{"id":83,"date":"2017-01-27T10:59:11","date_gmt":"2017-01-27T09:59:11","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=83"},"modified":"2017-02-27T16:36:41","modified_gmt":"2017-02-27T15:36:41","slug":"lsbti-gefluechtete-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=83","title":{"rendered":"LSBTI-Gefl\u00fcchtete in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Titelseite_LSBTI-Gefl\u00fcchtete-page-001-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-224\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Titelseite_LSBTI-Gefl\u00fcchtete-page-001-1-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Titelseite_LSBTI-Gefl\u00fcchtete-page-001-1-212x300.jpg 212w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Titelseite_LSBTI-Gefl\u00fcchtete-page-001-1-768x1086.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Titelseite_LSBTI-Gefl\u00fcchtete-page-001-1-724x1024.jpg 724w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Titelseite_LSBTI-Gefl\u00fcchtete-page-001-1-624x883.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Zielgruppe der Gefl\u00fcchteten mit LSBTI-Hintergrund hat seit Beginn der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 kaum wissenschaftliche und mediale Aufmerksamkeit erfahren. Wer sich nicht selbst im Kontext von LSBTI-bezogenen Themen aufh\u00e4lt und mit ihnen arbeitet, erf\u00e4hrt durch die t\u00e4gliche Berichterstattung nur selten etwas \u00fcber diese Randgruppe. Dementsprechend gibt es bisher nur wenig Literatur und Forschung bez\u00fcglich des Themas.<\/p>\n<p>Inzwischen ver\u00f6ffentlichen LSBTI-Organisationen und Dachverb\u00e4nde stetig Berichte, Handreichungen und Politikempfehlungen und steigern damit die \u00f6ffentliche Wahrnehmung auf das Thema. Die Ver\u00f6ffentlichungen helfen, die Belange dieser besonders schutzbed\u00fcrftigen Gruppe pr\u00e4senter zu machen, Einblicke in die Problemlagen der \u201edoppelt Diskriminierten\u201c zu geben und politische Empfehlungen und Sensibilisierungsma\u00dfnahmen auszusprechen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Da nicht jeder LSBTI-Gefl\u00fcchtete die eigene sexuelle Identit\u00e4t einzuordnen wei\u00df oder sich nicht \u00fcberwinden kann, sie den \u00c4mtern, Organisationen, Besch\u00e4ftigten der Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnfte und Ehrenamtlichen mitzuteilen, ist die Zahl derer, die fliehen und eine nicht-heterosexuelle Orientierung haben, kaum sch\u00e4tzbar. Es wird davon ausgegangen, dass ca. f\u00fcnf Prozent der Gefl\u00fcchteten sich als LSBTI einstufen lassen (Arbeiter-Samariter-Bund NRW e.V. 2016: 5). Der Gro\u00dfteil der LSBTI-Gefl\u00fcchteten kommt aus Herkunftsl\u00e4ndern, in denen sie aufgrund ihrer sexuellen Identit\u00e4t missachtet und verfolgt werden. Dementsprechend hoch ist die H\u00fcrde, ihre sexuelle Identit\u00e4t im Ankunftsland preiszugeben. Anders als in Deutschland, wo Homosexualit\u00e4t und Transgeschlechtlichkeit offen gelebt werden darf und es den rechtlichen Status einer eingetragenen Lebenspartnerschaft gibt, existiert in 76 Staaten immer noch das homophobe Strafrecht. Im Iran, in Jemen, Mauretanien, Saudi-Arabien, dem Sudan und Teilen von Nigeria und Somalia steht auf homosexuelle Handlungen sogar die Todesstrafe (ebd.: 40).<\/p>\n<p>Um in Deutschland Asyl gew\u00e4hrleistet zu bekommen, m\u00fcssen die LSBTI-Gefl\u00fcchteten in ihrer Anh\u00f6rung beim Bundesministerium f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge (BAMF) glaubhaft machen k\u00f6nnen, dass sie eine lesbische, schwule, bisexuelle oder transsexuelle Identit\u00e4t in sich tragen und sich (auch) deshalb in ihrem Heimatland nicht mehr sicher f\u00fchlen. Haben sich die LSBTI-Gefl\u00fcchteten in ihrer ersten Anh\u00f6rung nicht getraut ihre sexuelle Identit\u00e4t preiszugeben, war es bis zum Herbst 2014 noch m\u00f6glich, ein sp\u00e4teres Outing als unglaubw\u00fcrdig anzusehen und ihnen deshalb kein Asyl zu gew\u00e4hren. Dieses Gesetz \u00e4nderte der Europ\u00e4ische Gerichtshof (EuGH) 2014, da sich ein sofortiges Outing der LSBTI-Gefl\u00fcchteten als nicht zumutbar erwies. Ebenso durfte seit der Gesetzes\u00e4nderung keine \u201ew\u00fcrdeverletzende Ausforschung\u201c (BLSB, 2016: 4) im Sinne der Schilderung sexueller Praktiken, dem Zeigen intimer Fotos und Videos oder der Durchf\u00fchrung medizinischer Tests, betrieben werden. Eine weitere Erschwernis w\u00e4hrend der ersten Anh\u00f6rungen kommt hinzu, wenn die herangezogenen Dolmetscher des BAMFs die LSBTI-Belange inad\u00e4quat \u00fcbersetzen oder sich weigern, sexuelle Details der Gefl\u00fcchteten wiederzugeben. Im Falle dessen k\u00f6nnen die LSBTI-Gefl\u00fcchteten einen eigenen Dolmetscher anbieten, sich das Gespr\u00e4chsprotokoll r\u00fcck\u00fcbersetzen oder sich von einer Begleitperson unterst\u00fctzen lassen, die sich rechtlich f\u00fcr sie einsetzen kann (ebd.: 13).<\/p>\n<p>Die Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung und geschlechtlichen Identit\u00e4t ist mittlerweile ein anerkannter Asylgrund im Grundgesetz. Dennoch war es bis 2013 die Regel, dass deutsche Beh\u00f6rden und Verwaltungsgerichte daf\u00fcr pl\u00e4dierten, die LSBTI-Gefl\u00fcchteten in ihr Herkunftsland zur\u00fcckzuweisen mit der Empfehlung, ihre Sexualit\u00e4t unter Geheimhaltung zu lassen. Auch dieses Vorgehen kippte der Europ\u00e4ische Gerichtshof 2013 (ebd.).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der ersten (maximal) sechs Monate sind die LSBTI-Gefl\u00fcchteten in Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht. Nicht selten werden sie dort und in folgenden Unterbringungen mit ihrer sexuellen Identit\u00e4t konfrontiert und gedem\u00fctigt. Im Zusammenleben mit anderen, meist patriarchal und stark religi\u00f6s gepr\u00e4gten Kulturkreisen kann es dann zu Konflikten, Gewalttaten und sexuellen \u00dcbergriffen gegen die LSBTI-Gefl\u00fcchteten kommen. Auch die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden, sowie das Sicherheitspersonal in den Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnften d\u00fcrfen keine homophoben Handlungen gegen die LSBTI-Gefl\u00fcchteten zulassen und sollten \u2013 laut Forderungen von LSBTI-Organisationen \u2013 selbst als Vorbild fungieren. Hierf\u00fcr werden zunehmend Sensibilisierungsma\u00dfnahmen in den Unterk\u00fcnften angeboten. Aufgrund der steigenden Zahl von \u00dcbergriffen auf die LSBTI-Gefl\u00fcchteten wurden sie im Mai 2016 als besonders schutzbed\u00fcrftig eingestuft und \u2013 je nach M\u00f6glichkeit der Kommune \u2013 in speziellen LSBTI-Unterk\u00fcnften untergebracht (ebd.: 21).