{"id":281,"date":"2017-05-09T09:40:24","date_gmt":"2017-05-09T07:40:24","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=281"},"modified":"2017-05-10T11:05:18","modified_gmt":"2017-05-10T09:05:18","slug":"die-fluechtlingskrise-ein-bedrohungsszenario","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=281","title":{"rendered":"Die \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c \u2013 ein Bedrohungsszenario?"},"content":{"rendered":"<h2>Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung \u201eFl\u00fcchtlingssituation\u201d im Blue Square der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum, 10.02.2016<\/h2>\n<h3>Eva Gerharz, Juniorprofessorin f\u00fcr Soziologie der Entwicklung und Internationalisierung an der RUB, z.Zt. Vertretungsprofessorin f\u00fcr Entwicklungssoziologie an der Universit\u00e4t Bayreuth<\/h3>\n<p>Wie kaum ein anderes Thema hat die sogenannte Fl\u00fcchtlingssituation die \u00f6ffentliche Diskussion seit dem Sommer 2015 bestimmt. Kaum ein anderes Thema wurde und wird so vielf\u00e4ltig und facettenreich diskutiert, und kaum ein anderes Thema hat so stark polarisiert. Ich habe das Thema Bedrohungsszenario Fl\u00fcchtlingskrise gew\u00e4hlt, nicht, weil ich die Zuwanderung von Menschen als bedrohlich empfinde, sondern weil schon klar geworden ist, dass viele in Deutschland und Europa lebende Menschen dies so sehen. Und ganz bewusst ziele ich auch auf den Begriff der \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c ab, der in den Debatten ja immer wieder zwecks Zusammenfassung und Zuspitzung genannt wird, denn ich sehe genau darin, also in der Art und Weise, wie wir diesen gesellschaftlichen Prozess benennen, einen wesentlichen Faktor, der zum subjektiven und kollektiven Empfinden der momentanen Situation als Bedrohung beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-285 alignleft\" src=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280-300x191.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280-300x191.jpg 300w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280-768x490.jpg 768w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280-1024x654.jpg 1024w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280-624x398.jpg 624w, https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/thunderstorm-164550_1280.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gilt es zu fragen, ob wir es denn wirklich mit einer Krise zu tun haben. Wenn wir uns vergegenw\u00e4rtigen, dass derzeit knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind und die meisten davon, n\u00e4mlich 86% in die sogenannten Entwicklungsl\u00e4nder migrieren, ist es absolut richtig von einer Fl\u00fcchtlingskrise zu sprechen. Allerdings scheint es doch etwas \u00fcbertrieben zu sein, hierzulande von einer Fl\u00fcchtlingskrise zu sprechen. Wir leben in einem der wohlhabendsten L\u00e4nder der Welt, unser politisches System ist verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig stabil, der Sozialstaat ist gut ausgebaut und funktioniert. Trotzdem, auch das muss man sicherlich sehen, gab und gibt es eine Reihe ungel\u00f6ster Probleme. Dazu geh\u00f6ren technische Probleme, wie die Verwaltung von Asylverfahren. Aber es gibt auch grundlegendere Probleme, die, so sagte es die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan in den Tagesthemen im Januar 2016, schon viel l\u00e4nger existieren \u2013 sie sieht vor allem in der Unf\u00e4higkeit der Politiker, vern\u00fcnftig miteinander zu kommunizieren eine Ursache f\u00fcr das Unbehagen, das wir sicherlich alle teilen.