jeweilige Ausbildungserfahrungen bzw. -erwartungen zueinander passen. Die Flüchtlinge, die an dem Projekt teilnehmen (im folgenden „Mentees“), haben entweder eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in Deutschland oder werden diese zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit erhalten. Zudem müssen sie grundlegende Sprachkenntnisse in Deutsch oder Englisch besitzen. Das Programm hat einen Zeitraum von 12 Wochen, in dem die Mentoren und die Mentees selbst festlegen können, wie oft sie sich treffen und was sie besprechen und unternehmen. Dies kann zum beispielsweise die Vermittlung von Kenntnissen über das deutsche Berufsausbildungssystem sein, Hilfe beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen bzw. bei der Berufsorientierung und/oder Unterstützung bei der Suche von Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplätzen sein (InCharge 2017).

Ein hauptamtlicher Interviewpartner sagt bezüglich des Programms: „[Es] kann beispielsweise damit beginnen, dass man sagt „Mensch, ich nehm den mal einen Tag mit an den Arbeitsplatz, zeig dem überhaupt wie die Arbeit und wie die Arbeitsbedingungen sind, erklär dem vielleicht auch mal die Funktion [oder] wie sieht das zum Beispiel mit Gleitzeit aus. Nicht jeder kennt Gleitzeit. Oder ganz klassisch, wenn ich hier einen jungen Menschen mit einem Flüchtlingshintergrund hier hatte und wir haben gesagt „Wir haben um 14 Uhr einen Beratungstermin.“, dann war das nicht so schlimm für die, wenn die um 14:10 Uhr mal hier aufgetaucht sind. Und das ist beim Arbeitgeber vielleicht was Anderes. Das sind so Dinge, die kann ich mit dem Mentee dann einfach besprechen und einfach auch vielleicht auch hautnah erleben lassen, indem ich ihn mitnehme und so kann jeder für sich halt diese 12 Wochen gestalten“ (Interview Bochum 26.09.2016: Hauptamtlich).

In diesem Zitat wird deutlich, dass durch einen persönlichen, individuellen Austausch zwischen den Flüchtlingen und den Ehrenamtlichen eine Orientierung im Lebens- und Arbeitsumfeld stattfindet. Durch die Lernbeziehung können Flüchtlinge nebenbei, also informell lernen, welche Verhalten, Erwartungen und Werte von ihnen auf dem Arbeitsmarkt, aber auch in der Gesellschaft erwartet wird. Dadurch kann eine Integration in diesen Bereichen stattfinden.

So wie Han-Broich (2015) bei den Lernbeziehungen zwischen Ehrenamtlern und Flüchtlingen erörtert hat, sind Lernbeziehungen keinesfalls einseitig gerichtet. So wird einem Interviewpartner Folgendes bewusst: „und man merkt einfach, dass wir ein gutes Ausbildungssystem haben, gerade nochmal, weil man sich vor dem Hintergrund der Flüchtlinge natürlich auch deren Herkunftsländer anguckt und guckt „Wie läuft es da?“ und sich einfach erst mal bewusst wird, welchen Luxus wir in diesem Bereich haben“ (Interview Bochum 26.09.2016: Hauptamtlich).

In diesem Abschnitt wurde deutlich, dass ehrenamtliche Arbeit bei der Arbeitsmarktteilhabe von Flüchtlingen einen sehr wichtigen doppelten Lerneffekt vermitteln kann. Zum einen lernen und erhalten Flüchtlinge eine Orientierung, wie der deutsche Arbeits- und Ausbildungsmarkt aufgebaut ist und zum anderen lernen sie zu verstehen, mit welchen Normen, Werten und Erwartungen sie in der deutschen Gesellschaft konfrontiert sind. Doch nicht nur die Flüchtlinge, sondern auch die Ehrenamtlichen profitieren von dieser Lernbeziehung indem sie zum Beispiel ihre eigene Position reflektieren. Daher können informelle Lernbeziehungen zwischen Ehrenamtlern und Flüchtlingen als ein wichtiger Erfolgsfaktor für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe identifiziert werden.