<\/p>\n<p>Die aufgez\u00e4hlten Problematiken strapazieren neben den Gefl\u00fcchteten auch die ehren- und hauptamtlichen Mitarbeitenden, die in Fl\u00fcchtlingskontexten arbeiten und vorher vielleicht noch nie in Kontakt mit dem Thema LSBTI gekommen sind. Neben den bereits erw\u00e4hnten Handreichungen einzelner LSBTI-Verb\u00e4nde, ver\u00f6ffentlichte das Fl\u00fcchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) ein umfassendes Trainingspaket zur Aufkl\u00e4rung und Sensibilisierung f\u00fcr das Thema (hier: <a href=\"http:\/\/www.unhcrexchange.org\/topics\/15810\">http:\/\/www.unhcrexchange.org\/topics\/15810<\/a>).<\/p>\n<p>Ein wesentlich kleinteiligerer, auf ausgew\u00e4hlte NRW-Kommunen beschr\u00e4nkter Blick auf die Herausforderungen in der Arbeit mit LSBTI-Gefl\u00fcchteten bietet der vorliegende Beitrag. Er zeigt anhand von Interviews mit ehrenamtlich Helfenden und LSBTI-Organisationen, mit welchen Schwierigkeiten die Mitarbeitenden aus LSBTI-Netzwerken und Vereinen zu k\u00e4mpfen haben und welche L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge gemacht werden, um den Gefl\u00fcchteten einen sicheren Ort f\u00fcr ihre sexuelle Identit\u00e4t geben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Forschung f\u00fchrten wir im Zeitraum von Ende Juli bis Anfang September 2016 insgesamt sechs Interviews mit ehren- und hauptamtlich Helfenden der LSBTI-Arbeit. In den ca. 60-min\u00fctigen Interviews sprachen wir mit Personen, die selbst schwul oder lesbisch sind und deshalb einen pers\u00f6nlichen Bezug zum Thema LSBTI haben. Drei der Interviews f\u00fchrten wir mit ehrenamtlich Helfenden, die sich in losen Netzwerken f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von LSBTI-Gefl\u00fcchteten einsetzen. Einer von ihnen lebt in K\u00f6ln und engagiert sich in einer Initiative, die sich f\u00fcr die Belange und die Vernetzung von LSBTI-Gefl\u00fcchteten einsetzt. Er selbst teilt schon ein zweites Mal seinen Wohnraum mit einem schwulen Gefl\u00fcchteten und unterst\u00fctzt ihn bei allt\u00e4glichen Aufgaben. Die zwei weiteren Ehrenamtlichen sind aktive Mitglieder einer ca. 100-k\u00f6pfigen Facebook-Gruppe zur Unterst\u00fctzung LSBTI-Gefl\u00fcchteter in Dortmund. Sie betreuen Einzelpersonen und Paare bei Amts- und Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen, sorgen sich um die Teilhabe der Gefl\u00fcchteten im deutschen Bildungssystem, helfen ihnen bei der Suche nach sicherem Wohnraum und verbringen ihre Freizeit mit ihnen.<\/p>\n<p>Die drei hauptamtlich Helfenden arbeiten in LSBTI-Organisationen, deren Beratungs- und Unterst\u00fctzungsangebot sich nach und nach auf LSBTI-Gefl\u00fcchtete ausgeweitet hat. Die Bochumer Beratungsstelle hat ein w\u00f6chentlich stattfindendes Angebot f\u00fcr LSBTI-Gefl\u00fcchtete zwischen 14 und 27 Jahren eingerichtet. Der Treff bietet einen gesch\u00fctzten Raum zum Austausch, f\u00fcr Freizeitaktivit\u00e4ten und die Vernetzung der Gefl\u00fcchteten untereinander. \u00c4hnliches bietet die M\u00fclheimer Beratungseinrichtung an. In einem mehrmals w\u00f6chentlich ge\u00f6ffneten Jugendcaf\u00e9 oder in pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4chen k\u00f6nnen sich die LSBTI-Gefl\u00fcchteten den Hauptamtlichen anvertrauen und neue Kontakte zur LSBTI-Community kn\u00fcpfen. Das D\u00fcsseldorfer Jugendzentrum f\u00fcr LSBTI betreut ebenfalls gefl\u00fcchtete Jugendliche, die sich einer nicht-heterosexuellen Identit\u00e4t zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. In dem Jugendzentrum k\u00f6nnen die jungen Erwachsenen das pers\u00f6nliche Gespr\u00e4ch mit den Hauptamtlichen suchen, aber auch einfach an den vielen Veranstaltungen, Festen und Aktivit\u00e4ten des Jugendzentrums teilnehmen.<\/p>\n<p>Der nachfolgende Beitrag gliedert sich in vier Unterthemen auf. Diese orientieren sich an inhaltlichen Schwerpunkten, die in den Interviews besonders stark gemacht wurden und uns Antworten auf die Forschungsfrage \u201eWelche Herausforderungen entstehen in der ehren- und hauptamtlichen Arbeit mit LSBTI-Gefl\u00fcchteten?\u201c geben. Im Unterthema <a href=\"#Un\"><em>Die Unsichtbaren <\/em><\/a>wird sich dem Problem der Erreichbarkeit der versteckt lebenden LSBTI-Gruppe gewidmet. Es werden u.a. die Frauen als \u201edoppelt unsichtbare\u201c Gruppe betrachtet und Empfehlungen gegeben, wie Mitarbeitende von Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnften den \u201eUnsichtbaren\u201c Orientierung geben und Hilfe leisten k\u00f6nnen. Im n\u00e4chsten Abschnitt wird <em>Das <a href=\"#Ne\">starke Netzwerk<\/a><\/em> der LSBTI-Organisationen und -vereine, aber auch der Gefl\u00fcchteten untereinander betrachtet. Es werden die Vorteile der kommunalen Vernetzung des LSBTI-Netzwerks pr\u00e4sentiert, die zeigen, dass das NRW-Netzwerk in seiner Unterst\u00fctzungsarbeit f\u00fcr LSBTI-Gefl\u00fcchtete gut aufgestellt ist. Im weiteren Verlauf des Beitrags wird sich dem Thema der LSBTI-Gefl\u00fcchteten als <a href=\"#Id\"><em>Die Identit\u00e4tssuchenden<\/em><\/a> zugewendet. Hier wird sich, ankn\u00fcpfend an das erste Thema der (Un)sichtbarmachung ihrer Identit\u00e4t, mit Fragen zur Identit\u00e4tsfindung im Heimatland und im Ankunftsland Deutschland besch\u00e4ftigt. Unter dem Blickwinkel der Intersektionalit\u00e4tstheorie widmet sich das letzte Unterthema den <a href=\"#Dd\"><em>Doppelt-Diskriminierten<\/em><\/a> und ihren \u2013 in mehrfacher Hinsicht \u2013 erfahrenen Benachteiligungen.<\/p>\n<p><strong><a id=\"Un\"><\/a>Die Unsichtbaren<\/strong><\/p>\n<p>Die (Un)sichtbarkeit von LSBTI-Gefl\u00fcchteten offenbart sich in einem st\u00e4ndigen Konflikt, dem die Gefl\u00fcchteten ausgesetzt sind. Zum einen kann ihnen mit der Offenlegung ihrer Sexualit\u00e4t ein sicheres Asyl und ein besonderer Schutzraum gew\u00e4hrleistet werden. Zum anderen werden sie dadurch auch angreifbar f\u00fcr Anfeindungen aus einer heteronormativen Gesellschaft \u2013 sei es durch \u00dcbergriffe ihrer eigenen Landsleute in den Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnften oder durch homophob eingestellte Besch\u00e4ftigte in den \u00c4mtern und Beh\u00f6rden. Bei Sichtbarmachung ihrer Sexualit\u00e4t k\u00f6nnen sie mit Unterst\u00fctzung durch entsprechende Hilfsorganisationen und -vereine rechnen, m\u00fcssen aber zu oft auch diskriminierende Situationen in homophoben Umgebungen aushalten.<\/p>\n<p>Bei beabsichtigter oder unbeabsichtigter Sichtbarmachung ihrer sexuellen Identit\u00e4t k\u00f6nnen Misshandlungen in den Wohnunterk\u00fcnften die Folge sein. Diese erg\u00e4nzen oft die traumatischen Erlebnisse, die den Gefl\u00fcchteten in ihrem Herkunftsland widerfahren sind. Eine Interviewte berichtet: \u201eAlso ich habe ehrlich gesagt noch niemanden aus dem Camp geh\u00f6rt, der gesagt hat: \u201aIch habe mich geoutet. Das war \u00fcberhaupt kein Problem.\u2018\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Die Sichtbarmachung ihrer Identit\u00e4t hat an diesem Punkt ihre gr\u00f6\u00dfte Negativauswirkung. Auf die Problematik der LSBTI-Gefl\u00fcchteten in den Wohnunterk\u00fcnften soll im Teil <em>Die Doppelt-Diskriminierten<\/em> n\u00e4her eingegangen werden.