{"id":58,"date":"2017-01-27T10:45:31","date_gmt":"2017-01-27T09:45:31","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=58"},"modified":"2017-02-27T16:08:35","modified_gmt":"2017-02-27T15:08:35","slug":"ueber-die-arbeit-von-ehrenamtlichen-vormuendern-fuer-unbegleitete-minderjaehrige-fluechtlinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=58","title":{"rendered":"\u00dcber die Arbeit von ehrenamtlichen Vorm\u00fcndern f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge"},"content":{"rendered":"<h3><strong>&#8222;Mehr Seele in den Laden bringen&#8220;<\/strong><\/h3>\n<p>Die ehrenamtliche Vormundschaft f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge stellt eine besondere Form des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements dar. In vielen anderen Bereichen k\u00f6nnen ehrenamtliche T\u00e4tigkeiten, ohne dies in irgendeiner Weise dadurch abwerten zu wollen, als eine Art Kompensation f\u00fcr nicht ausreichende hauptamtliche Strukturen oder Ressourcen an-gesehen werden. Die (ehrenamtliche) Einzelvormundschaft hingegen wird im Gesetzestext explizit gegen\u00fcber einer Amtsvormundschaft pr\u00e4feriert und bei n\u00e4herer Betrachtung der Thematik ergeben sich hierf\u00fcr auch plausible Gr\u00fcnde. In der Praxis f\u00fchrt dieser Umstand dazu, dass f\u00fcr die unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlinge ein ehrenamtlicher Vormund mit zum Teil erheblichen Vorteilen verbunden sein kann und er somit eine wichtige Funktion \u00fcbernimmt. Dar\u00fcber hinaus geht mit einer Vormundschaft ein gr\u00f6\u00dferer Grad der Verbindlichkeit und Verantwortung f\u00fcr die Ehrenamtlichen selbst einher. Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dieser Form des Engagements erscheint daher sinnvoll.<\/p>\n<p>Ziel dieses Beitrages ist es, den Lesern einen \u00dcberblick \u00fcber die ehrenamtliche Vormundschaft zu geben und dabei typische T\u00e4tigkeiten, Erfahrungen oder Probleme der Engagierten herauszuarbeiten. Zudem soll die Frage gekl\u00e4rt werden, worin genau die viel zitierten Vorteile f\u00fcr die Minderj\u00e4hrigen liegen, ohne dabei m\u00f6gliche Probleme au\u00dfer Acht zu lassen.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild1_Vormundschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-127\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild1_Vormundschaft-300x188.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"188\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild1_Vormundschaft-300x188.jpg 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild1_Vormundschaft-768x480.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild1_Vormundschaft-624x390.jpg 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild1_Vormundschaft.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im Rahmen dieser Forschung wurden insgesamt f\u00fcnf qualitative Interviews gef\u00fchrt. Zentrale Themen in den Gespr\u00e4chen waren beispielsweise die Motive der Ehrenamtlichen, ihre eigenen Lerneffekte durch das Engagement, der konkrete Aufgabenbereich, die Reaktionen aus ihrem sozialen Umfeld, ihre Erfahrungen im Umgang mit Beh\u00f6rden sowie Verbesserungsvorschl\u00e4ge an die Politik. Die wichtigsten Ergebnisse werden in diesem Beitrag wiedergegeben, wobei zur Veranschaulichung des Datenmaterials an verschiedenen Stellen direkt aus den Interviews zitiert wird. Zuvor werden relevante <a href=\"#Hintergrundinformationen\">Hintergrundinformationen<\/a> und die <a href=\"#Gesetz\">gesetzlichen Rahmenbedingungen<\/a> zur Vormundschaft dargestellt.<\/p>\n<p>Aus Gr\u00fcnden der Lesbarkeit wurde auf geschlechtsneutrale Formulierungen verzichtet. Bei allgemeinen Berufs- oder Personenbezeichnungen und in der Mehrzahl sind immer beide Geschlechter gemeint.<\/p>\n<p><strong><a id=\"Hintergrundinformationen\"><\/a>Hintergrundinformationen <\/strong><\/p>\n<p><em>Begriff \u201eunbegleiteter minderj\u00e4hriger Fl\u00fcchtling\u201c und Daten <\/em><\/p>\n<p>Wenngleich stellenweise noch andere Bezeichnungen in den Medien wahrzunehmen sind, hat sich der Begriff \u201eunbegleiteter minderj\u00e4hriger Fl\u00fcchtling\u201c im deutschsprachigen Diskurs weitestgehend durchgesetzt. Auch der Verband, der sich der Interessensvertretung dieser Personengruppe in Deutschland verpflichtet f\u00fchlt, tr\u00e4gt den Namen \u201eBundesfachverband unbegleitete minderj\u00e4hriger Fl\u00fcchtlinge e. V.