Probleme und Kritik

In den geführten Interviews wird von einem Hauptamtlichen auch auf Probleme durch die Betreuung durch Engagierte in Hinblick auf Arbeitsmarktintegration hingewiesen. Er gibt zu bedenken, dass die Begleitung von Flüchtlingen auch eine unprofessionelle Dimension annehmen kann, wenn zum Beispiel die Ehrenamtlichen selbst nicht über genügend Informationen über den Arbeitsmarkt haben und falsche Informationen an die Flüchtlinge weitergeben. Oder wenn sie versuchen ihre eigene Weltsicht auf die der Flüchtlinge zu übertragen (vgl. Interview Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich). Als Lösung auf dieses Problem gibt der Interviewpartner an, dass eine Begleitung von Flüchtlingen für eine Arbeitsmarktteilhabe daher in enger Abstimmung mit „den Behörden und Institutionen, mit Schulen, mit anderen karitativen Verbänden“ stattfinden muss (Interview Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich).

Im Folgenden sollen nun Empfehlungen aus der Kritik und dem vorangegangenen Abschnitt abgeleitet werden.

Empfehlungen für Forschung, Politik und Ehrenamt

Da ersichtlich geworden ist, dass ein großes Potential in informellen Lernbeziehungen zwischen Ehrenamtlern und Flüchtlingen für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe steckt, ist es aufgrund der Forschungslücke in diesem Bereich von großer Wichtigkeit, dass Forschung zu diesem Thema betrieben wird. Hierbei sollte der Fokus vor allem auf langfristige Begleitungen und Patenschaften, sowie Mentoringprogramme gesetzt werden. Auch die Politik sollte das Thema aufgreifen und das Potential von Lernbeziehungen zwischen Flüchtlingen und Ehrenamtlern nicht dem Zufall überlassen, sondern einen Rahmen dafür schaffen, damit eine professionelle Zusammenarbeit zwischen Ehrenamtlichen, Hauptamtlichen und anderen Organisationen stattfinden kann.

Ehrenamtliche sollten ihre eigene Expertise und Fachwissen, aber auch Alltagswissen gezielt nutzen, um Flüchtlinge eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe zu ermöglichen, gleichzeitig jedoch gezielt mit Behörden und Organisationen zusammenarbeiten, um eine bestmögliche Lernbeziehung zu gewährleisten.

Informelle Lernbeziehungen als Erfolgsfaktor: Ein Fazit

Dieser Blog hat sich mit der Frage beschäftigt wie Flüchtlinge, neben dem Erlernen der Sprache, auch durch neue Formen des Lernens an dem Arbeitsmarkt teilhaben können und welchen Beitrag Ehrenamtliche dabei leisten.

Es wurde deutlich, dass auf dem Arbeitsmarkt bislang nur formelle Qualifikationen berücksichtigt werden und es keine Forschungsliteratur darüber gibt, wie Lernbeziehungen zwischen Ehrenamt und Flüchtlingen zu einer Arbeitsmarktteilhabe beitragen. Dieser Beitrag konnte jedoch zeigen, dass informelle Formen des Lernens von großer Bedeutung sind und dass informelle Lernbeziehungen zwischen Flüchtlingen und Ehrenamtlichen ein wichtiger Erfolgsfaktor für eine erfolgreiche Arbeitsmarktteilhabe sind.

Literaturverzeichnis:

Aumüller, Jutta (2016): Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen: Bestehende Praxisansätze und weiterführende Empfehlungen. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh.

Brücker, Herbert, Andreas Hauptmann und Ehsan Vallizadeh (2015). „Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt: Der Stand im September 2015“. IAB Aktuelle Berichte 14/2015. Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Nürnberg.

Döring, Ottmar, Bettina Müller und Florian Neumann (2015). Potenziale erkennen – Kompetenzen sichtbar machen. Chancen für Menschen mit Migrationshintergrund. Bertelsmann Stiftung, Gütersloh.

Europäische Kommission (2001), Mitteilung der Kommission: Einen europäischen Raum des Lebenslangen Lernens schaffen. Brüssel.

Han-Broich, Misun (2015). Engagement in der Flüchtlingshilfe: Eine Erfolg versprechende Integrationshilfe. Aus Politik und Zeitgeschichte : Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Vol. 65, Nr. 14/15 Engagement, S. 43-49.

