{"id":354,"date":"2018-01-22T14:52:15","date_gmt":"2018-01-22T13:52:15","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=354"},"modified":"2018-05-01T08:12:32","modified_gmt":"2018-05-01T06:12:32","slug":"das-nimmt-uns-halt-niemand-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=354","title":{"rendered":"\u201eDas nimmt uns halt niemand ab\u201c"},"content":{"rendered":"<h2>Engagement gegen \u201eRechts\u201c in Dortmund<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-357\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp-300x200.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp-300x200.png 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp-768x512.png 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp-1024x682.png 1024w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp-624x416.png 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Nazis-halt-stopp.png 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die politische Rechte hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Sie war zwar stets pr\u00e4sent, aber erst mit den parlamentarischen Erfolgen und neueren Erscheinungsformen in Europa und Nordamerika, r\u00fcckte sie auch in breiteren Teilen der Gesellschaft in den Fokus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung. In Deutschland waren es zu Beginn beispielsweise die Proteste von <em>Pegida<\/em> oder die Aktionen der <em>Identit\u00e4ren Bewegung.<\/em> Mit der Bundestagswahl im September 2017 hat sich gezeigt, dass auch in Deutschland eine rechtspopulistische Partei den zweistelligen Einzug in den Bundestag schaffen kann, die in einem Bundesland sogar als st\u00e4rkste Kraft hervorgegangen ist. In ganz Europa, so scheint es, werden rechte und rechtspopulistische Thesen wieder salonf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Allerdings ger\u00e4t dabei leicht aus dem Blick, dass Rechte in Deutschland auch schon vor <em>Pegida<\/em> und <em>AfD<\/em> Wirkm\u00e4chtigkeit erlangen konnten. In Dortmund zum Beispiel, einer Hochburg des Neonazismus auch \u00fcber NRW hinaus, gibt es eine organisierte rechte Szene, deren Kontinuit\u00e4ten bis in die 1980er Jahre reichen. Auch ganz ohne \u201eMetapolitik\u201c, um eines der Schlagworte in der <em>Neuen Rechten<\/em> zu bedienen, gelang es hier Neonazis, sich festzusetzen und ihre Vorstellungen in Teilen zu verwirklichen. Im Zeitraum zwischen den Jahren 2000 und 2005 ermordeten Neonazis in Dortmund f\u00fcnf Menschen. Mit Bezug auf den Stadtteil Dortmund-Dorstfeld schw\u00e4rmen sie von einem angeblichen \u201eNazikiez\u201c. Auch mit Organisationsverboten war der Szene nicht auf Dauer beizukommen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig findet sich in Dortmund eine Vielzahl an unterschiedlichen Akteur*innen, die sich gegen die rechte Szene engagieren. Ebenso zahlreich wie die Organisationen sind ihre Aktionsformen, ihre Analysen und Perspektiven auf die politische Rechte aber auch auf die eigene T\u00e4tigkeit. Diesen Umstand haben wir zum Anlass genommen, uns n\u00e4her mit dem Engagement gegen \u201eRechts\u201c in Dortmund zu besch\u00e4ftigen. Um einen m\u00f6glichst breiten Eindruck zu gewinnen, f\u00fchrten wir daher problemzentrierte Interviews mit Vertreter*innen unterschiedlicher Gruppen sowie Aktionsformen durch. Wir wollten wissen, ob sich das Engagement gegen \u201eRechts\u201c von anderen Formen zivilgesellschaftlichen Engagements unterscheidet und verglichen daher unsere Ergebnisse mit bereits gewonnenen Erkenntnissen aus der Forschung. Unser Fokus lag dabei auf den Faktoren, die Engagement gegen \u201eRechts\u201c beeinflussen. Warum haben die Befragten begonnen, sich in Dortmund gegen Rechts zu engagieren? Warum tun sie das heute immer noch, nicht mehr oder anders?<\/p>\n<p>Im folgenden Abschnitt <a href=\"#Dortmunder\"><em><u>Der Dortmunder Kontext<\/u><\/em><\/a> versuchen wir zun\u00e4chst, die Bedingungen zu umrei\u00dfen, unter denen Engagement gegen \u201eRechts\u201c in Dortmund stattfindet. Daf\u00fcr geben wir eine grobe \u00dcbersicht \u00fcber die rechte Szene in Dortmund und ihre Entwicklung einerseits und eine ebenso grobe \u00dcbersicht \u00fcber die verschiedenen Akteur*innen, die sich in der Stadt gegen \u201eRechts\u201c engagieren. Hier finden sich auch Erl\u00e4uterungen zu unseren Interviewpartner*innen und ihren Engagementformen. Der Abschnitt <a href=\"#Was\"><em><u>Was sagt die Forschung?<\/u><\/em><\/a> gibt einen kurzen \u00dcberblick \u00fcber die Untersuchungen zu politischem Engagement, die wir herangezogen haben, um sie mit unseren Interviews zu vergleichen und eventuelle Spezifika des Engagements gegen Rechts herauszuarbeiten. Es folgt der vierte Abschnitt <a href=\"#Untersuchungsergebnisse\"><em><u>Untersuchungsergebnisse zu Faktoren&#8230;<\/u><\/em><\/a>, der die Ergebnisse unserer Interviews behandelt. Dieser ist in drei kleine aufgeteilt. Sie besch\u00e4ftigen sich jeweils mit den Faktoren, die f\u00fcr den Beginn des Engagements gegen \u201eRechts\u201c relevant waren, mit den Faktoren, die seine Aufrechterhaltung f\u00f6rdern und zuletzt mit Gr\u00fcnden, das eigene Engagement zu beenden oder zu \u00e4ndern. Im Abschnitt <a href=\"#Verbesserungsvorschl\u00e4ge\"><em><u>Verbesserungsvorschl\u00e4ge<\/u><\/em><\/a> wenden wir uns den Ideen unserer Interviewpartner*innen bez\u00fcglich der Frage, wie Engagement gegen \u201eRechts\u201c in Dortmund gef\u00f6rdert werden k\u00f6nnte, zu und zuletzt ziehen wir ein <a href=\"#Fazit\">Fazit<\/a>, in dem wir auszuwerten versuchen, ob und falls ja, welche Unterschiede es zum politischen Engagement allgemein gibt.<\/p>\n<p>Zu beachten ist dabei, dass unsere Ergebnisse nat\u00fcrlich nur einen geringen Teil des breiten Spektrums der verschiedenen Akteur*innen im Engagement gegen \u201eRechts\u201c in Dortmund abbilden. Zus\u00e4tzlich stellen unsere Befragten auch erstmal nur einzelne Stimmen innerhalb der von ihnen gew\u00e4hlten Engagementform dar. Au\u00dferdem ergeben sich m\u00f6gliche Verzerrungen dadurch, dass unsere Interviewpartner*innen \u00fcberwiegend m\u00e4nnlich und mit einer Altersspannweite von 19 bis 29 Jahren auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig jung waren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?attachment_id=439\" rel=\"attachment wp-att-439\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-439\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Poster-final-JPG-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Poster-final-JPG-212x300.jpg 212w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Poster-final-JPG-768x1086.