Die wahrscheinlich größten Herausforderungen, vor denen wir heute stehen, sind umweltpolitischer Natur. Die Zerstörung der Planetenoberfläche hat zum Teil Ausmaße angenommen, die es vielen Menschen schwer machen, blind dem Status quo zu applaudieren. Luft- und Wasserverschmutzung, der menschliche Beitrag zum Klimawandel durch Treibhausgasemissionen, Entwaldung, industrielle Landwirtschaft und ein steigender Energiehunger der wachsenden Weltgesellschaft bzw. der sie versorgenden fragilen Infrastruktur, all dies sind Aspekte, die viele Menschen nicht mehr ignorieren wollen oder können. Besonders kulminieren diese Effekte natürlich in Städten, welche  naturgemäß durch ihre Populations- eine vergleichsweise hohe Konsumptions- und Emissionsdichte aufweisen. Wenn man bedenkt, dass bis 2050 66% der Weltbevölkerung in Städten leben werden,[i] ergibt es augenscheinlich Sinn, hier einzugreifen und Strukturen zu verändern. Dies sollte idealerweise an mehreren Fronten geschehen: durch klassischen politischen Aktivismus sowie auch lifestyle politics oder prefigurative politics. Dieses Essay widmet sich dem letzten Punkt, um die Kriterien von prefigurative politics auf ein alternatives Stadtprojekt in Deutschland anzuwenden: die Essbare Stadt Andernach. Im Vorfeld ist bereits ein wissenschaftliches Video dazu entstanden, welches den Forschungsprozess und den Besuch der Stadt auf der Suche nach Antworten widerspiegelt.

In diesem Essay sollen die Fragen aus dem wissenschaftlichen Video noch einmal aufgeworfen und beleuchtet werden. Die Forschungsfrage dabei ist, in welcher Hinsicht die Essbare Stadt Andernach als prefigurative politics betrachtet werden kann. Dazu werden wir sehen, ob sie ausreichend auf Bürgerengagement und die Diffusion ihrer Praktiken ausgerichtet ist und außerdem wird untersucht, ob die Essbare Stadt Andernach sich durch Zukunftsorientierung und experimentelle Praktiken das Label „prefigurative“ überhaupt verdient. Nachdem anfangs geklärt wird, was darunter eigentlich zu verstehen ist, wird im Anschluss anhand der Interviewantworten von Mitinitiator Dr. Lutz Kosak die Fragestellung durchexerziert, um am Ende ein Fazit zu ziehen und zu zeigen, inwiefern wir es hier mit prefigurative politics zu tun haben.

prefigurative politics

Was verbirgt sich nun hinter dem Begriff „prefigurative politics“, für den es keine adäquate deutsche Übersetzung zu geben scheint oder für den in der deutschen Form „präfigurative Politik“ zumindest keine allgemeine Bekanntheit beansprucht werden kann? „Prä“ als „vor“ und „figurativ“ als „von der Form her“ bringt einen zur spontanen Assoziation, dass es sich um irgendeine Art der Vor-Formung von etwas handelt. Und tatsächlich codiert das Wort eine interessante Verbindung von Gegenwart und Zukunft, und zwar den Gedanken, dass im Hier und Jetzt die Welt der Zukunft geformt wird, indem man genau so lebt, als wäre sie schon gegenwärtig: „to prefigure is to anticipate or enact some feature of an ‚alternative world‘ in the present, as though it has already been achieved“.[i]

Von klassischen Repertoires politischer Aktivität wird dabei meist abgesehen und stattdessen an die Unmittelbarkeit appelliert:

„Rather than looking to a revolutionary vanguard to seize existing power structures and implement revolutionary change on behalf of the masses or to trade unions or political parties to leverage reforms within the existing system, a prefigurative approach seeks to create the new society „in the shell of the old“ by developing counterhegemonic institutions and modes of interaction that embody the desired transformation. In this sense, a prefigurative strategy is based on the principle of direct action, of directly implementing the changes one seeks, rather than asking others to make the changes on one‘s behalf“[ii] schreibt Darcy Leach und Luke Yates ergänzt: „The concept, which following other scholars is used here interchangeably with the simpler ‚prefiguration‘, refers to the attempted construction of alternative or utopian social reflections in the present, either in parallel with, or in the course of, adversarial social movement protest.“[iii]