\u201c (kurz BUMF). Dieser Beitrag schlie\u00dft sich dieser Begrifflichkeit (oft als \u201eUMF\u201c abgek\u00fcrzt) an. Barbara Noske weist jedoch darauf hin, dass sich der Begriff bei genauerer Betrachtung als unsch\u00e4rfer herausstellt als zun\u00e4chst suggeriert wird und man ihn stets im nationalen Kontext betrachten sollte (Noske 2012). Auch der BUMF selbst wei\u00df um die Schwachstellen des Terminus, lehnt jedoch alternative Begrifflichkeiten wie etwa \u201eunbegleiteter minderj\u00e4hriger Ausl\u00e4nder\u201c entschieden ab (BUMF 2015). Im europ\u00e4ischen und internationalen Diskurs spricht man von seperated children (Hargasser 2016, S. 52).<\/p>\n<p>Laut BUMF lebten in Deutschland Ende Januar 2016 ca. 60.000 unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge (BUMF 2016). In den Medien finden sich unter Berufung auf die Jugend\u00e4mter zum Teil h\u00f6here Zahlen, die vom BUMF als zu ungenau kritisiert werden. Die Diskrepanz bei den unterschiedlichen Da<a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-60 size-medium\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft-300x300.jpg\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft-300x300.jpg 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft-150x150.jpg 150w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft-768x768.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft-624x624.jpg 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild2_Vormundschaft.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>ten mag mit dem zwischenzeitlichen \u201eVerwaltungschaos\u201c zusammenh\u00e4ngen, bei dem es unter anderem zu Mehrfachregistrierungen von Personen gekommen ist (vgl. Bogumil et. al. 2016). Unstrittig ist hingegen der hohe Jungen-Anteil der nach Deutschland kommenden UMF, welcher bei etwa 90% liegt. Dies zeigte sich auch in den mit den ehrenamtlichen Vorm\u00fcndern gef\u00fchrten Interviews, da alle befragten Personen bislang ausschlie\u00dflich Jungen betreuten oder betreuen. Zu den Hauptherkunftsl\u00e4ndern von UMF in Deutschland z\u00e4hlen Afghanistan, Somalia, Syrien, Irak und Eritrea. Weitere Herkunftsl\u00e4nder stellen Marokko, Guinea, Pakistan, Indien oder Bangladesch dar (Noske 2015, S. 9). Auch dies deckt sich mit den gef\u00fchrten Interviews, da die von den Vorm\u00fcndern betreuten M\u00fcndel aus Irak, Syrien, Afghanistan und Guinea kamen. Viele der UMF sind entweder 16 oder 17 Jahre alt, wenn sie sich auf die Flucht begeben. Einer der befragten Vorm\u00fcnder gab eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung, warum es vor allem viele 16-J\u00e4hrige sind. Auf der einen Seite wollen Eltern ihre Kinder nicht zu fr\u00fch auf die Flucht schicken, die f\u00fcr Au\u00dfenstehende mit schlichtweg unvorstellbaren k\u00f6rperlichen und psychischen Belastungen verbunden ist. Andererseits m\u00fcssen die Jugendlichen &#8211; wenn sie es denn bis Deutschland schaffen &#8211; noch genug Zeit haben, den Familiennachzug (welcher inzwischen durch rechtliche Neuregelungen erschwert wurde) zu organisieren, bevor sie die Vollj\u00e4hrigkeit erreichen.<\/p>\n<p><em>UMF als Querschnittthema <\/em><\/p>\n<p>Der vorliegende Beitrag legt mit der Vormundschaft seinen Fokus auf einen Teilbereich eines insgesamt komplexen und vielschichtigen Themas. Han-Broich weist zu Recht darauf hin, dass UMF ein \u201eganz eigenes Problemfeld\u201c darstellen (HAN-BROICH 2015, S. 47). Aspekte wie Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung oder psychologischer Betreuung spielen im Hinblick auf diese strukturell benachteiligte Personengruppe eine besonders wichtige Rolle. Im Zuge des Attentats im Juli 2016, bei welchem ein junger Fl\u00fcchtling aus Afghanistan in einem Regionalzug bei W\u00fcrzburg f\u00fcnf Menschen zum Teil schwer verletzte und anschlie\u00dfend von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei erschossen werden musste, wurden die besonderen Herausforderungen in Bezug auf die UMF in Deutschland breit und kontrovers diskutiert (vgl. z. B. Spiegel Online 2016).<\/p>\n<p><em><a id=\"Gesetz\"><\/a>Rechtliche Rahmenbedingungen zur Vormundschaft \u00a0<\/em><\/p>\n<p>Die rechtlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Vormundschaft von Minderj\u00e4hrigen (nicht nur von Fl\u00fcchtlingen\/Ausl\u00e4ndern) finden sich vor allem im B\u00fcrgerlichen Gesetzbuch (BGB) und im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII). Das BGB unterscheidet drei verschiedene Arten von Vormundschaften: Die Einzel-, Amts- und Vereinsvormundschaft. Bei der Einzelvormundschaft kann noch zwischen einer ehrenamtlichen und einer Berufsvormundschaft unterschieden werden (M\u00fcller 2014, S. 33). An dieser Stelle soll es in erster Linie um die Unterschiede und den Vergleich zwischen einer ehrenamtlichen Einzelvormundschaft und einer Amtsvormundschaft gehen.