{"id":345,"date":"2018-01-21T18:24:56","date_gmt":"2018-01-21T17:24:56","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=345"},"modified":"2018-04-16T13:10:02","modified_gmt":"2018-04-16T11:10:02","slug":"das-leben-in-einem-oekodorf-als-ausdruck-praefigurativer-politik-eine-analyse-der-lebensweisen-der-bewohnerinnen-einer-oekologischen-siedlung-in-nordrhein-westfalen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=345","title":{"rendered":"Das Leben in einem \u201e\u00d6kodorf\u201c als Ausdruck pr\u00e4figurativer Politik \u2013 Eine Analyse der Lebensweisen der BewohnerInnen einer \u00f6kologischen Siedlung in Nordrhein-Westfalen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-348\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-3-225x300.png\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-3-225x300.png 225w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-3.png 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><\/p>\n<p>(Alle Fotos in diesem Beitrag sind private Aufnahmen)<\/p>\n<p>Innerhalb der letzten Jahrzehnte ist eine \u00f6kologische Lebensweise in verschiedenen Hinsichten popul\u00e4r geworden. Zum einen hat \u00f6kologisches Leben Einzug in die Ern\u00e4hrungs- und Konsumweisen gefunden. Beispiele hierf\u00fcr sind eine vegetarische oder vegane Ern\u00e4hrung, um zum Klimaschutz und\/oder zu einer besseren Tierhaltung beizutragen. Die Zero-Waste-Bewegung hat sich zum Ziel gesetzt, m\u00f6glichst keinen Abfall zu produzieren und durch das sogenannte Containern, versuchen Menschen die Verschwendung von Lebensmitteln und Alltagsprodukten zu vermeiden. Zum anderen l\u00e4sst sich der Trend auch in den Wohn- und Bauarten einzelner Individuen beobachten. Von allgemein technischen Fortschritten (Energieeffizient etc.) abgesehen, gibt es Wohnprojekte, deren Existenz prim\u00e4r auf der Vorstellung basiert, umweltvertr\u00e4glicheren Wohnraum zu schaffen. Exemplarisch lassen sich an dieser Stelle Baumh\u00e4user, verschiedene Varianten von Mehrgenerationenh\u00e4user oder auch \u00f6kologische Siedlungen nennen. Meistens wird mit solchen Lebensformen das Ziel verfolgt, sich von den g\u00e4ngigen sozialgesellschaftlichen Lebensweisen zu l\u00f6sen und m\u00f6gliche Alternativen zugunsten des Umweltschutzes oder der Gesellschaft aufzuzeigen. F\u00fcr dieses Ziel, stellt die pr\u00e4figurative Politik eine passende Beschreibung dar. Es handelt sich um ein Konzept, bei der Individuen oder auch Gruppen von Individuen versuchen, durch das eigene Handeln einen Wandel der Gesellschaft herbeizuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Um herauszufinden, ob es sich bei solch einer \u00f6kologischen Lebensweise um dieses Ziel, also um Pr\u00e4figuration handelt, hat sich der folgende Essay auf eine \u00f6kologische Siedlung in Nordrhein-Westfalen fokussiert, weil diese aufgrund einer \u00f6kologischen Bauweise mit nachhaltigen Rohstoffen ein Beispiel f\u00fcr eine umweltfreundliche Lebensweise darstellt. Das Forschungsinteresse wurde durch zwei Fragen geweckt. Die erste Frage, die sich stellt ist, inwieweit das Leben der Bewohner durch die Entscheidung, in die Siedlung zu ziehen, beeinflusst wurde. Die zweite Frage lautet \u201einwiefern unterscheidet sich dieses Leben von der konventionellen Wohnkultur?\u201c. Aus diesen Fragen ergab sich die Forschungsfrage des Essays, bei der in Erfahrung gebracht werden soll, inwieweit sich das Leben in einer \u00f6kologischen Wohnsiedlung mit dem Konzept der pr\u00e4figurativen Politik erkl\u00e4ren l\u00e4sst.<!--more--><\/p>\n<p>Hierzu wird wie folgt vorgegangen. Einleitend wird in das bereits erw\u00e4hnte theoretische <a href=\"#Konzept\">Konzept der pr\u00e4figurativen Politik<\/a> eingef\u00fchrt, da dieses den Grundstein f\u00fcr die Analyse des Fallbeispiels legt. Darauf aufbauend werden die <a href=\"#Erwartungen\">Erwartungen ans Feld<\/a> formuliert, welches dieses wissenschaftliche Konstrukt nahelegt. Im Hauptteil wird mithilfe von neun problemzentrierten Interviews zun\u00e4chst die <a href=\"#Entstehungsgeschichte\">Entstehungsgeschichte<\/a> der Siedlung beschrieben, weil die Anfangsphase eine wichtige Grundlage f\u00fcr den sp\u00e4teren Zusammenhalt der BewohnerInnen darstellt. Anschlie\u00dfend wird das Fallbeispiel mithilfe der von Luke Yates formulierten <a href=\"#F\u00fcnf\">f\u00fcnf sozialen Prozesse<\/a> analysiert. Dabei wird im Besonderen auf die Motivation und Beweggr\u00fcnde f\u00fcr den Einzug in die Siedlung, die Praktiken innerhalb der Siedlung, die Institutionalisierung von Normen und Werten, die Einbettung in das materielle Umfeld sowie auch auf m\u00f6gliche Verbreitungsformen des Engagements eingegangen. Durch diese Schritte ist es m\u00f6glich theoriebasiert zu <a href=\"#Schlussfolgern\">schlussfolgern<\/a>, ob es sich bei dem ausgew\u00e4hlten Fallbeispiel um eine Form von pr\u00e4figurativer Politik handelt oder die Siedlung eine andere Art Typus darstellt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?attachment_id=406\" rel=\"attachment wp-att-406\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-406\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0003-4-212x300.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0003-4-212x300.jpg 212w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0003-4-768x1086.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0003-4-724x1024.jpg 724w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/0003-4-624x882.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><\/p>\n<h2><strong><a id=\"Konzept\"><\/a>Das Konzept der pr\u00e4figurativen Politik: \u201ebe the change you want to see\u201d<\/strong><\/h2>\n<p>Zu Beginn soll erst einmal in das Konzept der pr\u00e4figurativen Politik eingef\u00fchrt werden, welches nahelegt, dass es sich beim Wohnen in einer \u00f6kologischen Siedlung um eine Form von Engagement handeln k\u00f6nnte. Diese Engagementform wird in der Regel den new social movements zugeschrieben und wurde erstmals 1977 von Carl Boggs benannt, um die Verk\u00f6rperung dieser Form politischer Praxis innerhalb von sozialen Bewegungen sprachlich greifbar zu machen. Der Begriff der pr\u00e4figurativen Politik, beschreibt vor allem die Fokussierung einer spezifischen (Sub)Kultur von menschlichen Erfahrungswerten auf die Erschaffung einer f\u00fcr als erstrebenswert angesehenen Zukunftsvision in der Gegenwart. Dies beinhaltet unter anderem auch die internen sozialen Bindungen und den Vorgang der Entscheidungsfindung (Yates 2015:1).<\/p>\n<p>Oft charakterisiert durch Slogans wie \u201eanother world is possible\u201c oder \u201ebe the change you want to see\u201c fand diese Form des Engagements gro\u00dfen Anklang bei Individuen, die sich von den abstrakten Prinzipien der alten Linken entfernten (Cornish 2016:1; vgl. Boggs 1977). \u00a0Sie haben sich stattdessen mit der M\u00f6glichkeit besch\u00e4ftigt, die Gesellschaft durch tats\u00e4chlich vorhandene menschliche Kapazit\u00e4ten und aktives Handeln zum Besseren zu ver\u00e4ndern (Cornish 2016:1; vgl. Boggs 1977). In diesem Abschnitt werden die drei wichtigsten Bestandteile dieser Form des Engagements kurz zusammengefasst, um dem Leser einen Einblick dar\u00fcber zu verschaffen, inwiefern sich eine alternative Lebensweise, wie sie im Beitrag behandelt wird, mittels dieses theoretischen Konzepts fassen l\u00e4sst. Die wichtigsten drei Eigenschaften pr\u00e4figurativer Politik sind erstens die Mittel-Ziel \u00c4quivalenz (means-ends equivalence), zweitens das Schaffen von Alternativen (building alternatives) und drittens das Konzept der Prolepsis (prolepsis). Zwecks weiterer Abgrenzung zu anderen gruppendynamischen Ph\u00e4nomenen wird des Weiteren auf f\u00fcnf zusammenh\u00e4ngende soziale Prozesse eingegangen.<\/p>\n<p><strong>Die Mittel-Ziel \u00c4quivalenz: Der Weg ist das Ziel<\/strong><\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Eigenschaften pr\u00e4figurativer Politik ist eine Mittel-Ziel \u00c4quivalenz (means ends equivalence). Der Begriff der Mittel umfasst in diesem Falle die Palette aller kurzfristig umsetzbaren Handlungsm\u00f6glichkeiten, die einer Gruppe oder Individuen zur Verf\u00fcgung stehen. Diese sollten das Ziel der Gruppe reflektieren, beziehungsweise sogar gleichwertig mit diesem sein (vgl. Yates 2015:3 f.\/ 15).<\/p>\n<p>Exemplarisch zusammengefasst k\u00f6nnte dies so aussehen: Eine Gruppe von Individuen die sich zusammenschlie\u00dfen, um gemeinschaftlich so zu leben, wie sie es f\u00fcr die Zukunft der Gesellschaft als richtig und wichtig erachten. Gemeinsam motiviert von einer solchen Utopie kann man einen gemeinsamen Nenner verhandeln, was die gew\u00fcnschten Mittel und das gew\u00fcnschte Ziel angeht und nun (in gewissem Umfang) direkten Einfluss auf bestimmte Aspekte der Lebensf\u00fchrung nehmen, bei denen man glaubt, dass Verbesserungen n\u00f6tig seien. In gewisser Weise ist man in der Lage, einen Teil der gew\u00fcnschten Ideen in der Gegenwart zu leben, indem man \u201ebei sich selbst anf\u00e4ngt\u201c.<\/p>\n<p>Die Mittel-Ziel \u00c4quivalenz stellt einen wichtigen Punkt von allgemein systematischen und transformativem Handeln dar. Auch wenn eine \u201eperfekte\u201c Mittel-Ziel \u00c4quivalenz in der Praxis schwer zu finden ist (ein alternatives Wohnprojekt bedeutet noch keine Utopie), sind es gerade die mikropolitischen Praktiken der Handlungen selbst, die in der Pr\u00e4figuration eine wichtige Rolle spielen. Allgemeine Hindernisse wie z. B. zwischenmenschliche Organisation, technische H\u00fcrden oder b\u00fcrokratische Stolpersteine sind Teil eines jeden Projektes. Durch die Auseinandersetzung mit diesen, sind Gruppen in der Lage, sich einen gewissen Erfahrungsschatz anzueignen und auf diesen zur\u00fcckzugreifen (vgl. Yates 2015: 18).