In Charge (2017). Integration durch Heranführung an den Arbeitsmarkt. [online] https://www.incharge.jobs/fluechtlinge [15.01.2017]

Statistia (2016). Entwicklung der Gesamtzahl der anerkannten oder als anerkannt geltenden Ausbildungsberufe in Deutschland von 1971 bis 2016, [online] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/156901/umfrage/ausbildungsberufe-in-deutschland/

Interviewquellen

Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich.

Bochum 26.09.2016: Hauptamtlich.

Bildquellen
http://media1.faz.net/ppmedia/86785929/1.4442551/article_multimedia_overview/ein-fluechtling-arbeitet-in-einer-skoda-werkstatt.jpg [15.01.2017].

Dem Arbeitsmarkt ins Netz gegangen – die Bedeutung der Netzwerke für die Arbeitsmarktintegration

Seit dem Siegeszug der sozialen Medien im 21. Jahrhundert dürfte klar sein, dass Netzwerke einen erheblichen Einfluss auf unsere Umwelt ausüben. Als Paradebeispiel gilt hier ohne Zweifel das soziale Netzwerk Facebook, dessen Einflussbereich dank der monatlich mehr als 1,7 Mrd. Nutzer (vgl. Statista 2016) lokale, nationale und sogar globale Auswirkungen hat, wie u. a. im Zuge des arabischen Frühlings eindrucksvoll offenbar wurde.

Der Einfluss von Netzwerken ist allerdings nicht an astronomisch hohe Nutzerzahlen gebunden und muss sich weder auf Netzwerke digitaler Natur noch auf Strukturen beschränken, die sich selbst überhaupt erst als Netzwerk bezeichnen. Auf lokalpolitischer Ebene ist zum Beispiel der Zusammenschluss von Individuen zu Vereinen, Projekten, Kooperationen und Initiativen unter diesem Begriff zusammengefasst (vgl. dazu auch Engagement für Geflüchtete in Bochum – Mehr als die Summe seiner Teile? Eine Netzwerkperspektive). So kommt der Netzwerk-Forscher Jan Fuhse zu dem Schluss, dass „Netzwerke […] offensichtlich auf unterschiedlichen Ebenen – zwischen Individuen, aber auch zwischen Organisationen – und in ganz verschiedenen Phänomenen eine wichtige Rolle [spielen]“ (Fuhse 2016: 14).

Im Zuge dieses Blogs stellt sich für das spezielle Feld der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen die Frage, inwiefern Flüchtlinge Zugriff auf Netzwerke haben, die ihnen den Jobeinstieg oder die Suche nach einem Ausbildungsplatz erleichtern sollen. Welchen Platz nehmen dabei ehrenamtlich Engagierte ein, die geflüchtete Personen begleiten und inwiefern profitieren die Begleiteten und Begleitenden von netzwerkähnlichen Strukturen?

Um genau diese Fragen soll es in dieser Arbeit gehen. Es wird dabei die Rolle der Ehrenamtlichen beleuchtet werden. Weiterhin soll der Frage auf den Grund gegangen werden, in welcher Hinsicht Defizite vorhanden.

Als Leitfrage liegt diesem Blog die Frage zugrunde, inwiefern man das soziale Netzwerk um den Flüchtling als den wichtigsten Faktor für die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration auffassen kann.

Netzwerk – Was ist das?

Wie der Name bereits nahelegt, kommt dem Thema der Vernetzung offenbar eine wichtige Rolle im Bedeutungshorizont des Wortes Netzwerk zu. Dies gilt insbesondere für soziale Netzwerke. In ihnen werden u.a. Kontakte gepflegt, eine größere Anzahl von Menschen koordiniert, Dinge organisiert und weiterentwickelt. Ohne Zweifel handelt es sich bei ihnen um Gebilde, in denen Informationen einen wichtigen Platz einnehmen und nicht selten werden sie als Plattform genutzt, um diese möglichst effektiv auszutauschen.

Als allgemeine Definition kann man mit dem Begriff soziales Netzwerk „das Muster an Sozialbeziehungen zwischen einer Menge von Akteuren [bezeichnen]“ (Fuhse 2016: 16).