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Poster-final-JPG-724x1024.jpg 724w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Poster-final-JPG-624x882.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h3><a id=\"Dortmunder\"><\/a>Der Dortmunder Kontext<\/h3>\n<h4>Die Neonazis&#8230;<\/h4>\n<p>Wenn vom Engagement gegen \u201eRechts\u201c die Rede in Dortmund ist, sollte auch grob umrissen werden, wie die rechte Szene in der Stadt aufgestellt ist. Die Wurzeln des organisierten Neonazismus&#8216; in Dortmund reichen bis in die 1980er Jahre zur\u00fcck. Ma\u00dfgeblichen Einfluss hatte damals die sogenannte \u201eBorussenfront\u201c, ein gewaltt\u00e4tiger Zusammenschluss von Neonazis und Hooligans des Fu\u00dfballvereins Borussia Dortmund. Eine zentrale Figur war Siegfried Borchardt, welcher schon damals \u00fcber Dortmund hinaus gut vernetzt war in der rechten Szene der BRD. Schon damals z\u00e4hlten \u00dcbergriffe etwa auf Migrant*innen zu den Aktivit\u00e4ten der hiesigen Neonazis. Bis Ende der 1990er Jahre waren Neonazis in Dortmund mal mehr mal weniger aktiv, aber sie waren immer da und durch Personen wie Borchardt war eine Kontinuit\u00e4t immer gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p>Mit der Jahrtausendwende zeigten sich einige Umbr\u00fcche. Zun\u00e4chst t\u00f6tete der Neonazi Michael Berger in Dortmund und Waltrop am 14. Juni 2000 drei Polizist*innen und anschlie\u00dfend sich selbst. Die rechte Szene um Borchardt feierte ihn daf\u00fcr. Mittlerweile als \u201eKameradschaft Dortmund\u201c organisiert, druckten sie Aufkleber mit der Aufschrift \u201e3:1 f\u00fcr Deutschland\u201c und \u201eBerger war ein Freund von uns\u201c. In den Jahren 2003\/2004 \u00fcbernahmen dann j\u00fcngere Neonazis das Ruder in der Kameradschaft und setzten eine Modernisierung in Gang. Sie nannten sich fortan <em>Nationaler Widerstand Dortmund<\/em> (NWDO) und orientierten sich am Konzept der <em>Autonomen Nationalisten<\/em>. Sie \u00fcbernahmen etwa Kleidungsstil, Aktionsformen und Habitus von linken Autonomen und mischten sie mit rechter Ideologie, die sie um eher links besetzte Felder wie Globalisierungskritik oder \u00f6kologische Themen erweiterten. Sie entdeckten das Internet als Plattform f\u00fcr sich und begannen, regelm\u00e4\u00dfig Aufm\u00e4rsche in Dortmund zu organisieren, was bis dahin noch eine Seltenheit war. Im Stadtteil Dortmund-Dorstfeld versuchten sie einen Angstraum f\u00fcr Migrant*innen und antifaschistisch Engagierte zu etablieren.<\/p>\n<p>2005 wurde der Punk Thomas Schulz durch einen Neonazi erstochen. Der T\u00e4ter wurde wie Berger f\u00fcnf Jahre zuvor vom Rest der Szene f\u00fcr seine Tat gefeiert. 2006 ermordete der NSU den Kioskbesitzer Mehmet Kuba\u015f\u0131k. Dar\u00fcber hinaus machten die Neonazis aus Dortmund immer wieder durch Angriffe etwa auf die alternative Kneipe <em>Hirsch-Q<\/em> oder die 1. Mai-Demonstration des DGB 2009 auf sich aufmerksam.<\/p>\n<p>Im August 2012 wurde der NWDO letztendlich verboten, seine Mitglieder organisierten sich jedoch bereits kurz darauf in der Kleinstpartei <em>Die Rechte<\/em>. Von nun an operierten sie zwar unter neuem Namen, jedoch blieben ihre Handlungsfelder im Wesentlichen gleich. Sie betreiben einen Versand f\u00fcr rechte Propaganda, unterhalten eine eigene Nachrichtenseite und organisieren weiterhin Aufm\u00e4rsche von bundesweiter Bedeutung (vgl. Weiermann 2014).<\/p>\n<p>2016 holten sie mit dem sogenannten \u201eTag der deutschen Zukunft\u201c ein j\u00e4hrliches Neonazi-Event nach Dortmund. Sie sind in Deutschland und international gut vernetzt und seit der Kommunalwahl 2014 auch im Stadtrat und Bezirksr\u00e4ten vertreten. Mit der in Dortmund eher unbedeutenden NPD konnten sie eine Ratsgruppe bilden und dar\u00fcber finanzielle Mittel einstreichen. Sie deklarieren Stadtteile, allen voran Dorstfeld, als \u201eNazikieze\u201c. In der rechten Szene genie\u00dfen die Dortmunder Neonazis Anerkennung. Inzwischen k\u00f6nnen sie es sich sogar leisten, neben dem <em>Die Rechte<\/em>-Verband auch wieder<\/p>\n<p>Kameradschaftsstrukturen wie die <em>Aktionsgruppe Dortmund-West<\/em> zu unterhalten und verf\u00fcgen auch wieder \u00fcber Immobilien. In NRW d\u00fcrfte es kaum eine andere Stadt mit einer derart organisierten rechten Szene und Infrastruktur geben. Und in kaum einer anderen Stadt ist rechte Gewalt so pr\u00e4sent. Im Jahr 2015 z\u00e4hlte die Landesregierung NRW im Bereich der politisch motivierten Kriminalit\u00e4t rechts (PMK-rechts) 255 Gewaltdelikte. \u201eSpitzenreiter\u201c unter den Tatorten ist mit einigem Abstand auf den Zweitplatzierten,<\/p>\n<p>Wuppertal (27 Gewaltdelikte), die Stadt Dortmund mit insgesamt 42 Taten. Auch im Bereich Bedrohungen\/N\u00f6tigungen\/Sachbesch\u00e4digungen f\u00fchrt Dortmund die Tabelle mit insgesamt 49 Taten vor K\u00f6ln und Wuppertal (jeweils 19 Delikte) an.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Gewalttaten.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-358\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Gewalttaten-300x200.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Gewalttaten-300x200.png 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Gewalttaten-768x512.png 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Gewalttaten-624x416.png 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Gewalttaten.png 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Bedrohungen-Sachbeschadigungen.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-356\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Bedrohungen-Sachbeschadigungen-300x200.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Bedrohungen-Sachbeschadigungen-300x200.png 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Bedrohungen-Sachbeschadigungen-768x512.png 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Bedrohungen-Sachbeschadigungen-624x416.png 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Grafik-Bedrohungen-Sachbeschadigungen.png 900w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<h4>\u00a0\u2026 und ihre Gegner*innen<\/h4>\n<p>Trotz der Bedrohungen durch eine gewaltt\u00e4tige Neonaziszene, die sogar Morde begangen hat, verf\u00fcgt Dortmund jedoch auch \u00fcber eine Vielzahl an Akteur*innen, die sich gegen \u201eRechts\u201c engagieren. Die Stadt Dortmund gab 2007 einen Aktionsplan in Auftrag. 