<\/p>\n<p>Die Entscheidung \u00fcber die Bestellung einer Vormundschaft obliegt dem jeweiligen Familiengericht. Interessanterweise definiert das BGB nicht nur die unterschiedlichen Vormundschaftsformen, s<a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-61 alignleft\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft-300x300.jpg 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft-150x150.jpg 150w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft-768x768.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft-624x624.jpg 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild3_Vormundschaft.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>ondern legt auch eine Reihenfolge fest: Demnach ist die ehrenamtliche Einzelvormundschaft den anderen Arten vorzuziehen (ebd.). Trotz dieser gesetzlichen Pr\u00e4ferenz ist aus Mangel an geeigneten Personen die Amtsvormundschaft nach wie vor die verbreitetste Form (ebd. S. 34). Die damit verbundenen Nachteile liegen auf der Hand. Vor allem die zu hohe Anzahl an M\u00fcndeln f\u00fcr einen Amtsvormund stellt ein gro\u00dfes Problem dar. Laut des Gesetzgebers sollte ein Amtsvormund h\u00f6chstens 50 M\u00fcndel gleichzeitig betreuen. Diese Obergrenze wird einerseits als zu hoch angesehen, da sich aus einer solch hohen Fallzahl kaum eine ad\u00e4quate Betreuung f\u00fcr die einzelnen Minderj\u00e4hrigen ergeben k\u00f6nne. Andererseits wird paradoxerweise diese gesetzliche Obergrenze vielerorts sogar (zum Teil deutlich) \u00fcberschritten. Im Juli 2016 berichtete das Magazin \u201eDer Spiegel\u201c \u00fcber den Fall eines Berliner Vormundes, der zeitweise f\u00fcr 200 M\u00fcndel gleichzeitig verantwortlich war.<\/p>\n<p>Ein weiterer Kritikpunkt am Modell der Amtsvormundschaft ist die beh\u00f6rdliche Zugeh\u00f6rigkeit. Der Vormund hat die Aufgabe, sich f\u00fcr die Belange seines M\u00fcndels einzusetzen und f\u00fcr ihn Partei zu ergreifen. Als Besch\u00e4ftigter des Jugendamtes ist ein Amtsvormund jedoch Teil einer Beh\u00f6rde, von der sein M\u00fcndel Leistungen bezieht, was Zweifel an der Parteilichkeit aufkommen lassen kann (Noske 2010, S.13). Bei Betrachtung der Kritik an der Amtsvormundschaft gilt es zu ber\u00fccksichtigen, dass im Rahmen dieses Forschungsprojekts keine Amtsvorm\u00fcnder interviewt wurden und es somit auch keine Gelegenheit zur Konfrontation und Gegendarstellung dieser Kritik gab. Schon alleine dem bewusst provokativ gew\u00e4hlten Titel dieser Arbeit \u201eMehr Seele in den Laden bringen\u201c w\u00fcrden viele hauptamtliche Vorm\u00fcnder vermutlich vehement widersprechen. Es ist ausdr\u00fccklich nicht das Ziel und die Intention dieses Beitrags, die Arbeit der Amtsvorm\u00fcnder zu entwerten und in ein schlechtes Licht zu r\u00fccken.<\/p>\n<p>Bei der ehrenamtlichen Einzelvormundschaft \u00fcbernehmen Privatpersonen die rechtliche Vertretung des jeweiligen M\u00fcndels. Dies k\u00f6nnen theoretisch auch Familienangeh\u00f6rige oder Bekannte des Minderj\u00e4hrigen sein, was bei den unbegleiteten Fl\u00fcchtlingen aufgrund von mangelnden Sprach- und Beh\u00f6rdenkenntnissen jedoch eher selten der Fall ist. H\u00e4ufig melden sich die Privatpersonen nicht direkt bei dem Familiengericht, sondern wenden sich zun\u00e4chst an einen bestimmten Verein oder eine Organisation und lassen sich dort als Vormund qualifizieren. Nach der Erteilung der Vormundschaft bleiben die Ehrenamtlichen oft in einem engen Kontakt mit der Organisation und haben in regelm\u00e4\u00dfig stattfindenden Gespr\u00e4chsrunden die M\u00f6glichkeit zum Austausch mit anderen Vorm\u00fcndern. In der Regel betreut ein ehrenamtlicher Vormund einen Minderj\u00e4hrigen. Dies deckt sich weitestgehend mit den in den Interviews gemachten Erfahrungen. Eine befragte Person stellt mit sieben M\u00fcndeln, die sie gleichzeitig betreut, eine Ausnahme dar.<\/p>\n<p>Wie bereits angeklungen fungiert der Vormund als gesetzlicher Vertreter seines M\u00fcndels. Konkret formuliert das BGB in \u00a7 1793 Abs. 1 den Aufgabenbereich des Vormundes als \u201edas Recht und die Pflicht f\u00fcr die Person und das Verm\u00f6gen des M\u00fcndels zu sorgen, insbesondere den M\u00fcndel zu vertreten\u201c. Einen klar definierten Aufgabenbereich seitens des Gesetzgebers gibt es folglich nicht. Mag man die Aufgabe der rechtlichen Vertretung noch als relativ eindeutig ansehen, scheint hingegen die Interessensvertretung ein weitgef\u00e4cherter Begriff ohne klare Abgrenzung zu sein. Ein Vormund ist schlie\u00dflich nicht die einzige Person, die sich um die UMF k\u00fcmmert. Vor allem die Sozialarbeiter in den Jugendhilfeeinrichtungen spielen bei der Betreuung ebenfalls eine gro\u00dfe Rolle. In einer fr\u00fcheren Studie wurde seitens mancher Sozialarbeiter Kritik an den ehrenamtlichen Vorm\u00fcndern ge\u00e4u\u00dfert. Diese w\u00fcrden ihren Aufgabenbereich \u00fcberinterpretieren, wodurch es zu einer Art Kompetenzgerangel k\u00e4me (Noske 2010, S. 17). In den f\u00fcr dieses Projekt durchgef\u00fchrten Interviews lautete daher eine zentrale Frage, wie die Ehrenamtlichen ihren Aufgabenbereich konkret wahrnehmen.