Wenn man unter dem Begriff Netzwerk also zunächst einmal die bloße Verdichtung von sozialen Interaktionen zwischen mehreren Individuen versteht, gehören zu diesem Begriff auch relativ kleine Einheiten: der Stammtisch in der Nachbarskneipe, eine Carsharing-Webseite oder auch eine WhatsApp-Gruppe. Was macht aber im Kern den Reiz von Netzwerken aus?

Eine Funktion, die soziale Netzwerke erfüllen, ist in Anlehnung an Pierre Bourdieu die Erhöhung des sog. Sozialkapitals (vgl. Fuhse 2016: 183f.). Einfacher ausgedrückt verbirgt sich hinter dieser Aussage der Gedanke, dass ein Individuum durch die Beziehung zu anderen Individuen seine Chancen erhöht, ein gesetztes Ziel zu erreichen, für das es eben auf den Beitrag anderer Menschen angewiesen ist. Wie diese Funktion für Flüchtlinge, die sich auf der Suche nach Arbeit befinden, eine Rolle spielen kann, wird im Abschnitt Funktionen von Netzwerken im Kontext der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen erläutert. Unter Funktionen von Netzwerken im Kontext der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen wird dann im Speziellen die Frage behandelt, inwiefern Flüchtlinge auf dem Weg in den Arbeitsmarkt von entsprechenden Netzwerken profitieren können.

Funktionen von Netzwerken im Kontext der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen

Soziale Netzwerkbeziehungen nehmen in Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration eine wichtige Rolle ein (vgl. Pries 2010: 30). So begegnet dem Leser von Ratgebern zum Thema Jobsuche des Öfteren der Ratschlag, das sog. Networking zu betreiben (vgl. Banaszczuk 2017: 15). Unter diesem Begriff versteht man das gezielte Knüpfen von Beziehungen, das bei der Suche nach Arbeit einen entscheidenden Vorteil bringen kann. Oftmals werden in der Praxis vakante Stellen nicht primär über das gängige Bewerbungsverfahren besetzt. Nicht selten ist hier z.B. die Empfehlung eines Mitarbeiters ausschlaggebend. Außerdem werden viele Stellen vorwiegend nur intern oder zumindest verdeckt ausgeschrieben. Um eine Aussicht auf diese Vakanzen zu haben, braucht es auch den persönlichen Kontakt bzw. das entsprechende Beziehungsgeflecht.

Doch noch lange bevor eine geflüchtete Person die Suche nach einer geeigneten Stelle in Angriff nehmen kann, muss zunächst schon eine Vielzahl an Informationen gesammelt und entsprechend verarbeitet werden. Die Fragen, welche Formulare vonnöten sind, wo Formblätter erhältlich sind, welche kulturell bedingten Gepflogenheiten beachtet werden wollen und welche sonstigen Hürden vor der entscheidenden Unterschrift unter dem Arbeits- oder Ausbildungsvertrag genommen werden müssen, stellen Flüchtlinge vor teils unlösbar scheinende Schwierigkeiten.

Das Sozialkapital einer geflüchteten Person ist wesentlich eingeschränkt. In vielen Fällen zieht die Flucht den Verlust nahezu aller engeren Sozialbeziehungen nach sich. Sprachliche Hürden und die damit einhergehende soziale Isolation tun dann im Ankunftsland ihr Übriges.

Aus diesem Grund sind Netzwerke als Medium zur Generierung von Sozialkapital unerlässlich. Gerade der Aspekt des Informationsaustauschs ist dabei entscheidend. In Netzwerken kann außerdem wertvolles Erfahrungswissen von Personen weitergegeben werden, bei denen der Integrationsprozess schon weiter vorangeschritten ist. Eine weitere Funktion dieser Strukturen ist die Bündelung von Expertise. Oftmals ist im Integrationsprozess nämlich ein komplexes Set von sehr unterschiedlichen Fähigkeiten vonnöten: Übersetzertätigkeiten, Kenntnisse zu rechtlichen Fragen, die Bewältigung bürokratischer Hürden oder der entscheidende Kontakt zum Unternehmen. Diese und viele andere Faktoren spielen für die erfolgreiche Stellensuche eine wichtige Rolle. So fasste einer der Interviewten trefflich zusammen: „[D]a haben wir […] auch schon Netzwerke geknüpft. Ohne diese Netzwerke, bin ich mir ziemlich sicher, wäre die Erfolgsquote von beruflicher Integration unserer Klienten wesentlich geringer“ (Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe).