<\/p>\n<p>Um den Gefl\u00fcchteten zu helfen, ihre sexuelle Identit\u00e4t sichtbar zu machen, betonen alle Interviewten die Wichtigkeit, den LSBTI-Gefl\u00fcchteten zu zeigen, dass sie in Deutschland und der jeweiligen Kommune offen mit ihrer sexuellen und geschlechtlichen Identit\u00e4t umgehen d\u00fcrfen. Dazu geh\u00f6re als wichtigste Aufgabe die Sensibilisierung der Besch\u00e4ftigten und Ehrenamtlichen in den Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnften. Seien es Regenbogenflaggen in den B\u00fcros der Besch\u00e4ftigten oder Buttons auf ihrer Kleidung, die zeigen \u201eLSBTI* welcome\u201c &#8211; um zu verdeutlichen, dass sich die LSBTI-Gefl\u00fcchteten in ihrer Einrichtung an die Besch\u00e4ftigten wenden k\u00f6nnen. Denn Symbole sind wichtig: \u201eDass sie Symbole daf\u00fcr haben, dass sie eine Sprache haben. Dass sie sagen: \u201aEy, wir sind daf\u00fcr offen.\u2018 Und sind es dann aber auch. Das ist wichtig, ne? Also das Schlimmste ist ja: H\u00e4ngst eine Regenbogenflagge auf und wenn jemand kommt, wei\u00dfte dann nicht wo, was du da machen sollst. [\u2026] Diese Person wird sich vielleicht nie wieder trauen irgendwo anzufragen.\u201c (ebd.) \u201eEs ist so ein kleines Symbol, damit sag ich jemandem, den das betrifft: \u201aHallo, ich bin ansprechbar.\u2018 Ich sag aber auch, selbst wenn es den anderen nicht betrifft: \u201aHallo, das geh\u00f6rt zu unserem Land, [\u2026] das geh\u00f6rt zu unserer Kultur. [\u2026] Wir als Einrichtung, wir stehen dazu.\u2018\u201c (ebd.) Dass die Sensibilisierungsworkshops f\u00fcr die Mitarbeitenden der Einrichtungen eine weitere, \u00fcberfordernde Aufgabe sein kann, erkennen die LSBTI-Organisationen (ebd.). Dennoch sei es wichtig, die Mitarbeitenden der Gefl\u00fcchteten-Unterk\u00fcnfte als wichtige Multiplikatoren miteinzubeziehen. \u00dcber sie k\u00f6nnen die LSBTI-Gefl\u00fcchteten an jeweilige LSBTI-Organisationen, -vereine und ehrenamtlich Helfende vermittelt werden.<\/p>\n<p>Ist der homo- oder transsexuelle Gefl\u00fcchtete in einem weiteren Schritt bereit, sich einer LSBTI-Organisation oder einem Ehrenamtlichen zuzuwenden, kann ihm viel Unterst\u00fctzung versprochen werden. Daf\u00fcr braucht es zuerst jedoch Vertrauensarbeit. Ihre sexuelle Identit\u00e4t einer fremden Person anzuvertrauen ist f\u00fcr die meisten Gefl\u00fcchteten eine gro\u00dfe \u00dcberwindung, da sie diesen Teil ihrer Identit\u00e4t bisher selten oder nie sichtbar machten \u2013 aus Angst vor negativen Konsequenzen. Teilweise kann ein erster schriftlicher Kontakt helfen, um sich langsam dem jeweiligen ehrenamtlich oder hauptamtlich Helfenden zu \u00f6ffnen. Ein D\u00fcsseldorfer Jugendzentrum bietet den Jugendlichen deshalb an, erste Fragen und Unsicherheiten per Email zu kl\u00e4ren. Dann kann es immer noch der Fall sein, dass bis zu 30 Mails ausgetauscht werden und die Jugendlichen sich dennoch nicht trauen, pers\u00f6nlich im Jugendzentrum vorbeizuschauen. Da die LSBTI-Gefl\u00fcchteten f\u00fcr die helfenden Organisationen, Vereine und ehrenamtlich Helfenden aber nicht sichtbar sind, k\u00f6nnen diese nur als Anlaufstelle f\u00fcr die schutzbed\u00fcrftige Gruppe fungieren. Aufgesucht werden m\u00fcssen sie von den Gefl\u00fcchteten selber.<\/p>\n<p>Nach Herstellung des Erstkontakts, kann der LSBTI-Gefl\u00fcchtete verschiedene Wege gehen, um sich einer neuen \u201eCommunity\u201c zuzuwenden und seine sexuelle Identit\u00e4t jemandem mitzuteilen. Das k\u00f6nnen die schon erw\u00e4hnten pers\u00f6nlichen Beratungsgespr\u00e4che mit Ansprechpartnern einer LSBTI-Organisation sein oder niedrigschwellige Angebote wie offene LSBTI-Caf\u00e9s und Treffs, in denen andere Jugendliche und Erwachsene mit LSBTI-Hintergrund regelm\u00e4\u00dfig zusammenfinden. \u201eMenschen brauchen diese R\u00fcckzugsorte, in denen sie einfach mal nicht komisch angeguckt werden.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Auf die Haupt- und Ehrenamtlichen als unterst\u00fctzende Kraft bei der Identit\u00e4tssuche der Gefl\u00fcchteten soll im Abschnitt <em>Die Identit\u00e4tssuchenden <\/em>n\u00e4her eingegangen werden.<\/p>\n<p>Diese R\u00fcckzugsorte, so sind sich alle Interviewten einig, sollten im ersten Schritt auch sichere Wohnunterk\u00fcnfte sein. Einige Ehrenamtliche und Besch\u00e4ftigte aus LSBTI-Organisationen fordern gesch\u00fctzte Unterbringungen nur f\u00fcr LSBTI-Gefl\u00fcchtete. Das k\u00f6nnten beispielsweise staatlich gef\u00f6rderte Wohngruppen sein (ebd.), deren Adressen zum Schutz der Gefl\u00fcchteten anonym gehalten werden. Dieses Modell ist aber nicht in jeder Kommune umsetzbar. So erz\u00e4hlt ein Ehrenamtlicher \u2013 er selbst hat in seiner K\u00f6lner Wohnung schon zwei homosexuelle Gefl\u00fcchtete aufgenommen \u2013 dass der knappe Wohnraum in K\u00f6ln ein gro\u00dfes Problem sei (Interview K\u00f6ln 16.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete). Ebenso sieht er in einer Gemeinschaftsunterkunft der LSBTI-Gefl\u00fcchteten nicht die beste L\u00f6sung: \u201eWir haben hier im Einvernehmen mit der Stadt K\u00f6ln [\u2026] das Konzept der dezentralen Unterbringung. Weil so die Ghettobildung vermieden werden soll, denke ich. Und man ist nicht angreifbar. Man ist nicht sichtbar als Gruppe f\u00fcr gegebenenfalls Anschl\u00e4ge von Rechts oder aus der islamistischen Ecke.\u201c (ebd.) Ein anderer Ehrenamtlicher aus Dortmund half einem homosexuellen Paar bei der Wohnungssuche. Als er dem Vermieter erkl\u00e4ren musste, warum er die Wohnung f\u00fcr die beiden M\u00e4nner haben wolle, kam es zum Fremdouting: \u201eIch muss dann halt abw\u00e4gen. Wollen die jetzt raus aus der Schei\u00dfe der Erstaufnahmeeinrichtung [\u2026], wollen sie jetzt in Frieden dann irgendwo leben? Dann entscheiden wir uns dann doch f\u00fcr das in Frieden irgendwo leben. Trotz des Outens.\u201c (Interview Dortmund1 22.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Die Sichtbarmachung der Identit\u00e4t der LSBTI-Gefl\u00fcchteten ist immer ein Wagnis. Doch oft kann es ihnen helfen und ihre pers\u00f6nliche Lage verbessern.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es Gefl\u00fcchtete, die die besondere Unterst\u00fctzung und den sicheren Asylanspruch f\u00fcr sich nutzen, ohne eine homo- oder transsexuelle Identit\u00e4t in sich zu tragen. Diesen Betrugsversuchen sind auch die Ehrenamtlichen ausgesetzt, wie einer der Interviewten berichtet. Er selbst findet jedoch Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lage der Gefl\u00fcchteten: \u201e[\u2026] wenn ich selber in einer Situation w\u00e4re, wenn ich w\u00fcsste, ich suche einen Weg, um nicht dahin zur\u00fcckzukehren, wo ich nicht hinm\u00f6chte, versuch ich nat\u00fcrlich verschiedene Wege aufzumachen.