<\/p>\n<p>Eine Vormundschaft endet mit der Vollj\u00e4hrigkeit der jeweiligen Person. F\u00fcr das zust\u00e4ndige Gericht besteht hierbei die M\u00f6glichkeit, bei der Altersbemessung f\u00fcr die Vollj\u00e4hrigkeit nicht die deutschen Regelungen (sprich ab 18 Jahren) als Grundlage zu nehmen, sondern jene des Herkunftslandes der gefl\u00fcchteten Person (Noske 2015, S. 18). So gab es bei zwei der befragten Vorm\u00fcnder den Fall, dass ihre jeweiligen M\u00fcndel erst mit 21 Jahren vollj\u00e4hrig sein wer-den, da beide aus Guinea stammen. Die interviewte Vertreterin einer Organisation kritisierte die uneinheitliche Handhabe der Gerichte in dieser Frage. Unabh\u00e4ngig davon, wann die Vormundschaft endet, \u00e4u\u00dferten alle befragten Vorm\u00fcnder das Bestreben, auch danach in engem Kontakt mit ihren dann ehemaligen M\u00fcndeln zu bleiben und sie weiterhin unterst\u00fctzen zu wollen.<\/p>\n<p><strong>Auswertung der Interviews <\/strong><\/p>\n<p><em>Zur Methodik und dem Verlauf der Erhebung <\/em><\/p>\n<p>Als empirische Datenerhebung wurden analog zu den anderen Einzelprojekten dieses Forschungsmoduls qualitative Experteninterviews gef\u00fchrt. Solche qualitativen Interviews unterscheiden sich von standardisierten Befragungen im Grad der Offenheit und Flexibilit\u00e4t. Zwar sind auch hier eine vorherige Recherche und eine gewisse Vor\u00fcberlegung von Fragen und thematischer Fokussierung (Meta-Leitfaden) notwendig, doch die grunds\u00e4tzlich offene Struktur erlaubt es, dass jedes Interview seinen ganz eigenen Verlauf nimmt. Die Fragen werden m\u00f6glichst offen formuliert, sodass die Gespr\u00e4chsteilnehmer bei ihren Antworten eigene Schwerpunkte setzen k\u00f6nnen. (vgl. Przyborski\/Wohlrab-Sahr 2008)<\/p>\n<p>Von den f\u00fcnf Interviews wurden vier mit ehrenamtlich Engagierten gef\u00fchrt, die entweder aktuell oder bis vor kurzem eine oder mehrere Vormundschaften \u00fcbernommen haben bzw. hatten. Es wurden zwei Frauen und zwei M\u00e4nnern unterschiedlichen Alters und Berufstandes aus verschiedenen Gro\u00dfst\u00e4dten des Ruhrgebiets interviewt. Ein weiteres Gespr\u00e4ch wurde mit einer hauptamtlich besch\u00e4ftigten Person einer Organisation gef\u00fchrt, die ehrenamtliche Vorm\u00fcnder qualifiziert und begleitet. Die Interviews hatten eine L\u00e4nge zwischen 30 und 60 Minuten und fanden sowohl in \u00f6ffentlichen Lokalit\u00e4ten als auch in den Privatr\u00e4umen der Ehrenamtlichen statt. Ein Teil der Kontakte zu den Interviewpartnern kam \u00fcber pers\u00f6nliche Netzwerke zu Stande. Dar\u00fcber hinaus kontaktierte ich verschiedene Organisationen, welche dann zwischen den an einem Gespr\u00e4ch interessierten Vorm\u00fcnder und mir vermitteln sollten.<\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt meiner Kontaktaufnahme (Juni-August 2016) waren bei der Recherche im Internet nicht viele Organisationen in den Gro\u00dfst\u00e4dten des Ruhrgebiet<a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Zusatzbild_Unterpunkt3_Vormundschaft.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-63 alignleft\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Zusatzbild_Unterpunkt3_Vormundschaft-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Zusatzbild_Unterpunkt3_Vormundschaft-300x200.jpg 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Zusatzbild_Unterpunkt3_Vormundschaft-768x513.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Zusatzbild_Unterpunkt3_Vormundschaft-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Zusatzbild_Unterpunkt3_Vormundschaft-624x417.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>s zu finden, die ehren-amtliche Vorm\u00fcnder f\u00fcr UMF qualifizieren und betreuen. Von diesen Organisationen hatten manche wiederum erst damit begonnen, Vormundschaftsprojekte f\u00fcr UMF aufzubauen, \u00a0weshalb eine Zusammenarbeit noch nicht m\u00f6glich oder sinnvoll war. Letztlich lief es auf eine Zusammenarbeit mit zwei Organisationen hinaus, welche weitestgehend reibungslos funktionierte. Verst\u00e4ndlicherweise betrachten die Organisationen die ehrenamtlichen Vorm\u00fcnder als wichtige Ressource und wollen sie daher vor unn\u00f6tigem Arbeitsaufwand verschonen. \u00dcberraschend war hingegen, dass mehrere Ehrenamtliche zwar grunds\u00e4tzliches Interesse an einem Interview bekundeten, sich dies allerdings nicht zutrauten und deshalb nicht an mich heran traten. Hier stellt sich selbstkritisch die Frage, inwieweit das Projekt meinerseits nicht verst\u00e4ndlich genug kommuniziert wurde.