Im Abschnitt Die Bedeutung von Netzwerken aus Sicht der Engagierten wird der Frage nachgegangen, ob es sich bei obigem Zitat um eine Einzelbeobachtung handelt oder ob andere Engagierte dem Phänomen Netzwerk eine ähnlich große Bedeutung zumessen.

Die Bedeutung von Netzwerken aus Sicht der Engagierten

Wie bereits angedeutet sind sich die Engagierten der tragenden Rolle bewusst, die den Netzwerken zukommt. Dieses Bewusstsein wird auch in fast allen Interviews zur Sprache gebracht. Dabei wird vonseiten hauptamtlich Engagierter insbesondere auch die Bedeutung der Ehrenamtlichen in den Mittelpunkt gerückt, da sie hauptsächlich diejenigen sind, die einerseits entweder den Zugang zu bestehenden Netzwerken ermöglichen oder andererseits überhaupt erst Netzwerke ‚um den Flüchtling herum‘ knüpfen. So hält etwa ein Mitarbeiter eines Jugendamtes fest: „Die sind sehr, sehr wichtig, die ehrenamtlichen Helfer. Vor allen Dingen, wenn es darum geht, […] auch auf längere Perspektive ein breites Hilfsnetzwerk für die Jugendlichen zu schaffen“ (Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe).

Die angesprochenen Hilfsnetzwerke können dabei aus unterschiedlichen Akteuren bestehen. So gibt es zum Beispiel Kooperationen die hauptsächlich zwischen Vereinen und Flüchtlingsunterkünften (vgl. Interview Bochum 19.10.2016: Mitglied eines Flüchtlingshilfe-Vereins) bestehen, zwischen dem Jugendamt und der Freiwilligen Feuerwehr (vgl. Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe) oder zwischen Jugendamt und Vormündern (vgl. Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe). Von mehreren Interviewten wird auch geäußert, dass das Maß, in dem die einzelnen Kooperationen der Arbeitsmarktintegration zuträglich sind, im Wesentlichen vom Engagement der Ehrenamtlichen abhängt.

Ein weiterer Faktor ist hierbei die Frage, in welchem Grad Netzwerke effektiv strukturiert und wie breit sie aufgestellt sind, d.h. wie viele und welche Akteure sich aktiv an ihnen beteiligen. So antwortete ein Interviewpartner auf die Frage, inwiefern ehrenamtliches

Engagement zur Arbeitsmarktintegration beiträgt: „Das ist ein guter Ansatzpunkt. Das muss aber strukturiert laufen und Hand in Hand mit Kammern oder mit der Arbeitsagentur, mit Jobcenter, mit karitativen Institutionen, die sich mit Arbeitsmarktintegration befassen.“ (Interview Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich). Dass eine breit aufgestellte Kooperationsstruktur einen wesentlichen Aspekt des Integrationserfolges ausmacht, wird auch in der Literatur unterstrichen (vgl. Deutsche Kinder- und Jugendstiftung 2017).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Grundtenor, der sich durch nahezu alle Interviews zieht, ist in jedem Fall, dass ehrenamtliches Engagement vor allem durch die Einbindung in diese Strukturen zu einem effektiven Faktor im Integrationsprozess wird.

Der Beitrag der Unternehmen

Bisher sind hauptsächlich jene Faktoren zur Sprache gekommen, die auf Seiten der Flüchtlinge von Relevanz sind. Doch natürlich spielen auch die Unternehmen selbst, die ja ‚am anderen Ende der Leitung‘ sitzen, eine wichtige Rolle für eine gelungene Arbeitsmarktintegration. Sie sollten deshalb unbedingt in bestehende Kooperationsstrukturen eingebunden werden und dürfen „vor dem Begriff Flüchtlingspolitik keine Scheu haben“ (Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe). Hier sieht ein Großteil der Interviewten immer wieder Schwierigkeiten mit Unternehmen, da mit der Beschäftigung eines Flüchtlings mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus eine gewisse Unsicherheit für den Arbeitgeber einhergeht.