\u201c (Interview Dortmund2 07.09.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Ebenso argumentiert er, w\u00fcrde er den Betrugsversuch irgendwann bemerken: \u201e[\u2026] ich denke, das versuchen viele, aber das halten sie nicht durch [\u2026]. (ebd.) Ein schwules P\u00e4rchen, welches der Ehrenamtliche betreut, sei immer noch vorsichtig beim Sichtbarmachen ihrer Sexualit\u00e4t: \u201e[\u2026] die sind sehr vorsichtig, weil die das einfach nicht gew\u00f6hnt sind, aber wenn sie dann doch mal nicht beobachtet werden [\u2026], dann gibt\u2019s auch Z\u00e4rtlichkeiten. Auch wenn sie denken, ich sehe es nicht. [\u2026] wenn der das inszenieren w\u00fcrde, der w\u00fcrde das immer nur auff\u00e4llig zeigen, aber nicht, wenn keiner es sieht. (ebd.) An diesem Beispiel zeigt sich, wie mit der absichtlichen Sichtbarmachung einer LSBTI-Identit\u00e4t gespielt werden und sie f\u00fcr pers\u00f6nlichen Vorteil ausgenutzt werden kann.<\/p>\n<p>Eine Personengruppe, die \u00fcberwiegend unsichtbar bleibt und die aufzusuchenden Stellen der LSBTI-Organisationen und -vereine kaum nutzt, sind gefl\u00fcchtete lesbische Frauen. Im Vergleich zu m\u00e4nnlichen homo- oder transsexuellen Gefl\u00fcchteten gelten sie als doppelt unsichtbar. Ein Grund, weshalb sie in den offenen Treffs und Beratungseinrichtungen kaum vertreten sind, h\u00e4ngt zum einen damit zusammen, dass sie prozentual weniger im Fl\u00fcchtlingsstrom nach Deutschland gekommen sind als M\u00e4nner. Zum anderen wurden die meisten von ihnen fr\u00fch zwangsverheiratet und leben in famili\u00e4r konservativen Strukturen, die es ihnen schwermachen, sich zu einer nicht heterosexuellen Identit\u00e4t zu bekennen. Eine Interviewte erz\u00e4hlt, dass es f\u00fcr manche Frauen sogar ein Gl\u00fcck sei, wenn ihre Familie in anderen Regionen untergebracht sei und sie nun die Chance bekommen w\u00fcrden, ihre eigentliche Sexualit\u00e4t auszuleben: \u201eDie Familien sind irgendwo anders gelandet, in anderen L\u00e4ndern. Und die k\u00f6nnen hier frei leben. Aber sobald die Familien mit hier leben, w\u00fcrde das auch f\u00fcr die [Frauen] wieder einen Umschwung bedeuten.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Ein Interviewter des Jugendzentrums merkt an, dass die Gruppe schutzbed\u00fcrftiger lesbischer Frauen untersch\u00e4tzt werde und sie zu wenig in den Fokus ger\u00fcckt werden w\u00fcrde. Gleichzeitig sieht er aber auch, dass lesbische Frauen noch weniger sichtbar seien als schwule oder transsexuelle M\u00e4nner: \u201eUnd ich glaube, das ist auch genau das Problem bei den lesbischen Frauen. Dass man halt keine so erkennbaren Zeichen bekommt, dass sie lesbisch sind. [\u2026] Und deswegen ist es auch schwierig zu erkennen. Also wenn du selbst nicht aktiv bist und nach Anlaufstellen suchst f\u00fcr Homosexuelle, dann findest du vielleicht auch nicht die, aber ich glaube halt also bei manchen Menschen kann man das schon sehen oder vielleicht, dass man das vermuten k\u00f6nnte. Das k\u00f6nnte ein Thema f\u00fcr ihn oder sie sein. Und dann kann man [\u2026] das schon erleichtern, dass die Leute vielleicht hierhin gewiesen werden oder dass die hierhin finden. Auch zu dem Verhalten, das was [man] hier dann \u00e4ndern kann ist halt, dass du das erste Mal in deinem Leben andere Homosexuelle siehst oder auch Transsexuelle siehst und verstehst vielleicht viel mehr, was du eigentlich sein k\u00f6nntest in deinem Leben. Wie du dich kleiden kannst und darfst oder wie du dein Leben gestalten kannst, wenn du willst.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Solch wirksame Selbsterkenntnisse k\u00f6nnen Frauen aber nur dann erfahren, wenn sie einer Vertrauensperson ihre sexuelle Identit\u00e4t anvertrauen. Und f\u00fcr diesen Schritt bedarf es oft mehr Mut und Losl\u00f6sekraft aus der Familie als bei homo- oder transsexuellen M\u00e4nnern.<\/p>\n<p><strong><a id=\"Ne\"><\/a>Das starke Netzwerk<\/strong><\/p>\n<p>Das Netzwerk der Organisationen, die sich in ihrer Arbeit mit lesbischen, schwulen, bi- und transsexuellen Gefl\u00fcchteten auseinandersetzen, ist sehr engmaschig und pers\u00f6nlich. In jedem der Interviews wurde die gute Vernetzung und Absprache der LSBTI-Organisationen und Ehrenamtlichen untereinander betont. Durch kurze Kommunikationswege innerhalb des Netzwerks k\u00f6nnen beispielsweise LSBTI-Gefl\u00fcchtete zu unterschiedlichen Beratungsstellen \u00fcbermittelt, gemeinsame Demonstrationen veranstaltet und anstehende Probleme in der LSBTI-Arbeit in Zusammenarbeit angegangen werden. Beispielhaft hierzu erz\u00e4hlt ein Ehrenamtlicher aus Dortmund von der dortigen guten Netzwerkarbeit. Als er im Urlaub gewesen sei und f\u00fcr die von ihm betreuten LSBTI-Gefl\u00fcchteten nicht erreichbar sein konnte, wusste er sie sofort in sichere H\u00e4nde zu geben: \u201eUnd das ist das Gute, dass es das Netzwerk gibt hier in Dortmund, dass man sagt: \u201aOkay, k\u00f6nnt ihr diese Aufgabe f\u00fcr diesen Zeitpunkt \u00fcbernehmen?\u2018\u201c (Interview Dortmund2 07.09.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Besonders die lose organisierten LSBTI-Gruppen, die gr\u00f6\u00dftenteils aus Ehrenamtlichen bestehen, profitieren von der Arbeit im Netzwerk mit institutionell organsierten LSBTI-Einrichtungen: \u201e[\u2026] wir sind ja eine relativ kleine Gruppe, aber wir kooperieren mit den beiden gro\u00dfen Fl\u00fcchtlingsgruppen, die in Dortmund aktiv sind. [\u2026] Und wenn es irgendwie hier juristische Rechtsberatung gibt oder auch bei der Wohnraumsuche oder M\u00f6belsuche, dann kooperieren wir mit denen auch. Weil wir daf\u00fcr einfach zu klein sind.\u201c (ebd.) In der Arbeit mit LSBTI-Gefl\u00fcchteten zeigt sich, dass ein Netzwerk aus losen und fest etablierten Organisationen sehr wirksam sein und gegenseitige Unterst\u00fctzung versprechen kann.<\/p>\n<p>Der Gro\u00dfteil der LSBTI-Organisationen hat sich nicht erst im Rahmen der Fl\u00fcchtlingskrise gegr\u00fcndet, sondern hat seine schon bestehende Anlaufstelle f\u00fcr LSBTI-Personen um weitere Ma\u00dfnahmen speziell f\u00fcr LSBTI-Gefl\u00fcchtete erg\u00e4nzt. Das hat den Vorteil, dass eine institutionelle Struktur schon vorhanden und diese im kommunalen Raum etabliert ist. Den Nutzen kommunaler Verflechtungen bei bestimmten Problemlagen LSBTI-Gefl\u00fcchteter erkennt auch ein Interviewter aus D\u00fcsseldorf: \u201e[\u2026] da sind wir nat\u00fcrlich eng vernetzt mit anderen Beratungsstellen. Wenn man psychische Probleme hat, wenn man Suchtprobleme hat, wenn man [\u2026] Gewalt in der Familie oder solche F\u00e4lle [hat]. Also da sind wir eng mit \u00c4mtern, Polizei, Beratungsstellen in Kontakt, also k\u00f6nnen wir immer dann so viel versuchen.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) So zeigt sich, dass das Netzwerk nicht nur intern gut vernetzt ist, sondern auch mit anderen kommunalen Beratungsstellen und \u00c4mtern eng verkn\u00fcpft arbeitet.