<\/p>\n<p><strong>Building Alternatives: Lasst es uns mal anders machen<\/strong><\/p>\n<p>Soll eine relativ konkrete Utopie in der Gegenwart gelebt werden, ist dies in der Praxis auf zweierlei Wegen m\u00f6glich: Man kann erstens, auf bestimmte Formen der Protestf\u00fchrung zur\u00fcckgreifen und sich Geh\u00f6r f\u00fcr sein Anliegen verschaffen. Ein Beispiel w\u00e4re die kurzfristige Inbesitznahme weltweiter Handelszentren durch die TeilnehmerInnen der Occupy Bewegung mit dem Ziel, den Raum zu beanspruchen der ihnen zust\u00e4nde. Die zweite (und in diesem Essay im Fokus stehende M\u00f6glichkeit) ist das Einrichten von alternativen und\/oder neuen Institutionen, die allein durch ihre Existenz den Status Quo kritisieren und Interessierten im Idealfall eine handfeste Alternative bieten k\u00f6nnen (Yates 2015: 4). Da aber nun nicht jede Alternative oder jedes parallele Projekt, dass irgendwo geboten wird, direkt mit Engagement geschweige denn pr\u00e4figurativer Politik gleichzusetzen ist, m\u00fcssen Einschr\u00e4nkungen gemacht werden um sie von allgemeinem Sub- oder gegenkulturellen Aktivit\u00e4ten abzugrenzen:<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0\u201ebuilding alternatives should only be seen as prefiguration (and can only be distinguished from subcultural or counter-cultural activity) when combined and balanced with processes of consolidation and diffusion\u201d. (Epstein 1991: 122)<\/p><\/blockquote>\n<p>Wichtig ist hier also der Zusammenschluss zu einer Gemeinschaft, Mobilisierung und eine gewisse Form von Macht- bzw. Aufgabenteilung, um eine ausreichende Trennung zu allgemein g\u00e4ngigen Ausdrucksformen kollektiver Identit\u00e4t zu schaffen. Handlungen die zum Beispiel nur basierend auf gegenseitiger Sympathie durchgef\u00fchrt werden, sind keine Form von aktivem Engagement.<\/p>\n<p><strong>Prolepsis: Mit der Zukunft in die Gegenwart<\/strong><\/p>\n<p>Prolepsis beschreibt im Allgemeinen, dass den aufgewendeten Mitteln ein bestimmter Nutzen oder eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung in der nahen Zukunft zugerechnet wird. Dadurch, dass man eine bestimmte Vorstellung von der Zukunft hat, wird es m\u00f6glich auch schon in der heutigen Zeit darauf zu reagieren und somit der Zukunft vorzugreifen (Yates 2015: 4). Einfacher ausgedr\u00fcckt umschreibt der Begriff der Prolepsis die Zukunftsgerichtetheit der von den Akteuren durchgef\u00fchrten Handlungen.<\/p>\n<h3><strong>F\u00fcnf soziale Prozesse: Wo beginnt politisches Handeln?<\/strong><\/h3>\n<p>Um deutlicher festzustellen, ob es sich bei einem vorgefundenen Projekt oder bei individuellen Handlungen, wie abge\u00e4nderte Alltagspraktiken um eine Form von pr\u00e4figurativer Politik handelt, kann man sich der Hilfe der von Luke Yates formulierten f\u00fcnf sozialen Prozesse bedienen, welche in einem solchen Fall zusammenh\u00e4ngend zu beobachten sind. Dies hilft der Abgrenzung zu generellen Ausdrucksformen von Gruppendynamiken ohne direkte politische Motivationen (Yates 2015: 13 ff.).<\/p>\n<p>Zuallererst beinhaltet pr\u00e4figurative Politik das Experimentieren mit Alternativen f\u00fcr zuk\u00fcnftiges Handeln. Seien es nun Alltagspraktiken oder langfristig geplante Projekt- und Politikformen. Wichtig ist das Ziel der direkten Anwendung von Handlungsalternativen die, den Akteuren nach, einen besseren Umgang mit den Problemen und Herausforderungen der Zukunft erm\u00f6glichen. Ein zweiter Aspekt ist die Arbeit mit social Movement Frames. Bestimmte politische Perspektiven, Ideen und Ideologien sozialer Bewegungen, werden innerhalb des Projektes vertreten, entwickelt und kritisiert. Hier drauf beruht in diesem Fall die geistige Abgrenzung der Akteure, zu den von ihnen kritisierten Standards und deren Vertretern. Die Etablierung kollektiver Normen und Routinen innerhalb der Gruppe bilden den dritten sozialen Prozess. Routinen sollten sich stark mit Bezug auf die experimentelle Praxis entwickeln, die dem pr\u00e4figurativem Handeln ja zugrunde liegt. Das Herausbilden bestimmter Normen ist gerade in Bezug auf die politische und ideologische Perspektive interessant. Als vierter Punkt ist der Eingriff oder die Einbindung in ein materielles Umfeld zugunsten einer bestimmten sozialen Ordnung gelistet. Demnach muss insofern Einfluss auf das materielle Umfeld genommen werden, dass die gew\u00fcnschte Art und Weise der Interaktion von Akteuren innerhalb des Projektes gef\u00f6rdert wird. Und letztlich formuliert Yates an f\u00fcnfter Stelle die Demonstration und Verbreitung \u00fcber die Gruppen und Kollektive hinaus. Dies bezieht sich auf Praktiken, Mittel, Perspektiven und vieles mehr. Eine Gruppe arbeitet demnach pr\u00e4figurativ, sobald sie \u201eAu\u00dfenwerbung betreibt\u201c. Der Grundgedanke hierbei bezieht sich auf die Tatsache, dass man nicht wirklich von einer Form des Engagements reden kann, sofern die Beteiligten lediglich zu ihrem eigenen Wohl handeln ohne den Gedanken zu verfolgen ein gewisses Handlungskonzept der breiteren Masse als Alternative f\u00fcr bestimmte herrschende Standards aufzuzeigen.<\/p>\n<h2><strong><a id=\"Erwartungen\"><\/a>Unsere Erwartungen an das Feld<\/strong><\/h2>\n<p>Mithilfe dieser theoretischen Grundlagen galt es nun, Erwartungen auszuformulieren, die ein solches Wohnprojekt als eine Form pr\u00e4figurativer Politik qualifiziert. Diese sollten dann nach der Besichtigung der Siedlung und der Durchf\u00fchrung der problemzentrierten Interviews mit den uns vermittelten Eindr\u00fccken abgeglichen werden. Ziel ist es festzustellen, ob es sich beim Leben in der von uns ausgew\u00e4hlten Dorfgemeinschaft, um eine Form von pr\u00e4figurativer Politik handelt. Alle folgenden Szenarien sind demnach Teil einer ganzen Palette von M\u00f6glichkeiten die sich, entlang der von Yates formulierten Prozesse zu einem \u201eLehrbuch-Beispiel\u201c pr\u00e4figurativer Politik kombinieren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte also erstens damit gerechnet werden, dass dort in einer oder mehreren Formen mit Alternativen f\u00fcr zuk\u00fcnftiges Handeln experimentiert wird. Beginnend mit dem offensichtlichsten Faktor; einer im Vergleich zum gewohnten Wohnungsmarkt einer Gro\u00dfstadt deutlich umweltschonenderen Wohnsituation. Sei es durch den Bezug bereits bestehender aber f\u00fcr den Gro\u00dfteil der Wohnungssuchenden nicht direkt offensichtlichen M\u00f6glichkeit sich niederzulassen, oder durch den gezielten Einsatz bautechnischer Verfahren mit dem besonderen Hauptaugenmerk auf \u00f6kologische Schonung des Gebietes. Der \u00fcbergeordnete Zweck sollte es sein, neuen Wohnraum zu schaffen, der im besten Fall f\u00fcr den Durchschnittsb\u00fcrger auch finanziell erschwinglich ist. \u00dcber die \u00f6kologisch orientierte Wohnraumbeschaffung hinaus, k\u00f6nnten auch Projekte wie beispielsweise Repair-Cafes (also regelm\u00e4\u00dfige Zusammenk\u00fcnfte, welche auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe basieren, in dessen Rahmen besch\u00e4digte Gegenst\u00e4nde von dementsprechend erfahrenen Menschen wieder in Stand gesetzt werden) von den Bewohnern initiiert worden sein, um eine alternative M\u00f6glichkeit zum Verhalten der sogenannten \u201eWegwerfgesellschaft\u201c anzubieten. Einen anderen denkbaren Faktor dieser Kategorie w\u00fcrde beispielsweise die Nutzung alternativer Energien darstellen, wie, beispielsweise, die Gewinnung von elektrischem Strom durch Solarzellen.<\/p>\n<p>Bezogen auf die erw\u00e4hnte Arbeit mit social movement Frames k\u00f6nnte man zweitens davon ausgehen, dass bestimmte politische Ideologien, Motivationen und \u00c4hnliches relativ einstimmig innerhalb des Dorfes verbreitet sind und verwandte Themen aktiv behandelt werden. Neben dem Grundgedanken des Umweltschutzes k\u00f6nnte Urbanisierungskritik und die damit zusammenh\u00e4ngende Anonymisierung im modernen Gro\u00dfstadtleben ein solches Thema sein. Hierdurch w\u00fcrde ein solches Projekt \u00fcber ein zweckm\u00e4\u00dfiges Zusammenleben hinausgehen und zu einer Quelle zuk\u00fcnftiger L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr gemeinschaftlich formulierte Anforderungen der Zukunft werden. Des Weiteren w\u00e4re es gut m\u00f6glich, dass innerhalb der Siedlung, ob kollektiv organisiert oder sporadisch, mit anderen \u00f6kologisch motivierten Gruppierungen oder Bewegungen des social-justice movements zusammengearbeitet, Kontakt gehalten oder generell sympathisiert wird. Seien diese nun hoch organisierte Parteien wie B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen und Organisationen wie \u201eGreenpeace\u201c oder kleinere, weniger organisierte movements wie die Zero-Waste Bewegung oder Menschen die aktiv \u201eContainern\u201c, also hingegen juristischer Richtlinien noch genie\u00dfbare Nahrungsmittel aus den M\u00fcllcontainern von Superm\u00e4rkten bergen, um der unn\u00f6tigen Verschwendung dieser Ressourcen entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Drittens k\u00f6nnte man denken, dass sich bestimmte Normen und Routinen unter den Bewohnern durchsetzen und bei grobem Versto\u00df eine gewisse Art von Sanktion oder zumindest die Missgunst anderer Bewohner nach sich ziehen. Seien es nun Alltagspraktiken, die im Vergleich zum Durchschnittsb\u00fcrger lediglich wesentlich bewusster ausgef\u00fchrt werden (wie beispielsweise der Umgang mit Konsumg\u00fctern oder M\u00fclltrennung), bis hin zur Boykottierung von Auto- oder Flugverkehr. Auch lie\u00dfe sich eine autarke Lebensweise hier einordnen, also ein hohes Ma\u00df an Selbstversorgung mit Lebensmitteln und anderen G\u00fctern oder die Nutzung allgemein unkonventioneller Quellen f\u00fcr ebendiese. Im praktisch m\u00f6glichen Bereich k\u00f6nnte mit den \u00fcblichen Beschaffungsformen zugunsten der \u00f6kologischen Nachhaltigkeit gebrochen werden. Dr\u00fcber hinaus lie\u00dfen sich auch unkonventionelle Formen der Entscheidungsfindung oder alternative Vertretungsorgane erwarten. Hierdurch k\u00f6nnte man den Organisationsanforderungen eines solch umfangreichen Wohnprojektes gerecht werden. Zeitgleich w\u00fcrde eine spezifische soziale Ordnung konstruiert, die sich von einer gew\u00f6hnlichen Nachbarschaft abhebt. \u00c4u\u00dfern k\u00f6nnte sich diese in regelm\u00e4\u00dfigen Sitzungen und Abstimmungen \u00fcber weiteres Handeln oder gegebenenfalls Entscheidungen f\u00fcr oder gegen bestimmte gemeinschaftliche Anschaffungen.<\/p>\n<p>Viertens kann man auch davon ausgehen, dass die Bauweise beziehungsweise die Nutzung der verf\u00fcgbaren Fl\u00e4che darauf ausgelegt ist, eine bestimmte Art und Weise des Zusammenlebens im Sinne der Zukunftsvision der Bewohner zu f\u00f6rdern. Es w\u00e4re damit zu rechnen, dass die Beteiligten darauf abzielen, das verf\u00fcgbare materielle Umfeld maximal effizient zu nutzen und sich gewisse Bereiche teilen. Beispiele w\u00e4ren gr\u00f6\u00dfere Gemeinschaftsr\u00e4ume oder generell R\u00e4umlichkeiten deren Anschaffung oder Instandhaltung gro\u00dfen Einsatz finanzieller oder technischer Mittel abverlangt wie in etwa Werkst\u00e4tten oder Fitnessr\u00e4ume. Auch die Nutzung zentraler Versorgungsanlagen f\u00fcr Wasser, Strom und \u00e4hnliches w\u00fcrden in einem solchen Fall keine gro\u00dfe \u00dcberraschung sein. Deren gemeinschaftliche Nutzung k\u00f6nnte den Einzelnen im Idealfall zu einem gewissenhafteren Verbrauch ebendieser Ressourcen veranlassen. Ebenso k\u00f6nnte der Aspekt der gemeinsamen Verantwortlichkeit f\u00fcr Kosten und Funktion der Versorgung, gegenseitige R\u00fccksichtnahme und regelm\u00e4\u00dfigen Austausch unter den BewohnerInnen abverlangen.