Engagement für Geflüchtete in Bochum – Mehr als die Summe seiner Teile? Eine Netzwerkperspektive

„Bochum hilft“ heißt es auf der Internetpräsenz der Koordinierungsstelle für Flüchtlingshilfe der Stadt Bochum, und: „Bochum ist eine Stadt, in der Hilfsbereitschaft und Solidarität groß geschrieben werden“. Was genau versteckt sich hinter dieser Aussage? Ist die ganze Stadt mobilisiert, engagieren sich alle 369.314 Einwohner Bochums (vgl. Presseamt der Stadt Bochum) mit Herzblut für die Belange der Geflüchteten?

Nein. Dennoch engagieren sich mehr als „50 Organisationen, Vereine oder Netzwerke“ (Koordinierungsstelle Bochum) in Bochum für geflüchtete Menschen und präsentieren eine Vielzahl von Aktivitäten und Angeboten, die das Leben der zurzeit 4.261 Geflüchteten in der Stadt verbessern sollen (vgl. Presseamt der Stadt Bochum). Diesen mehr als 50 einzelnen Gruppen werden sich bestimmt eine große Anzahl engagierter Menschen zugehörig fühlen, dennoch kann man wohl kaum davon sprechen, dass „Bochum hilft“. Warum also wird hier von Bochum gesprochen und nicht nur von einem Teil seiner engagierten Bevölkerung? Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Formulierungen nur um rein rhetorische Mittel um den Lesern eine gewünschte Situation zu suggerieren und den Standpunkt der Stadtverwaltung darzustellen. Was aber, wenn diese Phrasen ein Fünkchen Wahrheit innehaben? Heißt es nicht, das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile?

Um den Gedanken fortzuführen und seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen, muss man mit den ‚Teilen‘ in dieser Gleichung beginnen: den Organisationen, Vereinen und Netzwerken. Auch sie selbst bestehen aus noch kleineren Einheiten; sie sind ein Zusammenschluss gleichgesinnter Menschen, die durch gemeinsame Arbeit ein Ziel verfolgen. Um zu verstehen, wie die Geflüchtetenarbeit in Bochum funktioniert, sollten die Vernetzungen dieser Menschen innerhalb ihrer eigenen Gruppe und mit anderen Gruppen näher betrachtet werden. Zu diesem Zweck wurden 9 Interviews mit Engagierten und Hauptamtlichen verschiedener Organisationsformen geführt und hinsichtlich ihrer Aussagen über Interaktionen und Vernetzungen analysiert.

Vernetzung innerhalb der Gruppe

Bei den Befragten Personen gibt es viele, die in mehr als einer Gruppe aktiv für und mit Geflüchteten arbeiten und dabei auch verschiedene Organisationsformen unterstützen. Aufgrund der Ergebnisse der für dieses Essay geführten Interviews, lassen sich die Gruppen grundsätzlich in drei, durch ihre Strukturen zu unterscheidende, idealtypische Organisationsformen einteilen: Vereine, Netzwerke und Gruppierungen. Die Unterschiede dieser Organisationsformen und die daraus entstehenden Arten der Vernetzung zwischen den Engagierten werden im Folgenden erläutert.

Organisationsform Verein

Das grundlegendste Merkmal eines Vereins ist es, dass er eine offiziell eingetragene Organisationsform mit voller Rechtsfähigkeit ist. Diese Rechtsfähigkeit verleiht ihnen eine Legitimität, die Netzwerke und Gruppierungen in dieser Form nicht besitzen. Da zur Gründung eines Vereins eine Vereinssatzung und Handlungsorgane, wie zum Beispiel ein Vorstand und eine Mitgliederversammlung zwingend vorausgesetzt sind (vgl. Stiftung Deutsches Ehrenamt), zeichnet sich diese Organisationsform auch durch einen hohen Strukturierungsgrad aus. Vereine können aufgrund dieses hohen Organisierungsgrades und der starken Hierarchien oft nur unflexibel auf Änderungen in der Routine reagieren. Allerdings sind sie gerade aufgrund dieser eingespielten Routinen und der Möglichkeit zur Arbeitsteilung auch höchst effizient, was sich unter anderem daran erkennen lässt, dass die Vereine in dieser Erhebung schon viele Jahre in der Geflüchtetenarbeit tätig sind und sich einen breiten Wirkungskreis aufgebaut haben.