Ebenfalls ist wichtig, dass jene Unternehmen, die Flüchtlinge beschäftigen wollen, auch eine hinreichende Betreuung auf Unternehmensseite gewährleisten. Konkret bedeutet dies idealerweise, einen Mitarbeiter als dauerhaften Ansprechpartner abzustellen, zu dem der Flüchtling einen Bezug hat und an den er sich mit seinen Anliegen wenden kann (vgl. Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe). Auf diese Weise können auch etwaige, durch unterschiedliche kulturelle Hintergründe entstehende Differenzen ausgeräumt oder zumindest Konfliktpotenziale abgebaut werden, die bei Antritt eines Beschäftigungsverhältnisses in einem deutschen Unternehmen auftreten können.

Eine andere Art, wie Unternehmen sich in Netzwerke eingeben können, ist, dass sie proaktiv Informationen zu vakanten Stellen in die entsprechenden Netzwerke einbringen (vgl. Interview Bochum 19.10.2016: Mitglied eines Flüchtlingshilfe-Vereins). Doch auch in diesem Kontext liegt der entscheidende Einfluss bei dem Engagement von Individuen. In dieselbe Richtung deutet der Befund einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (im Folgenden: IAB) zu der Frage, von welchen Faktoren der Erfolg von Vermittlungsaktionen abhängt (vgl. IAB 2015: 18). Explizit wird dort darauf hingewiesen, dass ein Großteil der gelungenen Integrationsprozesse durch das Einzelengagement maßgeblich vorangetrieben wird und nicht etwa auf dem Einsatz von Arbeitgeber-Service oder Ähnlichem basiert. Entscheidend ist in solchen Fällen z.B. eher das Engagement der Sozialarbeiter (vgl. IAB 2015: 18).

Der Beitrag der Flüchtlinge

Ein weiterer Faktor ist in der Rechnung dann letztlich auch die Motivation des Flüchtlings selbst. Aufgrund der vielen Hürden während des Integrationsprozesses bedarf es umso mehr der Beharrlichkeit und Ausdauer, damit der Einstieg in die Ausbildungs- und Arbeitswelt gelingen kann. Mit den Worten eines Interviewten ließe sich sagen: „Mindestens 50% muss in denen drinstecken, wenn nicht sogar 90%. […] Ich würde ganz einfach sagen, die brauchen Biss. Biss und Ausdauer und den unbedingten Willen“ (Interview Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe).

Die Ansicht, dass ein hohes Engagement seitens der arbeitssuchenden Geflüchteten die Grundlage für den Integrationsprozess bildet, wird von den meisten Interviewten geteilt und zur Sprache gebracht. Ebenfalls herrscht Konsens darüber, dass sich die Merkmale Kulturzugehörigkeit und Alter nicht als Determinanten für das Motivationslevel verstehen lassen. Vielmehr werden hier individuelle Persönlichkeitszüge als ausschlaggebend geltend gemacht.

Eine weitere Überzeugung, die sich wie ein roter Faden durch so gut wie alle Interviews zieht, ist, dass der Bedeutung des Spracherwerbs eine gesonderte Vorrangstellung zukommt. In diesem Punkt werden jedoch schwerpunktmäßig eher negative Erfahrungen gemacht. So konstatiert der Mitarbeiter eines Jobcenters sichtlich frustriert und polarisierend: „[D]a ist bei 99% nichts bis wenig zu bemerken an Sprachkenntnissen, die verwertbar wären“ (Interview Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter). Auch wenn dieser Prozentsatz sicherlich etwas hochgegriffen ist und über das Ziel hinausschießt, gibt der Interviewte damit und auch an mehreren anderen Stellen zu verstehen, dass die mangelnde Sprachkenntnis das größte Hindernis im Integrationsprozess darstellt. Damit gibt er eine Einschätzung zum Besten, die von vielen anderen Befragten ebenfalls geteilt wird.

Nachdem das Problem des mangelhaften Spracherwerbs angerissen wurde, das zu einem Teil auch in den Verantwortungsbereich der Geflüchteten fällt, soll es im Abschnitt Durchs Netz gegangen – bestehende Defizite um weitere Defizite innerhalb der Netzwerkstrukturen der Flüchtlingshilfe gehen, durch welche sich den Geflüchteten weitere Steine in den Weg legen.