<\/p>\n<p>Fragen wir uns doch, worin jetzt eigentlich die Krise genau besteht. Wir haben ein Problem vor allem damit, dass die Zuwanderung von vielen als Bedrohung empfunden wird. Viel hat damit zu tun, dass wir nicht den Eindruck haben, der Staat habe die Situation unter Kontrolle: Wir reden \u00fcber die Unf\u00e4higkeit der Regierung einen Kompromiss zu finden, ganz konkret geht es um Verwaltungsprobleme, wie die Lage in Berlin gezeigt hat und so mancher f\u00fchlt sich mit der Frage, wie die Bev\u00f6lkerung des Landes sich ver\u00e4ndern wird, allein gelassen. Die Lage in den Notunterk\u00fcnften war und ist teilweise noch dramatisch und ohne die vielen Ehrenamtlichen ginge gar nichts. Kein Mensch wei\u00df, welche Auswirkungen die Zuwanderung auf das Schulsystem langfristig haben wird. Die Kriminalit\u00e4t hat zugenommen, von der Terrorgefahr ganz zu schweigen. Gegenw\u00e4rtig werden uns die Grenzen der Steuerung von gesellschaftlichem Wandel deutlicher aufgezeigt als je zuvor. Wir haben es also mit einer Situation zu tun, die den Begriff der Krise durchaus nahelegt. Allerdings scheint das Krisenhafte daran doch recht vielf\u00e4ltig zu sein und kann bestimmt nicht auf die Zuwanderung von Gefl\u00fcchteten reduziert werden.<\/p>\n<p>Ich werde Ihnen heute keine Zahlen pr\u00e4sentieren, auch keine ausgefeilten und mithilfe langj\u00e4hriger wissenschaftlicher Besch\u00e4ftigung gesch\u00e4rften Argumente, sondern meine Einsch\u00e4tzung der Lage. Und so will ich im Wesentlichen drei gesellschaftlich relevante Diskussionsstr\u00e4nge unterschieden, die ich f\u00fcr zentral halte. Dabei handelt es sich lediglich um den Versuch, meine Sichtweisen zu strukturieren. Denn ebenso wie es der Kollege Paul Mecheril beim Neujahrsempfang 2016 im Bremer Rathaus<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a>gesagt hat: die mediale, politische, und alltagsweltliche kommunikative Behandlung der gefl\u00fcchteten Menschen macht einen sprachlos. Dieses Gef\u00fchl der Sprachlosigkeit teile ich und habe sehr lange hin und her\u00fcberlegt, wor\u00fcber ich heute Abend sprechen m\u00f6chte. Es ist mir sehr schwer gefallen, diesen Vortrag vorzubereiten \u2013 viel schwerer, als dass normalerweise der Fall ist. Angesicht der Art und Weise, wie \u00fcber Gefl\u00fcchtete mitunter gesprochen wird und wie mit ihnen gesprochen wird, bleibt einem, wie Mecheril es sagt, schlicht die Luft weg \u2013 und w\u00e4hrend er dies zum Anlass nimmt die alltagsweltlichen Diskurse zu dekonstruieren, frage ich, ob wir nicht Gesellschaft neu denken m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der erste Diskussionsstrang betrifft das Thema Migration. Menschen migrieren nicht einfach nur so, sondern weil sie auf der Suche nach einem besseren Leben sind. Ob es nun die unmittelbare Bedrohung durch den Krieg ist, Hunger, Perspektivlosigkeit, oder auch allgemeine Unzufriedenheit mit den Lebensumst\u00e4nden und der Einsicht, daran wenig \u00e4ndern zu k\u00f6nnen, Migration ist der Versuch, das Leben selbst in die Hand zu nehmen und etwas an den Umst\u00e4nden zu \u00e4ndern. Dass Globalisierung die zur Verf\u00fcgung stehenden Optionen ver\u00e4ndert, vereinfacht und beschleunigt \u2013 \u00e4ndert aber nichts daran, dass Migration nach wie vor ein h\u00f6chst ungleicher Prozess ist und die Option \u00fcberhaupt nur wenigen offensteht. Angesichts dessen hat die Migrationsforschung in den letzten Jahren neue Dimensionen herausgearbeitet. Konzentrierte man sich in den europ\u00e4ischen und nordamerikanischen Sozialwissenschaften bis in die 1990er Jahre noch auf Prozesse der Einwanderung und die Frage nach der Assimilation oder Integration von Zuwanderern, hat doch ein buchst\u00e4blicher Paradigmenwechsel eingesetzt. Vor allem haben sich Zweifel breitgemacht, ob wir wirklich von so eindimensionalen Wanderungsbewegungen ausgehen k\u00f6nnen, wie es lange der Fall war, oder ob wir der sozialen Wirklichkeit nicht eher gerecht werden, wenn wir Migration als Prozess begreifen, im Zuge dessen die Menschen den Kontakt zum Herkunftsland dauerhaft aufrechterhalten \u2013 dank verbesserter Mobilit\u00e4tsoptionen