<\/p>\n<p>F\u00fcnftens kann man bez\u00fcglich des letzten Punktes, der Demonstration und Verbreitung von Praktiken, Ordnungen, Mitteln und Perspektiven \u00fcber die Gemeinschaft hinaus, erwarten, dass die Ans\u00e4ssigen eines solchen Wohnprojektes auch au\u00dferhalb des siedlungsinternen Geschehens aktiv f\u00fcr ihre \u00dcberzeugungen einstehen und werben, um den ihren Handlungen zugrundeliegenden Idealen mehr Reichweite zu verleihen. Dies k\u00f6nnte die Teilnahme an Demonstrationen oder anderen Diskussionsforen rund um das Thema des Umweltschutzes bedeuten und es w\u00e4re gut m\u00f6glich, dass durch die jahrelange Praxis gesichertes Wissen auch daf\u00fcr eingesetzt wird, um \u00e4hnliche Projekte zu f\u00f6rdern und sich mit Gleichgesinnten oder Interessierten \u00fcber die M\u00f6glichkeiten und Probleme der Umsetzung einer solchen Lebensweise auszutauschen. Wer sein praktisches Wissen weitergibt, verhilft seiner Zukunftsvision schlie\u00dflich einen gro\u00dfen Schritt weiter in Richtung Massentauglichkeit.<\/p>\n<h2><strong><a id=\"Entstehungsgeschichte\"><\/a>Die Entstehungsgeschichte<\/strong><\/h2>\n<p>Die untersuchte \u00f6kologische Siedlung befindet sich in einem etwas au\u00dferhalb gelegenen Stadtteil einer Gro\u00dfstadt im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Die Siedlung wurde im Jahre 1989 fertig gestellt (Interview 18.09.2017). Das \u00d6kodorf hat Hanglage, ist an zwei Seiten von einem direkt angrenzenden Wald beschr\u00e4nkt und liegt am Ende einer Sackgasse. Die \u00f6kologische Siedlung besteht aus drei\u00dfig Einfamilienh\u00e4usern, die trotz \u00e4u\u00dferlicher Gemeinsamkeiten im Inneren alle unterschiedlich gestaltet sind. Des Weiteren wurde ein ca. 100 m\u00b2 gro\u00dfes Gemeinschaftshaus gebaut, zu welchem alle BewohnerInnen Zugang haben. Die H\u00e4user der Anlage sind nur fu\u00dfl\u00e4ufig \u00fcber die drei Wohnwege zu erreichen, welche schmal gepflasterte Gehwege sind. Autoverkehr ist nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Bereits Mitte der 80iger Jahre begann die Planung der \u00d6kodorfsiedlung. Eine Gruppe Eltern, die ihre Kinder in die lokale Walddorfschule schickten, beschloss, das Dorf nach dem Vorbild einer bereits in Deutschland existierenden \u00f6kologischen Siedlung zu bauen. F\u00fcr dieses Bauvorhaben wurde zun\u00e4chst Bauland gesucht, welches in einem Nachbarstadtteil der Stadt gefunden wurde. Daf\u00fcr trat die Gruppe mit einem Gesuch an die Stadtverwaltung heran. Die Stadt verkaufte das Grundst\u00fcck mit der Auflage, dass drei\u00dfig Wohneinheiten geschaffen werden m\u00fcssen (Interview 28.08.2017). Im Anschluss begann die konkrete Planung des \u00d6kodorfes. Die zwei Architekten, welche bereits die bestehende \u00f6kologische Siedlung konzipiert hatten, wurden f\u00fcr das Bauvorhaben engagiert. Au\u00dferdem ein Bauunternehmen, welches pro Quadratmeter einen einheitlichen Kaufpreis f\u00fcr die BauherrInnen ausgerechnet hat. Gleichzeitig wurde nach weiteren Baufamilien gesucht, was auf unterschiedliche Art und Weise gelang. Manche Baufamilien wurden durch Artikel in der lokalen Zeitung aufmerksam, andere sind durch Empfehlungen zu dem Projekt gesto\u00dfen. Die Entscheidungen, Teil des Projekts \u201e\u00d6kodorfs\u201c zu werden, wurde von den meisten BewohnerInnen innerhalb weniger Tage gef\u00e4llt (vgl. Interview 11.09.2017; Interview 18.09.2017; Interview 06.10.2017). Die Begr\u00fcndung, Bauherrin (Interview 18.09.2017) zu werden, fasst eine Bewohnerin mit der Beschreibung ihres ersten Besuches des Baugrundst\u00fccks zusammen:<\/p>\n<blockquote><p>An einem ganz tr\u00fcben, nebeligen Januartag haben wir uns dieses Gel\u00e4nde angeguckt und sahen hier den Wald. [\u2026] Es war ja schon sch\u00f6n. Also ganz verwildert, ne? Und dann der Wald und dann war uns klar \u2013 ja, das machen wir. Und ich glaub\u2018 nach 14 Tagen hatten wir einen Vertrag beim Bautr\u00e4ger schon in der Tasche [..].<\/p><\/blockquote>\n<p>Anschlie\u00dfend begann die konkrete Planung der H\u00e4user nach den Bed\u00fcrfnissen und Vorstellungen der einzelnen Baufamilien. Dazu fanden w\u00f6chentliche Sitzungen mit allen Familien in Gro\u00df- und Kleingruppen statt. In der Gro\u00dfgruppe wurde das \u00f6kologische, soziale und st\u00e4dtebauliche Konzept besprochen. In den Kleingruppen von f\u00fcnf bis sechs Familien wurden die individuellen Bed\u00fcrfnisse gekl\u00e4rt, sodass 1988 der Bau der Wohnanlage beginnen konnte (Arbeitsgemeinschaft Holz e.V. 1991: 3). Das gesamte Projekt wurde bereits zu Beginn durch die Insolvenz des Bautr\u00e4gers auf die Probe gestellt. Diese l\u00f6ste bei den BewohnerInnen nicht nur Ungewissheit und Ratlosigkeit aus, sondern verz\u00f6gerte den zu 1\/3 fertiggestellten Bau um mehrere Monate. Das bedeutete, dass die BewohnerInnen f\u00fcr die ungewisse \u00dcbergangszeit \u201enochmal eine Wohnung suchen [\u2026] und umziehen mussten\u201c (Interview 18.09.2017). Die L\u00f6sung des Problems stellte der Entschluss der Gruppe dar, dass Projekt in Eigenregie abzuschlie\u00dfen. Dabei ist der besondere Einsatz der Eigenleistung und der solidarischen Zusatzfinanzierung zu betonen. Die Baufamilien haben beispielsweise die Isolierung der H\u00e4user durchgef\u00fchrt oder den Innenausbau \u00fcbernommen (Interview 11.09.2017; Interview 18.09.2017). \u00dcberdies haben sich fast alle Parteien solidarisch gezeigt und zwischen zehn- und f\u00fcnfzehntausend D-Mark nachgezahlt. Nur drei Parteien haben sich der Zahlung verweigert (ebd.).<\/p>\n<p>Die \u00f6kologischen Elemente des Dorfs beschr\u00e4nken sich auf die verwendeten Baumaterialien und den ressourcenschonenden Betrieb der H\u00e4user. Die BewohnerInnen verzichten auf die Verwendung giftiger Farbe, sodass keine Giftstoffe ins Grundwasser versickern k\u00f6nnen.\u00a0 Zudem wurde darauf geachtet, dass das Dorf mit einer relativ hohen Dichte gebaut wird (Arbeitsgemeinschaft Holz e.V. 1991: 2). Das fl\u00e4chensparende Bauen hatte das Ziel, der Natur m\u00f6glichst wenig Raum zu enteignen (Interview 11.09.2017). In diesem Kontext kann man exemplarisch die Heizungsanlage nennen, welche aus zwei Blockheizkraftwerken besteht. Zum einen sind sie platzsparend, da keine Familie einen extra Anbau ben\u00f6tigt, zum anderen ist diese Art des Heizens ressourcensparend, da das warme Wasser und das Heizungswasser innerhalb eines gr\u00f6\u00dferen Kreislaufs zirkuliert (Interview 01.09.2019; Interview: 11.09.2017; ihr-BHKW 2017). Ferner bietet die Siedlung einen weiteren \u00f6kologischen Vorteil. Die \u00d6kodorfsiedlung wurde so konzipiert, dass man sie im Prinzip g\u00e4nzlich zur\u00fcckbauen kann. Die Baumaterialien k\u00f6nnen vollst\u00e4ndig recycelt werden, sodass nur die Bodenplatten zur\u00fcckbleiben w\u00fcrden (Interview 01.09.2017).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-347\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-2-300x225.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-2-300x225.png 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-2-768x576.png 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-2-624x468.png 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-2.png 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Entstehung eines social centers <\/strong><\/p>\n<p>Durch das gemeinsame Bauen aller BewohnerInnen und der Insolvenz des Bautr\u00e4gers entwickelte sich \u201edieser Gruppencharakter und dieser Gruppenzusammenhalt sehr intensiv\u201c (Interview 19.08.2017a). Dies bedeutet somit, dass neue Kommunikationswege und ein besonderes Gruppenempfinden in Form eines social centers in der Anlage geschaffen wurden. Ein social center ist durch drei Elemente gekennzeichnet. Zum einen besteht die M\u00f6glichkeit, dass sich Individuen in einem kleinen, gesch\u00fctzten Raum austauschen und n\u00e4her kennenlernen k\u00f6nnen, zum anderen bietet der gesch\u00fctzte Raum die Chance, Kritik an dem vorherrschenden, gesellschaftspolitischen System \u00e4u\u00dfern zu k\u00f6nnen (Poletta 1999: 3). \u00dcberdies k\u00f6nnen innerhalb des Raums Netzwerke aufgebaut werden.<\/p>\n<p>Anhand von diesen Punkten kann sich eine kollektive Identit\u00e4t entwickeln und festigen. Dieses Umfeld beg\u00fcnstigt das Etablieren neuer Normen und Werte, da es den meisten Individuen leichter f\u00e4llt in einer kleinen Gruppe ihre Meinung zu \u00e4u\u00dfern (ebd.). In dem Fallbeispiel wurden die Kleingruppen eingerichtet, um dort die eigenen Bed\u00fcrfnisse nennen zu k\u00f6nnen. Auf Basis dessen l\u00e4ge es nahe, dass das social center \u00f6kologisch orientiert ist. Unter genauerer Betrachtung hat es sich allerdings als nicht-\u00f6kologisch herausgestellt.<\/p>\n<h2><strong><a id=\"F\u00fcnf\"><\/a>Die \u00d6kodorfsiedlung als pr\u00e4figurative Politik? \u2013 Eine Analyse <\/strong><\/h2>\n<p>Auf der Entstehungsgeschichte aufbauend wird in den folgenden Kapiteln das Fallbeispiel anhand von Yates f\u00fcnf sozialen Prozessen analysiert. Dazu wird schrittweise vorgegangen. Jedem einzelnen Prozess wird ein Kapitel gewidmet, in welchem dieser kurz vorgestellt und anschlie\u00dfend angewendet wird. Das Ziel der Kapitel ist es, festzustellen, ob das Leben in der \u00d6kodorfsiedlung ein Beispiel f\u00fcr pr\u00e4figurative Politik darstellt.<\/p>\n<h3><strong><em>Experimentation \u2013 <\/em><\/strong><strong>Eine Analyse des ersten sozialen Prozesses <\/strong><strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <\/strong><\/h3>\n<p>Laut Yates\u2018 (2015:13) erstem sozialen Prozess beinhaltet pr\u00e4figurative Politik <em>Experimentation.<\/em> Akteure versuchen, neue Handlungsalternativen in einem experimentellen und selbstreflektierenden Prozess zu etablieren. Die Motivation hinter <em>Experimentation<\/em> ist entscheidend. Der Wunsch dahinter ist, die Gegenwart zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><strong>Es hat sich mehr oder weniger ergeben <\/strong><\/p>\n<p>Um das \u00d6kodorf anhand des ersten sozialen Prozesses zu analysieren ,wird zun\u00e4chst ein Beispiel f\u00fcr <em>Experimentation<\/em> vorgestellt und anschlie\u00dfend die Motivation dahinter behandelt.