2008 folgte die Einrichtung einer <em>Koordinierungsstelle f\u00fcr Vielfalt, Toleranz und Demokratie<\/em>. Es gibt eine Opfer- (<em>BackUp<\/em>) und eine Ausstiegsberatung (<em>ComeBack<\/em>). Es gibt mehrere sogenannte <em>Schulen ohne Rassismus <\/em>in Dortmund. Die Kirchen, Gewerkschaften und viele der Parteien engagieren sich ebenso gegen \u201eRechts\u201c wie Organisationen von Migrant*innen oder der BVB. Es gibt Festivals, die sich explizit gegen \u201eRechts\u201c richten, wie das <em>Bunt statt Braun Open Air<\/em> in Dortmund. Dar\u00fcber hinaus bringen sich auch Institutionen wie das <em>Schauspiel Dortmund<\/em> in Proteste gegen Neonazis ein. Mehrere zivilgesellschaftliche B\u00fcndnisse organisieren solche Proteste. Dazu geh\u00f6ren zum Beispiel das B\u00fcndnis <em>Dortmund Nazifrei \u2013 B\u00fcndnis demokratisches Dortmund<\/em>, das <em>B\u00fcndnis Dortmund gegen Rechts<\/em> oder das <em>BlockaDO<\/em>-B\u00fcndnis. Es gibt in Dortmund gleich mehrere linke und <em>Antifa<\/em>Gruppen, die gegen Neonazis aktiv sind. 2016 gab es als Reaktion auf mehrere Angriffe auf Personen aus dem linken Spektrum, die in einer Messerattacke auf einen 24-J\u00e4hrigen gipfelten, au\u00dferdem eine breite Kampagne mit dem Titel <em>\u201eEs reicht!\u201c<\/em>, die unter anderem zwei Demonstrationen gegen rechte Gewalt organisierte (vgl. BlockaDO 2016).<\/p>\n<p>Eine vollst\u00e4ndige Aufz\u00e4hlung aller Akteur*innen ist jedoch schlicht nicht m\u00f6glich. Das liegt zum einen daran, dass die bundesweite Relevanz der Neonazis es vielen Vereinen und Institutionen unm\u00f6glich macht, sich nicht mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen und zum anderen daran, dass viele Menschen auch einfach als Einzelpersonen aktiv werden und sich nicht in einer bestimmten Organisation oder Gruppe engagieren. Es ist so also kaum m\u00f6glich alle Akteur*innen zu erfassen und vermutlich auch wenig sinnvoll. Wir gehen davon aus, dass wir die zentralen Akteur*innen in unserer Auflistung erfasst haben.<\/p>\n<p>Die verschiedenen Akteur*innen unterschieden sich zus\u00e4tzlich nicht nur hinsichtlich ihrer Organisationsform. Das wird auch bei unseren Interviewpartner*innen deutlich, deren Namen und Geschichten wir anonymisieren. Im Folgenden werden wir sie \u201eI1\u201c, \u201eI2\u201c und so weiter nennen. I1 engagiert sich etwa im Streetart-Bereich gegen \u201eRechts\u201c. Das umfasst etwa das Spr\u00fchen von Graffiti, das Kleben von Plakaten und Aufklebern und nat\u00fcrlich das \u00dcbermalen oder Entfernen der Aufkleber oder Graffiti von Neonazis. I2 ist in einer Antifa-Gruppe aktiv. Das umfasst in diesem konkreten Beispiel etwa das Organisieren von Protesten gegen Aufm\u00e4rsche, \u00d6ffentlichkeitsarbeit und im Zweifel auch die physische<\/p>\n<p>Auseinandersetzung mit Neonazis. Es muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass sich Antifa-Gruppen mitunter stark voneinander unterscheiden. Aktionsformen, Ziele, Ausrichtung und so weiter h\u00e4ngen stets von den jeweiligen Mitgliedern einer Gruppe ab. I3 war urspr\u00fcnglich in einer anderen Stadt in einer sogenannten Recherchegruppe aktiv und f\u00fchrt dieses Engagement nebenbei als Einzelperson in Dortmund fort. Die Bet\u00e4tigung solcher Gruppen umfasst z.B. das Sammeln und gezielte Ver\u00f6ffentlichen von Informationen \u00fcber die rechte Szene, ihre Strukturen und Mitglieder. Sie unterscheiden sich etwa hinsichtlich ihrer Verwendung der Informationen und ihrer Adressat*innen, mit denen gewonnenes Wissen geteilt wird (allgemeine \u00d6ffentlichkeit, Stadtteil, eigene Szene, &#8230;). Unter anderem in einer Jugendorganisation einer Partei engagiert sich I4. Dabei ist das Engagement gegen \u201eRechts\u201c nur ein Teil seiner politischen Arbeit. Die Beteiligung an Protesten geh\u00f6rt ebenso dazu wie etwa Aufkl\u00e4rungsarbeit an Schulen. I5 hingegen hat sich lose mit Freund*innen engagiert, Flugbl\u00e4tter verteilt und Demonstrationen besucht.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich also festhalten, dass das Engagement gegen \u201eRechts\u201c vor allem durch ein Merkmal gekennzeichnet ist: Vielfalt \u2013 sowohl hinsichtlich der Organisations- als auch der Aktionsformen. Und ideologische Unterschiede oder das Verh\u00e4ltnis zu Fragen von Militanz zum Beispiel sind dabei noch au\u00dfen vor gelassen.<\/p>\n<h3><a id=\"Was\"><\/a>Was sagt die Forschung?<\/h3>\n<p>Es gibt unterschiedliche Untersuchungen zu der Frage, warum sich Menschen sozial oder politisch engagieren. Wir beziehen uns schwerpunktm\u00e4\u00dfig auf die FES-Jugendstudie 2015, da diese sich mit ihrer Untersuchung des politischen Engagements junger Menschen sehr gut f\u00fcr den Vergleich mit unseren Befragten eignet. So unterscheiden Wolfgang Gaiser und Johann de Rijke in der Studie etwa zun\u00e4chst verschiedene Arten von Faktoren, die ein politisches Engagement beg\u00fcnstigen: Ressourcen, Motivationen und soziale Netze.<\/p>\n<p>Die Kategorie &#8218;Ressourcen&#8216; bezieht sich auf Eigenschaften wie das Geschlecht, Alter, Migrationshintergrund oder Bildung. Vor allem dem letzten Faktor wird dabei eine hohe Relevanz beigemessen (vgl. Gaiser \/ de Rijke 2015: 69). Da diese Punkte in unserer Untersuchung allerdings nicht abgefragt wurden, sparen wir uns an dieser Stelle weitere Ausf\u00fchrungen.<\/p>\n<p>In der Kategorie &#8218;Motivationen&#8216; wird die Einsch\u00e4tzung von Jugendlichen zu ihrer Selbstwirksamkeit aufgef\u00fchrt. Damit ist \u201edie Bereitschaft zu individueller Verantwortungs\u00fcbernahme und dem Gef\u00fchl der relativen Sicherheit, eigene Entscheidungen und Handlungen durchsetzen zu k\u00f6nnen\u201c (Gaiser \/ de Rijke 2015: 63) gemeint. Weiterhin spielen kritische Wertorientierungen und das Vertrauen in politische Institutionen eine Rolle f\u00fcr die Wahl des Engagements. In der Studie werden konventionelles (etwa in einer Partei) und unkonventionelles (in unserem Fall etwa die Aktivit\u00e4t in einer Antifagruppe) unterschieden. Geringes Vertrauen in politische Institutionen beg\u00fcnstige die Hinwendung zu unkonventionellem Engagement. Als wichtigsten Punkt stellen Gaiser und de Rijke jedoch das Vorhandensein von politischem Interesse in den Vordergrund. Damit k\u00f6nnten etwa auch fehlende Ressourcen oder soziale Netze kompensiert werden (vgl. Gaiser \/ de Rijke 2015: 68).