Erstmals 1977 durch Carl Boggs beschrieben als

„the embodiment, within the ongoing political practice of a movement, of those forms of social relations, decision-making, culture, and human experience that are the ultimate goal“[iv],

finden sich Beispiele für prefigurative politics in vielen Bereichen. Von der Frauenbewegung über Umweltaktivismus, Autonomiebewegungen, Friedens- und Indigenenbewegung bis auf globaler Ebene zu den Aktivitäten gegen neoliberale Globalisierung[v] sind Anleihen beim Modell der präfigurativen Politik zu beobachten. Auch Flora Cornish u. a. beschreiben diese Form des Engagements als teils konträr zu herkömmlicher politischer Partizipation, vor allem im Kontrast zu den Methoden der „Alten Linken“ als kreatives Experimentieren:

„The term emerged in the New Left of the 1960s and 1970s and represented a break from ‘Old Left’ practices of focusing on structural and economic determinants while failing to address how people in movements for social justice often relate to each other in oppressive ways. The term was embraced by feminism, anarchism and the New Left to bring into focus modes of practice that make it possible to envision a transformed society based on actual human capacities rather than abstract principles (Boggs, 1977). These movements were guided by the idea that radical social change requires creating and experimenting with the kinds of egalitarian practices, democratic spaces, and alternative modes of relating that anticipate a future society that cannot yet be fully realized.“[vi]

Dieses Experimentieren reicht bis in die alltäglichen Verhaltensweisen der involvierten Personen und konstituiert dadurch eine typische „bottom-up“ Organisationsweise und Entscheidungsfindung. Jeder Mensch kann partizipieren, indem er der Bewegung entsprechende Verhaltensweisen adaptiert bzw. sich an deren Aktionsrepertoire bedient und dadurch gleichzeitig die Stoßrichtung beeinflussen.

Zusammenfassend können wir zur Charakterisierung von prefigurative politics also 3 wesentliche (wenn auch vereinfachte) Eigenschaften festhalten: Mittel-Zweck Äquivalenz, die Erschaffung von Alternativen, und Prolepsis/Vorwegnahme. Diese Merkmale werden zum Beispiel durch das erwähnte Experimentieren, die Produktion und Zirkulation entsprechender Verhaltensweisen sowie durch direkte Interaktion und Handlung als auch Diffusion der Praktiken realisiert:

„prefigurative politics is best understood as the compound of five identifiable processes, combining experimentation, the circulation of political perspectives, the production of new forms and conduct, material consolidation, and diffusion.“[vii]

Andernach als „prefiguratives“ Projekt?

Um die Frage zu untersuchen, inwiefern die Essbare Stadt Andernach zu dem Modell der prefigurative politics Parallelen aufweist, haben wir mit Dr. Lutz Kosak gesprochen, dem Initiator der Non-Profit Organisation „Perspektive Andernach“. Mit diesem Projekt hat in Andernach alles begonnen. Im Jahre 2010 wurde hier der erste Stein für das größte städtische Landwirtschaftsprojekt Deutschlands gelegt. Auf etlichen Grünflächen in der Stadt wird heute eine ganze Bandbreite verschiedener Getreide-, Obst- und Gemüsesorten angebaut und alle, die vorbeikommen, dürfen sich bedienen. Die Instandhaltung wird durch bis zu 30 Langzeitarbeitslose der Stadt unter der Anleitung eines professionellen Gärtners gewährleistet und koordiniert von „Perspektive Andernach“.