Durch die Struktur der Vereine besitzt auch die Vernetzung ihrer Mitglieder einen teilweise sehr formellen Charakter. Sowohl Herr H als auch Frau E die sich beide in Vereinen engagieren, die unter anderem rechtliche Beratung und teilweise Begleitung bei Behördengängen anbieten, berichten von monatlichen Terminen, an denen ein Austausch sowohl zwischen den Engagierten als auch mit den eventuell vorhandenen hauptamtlichen Kräften der Vereine stattfindet: „Durch Teilnahme an regelmäßigen Treffen dann auch. Wir haben hier mindestens einmal im Monat unsere Sitzungen, wo dann  alle anwesend sind“ (Interview Bochum 05.10.2016: Engagierter in der rechtlichen Beratung). Bei Frau E sind diese Treffen sogar im zwei Wochen Takt angesetzt: „Und hier in Bochum läuft es so ab, das ist nicht ganz identisch überall, aber ich denke die Grundstruktur ist überall gleich. Bochum ist es hier, dass zweimal im Monat, Dienstagsabends, die Treffen sind. Und zwar am ersten und dritten […]“ (Interview Bochum 08.09.2016: Engagierte bei Menschenrechtsorganisation).  Diese Treffen werden zumindest von Herrn H als die offizielle Vernetzungsart innerhalb seines Vereins angesehen, er unterscheidet sie von anderen Kontaktarten, die eher informeller Natur sind:

„Wir haben hier jeden Mittwoch den Vorteil, dass die Frau [Name4], Frau [Name3] selber auch mit reinschauen […] dass man also über den kleinen Dienstweg miteinander spricht, also formal und offiziell einmal im Monat großes Arbeitssprechen, Arbeitstreffen auch, Besprechungen und ansonsten eben halt regelmäßiger Kontakt per Email, regelmäßiger Kontakt eben halt dann auch am Telefon und eben hier vor Ort“ (Interview Bochum 05.10.2016: Engagierter in der rechtlichen Beratung).

Die Kontaktaufnahme per E-Mail, Telefon oder Face-to-Face ist für die Koordination kleinerer Handlungen und die Stärkung von persönlichen Bindungen zwar hilfreich und auch unerlässlich, kann allerdings den Nachteil haben, dass nicht der ganze Verein in die Vernetzung miteingeschlossen wird, sondern nur die beteiligten Personen. Wenn nicht alle Personen die aus diesen Vernetzungen neu entstandenen Informationen mitgeteilt bekommen, könnte dies dazu führen, dass sie weiterhin nach veralteten Informationen agieren und Entscheidungen treffen, die nicht mehr im Sinne des Vereins sind.

Der Verein von Frau E nutzt ebenfalls E-Mails, aber auch den Messenger-Dienst WhatsApp zur internen Handlungskoordination (Interview Bochum 08.09.2016: Engagierte bei Menschenrechtsorganisation). Die Kommunikation über Facebook schließen sowohl Frau E für sich persönlich (ebd.) als auch Herr H für seine gesamte Organisation aus:

„Ja, es gibt eine ganze Reihe von Organisationen, die nutzen tatsächlich auch Facebook. Ja, ich stehe dem sehr kritisch gegenüber. Das ist jetzt meine ganz persönliche Einstellung, aber auch interessanterweise die Einstellung des Vorstandes hier. […] Wir nutzen neue Medien, auf jeden Fall, wir nutzen selbstverständlich das Internet, wir nutzen selbstverständlich Email und sonstiges. Aber wir nutzen nicht Facebook. Auch wegen der datenschutzrechtlichen Grauzonen“ (Interview Bochum 05.10.2016: Engagierter in der rechtlichen Beratung).

Facebook bietet eine Plattform für einen gruppeninternen Austausch, auf der Informationen für alle sichtbar an einer Stelle gebündelt werden und zu dem alle an dem Verein beteiligten Engagierten gleichermaßen beitragen können. Weder die Kommunikation über Telefon, E-Mail oder auch WhatsApp bieten diese Möglichkeit. Das diese Gelegenheit der Vernetzung nicht genutzt und scheinbar auch durch keine ebenbürtige Möglichkeit ersetzt wird, ist zwar aus datenschutzrechtlichen Gründen verständlich, jedoch aus vernetzungstechnischer Sicht ein Versäumnis.