<\/p>\n<p>Je breiter das Netzwerk gestreut ist, desto fl\u00e4chendeckender kann kommuniziert, \u00fcber die Angebote der einzelnen LSBTI-Organisationen informiert und an sie vermittelt werden. Das zeigt auch das n\u00e4chste Beispiel, in dem das Netzwerk als Arbeitsvermittler diente, als ein Unterst\u00fctzungsangebot aus der Gesellschaft kam. Ein Interviewter aus K\u00f6ln berichtet, dass eine K\u00f6lner Modedesignerin zwei Schneider gesucht habe, woraufhin sich der Ehrenamtliche an sein Netzwerk wand: \u201eUnd da habe ich ca. 50 Institutionen in K\u00f6ln, also Caritas, AWO, [\u2026], ich habe ja so eine Liste von Fl\u00fcchtlingswillkommensinitiativen und -unterst\u00fctzungen und so weiter, und da habe ich eine Rundmail geschickt und jetzt hat sie zwei Schneider und eine Stickerin und alle sind happy und sind auch Freudentr\u00e4nen geflossen.\u201c (Interview K\u00f6ln 16.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>Nicht nur die LSBTI-Organisationen vernetzen sich untereinander und pflegen einen regelm\u00e4\u00dfigen Informationsaustausch zu kommunal wichtigen Akteuren. Auch die LSBTI-Gefl\u00fcchteten wissen sich schnell auszutauschen, sobald sie in ihrer \u201eCommunity\u201c angekommen sind: \u201eDie haben alle ein Smartphone oder ein Iphone oder irgendein Phone. Und da wird st\u00e4ndig getippt und [\u2026] da werden Tipps untereinander ausgetauscht. Die haben zur [\u2026] Schwulen-Szene haben die schnellen Kontakt. Die wissen genau wo was ist\u201c (ebd.) Durch den unverz\u00fcglichen Kontakt zur eigenen LSBTI-Community k\u00f6nnen schlie\u00dflich auch Tipps ausgetauscht und einzelne Anlaufstellen weiterempfohlen werden. Eine Interviewte erz\u00e4hlt hierzu: \u201eDie haben nat\u00fcrlich ihre eigenen Netzwerke, die sind ja super vernetzt untereinander, ne? Die bringen nat\u00fcrlich immer wieder neue Leute mit, bleiben dann aber auch selbst, ne?\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Dadurch sprechen sich einzelne Anlaufstellen der LSBTI-Organisationen rum, sodass diese immer weiterwachsen und noch mehr LSBTI-Gefl\u00fcchtete erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><a id=\"Id\"><\/a>Die Identit\u00e4tssuchenden<\/strong><\/p>\n<p>Ankn\u00fcpfend an das Thema der Unsichtbar- und Sichtbarmachung der LSBTI-Identit\u00e4t und dessen Folgen, widmet sich das n\u00e4chste Thema der Identit\u00e4tssuche der LSBTI in ihrem Heimatland und im Ankunftsland Deutschland. Dabei werden die Konflikte mit den eigenen Landsleuten und der Familie betrachtet, sowie die identit\u00e4tsf\u00f6rdernde Rolle der ehren- und hauptamtlich Helfenden herausgestellt.<\/p>\n<p>Da Homosexualit\u00e4t in den meisten Heimatl\u00e4ndern der Gefl\u00fcchteten ein Tabuthema ist, hatten die Gefl\u00fcchteten h\u00e4ufig keine Gelegenheit, ihre Sexualit\u00e4t als Teil ihrer Identit\u00e4t zu leben. F\u00fcr viele scheinen Identit\u00e4ten au\u00dferhalb der Heteronormativit\u00e4t nicht einmal im Bereich des M\u00f6glichen zu liegen. \u201eDie Selbstdefinition existiert gar nicht.\u201c (Interview Bochum 27.07.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete), sagt dazu eine Interviewpartnerin. Die Aufgabe der Ehrenamtlichen beginnt daher h\u00e4ufig erst, wenn die Menschen sich diesem Teil ihrer Identit\u00e4t bewusst sind oder im Prozess sind, sich dieser bewusst zu werden. Selbst wenn sie sich zu ihrer Homosexualit\u00e4t bekennen, ist es ein gro\u00dfer Schritt, sich zu outen \u2013 und sei es nur im gesch\u00fctzten Rahmen einer LSBTI-Organisation. \u201e[\u2026] gerade die, die bei uns dann letztlich auch landen, f\u00fcr die ist schon ihre sexuelle Identit\u00e4t ein ganz gro\u00dfes Ding [\u2026] ein ganz gro\u00dfes Thema.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Im bereits dargestellten Netzwerk der LSBTI-Organisationen haben viele der Gefl\u00fcchteten die M\u00f6glichkeit \u201ewahrscheinlich auch das erste Mal so die eigene Identit\u00e4t, zumindest diesen Teil der Identit\u00e4t [\u2026] selbstverst\u00e4ndlich zu leben.\u201c (ebd.) Ihnen bei ihrer Identit\u00e4tsfindung Unterst\u00fctzung zu leisten ist daher eine der Aufgaben, die Ehren- und Hauptamtliche erf\u00fcllen, wenn sie mit LSBTI-Gefl\u00fcchteten arbeiten. Dabei m\u00fcssen sie helfen, den Gefl\u00fcchteten LSBTI Antworten auf Fragen zu finden, die weit \u00fcber Probleme mit \u00c4mtern oder Deutschkursen hinausgehen: \u201eEinerseits \u201awer bin ich? Was mach ich hier, warum bin ich hier?\u2018 Und dann: \u201awer m\u00f6chte ich sein?\u2018\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Dabei hilft es auch, wenn sie in ein Netzwerk integriert sind, das die Organisationen bieten k\u00f6nnen. \u201eDie bekommen [\u2026] neue Freunde, neue sozialen Leben vielleicht, also andere Jugendliche, die gleich denken wie sie, die auch homosexuell oder transsexuell sind, das ist also eine \u00e4hnliche Identit\u00e4t.\u201c (ebd.), berichtet ein Interviewter, als er vom Nutzen seiner Arbeit f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten spricht. Eine andere Interviewpartnerin beschreibt die Erfahrung der Gefl\u00fcchteten, wenn sie zu einer LSBTI-Community sto\u00dfen, wie folgt: \u201e[\u2026] dass der erst mal das Gef\u00fchl haben kann: \u201aKrass! Ich sitz hier mit Leuten zusammen, die GENAUSO sind wie ich.\u2018\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>Hilfe leisten die Ehrenamtlichen h\u00e4ufig dadurch, dass sie sich als Ansprechpartner zur Verf\u00fcgung stellen und auf diese Weise Zugang zu LSBTI-relevanten Informationen liefern. So sind die Befragten durchaus schon einmal die erste Person, der von der Homosexualit\u00e4t erz\u00e4hlt wird: \u201edass sie auch noch nie mit einer anderen Person dar\u00fcber geredet haben.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Ein anderer Ehrenamtlicher teilt nicht nur seinen privaten Wohnraum mit ihnen, sondern begleitet die Gefl\u00fcchteten auch bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen, erledigt die vielen b\u00fcrokratischen Aufgaben, \u00fcbt Hobbys mit ihnen aus und zeigt ihnen die schwule K\u00f6lner Kultur- und Partyszene. Damit lebt er ihnen vor, wie selbstverst\u00e4ndlich sie ihre Identit\u00e4t sichtbar machen d\u00fcrfen und dass sie sich in ihrem Ankunftsland gut aufgehoben f\u00fchlen d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tssuche der Gefl\u00fcchteten wird von vielen Unsicherheiten begleitet. Da es in den Heimatl\u00e4ndern meist ein Tabuthema war oder es gar keinen Sexualkundeunterricht gab, haben gerade Jugendliche auch Fragen zum Thema Sex und Coming Out. Zus\u00e4tzlich k\u00e4mpfen sie mit einer fremden Kultur und ebenso fremden Gesetzen. \u201e[\u2026] da ist sicher eine gro\u00dfe Unsicherheit auch da, [\u2026], wie sind homosexuelle Menschen positioniert in [der] deutschen Gesellschaft allgemein.