Im Gespräch mit Dr. Kosak ging es zunächst um die Philosophie hinter dem Projekt, das sich ihm zufolge dem Versuch verschrieben hat, nicht auf die große Katastrophe zu warten, die uns vor Augen führen wird, dass unser Lebensstil nicht nachhaltig ist. Stattdessen soll versucht werden, jetzt, zu einem Zeitpunkt, in dem es uns sehr gut geht, eine Entscheidung zu treffen und Dinge zu ändern. So wurde in der ganzen Stadt ein Quadratmeter Trittrasen nach dem anderen Stück für Stück aufgewertet. Ein ökologisch und ästhetisch mehr oder weniger sinnfreier Fleck, den 14 mal im Jahr ein „gelangweilter Rasenmäher“ (Kosak) zurechtstutzt, bekommt durch das Anpflanzen eines Gemüses, z. B. Mangold oder Salat, zunächst einen Nutzwert. Durch die Saat seltener Sorten steigert man zugleich den ökologischen Nutzen und die Biodiversität. Daneben installierte Beschilderungen erschaffen einen ökopädagogischen Nutzen und durch die Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen steigert man außerdem den sozialen Nutzen. Wenn es dann auch noch schön aussieht, hat man parallel ästhetischen Wert erzeugt und die Lebensqualität der Einwohner erhöht, so jedenfalls der ideelle Hintergrund der Initiative.

Auf die Frage nach der Entstehung und dem Planungsprozess der Essbaren Stadt antwortete Kosak, es würde eher einem Schneeballeffekt ähneln, als einer minutiös durchgeplanten Unternehmung. „Es ist vielmehr so, dass es ein ganz sukzessiver Aufbau eines Systems ist mit einer ganz hohen Eigendynamik. Ich hab immer das Bild, dass wir oben mit Schneebällen rumgespielt haben und unten ist eine Lawine rausgekommen.“ Während also das Ziel klar eine nachhaltigere Gesellschaft und zu diesem Zweck die Integration landwirtschaftlicher Prozesse in das Stadtgebiet ist, es quasi eine Vision gibt, die mit verfügbaren Mitteln heute bereits gelebt wird, ist auch die Abwesenheit eines Langzeitplanes von Beginn an ein Indiz dafür, dass wir es hier mit prefigurative politics zu tun haben.

Inwieweit jedoch die Bürger selbst Einfluss auf die Entwicklungsdynamiken der Essbaren Stadt Andernach nehmen können, scheint dem zu widersprechen. Kosak spricht von wöchentlichen Zusammenkünften Mittwochs 9:30 Uhr, in denen die Essbare Stadt konzipiert wird. Teilnehmer dieser Treffen sind neben den Protagonisten der „Perspektive Andernach“ zum Beispiel Gärtner, bei größeren Veranstaltungen oder Festen das Ordnungsamt und das Kulturamt, je nachdem welche Anliegen es zu klären gibt. Wirkliches Engagement der Bürger gibt es nur in Einzelfällen. So arbeiten zum Beispiel ein pensioniert Winzer und ein Imker für das Projekt.  Daher handelt es sich nach Kosak, jedoch auch offensichtlich, um ein typisches „top-down Projekt“, von der Verwaltung für die Bürger. Dies entspricht also nicht der „bottom-up“ Charakteristik von prefigurative politics.

Bezüglich der Zirkulation bzw. Diffusion der Ideen und Praktiken weist die Essbare Stadt wiederum einige Parallelen zum Modell auf. Durch die starke Netzwerkarbeit mit anderen Städten, aber auch Organisationen und Initiativen aus dem ähnlichen Milieu ist hier der Versuch erkennbar, das Konzept der Essbaren Stadt in die Welt zu tragen und so dem Ideal, der Vision ein Stück näher zu kommen. Kosak spricht in diesem Zusammenhang insbesondere von der Zusammenarbeit mit Slow Food und Fairtrade. Er erwähnt außerdem explizit, dass sich das niemand vor 10 Jahren hätte vorstellen können und verleiht damit dem Eindruck Bestätigung, es handele sich um ein Projekt mit hohem Spontanitäts- und Experimentierungslevel, in dem am Anfang einfach begonnen wurde mit den verfügbaren Mitteln und dann Schritt für Schritt über die Jahre geschaut wurde, wie sich das potentielle Aktionsumfeld ändert und Handlungsspielräume eröffnet, entsprechend den erwähnten Kriterien von prefigurative politics.

Mit der HU und TU Berlin gibt es darüber hinaus ein Forschungsprojekt ab September 2018, „the edible city network“, innerhalb dessen auf eine Verbindung der Essbaren Städte hingearbeitet werden soll, darunter Heidelberg, Oslo, Rotterdam, Havana und Andernach.