<\/p>\n<p>Zuletzt k\u00f6nnen auch soziale Netze die Bereitschaft zu politischem Engagement beeinflussen. Hierzu hei\u00dft es: \u201eKonventionelle Partizipation und noch st\u00e4rker unkonventionelle Partizipation wird gef\u00f6rdert, wenn ausreichende soziale Netze mit politisch aktiven Freunden oder Freundinnen vorhanden sind\u201c (Gaiser \/ de Rijke 2015: 69). Im Rahmen derselben Studie stellt Achim Schr\u00f6der noch einige weitere Faktoren fest wie etwa den Einfluss der Familie, der Schule, besonderer biografischer Ereignisse (vgl. Schr\u00f6der 2015: 110 ff.) oder die Anerkennung durch andere (vgl. Schr\u00f6der 2015: 127f.).<\/p>\n<p>Als Faktoren, die das Fortsetzen eines Engagements bei jungen Menschen beg\u00fcnstigen, f\u00fchren Katharina Sandbrink und Jacob Steinwede eine intrinsische Motivation auf der einen Seite und die individuelle F\u00e4higkeit, Probleme, die mit dem Engagement etwa im Alltag einhergehen, zu \u00fcberwinden, auf der anderen Seite an. F\u00fcr die intrinsische Motivation sind zudem \u201e[spezifische] Erfahrungen von Engagement-\u201aErfolgen\u2018\u201c (Sandbrink \/ Steinwede 2015: 102) relevant.<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend zu den Ergebnissen der Jugendstudie lohnt sich ein Blick in andere Untersuchungen zum Engagement gegen \u201eRechts\u201c. Bezogen auf die Beteiligten an Protesten gegen Pegida-Demonstrationen \u2013 und damit schon n\u00e4her am Engagement unserer Befragten \u2013 stellt etwa Simon Teune fest, dass dort ein Ziel sei \u201eden Widerspruch sichtbar und Pegida den \u00f6ffentlichen Raum streitig zu machen\u201c (Teune 2016).<\/p>\n<h3><a id=\"Untersuchungsergebnisse\"><\/a>Untersuchungsergebnisse zu Faktoren&#8230;<\/h3>\n<h4>\u00a0\u2026 f\u00fcr den Einstieg in das Engagement gegen \u201eRechts\u201c<\/h4>\n<p>Eine zentrale Frage in unserem Projekt war die nach den Gr\u00fcnden f\u00fcr den Einstieg ins Engagement gegen \u201eRechts\u201c. Hier verwiesen drei der Befragten auf Erfahrungen mit Rassismus oder rechter Gewalt. Sei es etwa, weil befreundete Personen z.B. mit Migrationshintergrund rassistisch beleidigt wurden oder sie selbst von Neonazis aufgrund ihrer politischen Haltung oder \u00c4hnlichem bedroht wurden. So r\u00fcckte f\u00fcr die meisten Befragten das Thema \u201eRechts\u201c in den Vordergrund. Die Erfahrung von Ausgrenzung und\/oder rechter Gewalt im eigenen Freund*innenkreis oder am eigenen Leib spielt eindeutig eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr die Entscheidung, sich gegen die politische Rechte zu engagieren. So beschreibt etwa I3 ausf\u00fchrlich die Situation in seinem*ihrem Heimatort,<\/p>\n<p>\u201edass Leute da auch immer wieder angegriffen worden sind von Neonazis \u2013 auf dem Nachhauseweg nach der Schule, vom Fu\u00dfballtraining\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Aber auch die indirekte Erfahrung rechter Gewalt kann die Besch\u00e4ftigung mit dem Thema ansto\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[&#8230;] also hier in Dortmund ist ja vor 12 Jahren ein Punk erstochen worden. Das hab&#8216; ich damals noch in meiner Schulzeit durchaus mitbekommen und [\u2026] fand das halt richtig, gegen rechte Gewalt was zu machen.\u201c (Interview I2 20.09.2017: Antifa-Mitglied)<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine Rolle scheint auch zu spielen, dass der Umgang des Rests der Gesellschaft mit Neonazis und rechter Gewalt als mangelhaft wahrgenommen wird. So kann etwa der Wunsch bestehen, zu informieren, \u201eweil ja auch das Thema [\u2026] in der \u00d6ffentlichkeit nicht so gew\u00fcrdigt wird, wie es sollte\u201c (Interview I5 28.09.2017: Freund*innenkreis). Das Gef\u00fchl, selbst aktiv werden zu m\u00fcssen, steht hier im Vordergrund. In einem Fall hat so auch das Fehlen von Unterst\u00fctzung nach Angriffen von Neonazis zur Selbstorganisierung der Betroffenen gef\u00fchrt: \u201eDas nimmt uns halt niemand ab\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Mangelnde Aufmerksamkeit aus der Zivilgesellschaft und fehlende Strafverfolgung durch die Polizei f\u00fchrten zu der Wahrnehmung, \u201edass Neonazis aus einer [\u2026] Konsequenzlosigkeit heraus agieren k\u00f6nnen.\u201c (ebd.)<\/p>\n<p>Das Engagement gegen \u201eRechts\u201c kann dabei auch als Mittel verstanden werden, um sich die Bedingungen f\u00fcr eigenes politisches Handeln zu schaffen, dass ansonsten von rechter Gewalt bedroht w\u00e4re:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas war so der Punkt, wo mir klar geworden ist, ich kann in dieser Stadt nicht einfach so tun, als w\u00e4ren die Nazis nicht da und einfach Sachen [\u2026] tun, die mich interessieren, sondern ich komm&#8216; nicht drum herum, mich hier in einer Antifagruppe zu organisieren und den Raum \u00fcberhaupt erst zu schaffen f\u00fcr andere Politikfelder [\u2026]\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>(Interview I2 20.09.2017: Antifa-Mitglied). Hier geht es also auch darum, den Einfluss der Rechten auf die Gestaltung der eigenen politischen Handlungsm\u00f6glichkeiten zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Einen zweiten wichtigen Faktor stellt das soziale Umfeld dar. Das kann die Familie sein, in der \u201ees &#8217;ne Selbstverst\u00e4ndlichkeit [war], Neonazis und viele ihrer Vorstellungen, also so Rassismus, Antisemitismus und so weiter abzulehnen\u201c (Interview I3 20.09.2017:<\/p>\n<p>Recherchegruppe). Das kann aber auch der Freund*innenkreis sein, in dem \u201ees irgendwie dazugeh\u00f6rte, dass man da so ein-, zweimal im Jahr auf Demos gefahren ist und sich da nat\u00fcrlich auch mehr mit der Thematik auseinandergesetzt hat\u201c (Interview I5 28.09.2017: Freund*innenkreis). Das Umfeld spielte eine wichtige Rolle dabei, die Interviewten zu politisieren und f\u00fcr das Engagement gegen \u201eRechts\u201c zu sensibilisieren. Auch das Umfeld im Jugendzentrum (vgl. Interview I4 14.09.2017: Parteijugend) oder Liebesbeziehungen (vgl. Interview I5 28.09.2017: Freund*innenkreis) k\u00f6nnen Gr\u00fcnde sein, in das Engagement gegen \u201eRechts\u201c einzusteigen. Allerdings war es in diesen beiden F\u00e4llen keineswegs so, dass die Personen quasi in das Engagement <em>hineingezogen<\/em> worden w\u00e4ren. Eine ablehnende Haltung gegen rechte Ideologie war bereits vorhanden. Vielmehr erm\u00f6glichte der Kontakt mit Gleichgesinnten Gelegenheiten, aktiv zu werden.