Organisationsform Netzwerk

Netzwerke sind eine Form „sekundärer Systembildung“ (Bommes/Tacke, 2006: S. 59). In der Bochumer Geflüchtetenhilfe sind sie ein lockerer Verbund von verschiedenen Akteuren in einzelnen Stadtteilen, seien es nun einzelne Engagierte, kleinere Initiativen und Projekte oder Vereine und Verbände. Sie entstanden aus einem Bedürfnis an Vernetzung, meist innerhalb der letzten drei Jahre. Jeder Akteur agiert eigenständig und selbstverantwortlich, bezieht aber mit Hilfe des Netzwerks die anderen Akteure in sein Handeln mit ein. Für Netzwerke bieten die sozialen Medien, vor allem Facebook, neue Möglichkeiten der aktiven Vernetzung ihrer vielen Mitglieder. Facebook wird genutzt, um über die neuesten Entscheidungen der Politik zu informieren, zu Aktivitäten einzuladen oder die Menschen zu mobilisieren; auch gibt es private Gruppen, in denen sich Teile des Netzwerks austauschen (vgl. Netzwerk Wohlfahrtsstraße). Der Vorteil einer Nutzung sozialer Medien als Kommunikationsweg gegenüber persönlichen Treffen ist, dass allen Mitgliedern gleichzeitig die gleichen Informationen mitgeteilt werden und sie sich darüber austauschen können, ohne dass sie räumlich anwesend sein müssen. Eine Eigenschaft, die vor allem berufstätigen Engagierten zu Gute kommt. Außerdem werden auf diesem Wege auch Menschen in Bochum erreicht, die bisher nicht Teil des bürgerschaftlichen Engagements sind und denen somit Teilhabe an der Geflüchtetenhilfe nähergebracht und erleichtert wird.

Im Gegensatz zur Organisation gibt es beim Netzwerk kein bestimmtes Themengebiet, auf das sich konzentriert wird, stattdessen werden je nach Bedarf und Interesse der Mitglieder unterschiedliche Aspekte der Geflüchtetenhilfe thematisiert. Es gibt verschiedenste niederschwellige Angebote für Interessierte, sich unverbindlich in der Geflüchtetenhilfe zu engagieren:

„Und dann habe ich über Facebook dieses Netzwerk Wohlfahrtsstraße gefunden […] und hab dann dort die angeschrieben und gesagt: Hey, ich finde cool, was ihr macht. Kann man so als nichts groß Könnender irgendwie euch unterstützen oder so? Und dann meinten die, ja klar, wir haben eine Spielgruppe für Kinder, die ist immer abends eine Stunde, kannst gerne vorbeikommen […]“ (Interview 15.08.2016: Engagierte im caritativen Bereich).

Obwohl die Zusammensetzung des Netzwerkes dadurch oft fluktuiert, bleibt meist ein fester Kern an Engagierten, die sich um organisatorische Belange kümmern, die nicht Online geregelt werden können, und das Netzwerk steuern. Auch hier kommt es zu regelmäßigen Treffen, allerdings werden diese nicht so formal geregelt wie in Organisationen:

„Interviewer: Und du hast vorhin eine Steuerungsgruppe [im Netzwerk 1] erwähnt. Was ist das denn für eine?“ Antwort  Person C: „Also, alle die etwas da machen, [mit denen] treffen wir uns um Sachen zu besprechen. Wie letztes Mal hatten wir dieses Begegnungsfest, so, Bühne, Musik, welche Veranstaltungen, Getränke, Essen, alles muss organisiert werden. Und da treffen wir uns“ (Interview 05.08.2016: Engagierte im Netzwerk 1).

Trotz der informellen Eigenschaften, die ein Netzwerk aufweist, ist aufgrund seiner Größe doch ein gewisser Grad der Strukturierung erforderlich, es koordiniert sich nicht von alleine. Im Gegensatz zu einer Organisation bestehen innerhalb eines Netzwerkes jedoch flache Hierarchien, da die Mitglieder, wie oben bereits beschrieben, eigenständig und flexibel agieren. Ein Nachteil der Organisationsform Netzwerk ist dadurch aber auch, dass die Bindungen zwischen den einzelnen Akteuren, mit Ausnahme der organisierenden Kerngruppe, nicht besonders stark ausgeprägt sind. Insgesamt bieten jedoch Netzwerkstrukturen vor allem zwei Vorteile für die Koordinierung von Flüchtlingsengagement: Erstens können zielgerechter bestimmte Bedarfe gedeckt werden (wer hilft Person 1 mit Kleidung, Person 2 mit Sprachkurs und Person 3 mit einem Behördengang?), zweitens erhöht der einfache Zugang zu Engagement die Menge an Engagierten, auch wenn das Engagement unter Umständen nicht von Dauer ist.