Fazit

Letztendlich handelt es sich bei der Essbaren Stadt Andernach offensichtlich um eine Mischform, dennoch mit vielen Anleihen aus dem Kriterienpool von prefigurative politics. Darunter fällt zunächst die allgemeine Idee hinter dem Projekt, also die ideologische bzw. utopische Ausrichtung im besten Sinne. Das Ziel ist, mit begrenzten Flächen innerhalb der Stadt möglichst effizient das „Beste“ zu erreichen. Das Beste ist in diesem Fall die Erweiterung des ökologischen, biodiversen, ökopädagogischen, sozialen, ästhetischen, und lebensqualitativen Nutzens verfügbaren Bodens. Dies geschieht jedoch nicht aus wirtschaftlichem, sondern ideellem Ansporn. Kosak möchte nicht auf die große Katastrophe warten, sondern heute Weichen stellen, die sich später vielleicht nicht mehr bewegen lassen und hat daher mit hoher Spontanität im Jahre 2010 das Projekt gestartet und als Mittel des Wandels primär die direkte Aktion walten lassen: Boden, Saat, Pflege. Daraus ist in der vergangenen Zeit eine Essbare Stadt erwachsen.

All diese Feststellungen korrelieren mit den erarbeiteten Anforderungen an prefigurative politics. Dennoch gibt es auch einiges, was dagegen spricht. Am wichtigsten ist hier die top-down Konzeption der Essbaren Stadt, da dies dem eigentlichen Charakter einer prefigurative politics (bottom-up) diametral gegenübersteht. Und auch wenn die Zirkulation und Diffusion der Ideen durch Netzwerke und Partnerschaften realisiert wird, fehlt doch die Partizipation der Bürger vor allem im Hinblick auf die Mitbestimmung der Rahmenbedingungen und die Infrastruktur der Essbaren Stadt. Von den erwähnten Einzelausnahmen abgesehen werden die Bürger der Stadt lediglich in Form von Langzeitarbeitslosen integriert, und selbst diese werden einfach nur angestellt. Die Innovationen und Entwicklungen stehen also unter der gesicherten Expertise einiger weniger. Nichtsdestotrotz muss man dem Projekt zugestehen, dass es wirkt, das Interesse auch international auf sich zieht und eine interessante, erschwingliche Blaupause für nachhaltige Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert darstellt, von der sich andere inspirieren lassen und lassen sollten. Und gerade diese Stärke, die Bekanntheit und der Einfluss über die eigenen Grenzen hinaus, ist Flora Cornish u. a. zufolge vielleicht nur dadurch realisierbar, dass sich die Essbare Stadt Andernach gerade nicht mit den herkömmlichen Limitationen einer 100 % prefigurative politics herumplagen muss und die Potentiale formaler Politk integriert:

„Participants’ understandings or social representations of sustainability and how to achieve it both motivate and make sense of their own engagement in the movement, but also create a boundary discouraging engagement with formal politics. The authors identify a challenge for the participants as they seek to implement ecologically sustainable towns and national infrastructures. Members are motivated to reach out and spread their message, but a deep distrust of formal politics, opposition to which is part of the very definition of members’ identities, limits the potential for their wider, collective impact.“[viii]

Ein Beitrag von Tilman Albrecht

Literaturverzeichnis

[i]Yates, Luke (2015): S. 4.

[ii]Leach, Darcy K. (2013): S. 1004.

[iii]Yates, Luke (2015): S. 1.

[iv]Boggs, Carl (1977): S. 100.

[v]Vgl. Leach, Darcy K. (2013): S. 1005.

[vi]Cornish, Flora;  Haaken, Jan; Moskovitz, Liora; Jackson, Sharon (2016); S. 115.

[vii]Yates, Luke (2015): S. 2.

[viii]Cornish, Flora;  Haaken, Jan; Moskovitz, Liora; Jackson, Sharon (2016); S. 119-120.

[i]IRP (2018). The Weight of Cities: Resource Requirements of Future Urbanization. Swilling, M., Hajer, M., Baynes, T., Bergesen, J., Labbé, F., Musango, J.K., Ramaswami, A., Robinson, B., Salat, S., Suh, S., Currie, P., Fang, A., Hanson, A. Kruit, K., Reiner, M., Smit, S., Tabory, S. A Report by the International Resource Panel. United Nations Environment Programme, Nairobi, Kenya.

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