<\/p>\n<p>Der Bau der \u00f6kologischen Siedlung in den 80iger Jahren stellt eine Form der <em>Experimentation<\/em> dar. Dies kann man anhand von drei Argumenten festmachen. Erstens kann man bei einem so gro\u00dfen Bauvorhaben nicht alle Eventualit\u00e4ten ausschlie\u00dfen. Insbesondere gilt dies, wenn es noch sehr wenig Erfahrung bez\u00fcglich der Bauart gibt. Die Aussage, dass \u201eauch von Architekten-Seite [\u2026] durchaus einige Fehler gemacht worden\u201c sind, best\u00e4tigt dies (Interview 06.10.2017). Zweitens wurden \u00f6kologische Elemente verwendet, die zur damaligen Zeit unkonventionell waren. Dies trifft zum Beispiel auf die Grasd\u00e4cher zu (vgl. Interview 28.08.2017). Dar\u00fcber hinaus ist die Existenz des Dorfes auf Jahrzehnte angelegt. Innerhalb dieser Jahre werden sich die Individuen im social center miteinander auseinandersetzen, sich weiterentwickeln und selbstreflektieren.<\/p>\n<p>Es existieren eine Vielzahl von unterschiedlichen Faktoren, die eine Entscheidung f\u00fcr die Teilnahme am Projekt positiv beeinflussen. Der \u00f6kologische Aspekt wurde nur von der Minderheit der BewohnerInnen als der ausschlaggebende Faktor angef\u00fchrt. Aspekte wie der Kaufpreis, die Lage, die Lebensqualit\u00e4t und die ver\u00e4ndernde Familiensituation waren entscheidend (Interview 6.10.2017). Die Mehrheit der BauherrInnen waren Eltern. Sie waren auf der Suche nach einer Immobilie mit mehr Wohnraum, sodass der Bau eines Hauses in der Siedlung eine gute Gelegenheit darstellte (Interview 06.10.2017). Au\u00dferdem berichten die Interviewten, dass die Lage des Grundst\u00fccks f\u00fcr die Kaufentscheidung entscheidend war. Einige Kinder \u201ewaren hier auf der, in der n\u00e4he [sic] liegenden, Walddorfschule\u201c oder haben bereits in dem Stadtteil gewohnt (ebd.). Ferner konnte die Gruppe das Grundst\u00fcck f\u00fcr damalige Verh\u00e4ltnisse g\u00fcnstig kaufen, sodass der berechnete Gesamtpreis der Immobilie f\u00fcr die Familien erschwinglich war (ebd.). \u00c4hnliches berichtet auch ein Interviewter, der vor wenigen Jahren ein Haus in der Wohnanlage gekauft hat. Er (Interview 01.09.2017) beschreibt die Immobiliensituation als eine, \u201edie einfach extrem angespannt ist\u201c, sodass es sehr schwer ist, eine Bestandsimmobilie zu einem fairen Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis zu finden. Dies war in der Siedlung der Fall. Die hohe Lebensqualit\u00e4t sei ein starker Grund, wieso die AnwohnerInnen gerne in dem Dorf leben. Dies wird dadurch deutlich, dass die BewohnerInnen der H\u00e4user den Wunsch ge\u00e4u\u00dfert haben, erst mit ihrem Lebensende das social center endg\u00fcltig verlassen zu wollen.\u00a0 Aussagen wie, \u201ees ist mein Ziel. Mit den F\u00fc\u00dfen zuerst raus!\u201c machen dies deutlich (Interview 18.09.2018). Die Grasd\u00e4cher, weitere Begr\u00fcnung und das Design der \u00d6kodorfsiedlung tragen dazu bei. F\u00fcr Kinder sei diese Umgebung ein gutes Umfeld aufzuwachsen (vgl. Interview 28.08.2017; Interview 01.09.2017; Interview: 18.09.2017).<\/p>\n<p>Der \u00f6kologische Grundgedanke des Bauprojekts wird von den BewohnerInnen positiv angesehen und diese identifizieren sich damit. Das war f\u00fcr die Mehrheit allerdings nur ein Zusatz und kein Kriterium. \u00d6kologie \u201ewar nicht der ureigentliche Ausl\u00f6ser\u201c und es \u201ehat sich dann mehr oder weniger ergeben und ist f\u00fcr [\u2026] [die BewohnerInnen] gut gegangen\u201c (Interview 19.08.2017b; Interview 06.10.2017).<\/p>\n<p>Aus diesen Aspekten kann geschlussfolgert werden, dass die Motivationen, in die \u00f6kologische Siedlung zu ziehen, auf unterschiedlichem basiert, aber nicht auf dem \u00f6kologischen Aspekt. Dar\u00fcber hinaus bedeutet dies, dass das Prinzip <em>Experimentation <\/em>zwar in dem \u00d6kodorf vorliegt, allerdings ebenfalls nicht \u00f6kologisch motiviert ist. Die Motivation, Teil des Projekts zu werden, liegt eher in den rationalen Aspekten und pers\u00f6nlichen Vorlieben der BewohnerInnen.<\/p>\n<h3><strong><a id=\"Soziale Praktiken\"><\/a>Soziale Praktiken stabilisieren die Gemeinschaft \u2013 Eine Analyse des zweiten sozialen Prozesses <\/strong><\/h3>\n<p>Yates (2015:14) besagt in seinem zweiten sozialen Prozess, dass pr\u00e4figurative Gruppen unterschiedliche Veranstaltungen organisieren, um dadurch die vorherrschende politische Sichtweise, Ideen und sozialen Bewegungen zu kritisieren. Dabei k\u00f6nnen die Praktiken sehr unterschiedlich gestaltet sein. Das Spektrum reicht von Seminaren und Informationsveranstaltungen bis hin zu Demonstrationen.<\/p>\n<p><strong>Praktiken mit zusammenschwei\u00dfende Funktion<\/strong><\/p>\n<p>Da \u00f6kologische Faktoren weder prim\u00e4r noch sekund\u00e4r Motivatoren f\u00fcr die meisten BewohnerInnen waren, liegt nun der Fokus auf dem social center. Dieser Freiraum erm\u00f6glicht es den AnwohnerInnen, sich untereinander auszutauschen und verschiedene Praktiken zu entwickeln. Im folgenden Abschnitt ist zu untersuchen, ob dieser Raum unter kritischen Aspekten \u00f6kologisch motiviert genutzt wird.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der durchgef\u00fchrten Praktiken dient dazu, den sozialen und solidarischen Charakter der Wohnanlage aufrechtzuerhalten, der in der Bauphase, speziell nach der Insolvenz des Bauunternehmers, entstanden ist. Daf\u00fcr nutzen sie das social center aktiv. Innerhalb des Dorfes existieren verschiedene Gruppenaktivit\u00e4ten, die zu unterschiedlichen Anl\u00e4ssen oder in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden veranstaltet werden. Dazu geh\u00f6rt zum Beispiel ein j\u00e4hrliches Pastaessen am Ende der Sommerferien, welches bei gutem Wetter auf dem Dorfplatz und bei schlechtem Wetter im Gemeinschaftshaus stattfindet. Daneben wird im November Sankt Martin mit einem gemeinsamen G\u00e4nsebratenessen gefeiert. An diesen gr\u00f6\u00dferen und lang etablierten Veranstaltungen nimmt die Mehrheit der BewohnerInnen teil. Zudem finden kleinere Aktivit\u00e4ten in unterschiedlichen Gruppenkonstellationen statt, wie beispielsweise Yoga- oder Tanzkurse und Chorproben im Gemeinschaftshaus. \u00a0Eine M\u00e4nnergruppe geht im angrenzenden Wald Mountainbike fahren, eine andere Gruppe f\u00e4hrt einmal im Jahr zum Ski fahren in die Schweiz. Bei diesen und anderen Aktivit\u00e4ten war es den BewohnerInnen wichtig festzustellen, dass die Teilnahme freiwillig ist (vgl. Interview 19.08.2017a; Interview 19.08.2017b; Interview 01.09.2017; Interview 18.09.2017; Interview 06.10.2017). Somit befinden sich die BewohnerInnen in einem kontinuierlichen Prozess des Austausches und man kann schlussfolgern, dass die genutzten Praktiken einen sozialen und gemeinschaftsstiftenden Charakter haben. Auf eine \u00f6kologische Komponente wird dabei nicht im besonderen Wert gelegt.<\/p>\n<p>Es liegt nahe, dass die Wurzeln dieser freiwilligen Aktivit\u00e4ten in den Anf\u00e4ngen des social centers zu finden sind. Bereits seit der Planungs- und Bauphase existiert eine gewisse Tradition, gemeinsame Aktivit\u00e4ten durchzuf\u00fchren. Bereits in dieser Phase wurde ein Grundstein f\u00fcr Solidarit\u00e4t und Sozialit\u00e4t gelegt, sodass das solidarische Verhalten nach der Insolvenz des Bautr\u00e4gers erkl\u00e4rt werden kann. Ein weiterer Baustein war die Insolvenz als Ereignis. Dieses Element tr\u00e4gt ebenfalls zu dem guten Verh\u00e4ltnis innerhalb des social centers bei. Wie bereits im historische Kontext angesprochen, war nach der Insolvenz unklar, wie das weitere Vorgehen aussieht. Mit dem Entschluss, das Projekt in Eigenregie fortzuf\u00fchren, war allen Beteiligten klar, dass dies nur mit einer Zusatzzahlung und viel Eigenleistung durchf\u00fchrbar sei. Eine Bauherrin (Interview 18.09.2017) der ersten Stunde bekr\u00e4ftigt dies mit ihren Erinnerungen:<\/p>\n<blockquote><p>Und dann mussten wirklich alle nochmal Kapital nachschie\u00dfen, damit dann letztlich auch ein einheitlicher Preis pro Quadratmeter zustande kam. UND [Hervorhebung im Original] es musste ganz viel Eigenleistung gemacht werden. Und wir haben auch wirklich RICHTIG [Hervorhebung im Original] dann machen m\u00fcssen. [\u2026] Also ich erinnere mich an das Dachdecken, wo wirklich die halbe Siedlung dann auf den D\u00e4chern stand. Mit so Holzschl\u00e4geln im Prinzip, um den Rollrasen dann auf dem Erdreich [\u2026] fest [zumachen]. Also es war ganz witzig. Das war wirklich richtig witzig. Hat viel Spa\u00df gemacht. [\u2026]\u00a0 Dann wurde gemeinschaftlich gekocht. Also einer brachte Essen mit und [dann] sa\u00df man drau\u00dfen. Hier in der W\u00fcste. Und hat dann gemeinsam gegessen und gemeinsam gearbeitet. [\u2026] Also das. Das war schon eine sehr, sehr gute verbindende Zeit, die auch f\u00fcr ziemlich viel Solidarit\u00e4t gesorgt hat. Also insgesamt war das wirklich beinahe ein Musterbeispiel an Solidarit\u00e4t.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Phase der engen Zusammenarbeit, unter Ber\u00fccksichtigung der mehrmonatigen Bauverz\u00f6gerung und der finanziellen Schwierigkeiten, beschreiben auch andere BauherrInnen von damals als eine sehr pr\u00e4gende und verbindende Zeit (Interview 21.08.2017a; Interview 11.09.2017). Die Tatsache, dass die Eigent\u00fcmerInnen von fertig gestellten H\u00e4usern bereit waren, sowohl die Zusatzleistung zu zahlen, als auch Eigenleistungen anzubringen ist an dieser Stelle zu betonen. Die Zusatzleistung war relevant, da somit der Kaufpreis pro Quadratmeter einheitlich blieb. In diesem Moment haben die BewohnerInnen (un-)bewusst ein Solidarit\u00e4tsprinzip geschaffen, in dem die einzelnen Akteure mit der Unterst\u00fctzung der Dorfgemeinschaft rechnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Der Ersatz f\u00fcr die Insolvenz <\/strong><\/p>\n<p>Die verbindende Erfahrung der Solidarit\u00e4t, l\u00e4sst sich nach Beendigung des Baus nun in den Aktivit\u00e4ten wiederfinden. Die regelm\u00e4\u00dfigen Aktivit\u00e4ten innerhalb des nat\u00fcrlichen Gef\u00fcges f\u00fchren dazu, dass die Nachbarn eine enge Vertrauensbasis schaffen. Dies ist im Zuge der Urbanisierung und Verst\u00e4dterung selten der Fall. Die Aussage, dass die Beziehungen \u201ezum Teil richtig famili\u00e4r sind\u201c unterst\u00fctzt das Argument (Interview 11.09.207; Interview 18.09.2017). Dieser Punkt wird durch die Herausforderung des Generationswechsels und der folgenden Integration von neuen AnwohnerInnen unterstrichen. Aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden haben circa 1\/3 der H\u00e4user ihre Eigent\u00fcmerInnen gewechselt. Die neuen Eigent\u00fcmerInnen haben die verbindende Phase der Planungs- und Bauzeit nicht durchlebt und \u201ek\u00f6nnen nicht nachvollziehen, was [\u2026] [die Baufamilien] damals so zusammengeschwei\u00dft hat\u201c (Interview 18.09.2017). Aus diesem Grund m\u00fcssen die neuen AnwohnerInnen erstmal aktiv integriert werden. Angesichts des engen Verh\u00e4ltnisses und der gemeinsamen Erfahrungen der AlteinwohnerInnen stellt sich dies schwieriger dar, als in konventionellen Wohnanlagen.