Organisationsform Gruppierung

Die Gruppierung ist eine kleine Gruppe von Engagierten, die alle auf die gleiche Art und Weise helfen möchten. Als Organisationsform steht die Gruppierung zwischen Verein und Netzwerk. Auch sie sind zum Großteil erst in den letzten Jahren aus dem Wunsch heraus, Geflüchtete zu unterstützen, entstanden. Obwohl es ähnlich der Organisation geregelte Abläufe und feste Mitglieder gibt, ist die Gruppierung aufgrund der geringeren Helferzahl in ihrer Arbeitsweise, ähnlich wie Netzwerke, flexibler und die einzelnen Helfer freier in ihrer Entscheidungsfindung:

„Organisation ist aber zu hoch gegriffen, weil wir eigentlich- also wir haben keinen Verein gegründet, das waren immer flache Hierarchien und jede hat das gemacht, was er oder sie gut konnte und aus seinem Umkreis vielleicht noch Leute angeworben. Also ich hab noch ehemalige Nachbarinnen angeworben mit mir zusammen zu unterrichten, mir zu helfen, aus dem Umkreis der Kirche sind Spenden gesammelt worden für Deutschlernmaterial. Ja und aus der Nachbarschaftshilfe hat jeder das getan was er gut konnte, bei Bewerbungen vielleicht geholfen oder solche Dinger.“ (Interview 11.08.2016: Engagierte im Sprachunterricht)

Die Vernetzung innerhalb der Gruppierung verläuft neben dem persönlichen Kontakt ähnlich der des Netzwerkes über soziale Medien, bei Frau A und Herrn I allerdings bei Facebook nur über private Gruppen: „Und dann haben wir noch ne Gruppe, von den Lehr- alle, die da unterrichten, Lehrergruppe und dann, ja […] Manchmal sag ich auch meinen Kolleginnen und Kollegen dann über Facebook, was ich gemacht hab, ne, wenn irgendwas wichtiges war“ (Interview 11.08.2016: Engagierte im Sprachunterricht); „Es gibt bei Facebook, haben wir extra kleine Messengergruppen, wo wir uns über’n kurzen Weg ganz schnell austauschen können wenn irgendwas ist“ (Interview 06.10.2016: Engagierter im politischen Bereich). Regelmäßige Treffen, zur Klärung organisatorischer Angelegenheiten werden von den interviewten Mitgliedern der Gruppierungen nicht erwähnt, allerdings berichtet Herr I, dass Treffen bei Bedarf stattfinden, beispielsweise täglich während des Refugee Strike auf dem Rathausplatz (vgl. Interview 06.10.2016: Engagierter im politischen Bereich)

Es ist anzunehmen, dass die Bindung zwischen den Mitgliedern einer Gruppierung aufgrund ihrer überschaubaren Größe stärker ist, als die zwischen den Mitgliedern eines Netzwerkes. Ob sie jedoch stärker oder schwächer ist, als die innerhalb einer Organisation, lässt sich pauschal nicht feststellen. Durch die Auswertung der geführten Interviews entstand jedoch der Eindruck, dass die interviewten Mitglieder der Gruppierungen stärker miteinander vernetzt sind als die innerhalb der Organisationen.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Interaktionen zwischen den Mitgliedern bei Gruppierungen und Vereinen stärker ausgeprägt sind als zwischen den einzelnen Mitgliedern von Netzwerken. Dies kann auf den unverbindlichen Charakter eines Netzwerkes zurückgeführt werden. Allerdings werden durch ein Netzwerk mehr Engagierte erreicht als durch eine Gruppierung oder einen Verein, somit kann ein Netzwerk flexibler auf unerwartete Situationen reagieren oder spontane Aktionen durchführen und dabei auf die unterschiedlichen Fähigkeiten seiner Mitglieder zurückgreifen. Dies ist sicherlich ein Grund, warum einige Vereine Teil von Netzwerken sind; nämlich um bei Bedarf auf die Ressourcen innerhalb des Netzwerkes zurückgreifen zu können.