Durchs Netz gegangen – bestehende Defizite

Aus dem bereits Gesagten geht hervor, dass eine gut vernetzte Betreuungsstruktur im Umfeld des Geflüchteten ausschlaggebend ist. Diese Beobachtung wird auch dadurch bekräftigt, dass das Fehlen einer solchen Netzwerkstruktur spiegelbildlich als großes Manko wahrgenommen wird. Interviewte erwähnen etwa, dass Organisationen der Flüchtlingshilfe, die in ihrer Zielsetzung homogen sind und daher Potenzial zur Kooperation haben, entweder in Konkurrenz zueinander stehen (vgl. Interview Bochum 19.10.2016: Mitglied eines Flüchtlingshilfe-Vereins) oder zumindest, dass „jeder sein eigenes Süppchen koch[t]“ (Bochum 30.11.2016: Ehrenamtliche Flüchtlingspatin).

Ein weiteres Problem, dass des Öfteren Erwähnung findet, ist der holprige Umgang mit Behörden. Dies kann – ähnlich wie im Falle der Unternehmen – am Fehlen eines zuständigen Ansprechpartners liegen (vgl. Interview Bochum 19.10.2016: Mitglied eines Flüchtlingshilfe-Vereins). Ein Interviewpartner beschrieb in diesem Kontext allerdings auch einen Lern- und Verbesserungsprozess und schrieb die anfänglichen Schwierigkeiten der schieren Überforderung zu, die in den ersten Zügen der Flüchtlingskrise vielerorts um sich griff und möglicherweise auch noch immer um sich greift.

Das Defizit, das in den Interviews jedoch am häufigsten formuliert wird, sind die teils mangelhaften Sprachkenntnisse der Flüchtlinge. Zu dieser Problematik lässt sich Genaueres im Abschnitt Der Beitrag der Flüchtlinge lesen.

Netzwerk gut, alles gut? – ein Fazit

Dass soziale Netzwerke einen wichtigen Faktor auf dem Weg zum Arbeitsmarkt darstellen, haben die für diese Arbeit entstandenen Interviews deutlich vor Augen geführt. Eine Großzahl der Befragten kommt außerdem immer wieder auf Aspekte der Vernetzung zu sprechen. Diese Vernetzung schließt die Projekt- und Vereinsebene, die Ebene der Behörden, der Jobcenter, der kirchlichen Träger und der Engagierten mit ein.

Ein weiterer Befund dieser Arbeit ist, dass die Entstehung dieser Netzwerke und auch ihre Instandhaltung in besonderem Maße mit dem Engagement von ehrenamtlich tätigen Individuen zusammenhängt.

Wenn es um die Frage geht, ob die Vernetzung der wichtigste Faktor sei, muss allerdings noch ein weiterer Punkt mit in die Rechnung aufgenommen werden, der in allen Interviews betont wird: der Erwerb der deutschen Sprache.

Der Grund für die häufige Nennung der – bisweilen als mangelhaft eingeschätzten – Deutschkenntnisse liegt auf der Hand. Mit Blick auf die Interviewaussagen entsteht der Eindruck, Sprache sei eine Art Messgerät, an dem sich der Integrations-Fortschritt geradezu ablesen ließe – gemäß der Formel: Wer gut Deutsch spricht, ist gut integriert. Die Umkehrung dieser Formel ließe sich ohne Einwand bejahen, da zumindest ein gewisses Maß an Sprachfähigkeit für Integration schlichtweg Voraussetzung ist. Dass die Sprache allerdings nicht als Allheilmittel für die Arbeitsmarktintegration gesehen werden darf, lässt sich leicht daran erkennen, dass auch Einheimische durchaus von Arbeitslosigkeit betroffen sein können, obwohl sie ihre Muttersprache natürlich beherrschen.