<\/p>\n<p>Ein vor einigen Jahren Zugezogener (Interview: 01.09.2017) beschreibt die sozialen und solidarischen Elemente in der Siedlung wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>Ja, es gibt eine Nachbarin, die einfach unheimlich gerne [\u2026] den Nachbarn bei der Gartenarbeit [hilft]. Die bietet sich an. Und diese Hilfe wird angenommen. Oder wir hatten einen Nachbarn [der] bis vor Kurzem einmal in der Woche zu D\u00fcsseldorfs besten B\u00e4cker gegangen ist und Brot geholt hat. Der ist hier rumged\u00fcst und jeder konnte dem eine Brotbestellung mitgeben und dann ist er hierhergekommen und hat das Brot ausgeteilt. [\u2026] Wir machen eine \u00d6ko-Bestellung [sic]. [\u2026] [W]ir k\u00f6nnen im Gro\u00dfhandel einkaufen und das macht ein \u00e4lteres Ehepaar, die in Kauf nehmen, dass einmal im Monat oder alle zwei Monate [\u2026] um zwei Uhr nachts der gro\u00dfe Laster [kommt] und [\u2026] denen die Paletten [hinschmei\u00dft] [\u2026]. Und die machen sich eine unglaubliche Arbeit. DAS [Hervorhebung des Verfassers] ist einfach Engagement. Das ist einfach nur, weil die Leute Lust dazu haben. [\u2026] DAS [Hervorhebung des Verfassers] h\u00e4tte ich vorher auch nicht gedacht bis ich hierhergekommen bin.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die BewohnerInnen des \u00d6kodorfes identifizieren sich mit dem solidarischen Grundgedanken, sodass Engagement untereinander eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist. Es wird aber auch von allen Seiten respektiert und akzeptiert, dass sich nicht alle gleichviel einbringen k\u00f6nnen und wollen (vgl. Interview 19.08.2017a).<\/p>\n<p>Aus diesem pr\u00e4senten, solidarischen Charakter innerhalb der Siedlung l\u00e4sst sich schlussfolgern, dass die Basis der Siedlung zwar das \u00f6kologische Element ist, die Solidarit\u00e4t das Fortbestehen des gesellschaftlichen Zusammenhalts aber prim\u00e4r st\u00e4rkt und sichert. Daher ist das solidarische Zusammenleben in unterschiedlichen Formen der entscheidende Punkt im social center. Dies bedeutet auch, dass die Siedlung anhand dessen eher eine pr\u00e4figurative Politik im Hinblick auf Solidarit\u00e4t ist, als auf \u00d6kologie. Die BewohnerInnen leben anhand eines starken Solidarit\u00e4tsprinzips in dem Dorf und haben somit innerhalb dessen eine Utopie geschaffen. Die Utopie wird durch die Handlungsalternativen sowohl aufrechterhalten als auch gest\u00e4rkt.<\/p>\n<h3><strong>Formale und informale Regeln \u2013 Eine Analyse des dritten sozialen Prozesses \u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>In einem weiteren sozialen Prozess der pr\u00e4figurativen Politik, entstehen nach Yates kollektive soziale Normen und Verhaltensweisen, welche sich im Laufe der Zeit durch die vorherigen beiden sozialen Prozesse &#8211; den experimentellen Praktiken und den alternativen politischen Perspektiven etablieren. Sie gelten lediglich f\u00fcr das social center und f\u00fchren zu Routinen im Verhalten. Laut Yates werden manche Verhaltensweisen auch gemeinsam in Versammlungen und Debatten diskutiert und beschlossen. Diese Vereinbarungen erfordern ein hohes Einvernehmen bzw. eine hohe \u00dcbereinkunft unter den Beteiligten (vgl. Yates 2015: 14).<\/p>\n<p><strong>\u201eSpielregeln [\u2026], an die wir uns halten wollen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bei der \u00f6kologischen Siedlung handelt es sich um eine Gesellschaft b\u00fcrgerlichen Rechts (GbR). 1994 entstand unter den Eigent\u00fcmerInnen ein Gemeinschaftsvertrag, der f\u00fcr die gesamten BewohnerInnen der Siedlung gilt. In diesem sind die \u00f6kologischen Vors\u00e4tze der Siedlung festgeschrieben (welche bereits in der Entstehungsgeschichte erw\u00e4hnt wurden) und allgemeine Regeln verankert, inwiefern die eigenen H\u00e4user aber auch die gemeinsamen Besitzt\u00fcmer und Grundst\u00fccksfl\u00e4chen genutzt bzw. ver\u00e4ndert werden d\u00fcrfen und wie nicht. \u00dcberdies ist in ihm niedergeschrieben, welche Sachverhalte mit welchem Mehrheitsverh\u00e4ltnis entschieden werden k\u00f6nnen (vgl. Interview 19.08.2017a). Allgemein soll der Gemeinschaftsvertrag bei Konflikten Hilfestellung leisten und diese auch vorbeugen (vgl. Interview 28.08.2017a). Eine Bewohnerin beschreibt den Gemeinschaftsvertrag auch als \u201eSpielregeln [\u2026], an die wir uns halten wollen\u201c (Interview 19.08.2017a). Alle BewohnerInnen mussten ihn unterzeichnen. Auch die Zustimmung von Neuank\u00f6mmlingen ist eine zwingende Voraussetzung f\u00fcr den Einzug in die Siedlung, d. h. beim Verkauf eines Hauses sind Verk\u00e4uferInnen und K\u00e4uferInnen an den Gemeinschaftsvertrag gebunden (vgl. Interview 28.08.2017a).<\/p>\n<p>Zu den im Gemeinschaftsvertrag gemeinsam verwalteten Anlagen z\u00e4hlen ein Gemeinschaftshaus, zwei Heizungsanlagen, eine Holzwerkstatt, Wohnwege, Stellpl\u00e4tze, Garagen, M\u00fcllraum und Solaranlagen (vgl. Bauunterlagen eines Bewohners zu der \u00f6kologischen Siedlung). Bei dem Gemeinschaftshaus haben sich die BewohnerInnen beispielsweise darauf geeinigt, dass es nur privat f\u00fcr Veranstaltungen genutzt werden darf, d. h. es wird nicht \u00f6ffentlich vermietet, sondern ausschlie\u00dflich die BewohnerInnen aus der Siedlung d\u00fcrfen dort Veranstaltungen anbieten. Um diese untereinander zu koordinieren, h\u00e4ngt im Gemeinschaftshaus ein Kalender, in welchem die BewohnerInnen ihr Vorhaben eintragen k\u00f6nnen. Bei \u00dcberschneidungen wird per Kommunikation abgestimmt und beschlossen wer oder welche Veranstaltung Vorrang hat (vgl. Interview 19.08.2017a). Des Weiteren befindet sich in der Siedlung eine Holzwerkstatt mit selbstorganisiertem Werkzeug und Maschinen, die f\u00fcr jede BewohnerIn zug\u00e4nglich ist (vgl. Interview 11.09.2017). Diesbez\u00fcglich existieren auch sogenannte \u201etechnische Patenschaften\u201c (Interview 21.08.2017b), bei denen die BewohnerInnen, die Ahnung von der Handhabung der Maschinen haben, anderen Hilfestellung leisten (vgl. Interview 21.08.2017b). Zweimal im Jahr gibt es zudem den sogenannten \u201eGr\u00fcnschnitttag\u201c, an welchem die BewohnerInnen, alle zusammen, die gemeinschaftlichen Gr\u00fcnfl\u00e4chen stutzen und pflegen. Dieser ist laut dem Gemeinschaftsvertrag f\u00fcr alle verpflichtend (vgl. Interview 19.08.2017a). Was allgemein den Erhalt der Gemeinschaftsanlagen betrifft, tragen lediglich die Eigent\u00fcmerInnen die Verantwortung. MieterInnen seien davon ausgeschlossen (vgl. Interview 01.09.2017), d.h., wenn etwas von den gemeinschaftlichen Besitzt\u00fcmern kaputtgeht oder repariert werden muss, wird dies aus den gemeinsamen R\u00fccklagen, von einem Gemeinschaftskonto der Eigent\u00fcmerInnen bezahlt (vgl. Interview 11.09.2017).<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus, werden jedes Jahr im Wechsel, von Haus zu Haus, zwei BewohnerInnen der Siedlung zur Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerIn bzw. B\u00fcrgermeisterIn der GbR ernannt (vgl. Interview 11.09.2017), die sich um gemeinschaftliche Sachverhalte wie z.B. die Finanzierung von gemeinsamen Besitzt\u00fcmern, gemeinsame R\u00fccklagen und Gemeinschaftskonten, Reparaturen und Konflikte k\u00fcmmern. Sie seien mit einer HausverwalterIn einer Eigent\u00fcmergemeinschaft zu vergleichen (vgl. Interview 19.08.2017) und spielen eine wichtige Rolle f\u00fcr die Siedlung, denn \u201eGemeinschaft bedarf aktiver Betreuung und Pflege\u201c (vgl. Interview 11.09.2017). Es finden zweimal j\u00e4hrlich mit den B\u00fcrgermeisterInnen Dorfversammlungen statt, in welchem Konflikte und neue Angelegenheiten im Plenum gekl\u00e4rt oder auch beschlossen werden (vgl. Interview 06.10.2017). Um eine neue Idee in der Siedlung umzusetzen, m\u00fcssen alle BewohnerInnen der Siedlung zustimmen, d. h., wenn eine NachbarIn gegen eine Sache stimmt, wird diese nichtig (vgl. Interview 01.09.2017). Beispielsweise wurde einmal der Vorschlag gemacht, Ladestationen f\u00fcr m\u00f6gliche Elektroautos zu schaffen. Allerdings w\u00e4ren dadurch andere Autostellpl\u00e4tze weggefallen, wodurch die Idee abgelehnt und auch nicht durchgesetzt wurde (vgl. Interview 06.10.2017).<\/p>\n<p>Durch diese Vereinbarungen kann in dem \u00f6kologischen Dorf nach Theodore R. Schatzki von einer sozialen Ordnung gesprochen werden, denn er beschreibt sie als \u00dcbereink\u00fcnfte oder Regelungen zwischen Menschen, die ihnen das gemeinsame Interagieren erlauben (vgl. Schatzki 2001: 51). Sie bildet sich aus den vorherigen Experimenten bzw. Praktiken und Ideen des social centers heraus (vgl. Schatzki 2001: 50).<\/p>\n<p><strong>\u201eDas ist mehr als einfach Nachbarschaften\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Seit dem Beziehen der Siedlung 1988\/89 haben sich zudem einige nicht schriftlich festgehaltene Normen herausgebildet, die die BewohnerInnen in ihrem Verhalten beeinflussen. Das Verhalten wird allerdings nicht im \u00f6kologischen Sinne beeinflusst, so dass sich Nachhaltigkeit im Handeln wiederspiegelt. Das l\u00e4sst sich daran feststellen, dass kein \u00f6kologisches Verhalten von den BewohnerInnen abverlangt wird (vgl. Interview 21.08.2017b). In der Siedlung leben Personen, die aus schlechtem Gewissen durch einen Flug in den Urlaub eine Ausgleichsspende t\u00e4tigen bis zu welchen, die gro\u00dfe und CO2-lastige Autos fahren (vgl. Interview 18.09.2017). Jeder kann so leben, wie es ihm beliebt. Bez\u00fcglich der Lebensstile, gibt es keinerlei Vorschriften (vgl. Interview 21.08.2017b).