Vernetzung zwischen den Gruppen

Nachdem ein Überblick über die verschiedenen Vernetzungsstrategien innerhalb der einzelnen Gruppenformen gegeben wurde, wird nun die Summe, also die Gesamtheit der ehrenamtlichen Geflüchtetenarbeit in Bochum näher betrachtet. Ist die Aussage, die auf der Internetseite der Koordinierungsstelle der Stadt Bochum getroffen wird, dass „Bochum hilft“, gerechtfertigt?

In der Studie der Bertelsmann Stiftung „Koordinationsmodelle und Herausforderungen ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe in den Kommunen“ (Hamann u. a., 2016), werden drei wiederkehrende Koordinationsformen der Geflüchtetenarbeit in Städten unterschieden: Initiativen-Koordination, Netzwerk-Koordination und zentrale Koordination. Bei der Initiativen-Koordination, meist in kleineren Städten und Gemeinden gefunden, wird die gesamte Handlungskoordination der Engagierten der Gemeinde durch eine Initiative geleistet, ohne Unterstützung durch Stadt oder freie Träger. Netzwerkkoordination liegt dann vor, wenn die Koordination der Geflüchtetenarbeit durch ein Netzwerk mehrerer Akteure vollzogen wird. Die zentrale Koordination geschieht durch eine eigens durch die Stadt eingerichtete Koordinationsstelle. Die Existenz einer dieser Koordinationsformen schließt die Existenz der anderen nicht aus, es können auch Mischformen entstehen. (vgl. Hamann u. a., 2016: S. 17) Anhand dieser Unterscheidung sollen nun die Koordinationsstrukturen in Bochum untersucht werden. Dort findet man sowohl das netzwerkförmige, als auch das zentrale Koordinationsmodell.

Netzwerkkoordination

Mittelpunkt der netzwerkförmigen Koordination in Bochum ist der Initiativkreis Flüchtlingshilfe.  Bereits Anfang 2014 (vgl. Taschner 2015) bildete er sich als ein Zusammenschluss von inzwischen über 40 verschiedenen Netzwerken, Organisationen und Gruppierungen, der sich regelmäßig trifft, um sich über den aktuellen Stand und eventuelle Probleme der Geflüchtetenarbeit auszutauschen und geplante Projekte zu besprechen: „[…] und zwar deshalb ist der entstanden, weil man gemerkt hat, hier arbeiten ganz viele Organisationen in Bochum zum Thema Asyl und Flüchtlinge und es wäre eigentlich sinnvoll das mal zu koordinieren, damit man überhaupt weiß, wer macht was und wird nicht alles doppelt und  gemacht und kann man nicht zusammenarbeiten“ (Interview Bochum 08.09.2016: Engagierte bei Menschenrechtsorganisation).

Ursprünglich überwogen die bürgerschaftlich engagierten Gruppen, „[…] aber mittlerweile sind eben halt auch viele Betreiber von Unterkünften da mit drin, politische Parteien sind da mit drin, Musikschule, also alle die irgendwo sich im weitesten Sinne engagieren, sind dann mit dazu gestoßen“ (Interview 06.10.2016: Engagierter im politischen Bereich). Diese Ausweitung des beteiligten Personenkreises auf Akteure, die eine wichtige Rolle in der städtischen Flüchtlingsarbeit spielen, ist sinnvoll um die Ziele des Initiativkreises auf städtischer Ebene auch realisieren zu können, führt durch die verschiedenen Interessen und Vorstellungen aber mitunter zu Schwierigkeiten:

„Es gibt auch Kritik, weil es wird auch sehr stark von den Grünen gesteuert und gelenkt, und dabei ist natürlich auch ab und zu dann, das was der Initiativkreis möchte, dass was die Geflüchteten möchten, was die freien Gruppen möchten, so wie Refugee Strike und die Supporter dabei, und dann, was die Grünen im Rat umsetzen. Dann gibt’s dann häufig Schwierigkeiten, was sich dann auch schon mal innerhalb des Initiativkreises niederschlägt. Sind ja auch Vertreter von der Stadt im Initiativkreis mit drin“ (ebd.).