Im Kontext dieser Arbeit gilt aber noch etwas Anderes zu beachten: Fremdspracherwerb und Vernetzung hängen stark miteinander zusammen. Dass die Aussichten auf einen Deutschkurs für Flüchtlinge unter Umständen nicht sehr vielversprechend sind, wurde ebenfalls in den meisten Interviews beklagt. Diesem Mangel kann jedoch durch ein breiteres Hilfsnetzwerk um den Flüchtling entgegengewirkt werden. In dieser Hinsicht stehen die Faktoren Sprache und Netzwerk also in enger Beziehung zueinander. Ebenfalls gilt: Wer die Sprache nicht beherrscht, kann eventuell mittels Hilfsnetzwerk, z.B. in Form der Dienste eines Dolmetschers, bestimmte Schritte gehen, die auf sich allein gestellt nicht möglich sind. Eine umfassende Arbeitsmarktintegration ist aber ohne entsprechende Sprachkenntnisse nicht zu erreichen. In solch einem Fall würde die positive Wirkung des sozialen Netzwerks durch den Mangel an Sprachfähigkeit zunichtegemacht werden.

Als Fazit dieser Überlegungen und des gesamten Blogbeitrags lässt sich also sagen, dass für eine gelungene Arbeitsmarktintegration in besonderer Weise zwei Faktoren von Bedeutung sind: Sprache und soziales Netzwerk.

In Bezug auf das Ehrenamt lässt sich sagen, dass es für beide Bereiche von großer Bedeutung ist und dementsprechend ebenfalls eine sehr wichtige Rolle spielt. Keiner der Faktoren darf allerdings isoliert betrachtet werden. Bei der Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen müssen, wie in einem Netzwerk, alle drei Faktoren zusammenwirken.

Literaturverzeichnis

Banaszczuk, Yasmina (2017): Netzwerke beim Berufseinstieg. Strukturen, Nutzungsweisen und soziale Herkunft. Wiesbaden: VS Verlag.

Deutsche Kinder- und Jugendstiftung / Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2017): Zugänge zum Arbeitsmarkt für junge Geflüchtete, [online] https://www.willkommen-bei-freunden.de/themenportal/artikel/arbeitsmarktintegration-von-jungen-gefluechteten-eine-zentrale-gesellschaftliche-und-kommunale-aufgabe/ [12.01.2017].

Fuhse, Jan (2016): Soziale Netzwerke. Konzepte und Forschungsmethoden. Konstanz: utb Verlag.

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (2015): Abschlussbericht Modellprojekt Early Intervention – Frühzeitige Arbeitsmarktintegration von Asylbewerbern und Asylbewerberinnen. Ergebnisse der qualitativen Begleitforschung durch das IAB Nürnberg. In: IAB Forschungsbericht. Jg.15, Nr. 10, S. 18.

Pries, Ludger (2010): (Grenzüberschreitende) Migrantenorganisationen als Gegenstand der sozialwissenschaftlichen Forschung: Klassische Problemstellungen und neuere Forschungsbefunde. In: Pries, Ludger / Sezgin, Zeynep (Hrsg.), ‚Identität oder Integration‘. Grenzen überspannende Migrantenorganisationen, Wiesbaden: VS Verlag, S. 15-60.

Statista (2017): Anzahl der monatlich aktiven Facebook Nutzer weltweit vom 3. Quartal 2008 bis zum 3. Quartal 2016 (in Millionen), [online]

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/37545/umfrage/anzahl-der-aktiven-nutzer-von-facebook/ [11.01.2017].

Interviewquellen

Rheurdt 04.07.2016: Integrationsfachkraft beim Jobcenter.

Dortmund 10.10.2016: Hauptamtlich.

Bochum 05.09.2016: Mitarbeiter der Jugendhilfe.

Bochum 19.10.2016: Mitglied eines Flüchtlingshilfe-Vereins.

Bochum 30.11.2016: Ehrenamtliche Flüchtlingspatin.

Bildquellen

https://pixabay.com/de/gefesselt-zweisamkeit-binden-1792237/ [14.01.2017].

https://pixabay.com/de/wasserperlen-spinnennetz-1630493/ [14.01.2017].

https://pixabay.com/de/netzwerk-netz-verbindung-struktur-1823429/ [14.01.2017].

Ein Beitrag von Antora Das, Maxi Belitz, Maximilian Krüger und Jonas Weißkopf

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