<\/p>\n<p>Die Normen wirken sich eher auf das soziale Miteinander im Dorf aus. Die BewohnerInnen legen viel Wert auf die Gemeinschaft und auf Nachbarschaftshilfe. Kleinere Aushilfst\u00e4tigkeiten wie z.B. Fische f\u00fcttern, Pflanzen gie\u00dfen, wenn andere im Urlaub sind oder die gegenseitige Hilfe bei der Instandsetzung der H\u00e4user werden gr\u00f6\u00dftenteils als selbstverst\u00e4ndlich angesehen (vgl. Interview 21.08.2017b; Interview 28.08.2017; Interview 11.09.2017). Dabei werden auch Generationsunterschiede ber\u00fccksichtigt, z.B. helfen die vom Alter her j\u00fcngeren BewohnerInnen den \u00c4lteren beim Tragen der Eink\u00e4ufe oder bei der Restauration der H\u00e4user, wohingegen die \u00e4lteren BewohnerInnen beispielsweise von Zeit zu Zeit auf die Kinder der J\u00fcngeren aufpassen (vgl. Interview 01.09.2017). Die Nachbarschaft dient somit auch als eine Art Bewachungssystem untereinander und ist gekennzeichnet durch \u201e[\u2026] eine hohe Vertrautheit [\u2026], ein gutes Miteinander\u201c und wird als \u201ezugewandt und den anderen achtend, respektvoll\u201c, wie auch als sehr hilfsbereit beschrieben (Interview 28.08.2017; Interview 21.08.2017a). Die gemeinsamen Aktivit\u00e4ten, die im Prozess zuvor beschrieben wurden, best\u00e4rken zudem das Nachbarschaftsverh\u00e4ltnis. Ein Interviewter sagt dazu:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas ist mehr als einfach Nachbarschaften\u201c (Interview 11.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Was die Integration von neuen EinwohnerInnen betrifft, bestehen jedoch Bedenken, den Gemeinschaftsgedanken in der Siedlung zu verlieren:<\/p>\n<blockquote><p>[\u2026] es ist ein bisschen schwierig den neu Hinzukommenden (\u2026) zu vermitteln, dass wir keine Eigent\u00fcmergemeinschaft sind, sondern, dass wir hier ANDERS [Hervorhebung im Original] das machen wollen. (Interview 21.08.2017)<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch einer der derzeitigen B\u00fcrgermeister sieht das Verkaufen und Vermieten der H\u00e4user als eine Herausforderung: \u201eDie Siedlung funktioniert nur mit Eigent\u00fcmern, die sich engagieren\u201c (Interview 01.09.2017). Sowohl die H\u00e4user als auch die Gemeinschaft seien pflegebed\u00fcrftig: \u201eEs ist nicht einfach Idylle pur, sondern man muss auch was daf\u00fcr tun\u201c (Interview 18.09.2017). Zum einen, um die Gesamtattraktivit\u00e4t der Siedlung beizubehalten, aber auch, um gemeinsame Entscheidungen treffen zu k\u00f6nnen (vgl. Interview 19.08.2017; Interview 01.09.2017). Das k\u00f6nne vor allem durch neue MieterInnen problematisch werden, weil diese laut Vertrag nicht f\u00fcr den Erhalt gemeinsamer Anlagen aufkommen m\u00fcssen (vgl. Interview 01.09.2017). Einer der grundlegenden Probleme der Integration sei, dass die neuen BezieherInnen sich aufgrund der gemeinsamen Entstehungsgeschichte der bereits Anwohnenden nicht zugeh\u00f6rig f\u00fchlen und somit zwischen den \u201eAlten\u201c und den \u201eJungen\u201c unterschieden wird. In dieser Hinsicht, laut einem Bewohner, m\u00fcssen die \u201eAlten\u201c Integrationsarbeit leisten:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNicht im Sinne von, dass wir hingehen, du musst jetzt hier in alle Vereine eintreten, sondern dass wir das Gef\u00fchl vermitteln, ihr seid willkommen\u201c (Interview 11.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit Bezug auf Yates lassen sich durchaus Parallelen aufzeigen. In der Siedlung haben sich gewisse Normen und Verhaltensmuster herauskristallisiert. Diese gelten auch nur f\u00fcr die Bewohner der Siedlung, bauen jedoch auf keinem \u00f6kologischen Engagement auf, sondern basieren mehr auf der Gemeinschaft und dem Zusammenleben untereinander. Die kollektiven Verhaltenscodes entstehen durch die soziale Praxis, aber auch durch Regelwerke wie z.B. die Vertretungsorgane oder den Gemeinschaftsvertrag. Dadurch werden gewisse Routinen im Verhalten erzeugt wie z.B. die erlaubte Nutzung der Gemeinschaftsanlagen oder der \u201eGr\u00fcnschnittag\u201c. Weiterhin lassen sich \u00c4hnlichkeiten im Entstehungsprozess der Richtlinien bzw. Regeln festmachen. Neue Sachverhalte oder Auseinandersetzungen werden in Versammlungen diskutiert und erfordern einen hohen Konsens.<\/p>\n<h3><strong>Der gestaltete Lebensraum und seine Auswirkungen auf das social center <\/strong>&#8211; <strong>Eine Analyse des vierten sozialen Prozesses<\/strong><\/h3>\n<p>Im vierten sozialen Prozess von Yates geht es darum, die aus den vorherigen Prozessen entstandenen experimentellen Urspr\u00fcnge, die politischen Botschaften bzw. die Ideologie und die kollektiven Normen und routinierten Verhaltensweisen in ein materielles Umfeld und in einer sozialen Ordnung zu festigen. Im genaueren meint es: Den physischen Lebensraum gem\u00e4\u00df seinen \u00dcberzeugungen zu gestalten und danach zu leben (vgl. Yates 2015: 14). Ein gutes aber \u00fcberspitztes Beispiel hierf\u00fcr sind z.B. Personen, die ideologisch gegen die Umweltverschmutzung durch CO\u00b2-Aussto\u00df sind und dementsprechend komplett auf das Fliegen oder andere CO\u00b2 aussto\u00dfende Verkehrsmittel verzichten und nur saisonale, vegetarische Produkte aus der Region kaufen oder sich evtl. sogar selbst im Garten oder auf einem Feld, Gem\u00fcse und Obst pflanzen, um sich autark zu ern\u00e4hren.<\/p>\n<p><strong>Eine andere Welt<\/strong><\/p>\n<p>Das \u00d6kodorf liegt im materiellen Umfeld eher dezentral und ist von Gr\u00fcn umgeben. Ein Wald und ein See befinden sich unmittelbar vor Ort (vgl. Interview 19.08.2017b). Generell wird die Lage und die Siedlung von den BewohnerInnen sehr gesch\u00e4tzt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir haben hier einfach unheimliches Gl\u00fcck, also mit der Lage [\u2026], weil wir sehr nah an dem Wald dran liegen und nicht so direkt in der Verkehrsader [\u2026]\u201c (Interview 19.08.2017a).<\/p><\/blockquote>\n<p>\u201eDer Vorteil ist mein ich, dass man eigentlich hier nah an der Stadt sehr l\u00e4ndlich wohnt\u201c (Interview 21.08.2017b). \u201eMan kommt [\u2026] die Stra\u00dfe hoch, sucht sich einen Parkplatz und landet in einer anderen Welt und das finde ich sehr toll\u201c (Interview 18.09.2017). Lediglich die Verkehrsanbindung wird kritisiert:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer kleine Nachteil ist, wenn sie hier wohnen so die Anbindung [\u2026], ist sag ich mal zweitklassig. Es gibt keine Stra\u00dfenbahn, es gibt nur Busse [\u2026]\u201c (Interview 06.10.2017).<\/p>\n<p>\u201eDie \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel k\u00f6nnten [\u2026] DEFINITIV [Hervorhebung im Original] [\u2026] besser sein. Nicht, dass man nichts h\u00e4tte aber die Frequenz ist einfach definitiv zu niedrig\u201c (Interview 19.08.2017a).<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr mehrere BewohnerInnen geht die Verkehrsanbindung mit schlechten Einkaufsm\u00f6glichkeiten einher, was auch die Bedeutung der \u201e\u00d6kobestellung\u201c unterstreicht (vgl. Interview 28.08.2017).<\/p>\n<p>Gebaut wurde das \u00d6kodorf nach \u00f6kologischen Richtlinien, diese wurden jedoch von den Architekten bestimmt. Es gab drei H\u00e4uservariationen aus denen ausgew\u00e4hlt werden konnte mit klaren baulichen Vorgaben (vgl. Interview 28.08.2017). Die Architekten haben auf einen gewissen Grad an Einheitlichkeit geachtet, weshalb beispielsweise die Winterg\u00e4rten zur vorderen Seite, bestimmte Sprossenfenster, ein Verbot einer Satellitensch\u00fcssel auf dem Hausdach (vgl. Interview 28.08.2017), kleine und privat gehaltene G\u00e4rten (vgl. Interview 11.09.2017), gleiche T\u00fcren, Holz und D\u00e4mmwolle vorausgesetzt wurden (vgl. Interview 01.09.2017). Beim Bauen wurde ebenfalls auf Keller und Dachb\u00f6den verzichtet, weshalb sich ein paar wenige BewohnerInnen, die darauf nicht verzichten wollten, selbst um einen Anbau gek\u00fcmmert haben (vgl. Interview 19.08.2017b). Die Innenr\u00e4ume seien jedoch alle individuell gestaltet (vgl. Interview 18.09.2017).<\/p>\n<p>Die \u00f6kologischen H\u00e4user haben laut den BewohnerInnen einen sehr hohen Pflegebedarf. Sie m\u00fcssen aufgrund des Holzes regelm\u00e4\u00dfig gestrichen werden. Ab und zu m\u00fcssen auch die Bretter ausgetauscht, die Fenster erneuert und die Grasd\u00e4cher ausgewechselt werden (vgl. Interview 21.08.2017b). Hinzu kommt das S\u00e4ubern von Drainagen um den Wasserabfluss zu gew\u00e4hrleisten und die eigene Gartenarbeit, die zus\u00e4tzlich zu der Instandhaltung von den gemeinschaftlichen Gr\u00fcnfl\u00e4chen anf\u00e4llt (vgl. Interview 11.09.2017; Interview 18.09.2017a). Eine Herausforderung, die die BewohnerInnen diesbez\u00fcglich sehen ist das \u00c4lterwerden (vgl. Interview 28.08.2017). Dadurch, dass die H\u00e4user sehr pflegeintensiv sind, sei es mit zunehmenden Alter f\u00fcr die BewohnerInnen schwierig, diese eigenst\u00e4ndig zu restaurieren. Des Weiteren werden die baulichen Gegebenheiten f\u00fcr das hohe Alter als kritisch betrachtet wie z.B. Treppen anstatt Fahrst\u00fchle oder Pflastersteine, welche nicht Rollator-geeignet sind. Dies k\u00f6nne dazu f\u00fchren, dass die BewohnerInnen gegen ihren Willen aus ihren H\u00e4usern ausziehen m\u00fcssten (vgl. Interview 28.08.2017).<\/p>\n<p>Insgesamt sei die Siedlung sehr dicht im Gegensatz zu anderen konventionellen Wohnsiedlungen gebaut worden, wodurch Stellpl\u00e4tze f\u00fcr Autos vor den Haust\u00fcren keinen Platz finden. Diesbez\u00fcglich wird sich z.B. f\u00fcr Eink\u00e4ufe oder M\u00f6bel mit Karren oder anderen Hilfsmitteln ausgeholfen (vgl. Interview 21.08.2017a). Diese Dichte wirkt sich auch auf das Zusammenleben aus. Eine Bewohnerin sagt: \u201eIch lerne auch jeden Tag viel, auch wie ich mit anderen Meinungen umgehen kann, weil wir einfach hier hautnah wohnen\u201c (Interview 28.08.2017b). Ein anderer Anwohner ist der Ansicht:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas sind dann Nachbarschaftsverh\u00e4ltnisse die vielleicht gef\u00f6rdert werden durch die Art der Bauweise und durch das was man gemeinsam entscheiden muss [\u2026]\u201c (Interview 21.08.2017b).<\/p><\/blockquote>\n<p>Daraus l\u00e4sst sich schlie\u00dfen, dass das gemeinschaftliche Leben und die sozialen Aktivit\u00e4ten des Dorfes, durch die kompakte bzw. enge Bauweise gef\u00f6rdert werden. Durch die gemeinsamen Entscheidungen und Abstimmungsverh\u00e4ltnisse, seien die BewohnerInnen zudem aufeinander angewiesen. Diese Abh\u00e4ngigkeit mache sie r\u00fccksichtsvoller und bringe sie dazu, mehr aufeinander einzugehen (vgl. Interview 01.09.2017).