Obwohl er aufgrund dieser Probleme in seiner Funktion als Koordinationsorgan erfolgreich ist,

„Es läuft ja im Prinzip mittlerweile, dass selten nur noch mögliche Beschlüsse und konkrete Sachen getroffen werden müssen. Es ist eher so ein beratendes Gremium, in dem man sich trifft und guckt, was läuft gerade hier, wo kann man was verbessern, wo kann man was verändern. Und in Einzelfällen dann auch schon mal Probleme, die aufgetaucht sind, da eben halt besprochen werden und die dann evtl. an kleinere Untergruppen weitergegeben werden“ (ebd.)

führen die Konflikte auch dazu, dass einzelne Anliegen, die im Initiativkreis vorgebracht werden, nicht durch ihn an die richtigen Stellen weitergeleitet werden:

„Die Menschen sind ziemlich alleine gelassen. Der Initiativkreis, sagen wir mal, ist Etagen höher angesiedelt, da geht dann aus einer Unterkunft einer mal hin und bis das evtl. nach unten oder nach oben gesackt ist, das ist nicht so interessant. Also das sind viele Einzelkämpfer, die da sind“ (ebd.).

Die folgende Abbildung stellt die Beziehungen zwischen den Akteuren dar, wie sie durch ihre Mitglieder in den Interviews geschildert wurden. Da bloß Interviews mit den Mitgliedern neun verschiedener Gruppen geführt wurden, ist die Darstellung nur ein Ausschnitt aus dem Gesamtgefüge der über 50 Gruppen, die in Bochum aktiv sind. Sie gibt aber einen ersten Eindruck, wie die Vernetzungen zwischen den einzelnen Gruppen der Stadt aussehen könnten.

Abb. 1: Schaubild der Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren. Eigene (vereinfachte) Darstellung

Obwohl die Reichweite des Initiativkreises durch seine Vernetzungen sehr groß ist und viele Bochumer durch ihn animiert werden zu helfen, zeigt die Abbildung, dass durch ihn nicht alle Initiativen und Engagierte in Bochum erreicht werden. Da sich viele Interessenten an der Geflüchtetenhilfe mit ihren Anliegen nicht direkt an die verschiedenen Gruppen, sondern an die Stadt Bochum wandten, wurde am 01.03.2015 durch die Stadt eine Koordinierungsstelle eingerichtet: „Ja meine Arbeit hat damit angefangen, dass es eben viele ehrenamtliche Anfragen bei der Stadt gab. Wie kann man helfen, was kann man tun und dann hat man irgendwann gesagt das kann nicht jeden einzelnen Sachbearbeiter in der Flüchtlingshilfe treffen, das soll eine Person gebündelt machen. Da kam ich dann in das Spiel und ja wie gesagt seit März mach’ ich das auch“ (Bochumschau, 04.11.2015).

Zentrale Koordination

Die zentrale Koordinierungsstelle besteht aus zwei hauptamtlichen Kräften und ergänzt die Arbeit des Initiativkreises dahingehend, dass sie einen Überblick über die aktuellen Bedürfnisse der Geflüchteten behält und diese in tabellarischer Form für die Einsicht durch hilfsbereite Menschen auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellt. Auf ihr wird auch über laufende Aktivitäten in der Geflüchtetenhilfe informiert. (Stadt Bochum) Die Internetpräsenz selbst war eine Idee einer Engagierten und entstand durch eine Zusammenarbeit ihres Institutes mit dem Sozialamt (Stahl, 20.07.2015). Die zwei Hauptkräfte beraten Menschen, die Interesse an einem Engagement in der Geflüchtetenhilfe haben, telefonisch und persönlich und geben ihnen Tipps, an welche Stellen sie sich wenden könnten. Nach eigenen Aussagen berät die Koordinierungsstelle momentan 20-25 Interessierte pro Monat (vgl. Schriftliches Interview Koordinierungsstelle).

Eine Vernetzung der Menschen, die bereits bürgerschaftlich engagiert sind, leistet die Koordinierungsstelle durch die Organisation von zweimonatlichen Netzwerktreffen mit den Koordinatoren der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfenetzwerke. Ansonsten wird der Kontakt über E-Mail-Verteiler hergestellt. Dies wird allerdings von einigen Engagierten als zu wenig empfunden: „Ich erwarte von der Stadt Bochum […] eine richtige Koordination von dem ganzen Ehrenamtlichen Engagements-Bereich, nicht nur einfach nur E-Mails weiterleiten, sondern etwas zu ergänzen“ (Interview 05.08.2016: Engagierte im Netzwerk 1). Sie wünschen sich eine bessere Unterstützung seitens der Stadt und bessere Betreuungsangebote. Deswegen versuchen einige Gruppen, die durch sie wahrgenommenen Mängel in der Koordination der Geflüchtetenarbeit selbst zu beheben:

„Keine wirklich gute Struktur, auch das, was von der Stadt angeboten wird, mit der [Koordinierungsstelle]das bringt es auch nicht so wirklich. Da sind Ansätze, aber es müsste auch irgendwie konkreter gemacht werden. Wir überlegen mit dem [Mitarbeiter der Stadtverwaltung] drüber, wie man das machen kann. Wie man da irgendwie noch mehr Unterstützung hinkriegen kann für die Ehrenamtlichen, dass die auch eine Anlaufstelle haben, wo sie dann nachfragen können, wo sie nachhaken können, wo sich auch die Unterstützer und die Ehrenamtlichen eben halt auch mal selbst Unterstützung holen können. An so was fehlt’s eigentlich[….]“ (Interview 06.10.2016: Engagierter im politischen Bereich)

Die Mitarbeiter der Koordinierungsstelle wissen um die Einstellung einiger Engagierter. Auf die Frage hin, welche Schwierigkeiten sie bei ihrer Arbeit zu bewältigen hätten, antworteten sie: „Die Erwartungen von den Ehrenamtlichen an die Kommune bzw. an die zuständigen Wohlfahrtsverbände, was die Unterstützung u. ä. anbetrifft sind oft nicht mit den Rahmenbedingungen (Personal/Zeitaufwand/Gesetzgebung) des jeweiligen Trägers umsetzbar“ (Schriftliches Interview Koordinierungsstelle). Um welche Erwartungen es sich konkret handelt, wurde in der Beantwortung des Fragebogens nicht ausgeführt. Aus den geführten Interviews und einer gefilmten Fragerunde aus dem Jahr 2015 (vgl. Bochumschau, 04.11.2015) nach zu schließen, erwarten die Engagierten von der Koordinierungsstelle einen größeren Einfluss auf die Vorgehensweise der Stadtverwaltung und eine intensivere Auseinandersetzung mit den, sowie eine schnellere Reaktionszeit auf die Forderungen der einzelnen Engagierten.

Fazit: Bochum hilft. Doch wer hilft Bochum?

„Also das Engagement ist groß. Viele Ehrenamtliche engagieren sich, wo es nicht auffällt, die Deutschunterricht machen, die Nachhilfe geben. Also da haben wir ein ganz ganz großes Feld hier in Bochum, was gemacht wird. Also im Prinzip so um jede Unterkunft, die wir haben, da bildet sich eine Gruppe und aus der Gruppe heraus, ja- von unterschiedlichen Gruppierungen bestückt wird quasi, wenn die Leute  da hinkommen, bildet sich dann im Umfeld irgendwas aus […]“ (Interview 06.10.2016: Engagierter im politischen Bereich)

Wie in diesem Zitat beschrieben, ist Bochum voll von hilfsbereiten Menschen, die sich aktiv dafür einsetzen wollen, die Geflüchteten in ihrer Stadt zu unterstützen. Etwa 20 – 25 Interessierte melden sich monatlich bei der städtischen Koordinierungsstelle um zu helfen, dazu kommt eine unbestimmte Zahl Menschen, die durch die Netzwerkarbeit der bürgerschaftlich Engagierten mobilisiert werden. Ihre Koordinationsarbeit mit den Mitgliedern ihrer eigenen Gruppen macht eine effektive Vernetzung auf städtischer Ebene erst möglich. Verschiedenste Organisationen, Gruppierungen und Netzwerke entlasten die Stadt, indem sie einen Großteil der benötigten karitativen Hilfe leisten: „[…] ich glaube, dass Ehrenamt so mit das meiste auffängt, was einfach durch die Stadt, durch die verschiedenen Träger nicht in dem Umfang geleistet werden kann“ (Interview 27.09.2016: Hauptamtliche in einem Stadtteilprojekt). Doch diese Entlastung der Stadt kommt nur durch eine starke und durchdachte Vernetzung und Koordination der einzelnen Einheiten zu Stande, eine Aufgabe, die momentan überwiegend durch die Gruppen selbst geleistet wird: „Also ich finde eigentlich, dass die Ehrenamtlichen die Big Player sind, weil da so ein riesen Apparat entstanden ist, ich sehe das bei Facebook, in den verschiedensten Gruppen […]“ (ebd.) Aus den einzelnen Gruppen wird ein „Apparat“, eine „Gesamtheit der für eine bestimmte Aufgabe […] benötigten Personen […]“ (Duden, 15.01.2017); aus den Teilen wird ein Ganzes, dass in Bochum ganze Arbeit leistet.