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) So m\u00fcssen die neu Angekommenen erst einmal erfahren k\u00f6nnen, dass sie in Deutschland mit ihrer Identit\u00e4t viel freier leben k\u00f6nnen, als in ihrem Herkunftsland: \u201eUnd dann, nachdem man alles jahrelang unterdr\u00fccken musste, ne? PENG, hier in K\u00f6ln. [\u2026] Da geht ja ALLES wunderbar.\u201c (Interview K\u00f6ln 16.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>Wichtig ist jedoch nicht nur, dass Helfende als Ansprechpartner zur Verf\u00fcgung stehen, sondern auch, in welchem Rahmen Gespr\u00e4che \u00fcber die sexuelle Identit\u00e4t der LSBTI-Gefl\u00fcchteten stattfinden k\u00f6nnen. So ist der Schutzraum ein st\u00e4ndig wiederkehrendes Motiv in allen Interviews. Damit ist in dem Fall nicht nur der gesch\u00fctzte Wohnraum gemeint, sondern auch ein Raum \u2013 meist gestellt von den LSBTI-Organisationen \u2013, in dem sich Menschen \u00f6ffnen k\u00f6nnen, ohne negative Konsequenzen zu erfahren. Besonders bei Gefl\u00fcchteten, die in Massenunterk\u00fcnften oder in einer Umgebung, in der sie gro\u00dfe Angst haben, sich zu outen, leben, ist eine solche M\u00f6glichkeit wichtig: \u201e[\u2026] die Situation in den Unterk\u00fcnften ist ja auch nicht gerade pers\u00f6nlichkeitsf\u00f6rderlich. Und dann brauchen die auch mal eine Auszeit.\u201c (Interview Bochum 27.07.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) H\u00e4ufig ist f\u00fcr sie dieser Schutzraum daher der einzige Ort, an dem sie geoutet sind. Wie schon in der Einf\u00fchrung dieses Beitrags erw\u00e4hnt, bieten die LSBTI-Organisationen deshalb Treffpunkte speziell f\u00fcr Gefl\u00fcchtete LSBTI an. Ein Interviewpartner aus D\u00fcsseldorf erz\u00e4hlt, dass sein Jugendzentrum gesonderte Treffen f\u00fcr einen intensiveren Austausch anbietet: \u201e[\u2026] in diesem kleinen Raum, wo man auch gesch\u00fctzter ist, also da hat man keine Fenster direkt.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Der hier beschriebene Raum ist so gesch\u00fctzt, dass er keinerlei Einsichten von au\u00dfen zul\u00e4sst. Gestaltet wurde er von den LSBTI-Jugendlichen, sodass diese sich in den Gespr\u00e4chssituationen m\u00f6glichst wohl f\u00fchlen k\u00f6nnen. \u201e[\u2026] ich bin sehr gl\u00fccklich, dass wir diesen Raum in diesem Zentrum hier haben, um einen Schutzraum f\u00fcr homosexuelle und transsexuelle Jugendliche zu haben, wo sie ohne Diskriminierung leben k\u00f6nnen.\u201c (ebd.) Auch die Interviewpartnerin aus M\u00fclheim betont die Wichtigkeit eines solchen Angebots: \u201e[\u2026] dass diese Menschen hier einfach einen guten Ort f\u00fcr sich brauchen. Und ich eine von UNGLAUBLICH vielen sein m\u00f6chte, die [\u2026] den Ort schafft oder bietet und ihnen diesen Raum gibt.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p><strong><a id=\"Dd\"><\/a>Die Doppelt-Diskriminierten<\/strong><\/p>\n<p>Im Folgenden werden Situationen beschrieben, in denen die LSBTI-Gefl\u00fcchteten au\u00dferhalb der genannten Schutzr\u00e4ume sind und Diskriminierungen widerfahren, denen sie sich nur schwer zu widersetzen wissen. Theoretisch erkl\u00e4rt werden die pers\u00f6nlichen Diskriminierungserfahrungen mit der Theorie der Intersektionalit\u00e4t. Nach dieser sind Individuen nicht mehr anhand einer Zugeh\u00f6rigkeit klassifizierbar, zum Beispiel dem Status als Asylsuchender. Stattdessen wird bei diesem Ansatz multiple Diskriminierung in den Fokus genommen. Dabei wird von einer Interdependenz der sozialen Zugeh\u00f6rigkeit und der daraus folgenden Benachteiligung ausgegangen. Die Theorie ist deshalb f\u00fcr unsere Forschung interessant, da LSBTI-Gefl\u00fcchtete andere Diskriminierungserfahrungen machen und Benachteiligungen erfahren, als Gefl\u00fcchtete, die nicht zu dieser Gruppe geh\u00f6ren. Ein Ehrenamtlicher beschreibt die psychische Belastung (Zur psychologischen Betreuung von Gefl\u00fcchteten vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=102\">Psychologische Betreuung Gefl\u00fcchteter<\/a>), der von ihm betreuten homosexuellen Gefl\u00fcchteten im Vergleich mit anderen, folgenderma\u00dfen: \u201eDie haben [\u2026] h\u00e4ufiger noch Nervenzusammenbr\u00fcche, die haben h\u00e4ufiger noch schlimmere traumatische Erfahrungen zu verarbeiten. Die jetzt [\u2026] obendrauf auf das Fluchterlebnis oder auf die Verfolgung in ihren Heimatl\u00e4ndern drauf kommt.\u201c (Interview Dortmund1 22.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>F\u00fcr viele war die Verfolgung, die sie aufgrund ihrer Sexualit\u00e4t oder Geschlechtsidentit\u00e4t in ihrem Heimatland erfahren haben, bereits ein Fluchtgrund. Ein Interviewpartner aus Dortmund erz\u00e4hlt, sie seien \u201ezwar auf der einen Seite [\u2026] aus B\u00fcrgerkriegsgr\u00fcnden gekommen [\u2026], aber auch gleichzeitig [\u2026] aufgrund ihrer Homosexualit\u00e4t in diesen islamischen L\u00e4ndern [\u2026] sehr starken Restriktionen ausgesetzt.\u201c (Interview Dortmund2 07.09.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Er betreut ein Paar aus Albanien, das gefl\u00fcchtet ist, nachdem es auf der Arbeit beim K\u00fcssen erwischt wurde: \u201e[\u2026] und die Familien haben dann dort [\u2026], auch Br\u00fcder haben gedroht, wenn das wirklich stimmen w\u00fcrde, w\u00fcrden sie die umbringen.\u201c (ebd.)<\/p>\n<p>Doch auch in Deutschland angekommen, haben die Gefl\u00fcchteten LSBTI mit weiterer Diskriminierung zu k\u00e4mpfen. Viele von ihnen leben auf engstem Raum mit Gefl\u00fcchteten, von denen weitere Diskriminierungshandlungen ausgehen k\u00f6nnen. Eine Interviewte erkl\u00e4rt den Standpunkt der Gefl\u00fcchteten LSBTI: \u201eWenn ich aus meinem Land fl\u00fcchte, weil ich mit [\u2026] Menschen, die mich dort umgeben, die mit mir, so wie ich bin, nicht klarkommen, und ich lande hier mit denselben Leuten wieder im Zimmer, im schlimmsten Fall.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Ein Interviewpartner aus Dortmund erz\u00e4hlt, dass die Gefl\u00fcchteten nach ihrer Ankunft \u201edann letzten Endes erstmal in ihre homophobe Umgebung in der Fl\u00fcchtlingsunterkunft gesteckt worden sind.\u201c (Interview Dortmund1 22.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) \u201e[\u2026] solange du noch in der Unterkunft bist, bist du gef\u00e4hrdet!\u201c (Interview Bochum 27.07.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete), fasst eine Interviewte aus Bochum zusammen. F\u00fcr die Ehren- und Hauptamtlichen ist es daher wichtig, festzustellen, ob sich die von ihnen Betreuten in einer sicheren Wohnumgebung befinden. \u201e[\u2026] gerade auch gegen\u00fcber Landsleuten, die sie nicht kennen, \u00f6ffnen sie sich nicht [\u2026]. Manche, die so mehr in Richtung Transgender gehen, bei denen ist es nicht zu \u00fcbersehen. Die werden dann auch in den Heimen sehr angefeindet. Bis hin zu k\u00f6rperlichen Angriffen, \u00dcbergriffen, [\u2026] Vergewaltigungsversuchen.