<\/p>\n<p><em>Die Erfahrungen der Ehrenamtlichen<\/em><\/p>\n<p>Eine Vormundschaft beginnt, wie es ein Ehrenamtlicher treffend formulierte, mit einem \u201ehochoffiziellen\u201c Gerichtsbeschluss. Dem Vormund wird ein M\u00fcndel zugewiesen, zu welchem er in der Regel zuvor noch keinen Kontakt hatte. Der Verlauf der Vormundschaft l\u00e4sst sich gewisserma\u00dfen in zwei Phasen unterteilen. Zun\u00e4chst gehe es laut den Ehrenamtlichen vor allem darum, die notwendigen beh\u00f6rdlichen Angelegenheiten zu regeln und die strukturellen Rahmenbedingungen zu schaffen, mit denen die UMF gut in Deutschland leben k\u00f6nnen. Hierzu geh\u00f6ren typischerweise die Stellung des Asylantrags, die Beantragung von Ausweisdokumenten und gesundheitlichen Leistungen sowie die Unterst\u00fctzung bei schulischen und beruflichen Angelegenheiten. Erst danach komme es auch vermehrt zu gemeinsamen freizeitlichen Aktivit\u00e4ten. Der Umfang dieser Aktivit\u00e4ten ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Die beiden Phasen sind nicht strikt voneinander getrennt. Auch in der ersten Phase sind die Ehrenamtlichen bem\u00fcht, eine pers\u00f6nliche Beziehung zu ihren jeweiligen M\u00fcndeln aufzubauen. Aufgrund von sprachlichen und anderen Barrieren kann sich dies als zun\u00e4chst schwierig herausstellen. Umgekehrt sind die rechtlichen und beh\u00f6rdlichen Angelegenheiten nie komplett abgeschlossen und stehen grunds\u00e4tzlich w\u00e4hrend der gesamten Dauer der Vormundschaft im Fokus. Vor allem wenn es in irgendeiner Art und Weise Probleme gibt, sind die Ehrenamtlichen gefragt.<\/p>\n<p>Die Vorm\u00fcnder gaben an, ihre M\u00fcndel je nach Situation durchschnittlich ein bis zweimal in der Woche, mindestens jedoch alle 14 Tage zu treffen. Dar\u00fcber hinaus stehe man \u00fcber Mobiltelefone und andere Medien im regelm\u00e4\u00dfigen Austausch. Das im Vergleich zum Hauptamt deutlich h\u00f6her zur Verf\u00fcgung stehende Zeitbudget erlaubt es den Ehrenamtlichen sich um Dinge zu k\u00fcmmern, f\u00fcr die ein hauptamtlicher Vormund gar nicht die Zeit aufbringen k\u00f6nnte. Exemplarisch sei hierf\u00fcr die Organisation des Familiennachzugs erw\u00e4hnt. Dies ist f\u00fcr viele UMF aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden ein wichtiges Thema. F\u00fcr die Realisierung sind sie und ihre Familien jedoch meist auf fremde Hilfe in Deutschland angewiesen. Bekommen sie diese Hilfe nicht, kann dies zu einer gro\u00dfen psychischen Belastung f\u00fcr die UMF werden (dieses Thema wird von der Gruppe zur psychologischen Betreuung ausf\u00fchrlich behandelt). Ein befragter Ehrenamtlicher k\u00fcmmerte sich um den jeweiligen Familiennachzug seiner beiden M\u00fcndeln und schilderte diesen Prozess als \u00e4u\u00dfert zeitaufwendig. Die gemachten Erfahrungen hielt er in einem Fall auch schriftlich fest. F\u00fcr subsidi\u00e4r Schutzbed\u00fcrftige, zu denen vor allem viele Personen aus Syrien geh\u00f6ren, wurde der Familiennachzug in der Zwischenzeit bis zum 16. M\u00e4rz 2018 ausgesetzt (vgl. Deutsches Rotes Kreuz 2016).<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-62 size-medium\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft-300x209.png\" width=\"300\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft-300x209.png 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft-768x535.png 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft-1024x714.png 1024w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft-624x435.png 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Bild4_Vormundschaft.png 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p>Auf die Frage, warum sich die Ehrenamtlichen f\u00fcr diese Form des Engagements entschieden haben, wurden unterschiedliche Aspekte genannt. Betont wurde in erster Linie die besondere Schutzbed\u00fcrftigkeit der Minderj\u00e4hrigen. Zudem spielen zum Teil auch Migrationsgeschichten in der eigenen Familie oder eine l\u00e4ngere Besch\u00e4ftigung mit Fluchtthemen allgemein eine Rolle. Auch die spezielle deutsche Geschichte oder regionale Probleme mit Rechtsextremismus wurden erw\u00e4hnt. Zwei der Befragten \u00fcbernahmen eine Vormundschaft nach Eintritt ihres beruflichen Ruhestandes und haben sich insofern bewusst f\u00fcr eine zeitintensivere Form des Engagements entschieden. Ganz grunds\u00e4tzlich l\u00e4sst sich festhalten, dass die Ehrenamtlichen die Integration von Fl\u00fcchtlingen ausdr\u00fccklich nicht als eine Art Einbahnstra\u00dfe begreifen, sondern vielmehr die Verantwortung der bereits in Deutschland lebenden Bev\u00f6lkerung in den Fokus stellen. Dies trifft vermutlich f\u00fcr viele der Befragten aus den anderen Themenbereichen ebenfalls zu.