<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-346\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-1-300x224.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"224\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-1-300x224.png 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/Bild-1.png 416w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein gelungener Mittelweg<\/strong><\/p>\n<p>Die Architekten haben bei dem Bau jedoch auch auf Freir\u00e4ume geachtet. Sie haben einen privaten, einen halb \u00f6ffentlichen und einen \u00f6ffentlichen Raum in der Siedlung geschaffen. Der blickdichte Garten und das Haus stellen den privaten Raum dar. Den halb\u00f6ffentlichen Raum macht ein kleiner Vorhof vor der Haust\u00fcr aus und der \u00f6ffentliche Raum besteht aus den Gemeinschaftsanlagen, Wohnwegen etc.. Diese verschiedenen Aufenthaltsorte bieten den BewohnerInnen die M\u00f6glichkeit der Privatsph\u00e4re aber auch der Kontaktaufnahme. Eine Bewohnerin beschreibt deswegen das Leben in der \u00f6kologischen Siedlung als einen gelungenen Mittelweg zwischen zwei Extremen: Dem Leben auf dem Land und dem Leben in der Stadt. Auf dem Land dominiere eine zu hohe \u00dcberwachung untereinander, womit gemeint ist, dass jeder \u00fcber jeden alles wei\u00df und dies auch ziemlich schwer zu verhindern ist. In einer Mietwohnung in der Stadt jedoch sei es genau umgekehrt. Es bestehe eher ein fl\u00fcchtiges Nachbarschaftsverh\u00e4ltnis, so dass es keiner bemerken w\u00fcrde, falls einem etwas passiert oder jemand Hilfe ben\u00f6tigt (vgl. Interview 21.08.2017a). Eine andere Bewohnerin sieht das Leben in der \u00f6kologischen Siedlung als Erholung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSelbst wenn man aus dem Urlaub kommt, kommt man wieder in den Urlaub zur\u00fcck\u201c (Interview 19.08.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Das sehen zum Teil auch Au\u00dfenstehende so, denn bez\u00fcglich des Lebens im \u00d6kodorf, haben die BewohnerInnen einige Reaktionen von au\u00dferhalb bekommen, darunter positive aber auch negative.<\/p>\n<p><strong>\u201eLeben und leben lassen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Zu den positiven R\u00fcckmeldungen z\u00e4hlt zum einen der Neid, der mit folgenden Kommentaren ge\u00e4u\u00dfert wurde: \u201eMan, du wohnst wie im Urlaub\u201c, \u201edas ist so ein kleines Paradies, so eine Oase in der Stadt\u201c (Interview 28.08.2017). \u201eDas hat [\u2026] irgendwie so einen Ferienhaus-Charakter\u201c (Interview 01.09.2017). \u201eEuer Haus ist und bleibt f\u00fcr mich das sch\u00f6nste Haus, was ich je gesehen habe\u201c (Interview 18.09.2017). Zum anderen machte sich laut den Befragten auch positives Erstaunen bemerkbar, weil sich manche einem so gr\u00fcnen Ort in einer Gro\u00dfstadt nicht bewusst waren (vgl. Interview 06.10.2017). Viele Au\u00dfenstehende wie Familie, Freunde, Bekannte oder auch fremde Personen zeigen nach Aussagen auch Neugier bez\u00fcglich der Bauform und des Lebens dort (vgl. Interview 01.09.2017).<\/p>\n<p>Die negativen Reaktionen bestehen zum Teil aus Vorw\u00fcrfen von Familie und Bekannten, z.B. welch eine Last die BewohnerInnen sich angetan h\u00e4tten, da die H\u00e4user aufgrund des Holzes sehr viel Pflege abverlangen (vgl. Interview 28.08.2017). Auch mit fremden Spott, wie \u201egr\u00fcne Spinner\u201c oder \u201ediese \u00d6ko-Vereinigung\u201c und anderen alten Vorurteilen aus Hippiezeiten wurden die BewohnerInnen konfrontiert (vgl. Interview 01.09.2017; Interview 18.09.2017).<\/p>\n<p>Eine Bewohnerin erz\u00e4hlt:<\/p>\n<blockquote><p>Wir sind schon hier irgendwie die \u00d6kos, [\u2026] die Grasdachsiedlung\u201c [\u2026] man wird schon so als Gruppe betrachtet\u201c (Interview 19.08.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Au\u00dferdem bekam sie Kommentare wie: \u201eIst doch eine super Wiese hier. Ihr habt uns quasi dieser Wiese beraubt\u201c (Interview 19.08.2017). Ein Bewohner berichtet, dass zu Beginn, der Bau des \u00d6kodorfes in einem anderen Stadtteil vorgesehen war. In diesem wurde jedoch gegen das Bauprojekt gestimmt, weshalb weiter nach einem Standort f\u00fcr die Siedlung gesucht werden musste. Der Grund daf\u00fcr sei gewesen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWeil sie Angst vor \u00d6ko-Fanatikern [\u2026] hatten. Man hat sich also gegen DIESE [Hervorhebung im Original] Wilden ausgesprochen, die hier irgendwie so eine Kommune vorhaben zu bauen\u201c (Interview 01.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die BewohnerInnen der \u00f6kologischen Siedlung gehen mit den Reaktionen jedoch gelassen um. Sie lassen sich von den Meinungen anderer nicht in ihrem Handeln beeinflussen und leben nach dem Motto \u201eLeben und leben lassen\u201c (Interview 28.08.2017). Es wird jede andere Ansicht akzeptiert und toleriert. Ein Bewohner sagt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch bin nicht der Meinung, dass dies das allein Seligmachende f\u00fcr alle ist, es ist es aber f\u00fcr uns\u201c (Interview 11.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Zu diesem Prozess der pr\u00e4figurativen Politik l\u00e4sst sich schlussfolgern, dass die Siedlung als Fallbeispiel nicht ganz auf diesen zutrifft. Wie schon erl\u00e4utert wurde, hatten die BewohnerInnen andere Beweggr\u00fcnde dort hinzuziehen und gehen auch keinem bewussten Engagement nach. Dementsprechend versuchen sie es auch nicht in irgendeiner Form im materiellen Umfeld zu festigen. Hinzu kommt, dass die Siedlung fremdbestimmt konzipiert und auch gebaut wurde. Das einzige was sich durch die Einbettung in das materielle Umfeld sagen l\u00e4sst, ist das durch das fl\u00e4chensparende Bauen das soziale Miteinander in der Nachbarschaft gef\u00f6rdert wird, manche Alltagsaufgaben anders bew\u00e4ltigt werden m\u00fcssen (z.B. Eink\u00e4ufe) und dass die Lage des \u00d6kodorfes sowohl Vorz\u00fcge (z.B. Wald) als auch Schwierigkeiten mit sich bringt (z.B. Mobilit\u00e4t). Reaktionen von Au\u00dfenstehenden haben keinen Einfluss auf die Lebensf\u00fchrung der BewohnerInnen.<\/p>\n<h3><strong>Die \u00dcbermittlung von Botschaften &#8211; Eine Analyse des f\u00fcnften sozialen Prozesses<\/strong><\/h3>\n<p>Bei dem f\u00fcnften sozialen Prozess der pr\u00e4figurativen Politik von Yates, geht es um die Demonstration und Verbreitung von Praktiken, Ordnungen und auch Ansichten. Damit ist gemeint, dass das social center, welches pr\u00e4figurative Politik aus\u00fcbt, den Wunsch hat mehr Menschen f\u00fcr ihre Denk- und Handlungsweisen zu gewinnen. Dies soll nach Yates durch verschiedene \u00f6ffentliche wie auch private Veranstaltungen gelingen. Unter \u00f6ffentlichen Veranstaltungen fallen beispielsweise Seminare, Workshops, Konferenzen oder auch \u00f6ffentliche Proteste und Demonstrationen. Die \u00f6ffentlichen Protestaktionen vermitteln jedoch eher Botschaften und zeigen alternatives Handeln auf, als das sie wirklich vertiefende Infos zu den alternativen Praktiken \u00fcberliefern. Zus\u00e4tzlich werden im \u00f6ffentlichen Raum auch Medien zur Verbreitung der Ansichten und Praktiken genutzt. Im privaten Raum hingegen, sind es eher informelle Gespr\u00e4che mit Fremden oder Bekannten, die zur \u00dcbertragung der Einstellungen auf die breite Masse beitragen (vgl. Yates 2015: 14).<\/p>\n<p><strong>\u201e[\u2026] das muss jeder f\u00fcr sich entscheiden [\u2026]\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bei den Interviewten, lassen sich beide Formen, sowohl die \u00f6ffentliche als auch die private Form der Verbreitung der \u00f6kologischen Wohnkultur feststellen. Die BewohnerInnen der \u00f6kologischen Siedlung repr\u00e4sentieren ihre Lebensart zum Teil nach au\u00dfen durch von der Stadt organisierte Veranstaltungen, bei welchen Sie anhand einer PowerPoint-Pr\u00e4sentation speziell ihr Wohnprojekt vorstellen. Des Weiteren stehen sie f\u00fcr Universit\u00e4tsprojekte wie z.B. dieses, gerne zur Verf\u00fcgung und waren auch schon in der Vergangenheit den lokalen Medien gegen\u00fcber aufgeschlossen (vgl. Interview 11.09.2017). Dies machen sie auch aus \u00dcberzeugung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir machen schon [\u2026] in solchen Sachen Werbung, weil wir auch davon \u00fcberzeugt sind, dass es gut ist\u201c (Interview 11.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Demonstrationen und Proteste werden jedoch nicht praktiziert.<\/p>\n<p>Was die private Verbreitungsform betrifft, wird es individueller gehandhabt. Wenn Privatleute vorbeikommen und sich f\u00fcr \u00f6kologisches Wohnen interessieren, geben die Befragten gerne Auskunft \u00fcber ihr Wohnprojekt, jedoch nicht im missionarischen Sinne um andere davon zu \u00fcberzeugen. (vgl. Interview 21.08.2017a). Sie sehen in sich keine direkte Vorbildfunktion und wollen auch niemanden unbedingt dazu bringen so zu leben:<\/p>\n<blockquote><p>\u201e[\u2026] ich w\u00fcrde jetzt nicht versuchen andere Leute da zu \u00fcberreden, hey mach doch mit und so\u201c (Interview 06.10.2017).<\/p>\n<p>\u201eAlso ich f\u00fchle mich nicht berufen, dass jetzt irgendwie nach au\u00dfen zu tragen und das andere das jetzt auch so machen m\u00fcssen [\u2026] habe da kein Sendungsbewusstsein in dem Sinne\u201c (Interview 19.08.2017a).<\/p>\n<p>\u201eAlso das muss jeder f\u00fcr sich entscheiden, wir wollen keine Oberlehrer sein [\u2026]\u201c. \u201eAlso wir gehen damit jetzt nicht hausieren\u201c (Interview 19.08.2017b).<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Verbreitungsformen, sowohl die \u00f6ffentliche als auch die private, basieren somit nicht auf einem bewussten Engagement. Die Befragten versuchen zwar gewisse Werte an ihre Kinder weiterzugeben, haben jedoch nicht den Drang diese Werte auf die breite Masse zu \u00fcbertragen (vgl. Interview 28.08.2017). Ein Bewohner erw\u00e4hnt au\u00dferdem, das umweltbewusstes Handeln ganz verschieden umgesetzt werden kann und somit nicht nur \u00f6kologisches Wohnen dazu beitr\u00e4gt. Zudem sei die \u00f6kologische Siedlung zwar nachhaltiger als andere Wohnkulturen aber dennoch ausbauf\u00e4hig (vgl. Interview 11.09.2017).<\/p>\n<p><strong>Eine sch\u00f6ne Art zu leben<\/strong><\/p>\n<p>Auf die Frage ob das \u00d6kodorf bzw. das nachhaltige Wohnen Teil einer breiteren Bewegung werden k\u00f6nne, antworteten alle Interviewten mit &#8222;nein&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas glaube ich eher nicht, dass das f\u00fcr die Masse m\u00f6glich ist\u201c (Interview 19.08.2017a). \u201eGlaub ich nicht. Das sind Nischen\u201c (Interview 28.08.2017).