\u201c (Interview K\u00f6ln 16.\u00df8.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete), erz\u00e4hlt ein Ehrenamtlicher. Wie bereits im Abschnitt <em>Die Unsichtbaren<\/em> angerissen, ist auch f\u00fcr ihn die Frage nach sicherem Wohnen ein gro\u00dfes Thema. Der Wohnraum ist knapp und um aus der homophoben Umgebung in der Gefl\u00fcchteten-Unterkunft herauszukommen, m\u00fcssen sich die Betroffenen h\u00e4ufig outen, wozu viele nicht bereit sind. Auch das stellt die Helfenden vor Probleme: \u201eDas ist ein Eiertanz, der f\u00fcr mich auch teilweise extrem stressig ist.\u201c (Interview Dortmund1 22.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete), sagt ein Ehrenamtlicher, als es darum geht, ob er seine Sch\u00fctzlinge outet, um ihnen ein besseres Leben zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Weitere Diskriminierungen k\u00f6nnen die LSBTI auch aus dem Netzwerk, das unter den Gefl\u00fcchteten besteht, erfahren. Auch dieses kann ein Unsicherheitsfaktor sein. Wei\u00df einmal jemand aus ihrem Umfeld \u00fcber ihre Sexualit\u00e4t Bescheid, spricht sich das schnell herum, vertraut uns ein Interviewpartner nach Beenden der Aufnahme an. \u201eSie haben eigentlich Angst vor ihren eigenen Landsleuten.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Da es jedoch schwierig ist, Gefl\u00fcchtete in einer eigenen Wohnung unterzubringen, bezahlt einer der Ehrenamtlicher aus Dortmund auch schon mal die Miete: \u201eUnd das endet letzten Endes [\u2026] auch bei der Wohnungsvermittlung und Wohnungsversorgung und auch Finanzierung von Wohnungen meinerseits.\u201c (Interview Dortmund1 22.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>Doch nicht nur die Fremden in der Unterkunft oder Vertraute des eigenen Netzwerks sind ein Risiko. Viele der LSBTI sind mit ihrer Familie gefl\u00fcchtet, die bereits Teil des homophoben Umfelds im Heimatland war. \u201eDie Angst in der Unterkunft, weil DA sind die Leute aus der Herkunftsfamilie [\u2026] in dem Fall ist es der komplette Nachteil, weil die einfach nicht die M\u00f6glichkeit haben, da frei zu sein.\u201c (Interview Bochum 27.07.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Wo andere Gefl\u00fcchtete also Unterst\u00fctzung bei der Familie suchen k\u00f6nnen, sind die LSBTI-Gefl\u00fcchteten auf sich gestellt. \u201e[\u2026] und dann gibt\u2019s halt gefl\u00fcchtete Jugendliche, die mit Familie gekommen sind, wo das Thema noch viel strikter ein Geheimnis bleiben muss.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Wie bereits im Abschnitt <em>Die <a id=\"#Id\"><\/a>Identit\u00e4tssuchenden<\/em> dargestellt, erf\u00fcllen in dem Fall die ehrenamtlich- und hauptamtlich Helfenden eine wichtige Funktion als Ansprechperson \u2013 eine Rolle, die das sonstige Umfeld der Betroffenen nicht \u00fcbernehmen kann.<\/p>\n<p>Obwohl Homosexualit\u00e4t in Deutschland nicht verfolgt wird, sind Zugeh\u00f6rige zur LSBTI-Gruppe st\u00e4ndig Diskriminierungen ausgesetzt. \u201eDiskriminierung von Homosexuellen gibt\u2019s ja IMMER.\u201c (Interview M\u00fclheim 24.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) \u201eSobald du [\u2026] dich als schwules Paar, lesbisches Paar zu Erkennen gibst, wirst du Reaktionen kriegen [\u2026] In unserer Gesellschaft. [\u2026] Und die gehen von [\u2026] komischen Blicken bis hin zu offenen Anfeindungen.\u201c (ebd.) Diskriminierungen k\u00f6nnten dann weiter einged\u00e4mmt werden, wenn sich die gesetzliche Lage verbessern und LSBTI als gleichwertig zu anderen sexuellen Lebensweisen angesehen werden w\u00fcrde. So d\u00fcrfen Homosexuelle in Deutschland noch immer nicht heiraten und haben in einer eingetragenen Lebensgemeinschaft weniger Rechte als ein Ehepaar: \u201e[\u2026] die rechtliche Lage von Homosexuellen allgemein ist in Deutschland nicht in den Kinderschuhen aber es ist noch nicht so weit, dass man dar\u00fcber gl\u00fccklich sein k\u00f6nnte.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>Auch das rechtlich festgelegte sichere Asyl f\u00fcr homosexuelle Verfolgte, scheitert oft noch an der Umsetzung und zeigt Diskriminierungstendenzen gegen\u00fcber den Gefl\u00fcchteten LSBTI. So berichtet ein Ehrenamtlicher: \u201eEs gibt dann so Fl\u00fcchtlinge erster und zweiter Qualit\u00e4t. Die ersten, das sind die nicht sicheren Herkunftsl\u00e4nder und das sind eigentlich nur noch Syrien, Iran, Irak und in Afrika eins, [\u2026] Eritrea, glaub ich.\u201c (Interview Dortmund2 07.09.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) Das Problem sei \u2013 so erkl\u00e4rt ein anderer Ehrenamtlicher \u2013, dass \u201emanche L\u00e4nder als sichere Herkunftsl\u00e4nder gestuft sind, obwohl die gar nicht so sicher f\u00fcr Homosexuelle sind.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 25.08.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete) F\u00fcr Gefl\u00fcchtete, die aus einem angeblich sicheren Herkunftsland kommen, bedeutet dies die m\u00f6gliche Abschiebung in eine homophobe Umgebung, wo im Falle eines Outings negative Folgen drohen: \u201eDas macht es schwierig, weil immer wieder gesagt wird ja, den Schwulen, den geht es nicht so gut, aber so schlimm ist das ja alles nicht.\u201c (Interview Dortmund2 07.09.2016: LSBTI Gefl\u00fcchtete)<\/p>\n<p>Neben dem in der Praxis erkennbar unsicheren Asyl f\u00fcr Homosexuelle, sind auch politische Diskriminierungen durch die deutschlandweit vertretenen rechtspolitischen Str\u00f6mungen erkennbar. Darin werden nicht nur LSBTI, sondern Gefl\u00fcchtete allgemein in Deutschland nicht willkommen gehei\u00dfen. Die Partei AfD beispielsweise erh\u00e4lt vermehrt Zustimmung (Bundestagswahl 2017, 2016), gerade auch was ihre Vorschl\u00e4ge f\u00fcr die Fl\u00fcchtlingspolitik angeht. Nach dieser sollen weniger Menschen einwandern d\u00fcrfen und die bereits Zugewanderten schneller des Landes verwiesen werden k\u00f6nnen (Alternative f\u00fcr Deutschland, 2017). Zudem gibt es immer wieder Anschl\u00e4ge auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte (Tagesschau.de, 2016), welches als ein Ausdruck zunehmender \u00c4ngste und Ablehnung gegen\u00fcber Gefl\u00fcchteten gedeutet werden kann. Die bereits im Abschnitt <em>Die Unsichtbaren<\/em> erw\u00e4hnte Frage, ob Unterk\u00fcnfte speziell f\u00fcr LSBTI-Gefl\u00fcchtete eine M\u00f6glichkeit w\u00e4ren, st\u00f6\u00dft hier auf folgende Problematik: M\u00f6gliche Anschl\u00e4ge k\u00f6nnten sich dann gezielt gegen LSBTI richten, sodass ein solches Wohnheim schlie\u00dflich ein doppeltes Angriffsziel f\u00fcr rechtseingestellte Aktivisten werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong><a id=\"El\"><\/a>Etwas Licht ins Dunkel gebracht<\/strong><\/p>\n<p>Um auf die Forschungsfrage \u201eWelche Herausforderungen entstehen in der ehren- und hauptamtlichen Arbeit mit LSBTI-Gefl\u00fcchteten?