und Kommunikationsmedien. Ludger Pries, Professor f\u00fcr Soziologie an der RUB, hat seit vielen Jahren zu diesem Thema geforscht, &#8212; er und viele andere haben sich verdient gemacht, indem sie den Begriff der transnationalen sozialen R\u00e4ume gepr\u00e4gt haben, um genau diese sich \u00fcber die Grenzen von Nationalstaaten hinweg konstituierenden Handlungszusammenh\u00e4nge zu beschreiben. Wir wissen, dass die Menschen den intensiven Kontakt mit ihren zur\u00fcckbleibenden Verwandten und Freunden per Telefon, Internet usw. pflegen, dass sie Geld zur\u00fcckschicken und so zum Erhalt von Lebensgrundlagen, vielleicht sogar zur Entwicklung des Landes beitragen. Wir wissen auch, dass vor allem diejenigen, die \u00fcber eine gute Ausbildung verf\u00fcgen, sich f\u00fcr multilokale Lebensformen entscheiden und mitunter ganz zur\u00fcckkehren. Viele Studien \u00fcber Ghana, Indien oder auch Sri Lanka haben gezeigt, dass Regierungen in den Herkunftsl\u00e4ndern sogar Anreize geben k\u00f6nnen, um diesen Prozess zu forcieren. So sind IT-Fachkr\u00e4fte mit gutbezahlten Jobs in Silicon Valley nach S\u00fcdindien zur\u00fcckgekehrt, um dort der mittlerweile florierenden IT-Industrie auf die Beine zu helfen. Gleichwohl bedeutet die Herausbildung transnationaler R\u00e4ume auch, dass sich im Ausland lebende Menschen ggfls. mit den Zielsetzungen einer der Konfliktparteien solidarisch erkl\u00e4ren, die \u201eihre Gruppe\u201c meint zu vertreten. Einige der im Ausland lebenden Tamilen haben die Widerstandsbewegung in Sri Lanka mit Geld und Lobbyarbeit unterst\u00fctzt, und auch kurdische Gruppen in Deutschland positionieren sich politisch ebenso wie Teile der t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung auch. Die politische Arbeit von sogenannten Diasporen ist also l\u00e4ngst zu einem wichtigen Faktor in den Herkunftsregionen, auch dort wo B\u00fcrgerkriege herrschen, geworden. Migrantinnen und Migranten bleiben aber nicht nur dauerhaft ihrem Heimatland verbunden, sondern es entstehen auch wirtschaftliche, soziale aber auch emotionale Bindungen zum Aufnahmeland. Global betrachtet ist Mobilit\u00e4t, oder auch Migration als eine spezifische Form, l\u00e4ngst zur Normalit\u00e4t geworden \u2013 aber: wenn wir mal einen Blick in die Geschichte der Welt werfen, stellen wir fest, dass sich so viel eigentlich gar nicht ver\u00e4ndert hat. Es gab immer Menschen, die auf der Suche nach den Grundlagen zur Existenzsicherung gewesen sind, die Sicherung von Grenzen, so wie es der moderne Nationalstaat betreibt, ist eine relativ neue Erfindung. Neu ist allerdings die relative Dauerhaftigkeit, mit der transnationale R\u00e4ume konstituiert werden. Die Folge sind au\u00dferdem hybride Identit\u00e4ten, Mehrfachidentit\u00e4ten usw. Dass diese auf Dauer angelegten transnationalen Verflechtungszusammenh\u00e4nge l\u00e4ngst Realit\u00e4t sind, erschwert nicht nur die Diskussion \u00fcber Grenzen und Grenzsicherung erheblich, sondern auch die Diskussion dar\u00fcber, was denn die Identit\u00e4t der Nation als solches eigentlich ausmacht.<\/p>\n<p>Das Thema \u201eIdentit\u00e4t\u201c m\u00f6chte ich als zweites aufgreifen. W\u00e4hrend der letzten Wochen h\u00f6rte ich von Studierenden immer wieder, dass der Rassismus in den letzten Monaten fast die Ausma\u00dfe vom Beginn der 1990er Jahre erreicht habe. Ich vermute, er ist noch schlimmer. Damals gab es eine ganze Reihe von gewaltsamen \u00dcbergriffen gegen Asylbewerber, im Zuge derer Menschen zu Tode kamen. Das war schlimm. Schlimm war auch, wie massiv damals vor allem die CDU\/CSU Stimmung gegen Asylbewerber machte. Trotzdem: Ich habe den Vergleich in den letzten Monaten immer wieder mit Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden diskutiert und bin mir sicher, dass der Rechtspopulismus mehr denn je in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Besonders