Bochum hilft. Die Aussage ist richtig. Aber dieses stadtumspannende Geflecht der Geflüchtetenhilfe kann auch zukünftig nur helfen, wenn weiterhin aktive Vernetzungs- und Öffentlichkeitsarbeit betrieben wird und zwar nicht nur seitens der Engagierten, sondern durch die Stadt selbst. Die Einrichtung der Koordinierungsstelle war ein Schritt in die richtige Richtung, aber wie die Interviews zeigten, noch nicht genug. Es müsste mehr auf die Belange der Einzelnen geachtet werden, der „Einzelkämpfer“ (Interview 06.10.2016: Engagierter im politischen Bereich). Auch die Autoren der Studie der Bertelsmann Stiftung sind der Meinung, dass durch die Kommunen mehr zur Unterstützung der Engagierten getan werden kann. Sie empfehlen unter anderem „ausreichend Supervisions- und Qualifikationsangebote zu schaffen, […] materielle Unterstützung [zu bieten]“ (Hamann u. a., 2016, S. 55) und Vertretern der verschiedenen Hilfsinitiativen einen Platz in der zentralen Koordinierungsstelle anzubieten (Hamann u. a., 2016, S. 34). Vor allem letzteres würde für die Koordination des bürgerschaftlichen Engagements in Bochum durchaus Sinn machen, da es den Engagierten die Chance bietet, die zentrale Koordinierung durch die Stadt aktiv selbst mitzugestalten und vielleicht auch ein Verständnis für die Grenzen des Möglichen zu entwickeln. Eine aktivere Zusammenarbeit der Stadt mit den Engagierten kann für alle Beteiligten nur von Vorteil sein, denn durch mehr Interaktion und Kommunikation zwischen Bürgern und Stadt könnte auch in der Zukunft jede Krise bewältigt werden.

Ein Beitrag von Anna-Lena Langer

Literaturverzeichnis

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Bommes, Michael/Tacke, Veronika (2006): Das Allgemeine und das Besondere des Netzwerks, in: Bettina Hollstein/Florian Straus (Hrsg.), Qualitative Netzwerkanalyse, 2006

Duden (15.01.2017): Duden | Ap­pa­rat | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Synonyme, http://​www.duden.de​/​rechtschreibung/​Apparat (Zugriff 2017-01-15)

Hamann, Ulrike u. a. (2016): Koordinationsmodelle und Herausforderungen ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe in den Kommunen: Qualitative Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, Berlin (Zugriff 2016-11-08)

Hollstein, Bettina/Straus, Florian (Hrsg.) (2006): Qualitative Netzwerkanalyse: Konzepte, Methoden, Anwendungen, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2006

Koordinierungsstelle Bochum: Flüchtlingshilfe in Bochum, http://​fluechtlingshilfe-bochum.de​/​ (Zugriff 2017-01-13)

Netzwerk Wohlfahrtsstraße: Netzwerk Wohlfahrtstraße – Flüchtlingshilfe | Facebook, https://​www.facebook.com​/​netzwerkwohlfahrtstrasse (Zugriff 2017-01-13)

Presseamt der Stadt Bochum: Aktuelle Zahlen, https://​www.bochum.de​/​C125708500379A31/​vwContentByKey/​W2A5A9RK432BOCMDE (Zugriff 2017-01-13)

Stadt Bochum: Bochum hilft | Flüchtlingshilfe in Bochum: Organisationsformen, http://​fluechtlingshilfe-bochum.de​/​bochum-hilft/​ (Zugriff 2016-07-09)

Stahl, Jürgen (20.07.2015): Pädagogin will die Flüchtlingshilfe in Bochum vernetzen, in: Der Westen v. 20.7.2015, http://​www.derwesten.de​/​staedte/​bochum/​paedagogin-will-die-fluechtlingshilfe-in-bochum-vernetzen-id10896678.html (Zugriff 2017-01-05)

Stiftung Deutsches Ehrenamt: Vereinsgründung auf einen Blick | Deutsches Ehrenamt, https://​deutsches-ehrenamt.de​/​verein-gruenden/​die-vereinsgruendung/​ (Zugriff 2017-01-12)

Taschner, Frank: Infoblatt Initiativkreis, Bochum, http://​fluechtlingshilfe-bochum.de​/​wp-content/​uploads/​2015/​07/​Infoblatt-Initiativkreis.pdf (Zugriff 2016-12-23)

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