<\/p>\n<p>Auch beim \u201eNutzen\u201c des Engagements wurde die Wechselseitigkeit betont. Das Gef\u00fchl, etwas Sinnvolles zu tun, jungen Menschen zu helfen und gebraucht zu werden, bringe eine gewisse Erf\u00fcllung f\u00fcr die eigene Person mit sich. Dar\u00fcber hinaus sehen die Ehrenamtlichen das Kennenlernen anderer Kulturen als Bereicherung an. Eine der Befragten brachte das eigene profitieren von dem Engagement besonders zugespitzt auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas erweitert alles mein Bewusstsein und ist sehr, sehr, sehr bereichernd. Deshalb, ich bin keine Mutter Theresa oder so, sondern ich mache das aus egoistischen Gr\u00fcnden.\u201c (Interview mit einem ehrenamtlichen Vormund, 08.08.2016)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass die besondere Verantwortung einer Vormundschaft auch zur Last werden kann, wurde seitens der Ehrenamtlichen in den Interviews nicht thematisiert. Alle Befragten sprachen \u00fcber ihr Engagement mit einer anzumerkenden Selbstverst\u00e4ndlichkeit und gleichzeitigen Begeisterung. Lediglich in einem der Interviews wurden zumindest auch die entstehenden zeitlichen Belastungen kritisch angesprochen. Dies l\u00e4ge unter anderem an dem deutschen Beh\u00f6rdenapparat.<\/p>\n<p>Generell wurde in den Interviews ein tendenziell negatives Bild von der Interaktion mit den Beh\u00f6rden gezeichnet, wobei es hier auch Unterschiede zwischen der Art der Beh\u00f6rde und den verschiedenen St\u00e4dten gab. Die Befragten, die in ihrem eigenen Leben wenig bis gar nicht staatliche Transferleistungen bezogen haben und insofern selbst gewisserma\u00dfen Neuland betraten, \u00e4u\u00dferten sich erstaunt \u00fcber die gemachten Erfahrungen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWenn man bisher mit solchen Institutionen noch nichts zu tun gehabt hat, dann ist das nochmal eine neue Erfahrung. Wenn ich solche F\u00e4lle in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen habe, habe ich fr\u00fcher immer gedacht, die Leute \u00fcbertreiben wenn die so Erfahrungen schildern. Wie Beh\u00f6rden sehr, sehr merkw\u00fcrdig sind. Aber ich mache jetzt die Erfahrung, dass es vielleicht doch nicht \u00fcbertrieben ist. Also ich sage mal so, Spa\u00df macht es nicht mit den Beh\u00f6rden (<em>lacht<\/em>).\u201c (Interview mit einem ehrenamtlichen Vormund, 30.08.2016)<\/p><\/blockquote>\n<p>Vor allem die Dauer von beh\u00f6rdlichen Verfahren und die Komplexit\u00e4t der Antragsstellungen seien ein Problem. Letzteres l\u00f6ste bei einem Teil der Ehrenamtlichen gar den Verdacht aus, dass dahinter eine bewusste Methode stecke, um eigentlich zustehende Sozialleistungen Personen nicht auszahlen zu m\u00fcssen. Unabh\u00e4ngig davon, wie zutreffend oder \u00fcberzeichnet solche Schilderungen der Ehrenamtlichen sind, l\u00e4sst sich eines unzweifelhaft festhalten: Die Interaktionen mit den Beh\u00f6rden erfordert Zeit und teilweise auch eine gewisse Beharrlichkeit. Gerade in der Beharrlichkeit kann wiederum ein gro\u00dfer Vorteil der ehrenamtlichen Vorm\u00fcnder liegen. Eine befragte Ehrenamtliche sprach beispielsweise von einem langen \u201eKampf\u201c mit dem zust\u00e4ndigen Gesundheitsamt, um notwendige medizinische Behandlungen f\u00fcr eines ihrer M\u00fcndel finanziert zu bekommen. Dieselbe Person sieht es als ihre \u201esportliche Aufgabe\u201c an zu erreichen, dass die Ausstellung der Ausweispapiere und die Entscheidung \u00fcber den Aufenthaltsstatus nicht l\u00e4nger als sechs Monate dauern. Durch permanente Nachfragen bei dem zust\u00e4ndigen Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge sei ihr dies bislang immer gelungen. Diese und andere Beispiele zeigen, dass die Dauer und der Ausgang von beh\u00f6rdlichen Verfahren nicht nur vom jeweiligen Sachverhalt abh\u00e4ngen, sondern zumindest in bestimmten F\u00e4llen vom pers\u00f6nlichen Einsatz eines Ehrenamtlichen positiv beeinflusst werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auch au\u00dferhalb solch rechtlicher Angelegenheiten versuchen die Vorm\u00fcnder, ein hilfreicher Ansprechpartner f\u00fcr die Jugendlichen zu sein. Ein Ehrenamtlicher war zum Beispiel intensiv in private Probleme seines M\u00fcndels eingeweiht und berichtete \u00fcber eine Situation, in der er sich w\u00e4hrend eines Urlaubs fernab der Heimat