<\/p>\n<p>Aber auch andere Einfl\u00fcsse k\u00f6nnen die Besch\u00e4ftigung mit Engagement gegen \u201eRechts\u201c ansto\u00dfen. Beispielsweise erkl\u00e4rte I1, er*sie sei \u00fcber Musik und Aufkleber \u201ean politischere Dinge &#8218;rangetragen worden und hab&#8216; diese dann eben auch selber mir angeeignet und mich dann weiterhin befasst\u201c (Interview I1 12.09.2017: Streetart). Aufkl\u00e4rung \u00fcber Neonazis oder Nationalsozialismus im Schulunterricht etwa nimmt in den Erz\u00e4hlungen der Interviewten hingegen eine eher untergeordnete Rolle ein. Vielmehr scheint dieser bereits gewecktes Interesse weiter zu best\u00e4rken (vgl. I4 14.09.2017: Parteijugend) \u2013 zumindest im Falle unserer Befragten.<\/p>\n<h4>\u00a0\u2026 f\u00fcr das bestehende Engagement<\/h4>\n<p>Auf die Frage, warum sich die interviewten Personen auch weiterhin gegen \u201eRechts\u201c engagieren, haben wir von unseren Befragten oft zun\u00e4chst eine \u00e4hnliche Antwort bekommen: Rassismus, rechte Gewalt und rechte Ideologie allgemein seien immer noch aktuelle Probleme, gegen welche vorgegangen werden m\u00fcsse. Zentral f\u00fcr eine Fortsetzung des Engagements ist also offenbar die <em>\u00dcberzeugung von der Notwendigkeit<\/em> desselben. Mit den Worten eines*einer Befragten:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eUnd die Arbeit ist halt einfach wichtig und deshalb mache ich halt weiter so. Es gibt diese Leute [Anm.: Neonazis] immer noch, es werden immer noch Menschen von denen angegriffen, es werden immer noch Menschen von denen umgebracht, insofern erkl\u00e4rt sich das, finde ich, dann auch von selbst, weiterhin dagegen aktiv zu bleiben.\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Erleben rechter Gewalt kann auch ein Faktor sein, der Menschen dazu motiviert, sich weiterhin zu engagieren. F\u00fcr I2 ist es ein Grund, die Auseinandersetzung mit der politischen Rechten fortzusetzen, dass<\/p>\n<blockquote><p>\u201ees hier seit Jahrzehnten eine sehr starke und gut organisierte Neonaziszene gibt, die immer wieder mit teilweise gewaltt\u00e4tigen, teilweise auch einfach provokanten Aktionen auff\u00e4llt, die konkret auch Leute bedroht und auch aus meinem pers\u00f6nlichen Umfeld Leute bedroht.\u201c (Interview I2 20.09.2017: Antifa-Gruppe)<\/p><\/blockquote>\n<p>Neben der Motivation, sich und andere vor Gewalt durch Rechte zu sch\u00fctzen, scheint \u2013 wenig verwunderlich \u2013 ein zweiter wichtiger Faktor daf\u00fcr, dass Menschen gegen \u201eRechts\u201c aktiv bleiben, eine grundlegende politische \u00dcberzeugung zu sein. Dazu kann einfach die prinzipielle Ablehnung von Rassismus geh\u00f6ren (vgl. Interview I4 14.09.2017: Parteijugend) oder auch das Streben nach einer Welt, \u201ein der Diskriminierung, rechte Ideologie und Gewalt nicht mehr vorhanden sind\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Es wird also eine generelle Unvereinbarkeit der eigenen \u00dcberzeugungen mit rechten Gesellschaftsentw\u00fcrfen erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Ein uneindeutiger Faktor scheint die Anerkennung durch andere zu sein. Zwar kann das pers\u00f6nliche Erfahren von Best\u00e4tigung sehr motivierend wirken, wie zum Beispiel ein*e Befragte*r erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[M]an wei\u00df dann halt auch, dass es das Richtige ist, was man tut, weil, wenn so jemand [Anm.: gemeint ist Anti-Apartheid-Aktivist Denis Goldberg] zum Beispiel das f\u00fcr gut befindet und da froh dr\u00fcber ist, dann kann das ja eigentlich gar nicht falsch sein\u201c (Interview I5 28.09.2017: Freund*innenkreis).<\/p><\/blockquote>\n<p>Andererseits scheint sie keine notwendige Bedingung f\u00fcr das Fortf\u00fchren von Engagement gegen \u201eRechts\u201c zu sein, da einige der Befragten sogar zugunsten ihres Engagements bewusst auf diese verzichten:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eManche wissen auch einfach nur, dass ich mich allgemein irgendwie gegen \u201eRechts\u201c einsetze. [\u2026] Und ich finde das auch okay so. Gibt zwar weniger Anerkennung, aber was wir machen, ist nat\u00fcrlich auch nicht ganz ungef\u00e4hrlich\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe),<\/p>\n<p>\u201eIch bin eher unerkannt unterwegs, als mein Gesicht in jede Kamera zu halten\u201c (Interview I1 12.09.2017: Streetart).<\/p><\/blockquote>\n<p>In diesen F\u00e4llen spielt nat\u00fcrlich auch der Schutz vor Neonazis und staatlicher Strafverfolgung eine gro\u00dfe Rolle, weshalb die Anonymit\u00e4t vorgezogen wird. Au\u00dferdem nehmen sie in Kauf, dass ihr Engagement zumindest in Teilen der \u00d6ffentlichkeit nicht auf Gegenliebe st\u00f6\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNat\u00fcrlich polarisieren wir und das wollen wir ja auch\u201c (Interview I2 20.09.2017: Antifagruppe).<\/p><\/blockquote>\n<p>In einigen Interviews finden sich zwar auch Hinweise darauf, dass die Best\u00e4tigung eher aus dem sozialen Umfeld kommt. In den Familien und Freund*innenkreisen etwa scheint Engagement gegen \u201eRechts\u201c im Allgemeinen in den meisten F\u00e4llen jedenfalls einigen R\u00fcckhalt zu genie\u00dfen. Allerdings wird hier auch h\u00e4ufig einger\u00e4umt, dass nicht immer alle Details des eigenen Engagements bekannt sind: \u201e[I]ch schmier&#8216; jetzt nicht jedem alles auf&#8217;s Brot\u201c (ebd.)<\/p>\n<p>Die Rolle der wahr- oder angenommenen Wirkung des eigenen Engagements f\u00fcr die Aufrechterhaltung desselben konnten wir nur unzureichend untersuchen. Zwar hei\u00dft es in einem Interview, auf die Frage, ob die eigene T\u00e4tigkeit einen Effekt erzielen w\u00fcrde: \u201e[&#8230;] sonst w\u00fcrd&#8216; ich&#8217;s nicht machen\u201c (Interview I1 12.09.2017: Streetart). Allerdings fehlt uns in unseren Interviews ein Beispiel f\u00fcr das Fehlen dieser Wirkung bzw. f\u00fcr wahr- oder angenommenes Scheitern. Alle Befragten waren sich einig, dass ihr Engagement positive Folgen in ihrem Sinne zeige. Diese reichen von dem einfachen Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Neonazis im \u00f6ffentlichen Raum oder der Werbung f\u00fcr die eigenen politischen Inhalte (vgl. ebd.) bis hin zu einer wahrgenommenen Steigerung der Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die Problematik der rechten Szene vor Ort (vgl. Interviews I2 und I3). Hier flie\u00dft auch mit ein, dass das eigene Engagement in einigen F\u00e4llen als Teil einer gr\u00f6\u00dferen Gegenbewegung verstanden wird:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[&#8230;] das ist ja &#8217;ne Arbeit, die unz\u00e4hlige Gruppen und Personen weltweit und eben auch allein mehrere hier vor Ort [Anm.: gemeint ist in diesem Fall der Heimatort der Person] machen\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe).<\/p><\/blockquote>\n<h4>\u00a0\u2026 f\u00fcr das Beenden\/\u00c4ndern des Engagements<\/h4>\n<p>W\u00e4hrend alle Personen angaben, sich nach wie vor gegen \u201eRechts\u201c zu engagieren, stellt ein Fall doch eine Besonderheit dar. So entschloss sich eine*r der Befragten dazu, die Art ihres*seines Engagements zu \u00e4ndern. Von der Teilnahme an Demonstrationen und anderen Protestaktionen verlagerte er*sie das Engagement eher in den privaten Bereich: das Widersprechen gegen rechte Spr\u00fcche etwa im eigenen Alltag. Interessant ist dabei, dass rechte Gewalt, die in mehreren anderen Interviews eher als Grund <em>f\u00fcr<\/em> den Beginn oder die Fortsetzung eines Engagements gegen \u201eRechts\u201c eine Rolle spielte, in diesem Fall die umgekehrte Wirkung erzielte. \u201eVorf\u00e4lle [\u2026], wo es halt auch darum ging, [dass] mein Wohl gef\u00e4hrdet war\u201c (Interview I5 28.09.2017: Freund*innenkreis) f\u00fchrten dazu, dass das Engagement sich von der \u00d6ffentlichkeit in den privaten Alltag verlagerte. M\u00f6glicherweise trug dazu auch bei, dass laut I5<\/p>\n<blockquote><p>\u201eman [\u2026] halt immer zwangsl\u00e4ufig irgendwie mit der Polizei zusammen[st\u00f6\u00dft]. Was dann nat\u00fcrlich auch dazu gef\u00fchrt hat, dass ich schon in der Gefangenensammelstelle sa\u00df\u201c (ebd.).<\/p><\/blockquote>\n<p>Dies wiederum bewirkte, dass Eltern und soziales Umfeld sich \u201esehr viele Sorgen\u201c (ebd.) machten.<\/p>\n<h3><a id=\"Verbesserungsvorschl\u00e4ge\"><\/a>Verbesserungsvorschl\u00e4ge<\/h3>\n<p>Zum Schluss fragten wir unsere Interviewpartner*innen nach Verbesserungsvorschl\u00e4gen, nach M\u00f6glichkeiten, die Rahmenbedingungen f\u00fcr ihr Engagement zu verbessern. Die Antworten lassen sich grob in zwei Kategorien einteilen. Auf der einen Seite finden sich mehr oder weniger konkrete W\u00fcnsche, die an bestimmte Institutionen gerichtet sind, auf der anderen Seite eher etwas abstraktere, die sich an die Gesamtgesellschaft richten. Letztere k\u00f6nnen allerdings auch mit konkreteren Vorschl\u00e4gen verbunden sein.<\/p>\n<p>Unter den konkreten Verbesserungsvorschl\u00e4gen wurde am h\u00e4ufigsten genannt, dass \u201eMenschen, insbesondere junge Menschen, die sich antifaschistisch engagieren, nicht aufgrund einer Teilnahme an einer Demonstration direkt kriminalisiert werden\u201c (Interview I4 14.09.2017: Parteijugend) sollten. Im Fokus der Kritik steht dabei meistens die Polizei, der Appell wird aber auch an die Stadtverwaltung und Medien gerichtet:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas w\u00e4re aber auch gut, wenn in den Medien [\u2026] nicht immer nur von solchen Dingen wie &#8218;der schwarze Block&#8216; oder [\u2026] sagen wir mal &#8218;gewaltbereiten Demonstranten&#8216; gesprochen wird, weil es ist mitnichten so, dass alle Menschen, die in schwarzen Klamotten auf eine Demonstration gehen, gewaltbereit sind. Genauso wenig wie alle, die bunt sind, nicht gewaltbereit sind. Also da wird sehr viel mit Vorurteilen gearbeitet\u201c (ebd.).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Kritik adressiert jedoch auch Akteur*innen, die sich ebenfalls gegen \u201eRechts\u201c engagieren. In einem Fall wurde sich etwa ausdr\u00fccklich gew\u00fcnscht, \u201eauch von Seiten anderer zivilgesellschaftlicher Akteure Denunzierungen staatsferner Politik zu beenden\u201c (Interview I2 20.09.2017: Antifagruppe). In einem anderen Fall wurden W\u00fcnsche auch an die eigene Szene gerichtet. So wurde zum Beispiel bem\u00e4ngelt,<\/p>\n<blockquote><p>\u201edass sich die Antifa-Szene [\u2026] da wenig Gefallen mit tut, wenn sie so auftritt, wie sie es in Hamburg [Anm.: gemeint sind Teile der Proteste gegen den G20-Gipfel] zum Beispiel getan [hat]\u201c (Interview I5 28.09.2017 : Freund*innenkreis).<\/p><\/blockquote>\n<p>Eng verbunden mit dem Aspekt der Kriminalisierung ist auch der Appell vor allem an Stadt und Polizei, damit aufzuh\u00f6ren, den Engagierten \u201eSteine in den Weg zu legen\u201c (ebd.). Insbesondere an die Polizei gerichtet ist dabei der Wunsch \u201eEinsatztaktiken [\u2026], die darauf ausgelegt sind, antifaschistischen Protest zu behindern, grunds\u00e4tzlich zu versuchen, Neonaziaufm\u00e4rsche in Dortmund frei von Gegenprotesten zu erm\u00f6glichen\u201c (ebd.) zu verwerfen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[E]in bisschen mehr Gelassenheit im Umgang mit unserem Protest beispielsweise gegen Naziaufm\u00e4rsche funktioniert in anderen St\u00e4dten ja auch. Warum also nicht auch in Dortmund?\u201c (ebd.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Dazu kommen einzelne W\u00fcnsche etwa nach einer Bereitstellung von Mitteln \u201ef\u00fcr ungebundene Arbeit\u201c (ebd.). Hier zeigt sich auch ein Problem, das auf die Organisations- und Aktionsformen der meisten Befragten zutrifft: mit ihrer Unabh\u00e4ngigkeit von Parteien, Kirchen oder \u00c4hnlichem geht auch die geringere Verf\u00fcgbarkeit von Ressourcen (Geld, R\u00e4umlichkeiten etc.) einher. Auch der Wunsch nach gr\u00f6\u00dferer Anerkennung der Engagementform \u2013 weniger des pers\u00f6nlichen Engagements \u2013 wurde genannt (vgl. Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe).<\/p>\n<p>Etwas weiter gefasst aber \u00e4hnlich h\u00e4ufig wie einen Abbau von Kriminalisierung w\u00fcnschten sich die Befragten, dass mehr Menschen sich gegen \u201eRechts\u201c engagieren sollten. Allerdings gaben sie dabei nicht <em>das eine<\/em>, \u201erichtige\u201c Engagement vor (beispielsweise ihr eigenes), sondern \u00fcberlassen die Wahl den Menschen, an die sie ihren Appell richten: \u201eSei es auf der Stra\u00dfe, am Arbeitsplatz oder halt eben als Recherchegruppe. Hauptsache, sich den Mist nicht einfach nur &#8218;reinziehen und weitergehen\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Als konkrete Vorschl\u00e4ge, um das zu unterst\u00fctzen, pl\u00e4dieren die Befragten f\u00fcr mehr politische Bildung, damit die Menschen \u201efeststellen, dass Menschen nunmal [\u2026] Menschen sind und nicht irgendwer, nur weil er woanders herkommt oder anders aussieht und wen anders liebt, &#8217;n anderer, schlechterer Mensch ist\u201c (Interview I1 12.09.2017: Streetart). Aufkl\u00e4rung \u00fcber rechte Ideologie \u201ew\u00fcrde unser Engagement nicht direkt f\u00f6rdern, aber vielleicht irgendwann mal \u00fcberfl\u00fcssig machen. Ja, ich glaube, damit w\u00e4re schon einiges getan\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Hier schl\u00e4gt sich offenbar auch die Kritik an einer als unt\u00e4tig wahrgenommenen Zivilgesellschaft nieder, die ein Faktor f\u00fcr den Beginn des eigenen Engagements darstellte (vgl. ebd.).