problematisch waren nat\u00fcrlich die Vorf\u00e4lle in K\u00f6ln und anderswo. Im Nachgang der massenhaften \u00dcbergriffe sind vor allem junge arabisch aussehende M\u00e4nner zum Angstobjekt Nummer Eins geworden. Ganz klar differenziert wird zwischen Frauen und Kindern, Familien und den allein reisenden jungen M\u00e4nnern, die jetzt nicht nur potentielle Terroristen sind, sondern auch Kleinkriminelle und Sexualstraft\u00e4ter. Um die Grenze klar ziehen zu k\u00f6nnen, werden die \u201ekulturellen Werte\u201c dieser Gruppe zur Erkl\u00e4rung herangezogen, ihre Unf\u00e4higkeit oder auch der Unwille, westliche Frauen zu respektieren oder auch, ganz entschuldigend, ihre Unerfahrenheit im Umgang mit Frauen, die nicht zur eigenen Familie geh\u00f6ren. Basierend auf der Zuschreibung dieser Annahmen steht nun die gesamte Gruppe der arabisch aussehenden Jungen M\u00e4nner unter Generalverdacht. Absurderweise hat dies vor allem M\u00e4nner in Deutschland auf den Plan gerufen \u2013 besonders absurd wurde es, als T\u00fcrsteher, Hooligans und Rocker sich zu B\u00fcrgerwehren zusammengetan haben, wie es wohl in Bielefeld geschehen ist, in K\u00f6ln wurden mehrere Menschen von selbigen zusammengeschlagen. Abgesehen von der Tatsache, dass genau diese Personengruppen nun nicht gerade f\u00fcr ihre antisexistische Haltung bekannt sind, zeigt diese Entwicklung, dass die Bereitschaft, gegen\u00fcber Menschen mit Migrationshintergrund auch gewaltsam vorzugehen, lange nicht mehr nur den rechtsextremistischen Gruppen vorbehalten ist \u2013 zumal wir in vielen Teilen der Republik beobachten k\u00f6nnen, dass solchen \u00dcbergriffen Verst\u00e4ndnis entgegengebracht wird. Pl\u00f6tzlich sind alle dabei, und die Stimmen, die die Gewalt gegen Asylbewerber wie kurz nach der Silvesternacht anprangern, ziemlich leise.<\/p>\n<p>K\u00f6ln hat mir also gezeigt, dass sich als deutsch f\u00fchlende M\u00e4nner dazu verpflichtet f\u00fchlen, Ihr Eigentum, n\u00e4mlich die deutschen Frauen, zu sch\u00fctzen. Und zwar vor den \u00dcbergriffen s\u00fcdl\u00e4ndisch aussehender M\u00e4nner, deren \u00dcbergriffe als Ausdruck eines religi\u00f6s-kulturell begr\u00fcndetem Chauvinismus gesehen wird. Das ist schon einigerma\u00dfen absurd. So, wie die Debatte gef\u00fchrt wurde, gewann man aber nicht nur den Eindruck, dass M\u00e4nner mit Migrationshintergrund die schlechteren M\u00e4nner seien und dar\u00fcber hinaus, und das ist ja auch ungeheuerlich, alle gefl\u00fcchteten Personen unter Generalverdacht stehen, sondern es werden andere strukturelle Ungleichheiten, wie die zwischen den Geschlechtern, \u00fcberlagert. Und deswegen, darauf hat mich meine Kollegin Ilse Lenz zu recht hingewiesen, ist die Initiative #Ausnahmslos<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> so wichtig, die sich gegen sexualisierte Gewalt UND Rassismus richtet \u2013 statt den Tendenzen, eines gegen das andere ausspielen zu wollen, stattzugeben.<\/p>\n<p>Wenn wir uns nun vergegenw\u00e4rtigen, dass Menschen infolge von Migration und Herausbildung von hybriden Identit\u00e4ten dazugeh\u00f6ren, scheint es umso erstaunlicher, dass andere Teile der Gesellschaft meinen, das Recht auf Identifikation mit der Nation f\u00fcr sich gepachtet haben und zwar, weil sie \u2013 ja \u2013was SIND sie eigentlich? Jedenfalls ist das aus meiner Sicht ein Paradox \u2013 das uns, drittens, nach der N\u00fctzlichkeit unseres Verst\u00e4ndnisses vom Gesellschaftsbegriff selbst fragen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Angesichts der vielf\u00e4ltigen Transformationsprozesse, haben Kolleginnen und Kollegen zu Recht danach gefragt, ob der allgemein verwendete Gesellschaftsbegriff im Zeitalter der Globalisierung \u00fcberhaupt noch Sinn ergibt. Denn bislang wurde Gesellschaft \u00fcblicherweise als nationale Gesellschaft