die n\u00f6tige Zeit f\u00fcr ein Telefonat nahm, um \u00fcber diese Probleme zu sprechen. Genau diese Bereitschaft und M\u00f6glichkeit, f\u00fcr die UMF mehr leisten zu k\u00f6nnen als man formal leisten m\u00fcsste, zeigt eine gro\u00dfe St\u00e4rke der ehrenamtlichen Vormundschaft. Dies ist auch die Kernaussage des (erneut zugespitzten) Zitats einer der Interviewteilnehmer, welches diesem Beitrag seinen Titel gab:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch empfinde unser System so: Es k\u00fcmmert sich, damit alle sauber, satt und trocken sind. Aber die Seele ist irgendwo auch noch da. Das ist das was fehlt, dass unser System so seelenlos ist. Daf\u00fcr sind wir als ehrenamtliche Vorm\u00fcnder da, um mehr Seele in den Laden rein zu bringen.\u201c (Interview mit einem ehrenamtlichen Vormund, 08.08.2016)<\/p><\/blockquote>\n<p><em>Verbesserungsvorschl\u00e4ge an die handelnden Akteure <\/em><\/p>\n<p>Zum Abschluss der Gespr\u00e4che wurden die Interviewpartner zu ihren Verbesserungsw\u00fcnschen befragt. Diese leiten sich zum Teil aus den in Abschnitt 3.2 geschilderten Erfahrungen ab und beziehen sich nicht immer nur auf die Vormundschaft und UMF, sondern auch auf die Fl\u00fcchtlingshilfe generell. Es wurde beispielsweise angeregt, Projekte und Stellen vermehrt pr\u00e4ventiv und weniger reaktiv zu finanzieren. Dieser Vorschlag wurde an einem Beispiel aus einer Stadt illustriert, in welcher das \u00f6rtliche Jobcenter neue Stellen f\u00fcr die Schuldnerberatung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge schaffen musste.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eJetzt verschulden sich aktuell aber viele Fl\u00fcchtlinge und dann geht es zur Schuldnerberatung ins Jobcenter. Eine Mitarbeiterin dort meinte, dass sie alleine f\u00fcr die Schuldnerberatung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge vier neue Stellen schaffen m\u00fcssten. Das ist nat\u00fcrlich absurd. Fordert man Stellen f\u00fcr Patenbegleitung, kriegt man die nicht. Aber hinterher f\u00fcr die Schuldnerberatung, also wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, dann werden die Stellen geschaffen. Es ist verr\u00fcckt.\u201c (Interview mit einem ehrenamtlichen Vormund, 09.08.2016)<\/p><\/blockquote>\n<p>Im weiteren Verlauf des Gespr\u00e4chs wurde allerdings wenig Hoffnung auf die Umsetzung dieses Wunsches ge\u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAls Ehrenamtlicher, der permanent mit der Realit\u00e4t konfrontiert wird, w\u00fcnscht man sich eine Schnelligkeit, die Beh\u00f6rden aber leider nicht liefern k\u00f6nnen. Aber die andere Seite kann man nat\u00fcrlich auch verstehen. Das sind ja auch alles haushaltstechnische Fragen mit der Stellenfinanzierung und so weiter. Das muss dann alles durch zig Gremien laufen und am Ende vom Rat beschlossen werden, da ist dann mal locker ein Jahr ins Land gelaufen. Wenn man so drin ist, m\u00f6chte man, dass es viel schneller geht.\u201c (Interview mit einem ehrenamtlichen Vormund, 09.08.2016)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein anderer angesprochener Aspekt ist die bessere Verzahnung und Erg\u00e4nzung von Haupt- und Ehrenamt in der Fl\u00fcchtlingshilfe. In diese Richtung geht auch der Vorschlag der hauptamtlich befragten Person, welcher bereits in manchen St\u00e4dten seine Anwendung findet. Demnach teilen die Vorm\u00fcnder des Jugendamtes ihre Stelle auf. W\u00e4hrend sie in der einen H\u00e4lfte ihrer Arbeitszeit weiter selbst UMF betreuen, unterst\u00fctzen und beraten sie in der anderen H\u00e4lfte ehrenamtliche Vorm\u00fcnder. Ein solches Modell k\u00f6nnte das Hauptamt entlasten und gleichzeitig neue Strukturen schaffen, mit denen die ehrenamtliche Vormundschaft ausgebaut werden kann.<\/p>\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p>Analog zu der in den letzten Jahren gr\u00f6\u00dfer gewordenen Anzahl von UMF in Deutschland ist auch die Zahl an ehrenamtlichen Vorm\u00fcndern und den darauf spezialisierten Vereinen und Organisationen gestiegen. Die in der Antwort der Bundesregierung zu einer gro\u00dfen Anfrage der Gr\u00fcnen-Fraktion zum Thema UMF im Juli 2015 seinerzeit noch relativ kurze vorgelegte Liste der deutschlandweit bekannten Vereine und Organisationen d\u00fcrfte mittlerweile deutlich l\u00e4nger geworden sein (BT-DRUCKSACHE 18\/5564 2015, S. 23). Wie es sich in den n\u00e4chsten Jahren weiterentwickeln wird bleibt abzuwarten. Ein Ehrenamtlicher stellte die These auf, \u00a0dass der \u201eEhrenamts-Hype\u201c in Deutschland bereits wieder abgeklungen sei. Die befragte Organisationsmitarbeiterin zeigte sich im Gespr\u00e4ch dagegen optimistischer. Ihrer Meinung nach habe sich die ehrenamtliche Vormundschaft als Erfolgsmodell herauskristallisiert und werde sich daher in Zukunft weiter etablieren, auch unabh\u00e4ngig davon wie sich die Fl\u00fcchtlingszahlen entwickeln werden.