<\/p>\n<p>Interessant finden wir, dass zwar in einzelnen Interviews eine wahrgenommene mangelnde Strafverfolgung gegen\u00fcber rechter Gewalt als Motivation genannt wurde, selbst aktiv zu werden (vgl. ebd.). Allerdings wurden keine diesbez\u00fcglichen Verbesserungsvorschl\u00e4ge gemacht. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr k\u00f6nnen wir nur vermuten. Eine gewisse Skepsis gegen\u00fcber staatlichen Institutionen und insbesondere gegen\u00fcber der Polizei spielt hier m\u00f6glicherweise eine Rolle.<\/p>\n<p>Es kann also festgehalten werden, dass die wichtigsten Punkte aus Sicht der Befragten weniger Kriminalisierung und mehr politische Bildung und Aufkl\u00e4rung sind. Auch eine Erweiterung ihrer Spielr\u00e4ume hinsichtlich der M\u00f6glichkeiten von Gegenprotest wird von mehreren Befragten geteilt. Allerdings wurde in den Antworten auch mehrmals betont, dass sich die Befragten bez\u00fcglich der Umsetzung ihrer Vorschl\u00e4ge \u201ekeine Illusionen\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe) machen w\u00fcrden. So wird etwa in Bezug auf den Abbau von Kriminalisierung konstatiert: \u201eWird nat\u00fcrlich nicht passieren, f\u00e4nd&#8216; ich aber sehr gut\u201c (Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Hier zeigt sich, dass einige der Befragten \u2013 insbesondere von Seiten der Polizei \u2013 nicht (mehr) damit rechnen, dass Verbesserungen von dort ausgehen. Das mag zum Teil ideologische Gr\u00fcnde haben, wir vermuten aber, dass hier auch die Faktoren, die f\u00fcr den Einstieg in das Engagement wichtig waren, eine Rolle spielen. Insbesondere die Entt\u00e4uschung \u00fcber eine wahrgenommene mangelhafte Auseinandersetzung mit dem Problem rechter Gewalt seitens Zivilgesellschaft und Polizei, die letztlich zu der \u00dcberzeugung gef\u00fchrt hat, dass nur durch das eigene Engagement die Situation verbessert werden k\u00f6nne (vgl. Abschnitt 3.1), halten wir f\u00fcr eine plausible Erkl\u00e4rung f\u00fcr die geringe Hoffnung, die einige Befragte bez\u00fcglich der Umsetzung ihrer Verbesserungsvorschl\u00e4ge \u00e4u\u00dfern. Vielleicht w\u00e4re dies ja eine sch\u00f6ne \u00dcberraschung f\u00fcr diese Engagierten, wenn sich Polizei und Stadtverwaltung f\u00fcr das Jahr 2018 vornehmen w\u00fcrden, hier auf die Engagierten zuzugehen.<\/p>\n<h3><a id=\"Fazit\"><\/a>Fazit<\/h3>\n<p>Der Vergleich der Ergebnisse der FES-Jugendstudie mit denen unserer Interviews zeigt, dass das Engagement gegen Rechts in Dortmund hinsichtlich der Faktoren, die f\u00fcr den Einstieg ins Engagement beg\u00fcnstigend wirken, in vielen Punkten \u00fcbereinstimmt. So spielen etwa die sozialen Netze in Form von Freund*innenkreisen, aber auch die Familien beim Engagement gegen Rechts eine nicht zu untersch\u00e4tzende Rolle. Eindeutig hat das Engagement gegen \u201eRechts\u201c mit politischem Engagement im Allgemeinen auch die Bereitschaft zur individuellen Verantwortungs\u00fcbernahme und die Annahme von Selbstwirksamkeit gemeinsam. Einige Befragten sehen es etwa in ihrer Verantwortung, Neonazis Konsequenzen f\u00fcr gewaltt\u00e4tige Angriffe sp\u00fcren zu lassen. Der Faktor des Verlusts des Vertrauens in politische Institutionen wird in abgewandelter Form ebenfalls geteilt. In unseren Interviews geht es eher um ein mangelndes Vertrauen in Institutionen wie die Polizei, die den Entschluss, sich zu engagieren bekr\u00e4ftigte. Die Schule als Einflussfaktor hingegen ist f\u00fcr unsere Befragten eher nebens\u00e4chlich geblieben. Sie verst\u00e4rkt eher schon bestehendes Interesse.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis, Rechten den Raum streitig zu machen (vgl. Teune 2016), kommt im Engagement im Streetart-Bereich quasi in Reinform zum Ausdruck. Das politische Interesse, dessen Bedeutung in der FES-Studie hervorgehoben wird, findet sein \u00c4quivalent in der politischen \u00dcberzeugung unserer Befragten, die einen wichtigen Faktor f\u00fcr das Fortsetzen des Engagements darstellte.<\/p>\n<p>Faktoren wie die Anerkennung durch andere stellen sich in den Interviews als ambivalent dar, da mehrere Befragte anonym aktiv sind. F\u00fcr sie spielt die pers\u00f6nliche Anerkennung scheinbar eine untergeordnete Rolle im Vergleich zur Anerkennung der Arbeit, die die gesamte Gruppe leistet (vgl.\u00a0 Interview I3 20.09.2017: Recherchegruppe). Auch lassen sich keine sicheren Aussagen zur Rolle von Engagement-\u201eErfolgen\u201c treffen. Zwar sind sich die Befragten einig, dass ihr Engagement eine Wirkung erzielt, aber es fehlen die Gegenbeispiele: Personen etwa, die ihr Engagement beendet haben, weil sie ihr Engagement als nutzlos erfahren haben und die so die These von der Bedeutung von Erfolgen st\u00fctzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Ein eindeutiges Spezifikum des Engagements gegen Rechts in Dortmund stellt die Konfrontation mit rechter Gewalt oder (rassistischer) Ausgrenzung dar. Zwar lie\u00dfe sich diese im Sinne der Jugendstudie als besonderes biographisches Ereignis verbuchen, in anderen Bereichen des politischen Engagements d\u00fcrfte die Wahrscheinlichkeit des Erlebens von unmittelbarer Gewalt allerdings wesentlich geringer sein. Dar\u00fcber hinaus kann rechte Gewalt eine sehr vielseitige Funktion erf\u00fcllen. Sie kann den Beginn von Engagement hervorrufen, eine Rolle f\u00fcr dessen Fortf\u00fchren spielen oder auch das Beenden oder \u00c4ndern des Engagements bewirken. Diverse Faktoren, die die Befragten dazu brachten, aktiv zu werden, h\u00e4ngen direkt oder indirekt mit der Konfrontation mit rechter Gewalt zusammen. Darunter fallen zum Beispiel der Wunsch, sich selbst und andere zu sch\u00fctzen, die erfahrene mangelnde Unterst\u00fctzung seitens Polizei und Zivilgesellschaft oder der Versuch, sich die M\u00f6glichkeiten f\u00fcr politisches Engagement zu schaffen, das andernfalls von Angriffen durch Neonazis bedroht w\u00e4re.