begriffen. Angesichts dessen und der Erkenntnis, dass es sich auch bei der Nation um ein recht junges Konstrukt und damit um eine, wenn auch dominante Variante gesellschaftlicher Verfasstheit handelt, haben zum Beispiel Ulrich Beck, Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller den Begriff des \u201emethodologischen Nationalismus\u201c schon vor einer ganzen Weile gepr\u00e4gt und kritisiert. Im Kern und ganz vereinfacht geht es darum, dass die Sozialwissenschaften die nationale Gesellschaft bislang als Analysegegenstand verwandt haben und alle sozialen Dynamiken, die ihre Grenzen \u00fcberschreiten als Abweichung betrachteten. Angesichts der eben skizzierten zunehmenden transnationalen Verflechtungen und auch globalen Konnektivit\u00e4t in ganz unterschiedlicher Hinsicht m\u00fcssen wir uns fragen, ob wir nicht einen anderen Gesellschaftsbegriff brauchen, und beispielsweise von der Existenz einer Weltgesellschaft ausgehen m\u00fcssen. Das bedeutet nicht, dass nationale Grenzen nicht mehr g\u00fcltig w\u00e4ren. Der Nationalstaat ist nach wie vor eine sehr wichtige, aber nicht die einzige Einheit, die mittels Recht und Gesetz und Verfasstheit f\u00fcr gesellschaftliche Ordnung sorgt. Und dazu geh\u00f6rt auch Einwanderungspolitik. Trotzdem: Die Welt ist mehr denn je eins, und das sind auch die Herausforderungen und Probleme, denen wir uns stellen m\u00fcssen. Denken wir nur an die Globalisierung der Finanzwelt, oder, mindestens genauso eindr\u00fccklich, des sogenannten Klimawandels, und der Ressourcenproblematik. Darauf gibt es keine nationalen Antworten. Genauso wenig k\u00f6nnen wir uns aus der Verantwortung ziehen, wenn es um die Probleme von Menschen in anderen Teilen der Welt geht. Mit den mickrigen Geh\u00e4ltern der s\u00fcdasiatischen Textilarbeiter, der steigenden Landknappheit, der Verw\u00fcstung von riesigen Fl\u00e4chen infolge von Abholzung, der nun schon wieder ins Haus stehenden Hungerkatastrophe in Ostafrika, der Ausbeutung von Kindern in den Coltan-Minen Zentralafrikas und nicht zuletzt den Kriegen im Mittleren Osten und anderswo \u2013 wir m\u00fcssen uns fragen, ob wir damit nicht vielleicht auch etwas zu tun haben. Wir k\u00f6nnen uns der Verantwortung nicht entziehen, denn wir wissen, dass wir auf die Kosten anderer immer noch sehr bequem leben. \u00a0Und dass man dies tun kann, wissen auch die Menschen, die zu uns kommen, um daran teilzuhaben. Solange die Welt so ungleich ist, werden Menschen, die \u00fcber die Mittel verf\u00fcgen, versuchen dahin zu kommen, wo sie hoffen, ein besseres Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Als B\u00fcrger dieser Welt m\u00fcssen wir uns fragen, ob es nicht unsere Pflicht ist, etwas mehr Solidarit\u00e4t in der Weltgesellschaft zu leben und die Krise abzuwenden, die uns gerade ganz handfest droht: n\u00e4mlich eine Abkehr von den Werten mit denen ich und ganz sicher die meisten von Ihnen aufgewachsen sind und was das Leben in diesem Teil so lebenswert macht &#8211; Menschlichkeit.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> http:\/\/www.weser-kurier.de\/bremen\/bremen-politik-wirtschaft_artikel,-Die-Gastrede-von-Paul-Mecheril-_arid,1291009.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> http:\/\/ausnahmslos.org\/<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vortrag im Rahmen der Ringvorlesung \u201eFl\u00fcchtlingssituation\u201d im Blue Square der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum, 10.02.2016 Eva Gerharz, Juniorprofessorin f\u00fcr Soziologie der Entwicklung und Internationalisierung an der RUB, z.Zt. Vertretungsprofessorin f\u00fcr Entwicklungssoziologie an der Universit\u00e4t Bayreuth Wie kaum ein anderes Thema hat die sogenannte Fl\u00fcchtlingssituation die \u00f6ffentliche Diskussion seit dem Sommer 2015 bestimmt. 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