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAlso es wird langfristig denke ich immer parallel die ehrenamtlichen Vormundschaften jetzt geben. Bis vor ein paar Jahren wurden die nie erw\u00e4hnt und jetzt ist es aber so, dass sich das so derma\u00dfen verbreitet, dass man da nicht mehr dr\u00fcber hinwegsehen kann langfristig. Aber auch nicht sollte! Das ist einfach toll!\u201c (Interview mit einer hauptamtlichen Mitarbeiterin einer Organisation, 31.08.2016)<\/p><\/blockquote>\n<h3>Ein Beitrag von Philipp Trautmann<\/h3>\n<p><strong>Literaturverzeichnis <\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>BOGUMIL, J\u00f6rg\/ Hafner, Jonas\/ Kuhlmann, Sabine (2016): <em>Verwaltungshandeln in der<\/em><em>\u00a0\u00a0 Fl\u00fcchtlingskrise \u2013 Vollzugsdefizite und Koordinationschaos bei der Erstaufnahme und <\/em><em>der Asylantragsbearbeitung<\/em>, In: DIE VERWALTUNG, Band 49.<\/li>\n<li>BT-DRUCKSACHE 18\/5564 (2015): <em>Drucksache des Deutschen Bundestages 18\/5564 vom 15.<\/em><em> Juli 2015: Antwort der Bundesregierung auf die Gro\u00dfe Anfrage der Abgeordneten <\/em><em>Luise Amtsberg, Beate Walter-Rosenheimer, Dr. Franziska Brantner, weiterer <\/em><em>Abgeordneter und der Fraktion B\u00dcNDNIS 90\/DIE GR\u00dcNEN \u2013 Drucksache 18\/2999 \u2013<\/em><em>Situation unbegleiteter minderj\u00e4hriger Fl\u00fcchtlinge in Deutschland.<\/em><\/li>\n<li>BUNDESFACHVERBAND UNBEGLEITETE MINDERJ. FL\u00dcCHTLINGE (2015): <em>Kritik <\/em><em>an der Bezeichnung \u201eunbegleitete minderj\u00e4hrige Ausl\u00e4nder_in\u201c<\/em>, im Internet unter: http:\/\/www.b-umf.de\/images\/Kritik_Begriff_umA.pdf (Letzter Abruf am 13.01.2017)<\/li>\n<li>BUNDESFACHVERBAND UNBEGLEITETE MINDERJ. FL\u00dcCHTLINGE (2016): <em>Zahlen <\/em><em>zu unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtlingen: Bestand, Verteilung, Quotenerf\u00fcllung <\/em><em>und Elternnachzug, <\/em>im Internet unter http:\/\/www.b-umf.de\/images\/150129_PM_AktuelleZahlenUMF.pdf (Letzter Abruf am 13.01.2017)<\/li>\n<li>DEUTSCHES ROTES KREUZ (2016): <em>Fachinformation des DRK-Suchdienstes zum <\/em><em>Familiennachzug von und zu Fl\u00fcchtlingen<\/em>, Ort unbekannt.<\/li>\n<li>HAN-BROICH, Misun (2015): \u201eEngagement in der Fl\u00fcchtlingshilfe\u201c In: <em>Aus Politik und<\/em><em> Zeitgeschichte (APuZ) 65 (14-15)<\/em>.<\/li>\n<li>HARGASSER, Brigitte (2016): <em>Unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge \u2013 Sequentielle <\/em><em>Traumatisierungsprozesse und die Aufgaben der Jugendhilfe<\/em>, 3. Auflage, Frankfurt am Main.<\/li>\n<li>M\u00dcLLER, Andreas (2014): <em>Unbegleitete Minderj\u00e4hrige in Deutschland, Working Paper 60 <\/em><em>des Forschungszentrums des Bundesamtes, <\/em>Bundesamt f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge: N\u00fcrnberg.<\/li>\n<li>NOSKE, Barbara (2010): <em>Herausforderungen und Chancen. Vormundschaften f\u00fcr unbe<\/em><em>gleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge in Deutschland<\/em>, M\u00fcnchen.<\/li>\n<li>NOSKE, Barbara (2012): \u201eZum unbegleiteten minderj\u00e4hrigen Fl\u00fcchtling werden \u2013 \u00dcber die Untrennbarkeit des Begriffs vom deutschen Kontext\u201c In: DEUTSCHES ROTES KREUZ et. al. (Hg.): <em>Kindeswohl und Kinderrechte f\u00fcr minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge <\/em><em>und Migranten<\/em>, Bonn und Berlin.<\/li>\n<li>NOSKE, Barbara (2015): <em>Die Zukunft im Blick. Die Notwendigkeit, f\u00fcr unbegleitete<\/em><em> minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge Perspektiven zu schaffen<\/em>, Berlin.<\/li>\n<li>PRZYBORSKI, Aglaja\/ Wohlrab-Sahr, Monika (2008): <em>Qualitative Sozialforschung \u2013 <\/em><em>Ein Arbeitsbuch<\/em>, M\u00fcnchen.<\/li>\n<li>SPIEGEL ONLINE (2016<em>): Unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge &#8211; Jung. Allein. <\/em><em>Gef\u00e4hrdet? <\/em>im Internet unter http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/wuerzburg-sind-unbegleitete- minderjaehrige-fluechtlinge-empfaenglich-fuer-radikalisierung-a-1103684.html (Letzter Abruf am 13.01.2017)<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Mehr Seele in den Laden bringen&#8220; Die ehrenamtliche Vormundschaft f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge stellt eine besondere Form des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements dar. 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