<\/p>\n<p>\u201eSchwierig [\u2026] also ich glaube Sie w\u00fcrden immer wieder welche finden, wenn Sie sowas anbieten, das denke ich schon. [\u2026] Aber die breite Masse, das denke ich eher nicht\u201c (Interview 06.10.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Gr\u00fcnde daf\u00fcr seien unter anderem die fehlende Verbreitung des \u00f6kologischen Bewusstseins oder auch die Finanzierung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs muss man sich auch irgendwo leisten k\u00f6nnen\u201c (Interview 18.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Jedoch wird auch der Immobilienmarkt kritisiert:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSelbst wenn Menschen sich das w\u00fcnschen w\u00fcrden. [\u2026] Es gibt halt fast kein Angebot\u201c (Interview 01.09.2017).<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein anderer Grund sei, dass selbst wenn ein Angebot auf dem Wohnungsmarkt existiere, dass eher alleinstehende H\u00e4user bevorzugt werden, bei denen ein r\u00e4umlicher Abstand zu den Nachbarn gew\u00e4hrleistet wird. Damit ist gemeint, dass das dichte Zusammenleben nicht unbedingt von der breiten Masse gewollt sei (vgl. Interview 11.09.2017). Dennoch w\u00fcnschen sich manche BewohnerInnen eine weitere Verbreitung von \u00f6kologischen D\u00f6rfern. Sie sehen es als eine sch\u00f6ne Art zu leben an (vgl. Interview 21.08.2017a) und auch als eine verantwortungsbewusste Lebensweise:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs ist einfach auch ein St\u00fcckchen achten auf die Umwelt und achten auf den N\u00e4chsten\u201c (Interview 21.08.2017a).<\/p><\/blockquote>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass das Fallbeispiel nicht ganz auf den f\u00fcnften sozialen Prozess der pr\u00e4figurativen Politik nach Yates zutrifft. Die BewohnerInnen der \u00f6kologischen Siedlung vertreten Ihre Lebensweise zwar sowohl durch \u00f6ffentliche als auch durch private Verbreitungsformen gerne nach au\u00dfen, allerdings nur, wenn dies auch gewollt ist. Sie versuchen nicht andere Leute von dieser Lebensart zu \u00fcberzeugen und neue Verb\u00fcndete zu erlangen.<\/p>\n<h2><strong><a id=\"Schlussfolgern\"><\/a>Handlungsempfehlung<\/strong><\/h2>\n<p>Die BewohnerInnen der \u00f6kologischen Siedlung haben mehrere Handlungsempfehlungen genannt, die eine Verbreitung von \u00f6kologisches Wohnen unterst\u00fctzen k\u00f6nnten. Zum einen sollten die lokalen Kommunen einem solchen Bauvorhaben eine gr\u00f6\u00dfere Aufmerksamkeit schenken, da ein angemessenes Angebot an Immobilien fehlt, dass die Verbreitung von \u00f6kologischem Wohnen unterst\u00fctzen k\u00f6nnte. Zum anderen ist diese Bauweise sehr kosten- und pflegeintensiv, weshalb diese Projekte auch mehr vom Staat gef\u00f6rdert werden m\u00fcssten (vgl. Interview 01.09.2017). Ferner muss darauf geachtet werden, dass die Bauweise, aufgrund des sp\u00e4teren sehr engen Zusammenlebens, gut geplant ist. Jedoch sollten Menschen, die sich f\u00fcr so eine Wohnform entscheiden, auch eine hohe Sozialkompetenz aufweisen (vgl. Interview 21.08.2017a).<\/p>\n<h2><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n<p>Die pr\u00e4figurative Politik stellt eine Form des Engagements dar, bei der ein social center versucht, die gew\u00fcnschte Zukunft in die Gegenwart zu verlagern. Es werden \u00dcberzeugungen durch die Praxis gefestigt, um einen Wandel der Gesellschaft herbeizuf\u00fchren; ganz nach dem Sinne \u201eder Weg ist das Ziel\u201c.<\/p>\n<p>Die f\u00fcnf theoriegeleiteten Annahmen des Konzepts konnten in dem Fallbeispiel nur teilweise wiedergefunden werden. Etwa lie\u00df sich feststellen, dass sich die Mehrheit der BewohnerInnen nicht aufgrund von \u00f6kologischen Beweggr\u00fcnden f\u00fcr dieses Projekt entschied, sondern auch Aspekte wie Lage (man erinnere an die naheliegende Waldorfschule) oder schlichtweg Kostengr\u00fcnde einflussreich waren. Aus diesem Grund war auch die erwartete ideologische Haltung gegen die Umweltsch\u00e4digung durch die g\u00e4ngige Wohnkultur nicht fl\u00e4chendeckend in der Siedlung vertreten. Generell \u00fcberwiegt in der Siedlung eine soziale\/solidarische Ideologie anstatt einer \u00f6kologischen. Dementsprechend haben sich nicht \u00f6kologische, sondern eher soziale\/solidarische Praktiken durchgesetzt, worauf aufbauend, sich bestimmte Normen und Verhaltensweisen in der Siedlung entwickelt haben. Manche davon wurden auch als feste Regel in einem Gemeinschaftsvertrag festgehalten, um das Zusammenleben zu organisieren und die Gemeinschaft zus\u00e4tzlich zu st\u00e4rken. Dar\u00fcber hinaus, wird auch durch die dichte Baustruktur das soziale Miteinander gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>In der Lebensweise der BewohnerInnen gibt es einige Parallelen zur pr\u00e4figurativen Politik. Etwa war die Bauweise der Siedlung mit ihren Grasd\u00e4chern f\u00fcr die damalige Zeit durchaus experimentell. Ebenso die von den Bewohnerinnen und Bewohnern eingef\u00fchrte Institution der rotierenden B\u00fcrgermeisterInnen, wie auch Versammlungen zur gemeinsamen Entscheidungsfindung n\u00e4hern sich dem Konzept der pr\u00e4figurativen Politik an, allerdings fehlt die gemeinsame Ideologie in der Siedlung und der missionarische Verbreitungsgedanke des \u00f6kologischen Wohnens. Die BewohnerInnen der Siedlung gehen allgemein keinem bewussten Engagement nach. Sie haben nicht zum Ziel, eine \u00f6kologisch basierte Ideologie und eine nachhaltige Lebensweise nach au\u00dfen zu tragen, um f\u00fcr ein umweltfreundlicheres Leben zu pl\u00e4dieren.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund kommt es zu der Schlussfolgerung, dass die Siedlung kein Lehrbuchspiel einer pr\u00e4figurativen Politik darstellt, sondern einen solidarisch motivierten Typus widerspiegelt. Dieser ist durch eine starke Vertrauensbasis zwischen den Nachbarn wie auch durch eine hohe Nachbarschaftshilfe gekennzeichnet und wird durch unterschiedliche Alltagspraktiken gefestigt und gest\u00e4rkt. Allerdings l\u00e4sst sich sagen, dass auch wenn die Bewohner keinem bewussten Engagement nachgehen, trotzdem von einer Form Engagement gesprochen werden kann, denn sowohl die Entscheidung f\u00fcr den nachhaltigen Bau als auch das soziale Verhalten der Bewohner untereinander haben Engagement-Charakter.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend lohnt sich ein kritischer Blick auf das Konzept der pr\u00e4figurativen Politik, denn es stellt sich die Frage: Ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich ein Wohnprojekt als pr\u00e4figurativ zu bezeichnen? Pr\u00e4figurative Politik hat das Ziel die Zukunft in die Gegenwart zu verlagern. Doch wo f\u00e4ngt Pr\u00e4figuration an und wo h\u00f6rt sie auf? Das Handeln und Verhalten von Menschen wird durch viele verschiedene Faktoren beeinflusst. Beispielsweise ist die Entscheidung f\u00fcr oder gegen den Erwerb einer Immobilie, in der Regel, einer der gr\u00f6\u00dften die innerhalb des Lebens getroffen wird und h\u00e4ngt von vielen unterschiedlichen Aspekten ab (z. B. Kosten, Lage, soziale Gr\u00fcnde etc.). Daher l\u00e4sst sich der Kauf oder Bau eines Hauses nicht ausschlie\u00dflich auf \u00f6kologische Beweggr\u00fcnde reduzieren. Hinzu kommt, dass sich pr\u00e4figuratives Handeln schlecht von habitualisiertem Handeln, dem sogenannten Alltagshandeln unterscheiden l\u00e4sst. Die Grenzen sind uneindeutig, so dass, pr\u00e4figurative Praktiken zu habitualisierten Praktiken werden k\u00f6nnen. Beispielsweise, kann \u00f6kologisches G\u00e4rtnern sowohl pr\u00e4figurativ motiviert sein, jedoch kann es auch nur ein Hobby bzw. irgendwann nur noch zur Gewohnheit werden ohne damit etwas zu bezwecken. Somit ist es auch mithilfe der beschriebenen f\u00fcnf sozialen Prozesse problematisch, in der \u00f6kologischen Siedlung eine eindeutige Grenze zwischen sozial gewachsenem, nachbarschaftlichem Zusammenhalt und pr\u00e4figurativ motiviertem Handeln zu ziehen. Insbesondere, da ein gewisses Ma\u00df an gegenseitiger R\u00fccksicht und Zusammenarbeit eine Voraussetzung f\u00fcr jede gut funktionierende Nachbarschaft ist. Dies kann nicht automatisch mit einer Form von Engagement gleichgesetzt werden und somit l\u00e4sst sich auch ein Wohnprojekt nicht vollends als pr\u00e4figurativ bezeichnen.<\/p>\n<h3>Ein Beitrag von Glory Gay, Michelle Leine und Maximilian Winter<\/h3>\n<p><strong>Literaturverzeichnis <\/strong><\/p>\n<p>Arbeitsgemeinschaft Holz e.V. (1991): Informationsdienst Holz, in: Deutsche Bauzeitschrift, S.1-8.<\/p>\n<p>Boggs, Carl (1977): Marxism, Prefigurative Communism, and the Problem of Workers\u2019 Control, in: Radical America, Jg. 11, Nr. 6, S. 99-122.<\/p>\n<p>Cornish, Flora, Jan Haake, Liora Moskovitz\/Sharon Jackson (2016): Rethinking Prefigurative Politics: Introduction to the Special Thematic Section, in: Journal of Social and Political Psychology, Jg. 4, Nr. 1, S.114-127.<\/p>\n<p>Eppstein, Barbara (1991): Political Protest and Cultural Revolution, Berkeley: University pf California Press.<\/p>\n<p>Ihr-BHKW (2017): 7 Gute Gr\u00fcnde f\u00fcr ein BHKW (Blockheizkraftwerk), [online] https:\/\/ihr-bhkw.de\/grundlagen-bhkw [29.12.2017].<\/p>\n<p>Polletta, Francesca (1999): \u201cFree Spaces\u201d in Collective Action, Jg. 28, Nr. 1, S.1-38.<\/p>\n<p>Schatzki, Theodore R. (2001): Practice mind-ed orders, in: Knorr Cetina, Karin\/ Schatzki, Theodore R.\/ Von Savigny, Eike (Hrsg.), <em>The Practice Turn In Contemporary Theory<\/em>, London: Routledge, S. 50-63.<\/p>\n<p>Yates, Luke (2015): Rethinking Prefiguration: Alternatives, Micropolitics and Goals in Social Movements, in: Social Movement Studies, Jg. 14, Nr. 1, S. 1-21. http:\/\/dx.doi.org\/10.1080\/14742837.2013.870883.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; (Alle Fotos in diesem Beitrag sind private Aufnahmen) Innerhalb der letzten Jahrzehnte ist eine \u00f6kologische Lebensweise in verschiedenen Hinsichten popul\u00e4r geworden. Zum einen hat \u00f6kologisches Leben Einzug in die Ern\u00e4hrungs- und Konsumweisen gefunden. Beispiele hierf\u00fcr sind eine vegetarische oder vegane Ern\u00e4hrung, um zum Klimaschutz und\/oder zu einer besseren Tierhaltung beizutragen. 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