\u201c einzugehen, werden im Folgenden die wichtigsten Herausforderungen zusammengefasst. Dabei gibt unsere Arbeit mit ihren sechs Interviews nur einen kleinen Einblick in den Forschungsgegenstand, kommt aber dennoch zu Erkenntnissen, die uns die Lage von LSBTI-Gefl\u00fcchteten in Deutschland besser verstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die LSBTI-Gefl\u00fcchteten sind in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung eine nahezu unsichtbare Gruppe. Dementsprechend gering ist das Wissen \u00fcber und die Unterst\u00fctzungsleistungen f\u00fcr die spezielle Bed\u00fcrfnislage dieser Gruppe. Die jeweiligen LSBTI-Organisationen und Ehrenamtlichen k\u00f6nnen mit ihrer Arbeit als Anlaufstellen und Ansprechpartner dienen, jedoch nicht gezielt auf die betroffene \u201eunsichtbare\u201c Gruppe zugehen. Aus diesem Grund w\u00e4re eine Sensibilisierung von Ehren- und Hauptamtlichen, die mit Gefl\u00fcchteten arbeiten, von gro\u00dfer Wichtigkeit. So k\u00f6nnten LSBTI-Gefl\u00fcchtete an Organisationen verwiesen werden, sobald ihre Bed\u00fcrfnisse erkannt werden. Dar\u00fcber hinaus zeigen die Interviews, dass Frauen als doppelt unsichtbare Gruppe weitaus seltener an Helfende herantreten, obwohl oder gerade weil sie besonders in den famili\u00e4ren Strukturen gefangen sind.<\/p>\n<p>Abseits der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit haben LSBTI ein starkes Netzwerk an gro\u00dfen und kleinen Organisationen geschaffen, das mit seinen schnellen Unterst\u00fctzungsstrukturen den LSBTI-Gefl\u00fcchteten zugutekommt. Ehrenamtliche Einzelpersonen sind in das Netzwerk miteingebunden und k\u00f6nnen Unterst\u00fctzung durch gr\u00f6\u00dfere Organisationen erfahren.<\/p>\n<p>Auch die Gefl\u00fcchteten unter sich haben ein starkes Netzwerk geschaffen, das ihnen einen schnellen Austausch von Tipps, wie und was man in Deutschland leben und erleben kann, erm\u00f6glicht. Im Netzwerk k\u00f6nnen gemeinsame Unternehmungen geplant werden und die Gefl\u00fcchteten finden eher den Mut, ihre sexuelle Identit\u00e4t zu leben.<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4tsfindung ist ein gro\u00dfes Thema f\u00fcr die LSBTI-Gefl\u00fcchteten. Hier leisten Haupt- und Ehrenamtliche zus\u00e4tzliche Arbeit als Ansprechpersonen zu Fragen von Coming Out und Sex, \u00fcber Gesetzesbelange oder zu Unklarheiten \u00fcber die Lebensrealit\u00e4t von LSBTI in Deutschland. Au\u00dferdem unterst\u00fctzen die Helfenden die Identit\u00e4tsfindung h\u00e4ufig durch das zur Verf\u00fcgung stellen von Schutzr\u00e4umen, in denen ein Austausch unter Menschen mit \u00e4hnlichen Problemen und Identit\u00e4ten stattfinden kann.<\/p>\n<p>LSBTI-Gefl\u00fcchtete erfahren intersektionale Benachteiligungen. Als Gefl\u00fcchtete und LSBTI haben sie in Deutschland einen besonders schweren Stand. Neben den Problemen aller Gefl\u00fcchteter, d\u00fcrfen die LSBTI ihre Identit\u00e4t nicht in ihrem Familien- oder Wohnumfeld leben, da ihnen sonst die famili\u00e4re Abkehr und k\u00f6rperliche \u00dcbergriffe drohen k\u00f6nnen. Deshalb gilt f\u00fcr sie ein Wohnumfeld zu finden, in dem sie sich frei entfalten k\u00f6nnen. Eine L\u00f6sung daf\u00fcr k\u00f6nnten gesonderte Gefl\u00fcchteten-Wohnheime f\u00fcr LSBTI sein. Viele lehnen diese jedoch ab, da die Gefl\u00fcchteten in solchen Unterk\u00fcnften ein st\u00e4rkeres Ziel f\u00fcr rechte, aber auch islamistische Angriffe sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr die Gruppe der LSBTI-Gefl\u00fcchteten w\u00e4re die Anerkennung der speziellen Problemlagen und darauf abgestimmte Hilfsm\u00f6glichkeiten, wie sensibilisiertes Personal und sichere Wohnunterk\u00fcnfte. Zudem w\u00e4re eine Beschleunigung des Asylverfahrens w\u00fcnschenswert, da hierdurch schnellere M\u00f6glichkeiten gegeben w\u00e4ren, die LSBTI-Gefl\u00fcchteten zu integrieren und ihnen einen gesicherten Raum f\u00fcr eine lebenswertere Existenz zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<h3><strong>Ein Beitrag von Katharina Knopf und Marie Steinhauer <\/strong><\/h3>\n<h3><strong>Literaturverzeichnis<\/strong><\/h3>\n<p>ALTERNATIVE F\u00dcR DEUTSCHLAND (2017): <em>Zuwanderung und Asyl<\/em>. Im Internet unter: https:\/\/www.alternativefuer.de\/programm-hintergrund\/fragen-und-antworten\/zuwanderung-und-asyl\/, (Recherche am 13.01.2017).<\/p>\n<p>ARBEITER-SAMARITER-BUND NRW e.V. (2016): <em>Handreichung f\u00fcr die Betreuung und Unterst\u00fctzung von LSBTTI*-Fl\u00fcchtlingen.<\/em> Im Internet unter: http:\/\/www.der-paritaetische.de\/fileadmin\/dokumente\/downloads\/veroeffentlichungen\/broschuere-lsbtti-fluechtlinge-interaktiv.pdf, (Recherche am 04.01.2017).<\/p>\n<p>BILDUNGS- UND SOZIALNETZWERK DES LESBEN- UND SCHWULENVERBANDES BERLIN-BRANDENBURG (BLSB) e.V. (2016): <em>Flucht unterm Regenbogen. Wegweiser f\u00fcr die Unterst\u00fctzung von homosexuellen und transgeschlechtlichen Gefl\u00fcchteten.<\/em> Im Internet unter: http:\/\/berlin.lsvd.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Handreichung_LSBT_Gefluechtete.pdf, (Recherche am 04.01.2017).<\/p>\n<p>BINDER, Beate\/ Hess, Sabine: <em>Intersektionalit\u00e4t aus der Perspektive der Europ\u00e4ischen Ethnologie<\/em> aus Hess, Sabine\/Langreiter, Nikola\/Timm, Elisabeth (Hrsg.): <em>Intersektionalit\u00e4t revisited &#8211; Empirische, theoretische und methodische Erkundungen. <\/em>Transcript Verlag, Bielefeld, 2011.<\/p>\n<p>BUNDESTAGSWAHL 2017 (2016): <em>Prognose f\u00fcr die Bundestagswahl 2017. <\/em>Im Internet unter: https:\/\/bundestagswahl-2017.com\/prognose\/, (Recherche am 13.01.2017).<\/p>\n<p>TAGESSCHAU.DE (16.11.2016): <em>Mehr als 850 Angriffe auf Fl\u00fcchtlingsunterk\u00fcnfte <\/em>Im Internet unter: http:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/bka-anschlaege-fluechtlingsunterkuenfte-101.html, (Recherche am 13.01.2017).<\/p>\n<p>UNITED NATIONS HIGH COMMISIONER FOR REFUGEES (UNHCR) (2015): <em>Training package on the protection of LGBTI persons in forced displacement<\/em>. Im Internet unter: http:\/\/www.unhcrexchange.org\/topics\/15810, (Recherche am 13.01.2017).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zielgruppe der Gefl\u00fcchteten mit LSBTI-Hintergrund hat seit Beginn der Fl\u00fcchtlingskrise 2015 kaum wissenschaftliche und mediale Aufmerksamkeit erfahren. Wer sich nicht selbst im Kontext von LSBTI-bezogenen Themen aufh\u00e4lt und mit ihnen arbeitet, erf\u00e4hrt durch die t\u00e4gliche Berichterstattung nur selten etwas \u00fcber diese Randgruppe. Dementsprechend gibt es bisher nur wenig Literatur und Forschung bez\u00fcglich des Themas. 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