<\/p>\n<p>Fragt man also nach m\u00f6glichen Spezifika des Engagements gegen Rechts im Vergleich zu anderen Formen des politischen Engagements, d\u00fcrfte die Erfahrung rechter Gewalt und von Ausgrenzung die naheliegendste Antwort sein. Von ihr h\u00e4ngen viele andere Faktoren ab. Au\u00dferdem stellt sie ein sehr spezifisches biographisches Ereignis dar. Rechte Gewalt stellt f\u00fcr einige der Befragten ein <em>existentielles<\/em> Problem dar. Sie <em>erzwang<\/em> in gewisser Weise geradezu (auch aufgrund von Rahmenbedingungen wie wahrgenommener mangelnder Strafverfolgung), selbst aktiv zu werden. Selbst im Bereich des Engagements gegen Rechts d\u00fcrfte Dortmund mit seiner gewaltt\u00e4tigen Neonaziszene in der Region von diesem Ph\u00e4nomen besonders betroffen sein. Eventuell erkl\u00e4rt sich so auch die gro\u00dfe Anzahl an Akteur*innen, die sich gegen die rechte Szene engagieren. Eine m\u00f6gliche Schlussfolgerung k\u00f6nnte sein, dass es sich dann weniger um ein biographisches Ereignis handelt, dass f\u00fcr das Engagement eine Rolle spielt, als vielmehr um ein strukturelles Merkmal dieses Engagements.<\/p>\n<p>Auf der Basis der Interviews l\u00e4sst sich also abschlie\u00dfend festhalten, dass sich das Engagement gegen \u201eRechts\u201c hinsichtlich der Faktoren, die es beg\u00fcnstigen, in gro\u00dfen Teilen mit denen \u00fcberschneidet, die f\u00fcr politisches Engagement im Allgemeinen eine Rolle spielen. Eine hervorgehobene Position wird allerdings dem Erleben von rechter Gewalt und Ausgrenzung, ob direkt oder indirekt, zuteil. Unserer Ansicht nach kann hier durchaus von einem Spezifikum gesprochen werden. Gerade in den Bereichen, in denen Individuen anonym agieren (auch hier spielt rechte Gewalt bzw. der Schutz davor wieder eine Rolle), w\u00e4re zudem genauer zu untersuchen, welche Rolle der Faktor Anerkennung spielt. Unsere eigenen Ergebnisse w\u00e4ren hier durch weitere Untersuchungen noch ausbauf\u00e4hig.<\/p>\n<p>Die rechte Szene in Dortmund wird wohl nicht in naher Zukunft verschwinden. Ebenso wahrscheinlich ist, dass weiterhin Menschen Opfer von rechter Gewalt werden. Sicher ist allerdings, dass sich immer wieder jene zusammenfinden werden, die dem Einhalt gebieten wollen.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<p>BackUp \u2013 ComeBack, Westf\u00e4lischer Verein f\u00fcr die offensive Auseinandersetzung mit dem Rechtsextremismus e.V., 3 Auflage (2015): Dortmund: Alter Hass in neuen Kleidern, [online] http:\/\/www.backup-comeback.de\/images\/2015-11\/Alter_Hass_in_neuen_Kleidern_Auflage_3.pdf [03.01.2018].<\/p>\n<p>BlockaDO (2016): Es reicht!, [online] http:\/\/www.blockado.info\/es-reicht\/ [07.01.2018].<\/p>\n<p>Gaiser, Wolfgang \/ Rijke, Johann de (2015): <em>Jugend und politische Partizipation heute<\/em>. In: Wolfgang Gaiser et. al. (Hrsg.): <em>Jung \u2013 politisch \u2013 aktiv?! Politische Einstellungen und politisches Engagement junger Menschen. Ergebnisse der FES-Jugendstudie 2015<\/em>. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn, S. 50-71.<\/p>\n<p>\u00d6lc\u00fcm, G\u00fclseren; Gerding, Florian; Paro, Henrik (2016): Nazis in Dortmund-Dorstfeld | Y-Kollektiv Dokumentation, [online] https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=i-KO7nsjuBQ [03.01.2018].<\/p>\n<p>Platzek, Ilka; M\u00fchlhof, Stefan (2011): Dortmund: Aktionsplan gegen Rechtsextremismus Gegen rechte Gewalt und Terror in Dortmund, [online] https:\/\/www1.wdr.de\/archiv\/am-rechten-rand\/dortmundaktionsplan100.html [03.01.2018].<\/p>\n<p>Sandbrink, Katharina \/ Steinwede, Jacob (2015): <em>Qualitative Interviews mit engagierten jungen Menschen<\/em>. In: Wolfgang Gaiser et. al. (Hrsg.): <em>Jung \u2013 politisch \u2013 aktiv?! Politische<\/em><\/p>\n<p><em>Einstellungen und politisches Engagement junger Menschen. Ergebnisse der FESJugendstudie 2015<\/em>. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn, S. 93-106.<\/p>\n<p>Schr\u00f6der, Achim (2015): <em>\u201eIn kleinen Schritten die Welt ver\u00e4ndern\u201c &#8211; Ausgew\u00e4hlte Qualitative Daten der FES-Jugendstudie 2015 und ihre biographische Deutung<\/em>. In: Wolfgang Gaiser et. al. (Hrsg.): <em>Jung \u2013 politisch \u2013 aktiv?! Politische Einstellungen und politisches Engagement junger Menschen. Ergebnisse der FES-Jugendstudie 2015<\/em>. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn, S. 107-130.<\/p>\n<p>Teune, Simon (2016):<em> Zwischen Hetze und Hilfe. Die Einwanderung von Gefl\u00fcchteten als zivilgesellschaftliches Konfliktfeld<\/em>. In: <em>Demokratie gegen Menschenfeindlichkeit 1\/2016<\/em>. Schwalbach am Taunus: Wochenschau Verlag, S. 48-58.<\/p>\n<p>Weiermann, Sebastian (2014): Dortmund: Neonazis seit \u00fcber 30 Jahren, [online] https:\/\/www.ruhrbarone.de\/dortmund-neonazismus-seit-ueber-30-jahren\/79797 [03.01.2018].<\/p>\n<h3>Bild-\/ Grafikquellen<\/h3>\n<p>Bild 1: https:\/\/pixabay.com\/de\/nazi-demonstration-schild-plakat-301527\/ [03.01.2018].<\/p>\n<p>Grafik 1: https:\/\/birgit-rydlewski.de\/2016\/03\/17\/straftaten-nach-pmk-rechts-im-jahr-2015\/ [03.01.2018].<\/p>\n<p>Grafik 2: https:\/\/birgit-rydlewski.de\/2016\/03\/17\/straftaten-nach-pmk-rechts-im-jahr-2015\/ [03.01.2018].<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Engagement gegen \u201eRechts\u201c in Dortmund Die politische Rechte hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Sie war zwar stets pr\u00e4sent, aber erst mit den parlamentarischen Erfolgen und neueren Erscheinungsformen in Europa und Nordamerika, r\u00fcckte sie auch in breiteren Teilen der Gesellschaft in den Fokus der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung. In Deutschland waren es zu Beginn beispielsweise [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[80,11],"tags":[27,45,37,61,34,9,38,40],"class_list":["post-354","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rechts","category-politisches-engagement","tag-gesellschaftlicher-wandel","tag-identitaet","tag-initiativeprojekt","tag-kommune","tag-motive","tag-politisches-engagement","tag-selbstorganisierte-gruppe","tag-willkommenskultur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/354","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=354"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/354\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":440,"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/354\/revisions\/440"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=354"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=354"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=354"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}