{"id":226,"date":"2017-01-27T09:30:16","date_gmt":"2017-01-27T08:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=226"},"modified":"2017-02-27T16:17:24","modified_gmt":"2017-02-27T15:17:24","slug":"gastbeitrag-engagement-in-der-gefluechtetenarbeit-in-oberhausen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=226","title":{"rendered":"Gastbeitrag: Engagement in der Gefl\u00fcchtetenarbeit in Oberhausen"},"content":{"rendered":"<p>In diesem Blog-Eintrag m\u00f6chte ich gerne etwas \u00fcber die unterschiedlichen Akteure innerhalb der Gefl\u00fcchtetenarbeit in Oberhausen (f\u00fcr eine \u00dcbersicht \u00fcber die Akteure in Bochum vgl. <a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=98\">Beitrag zur Netzwerkperspektive<\/a>) berichten sowie die einzelnen Engagementbereiche n\u00e4her beleuchten.<\/p>\n<p>Seit Oktober 2016 arbeite ich im Kommunalen Integrationszentrum (KI) der Stadt Oberhausen. Im Rahmen des Programmes des Landes Nordrhein-Westfalen \u201eKOMM-AN NRW\u201c zur F\u00f6rderung der Integration von Gefl\u00fcchteten in den Kommunen und zur Unterst\u00fctzung des b\u00fcrgerschaftlichen Engagements in der Gefl\u00fcchtetenarbeit umfassen meine T\u00e4tigkeiten insbesondere die Koordinierung, Vernetzung und Qualifizierung im Bereich der Integration, insbesondere der Gefl\u00fcchtetenarbeit entlang einer Integrationskette. Dabei wird das freiwillige Engagement ausdr\u00fccklich einbezogen. Zuvor konnte ich bereits als freie Mitarbeiterin im KI die Entwicklungen und strukturellen Prozesse in der Gefl\u00fcchtetenarbeit seit April 2015 beobachten.<\/p>\n<p>In der Stadt Oberhausen sind neben der st\u00e4dtischen Verwaltung und vielen hauptamtlichen Akteuren und Wohlfahrtsverb\u00e4nden auch viele OberhausenerInnen freiwillig in der Gefl\u00fcchtetenarbeit aktiv. Hierbei l\u00e4sst sich feststellen, dass die freiwillige Gefl\u00fcchtetenarbeit ein heterogenes Feld ist und die einzelnen Initiativen unterschiedliche Organisationsstrukturen aufweisen. Zum einen gibt es Gefl\u00fcchteteninitiativen, die bereits seit den 90er Jahren aktiv sind und welche, die sich erst 2011 zu Beginn des B\u00fcrgerkrieges in Syrien oder im Zuge der Ereignisse im Sommers 2015 gebildet haben.<!--more--><\/p>\n<p>Einige Engagierte organisieren sich in Initiativen, beziehungsweise Projekten oder in selbstorganisierten Gruppen. Zus\u00e4tzlich sind viele Menschen aktiv, die sich alleine und spontan fernab st\u00e4dtischer und hauptamtlicher Strukturen engagieren m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Anfang 2016 haben sich die meisten Initiativen zusammengeschlossen und das Netzwerk Oberhausener Gefl\u00fcchteteninitiativen (NOGI) gegr\u00fcndet. Hier finden regelm\u00e4\u00dfige Austauschtreffen statt und es sind bereits Kooperationen zwischen den einzelnen Initiativen sowie mit hauptamtlichen und st\u00e4dtischen Akteuren entstanden. Die Initiativen, die bereits seit l\u00e4ngerer Zeit oder seit den 90er Jahren in der Gefl\u00fcchtetenarbeit aktiv sind, haben merklich den Vorteil, dass sie \u00fcber weitreichendere Kenntnisse beispielsweise im Asylrecht oder auch in der Kommunikation mit st\u00e4dtischer Verwaltung und Hauptamtlichen verf\u00fcgen. Pr\u00e4gend f\u00fcr alle Akteure in der Gefl\u00fcchtetenarbeit war zu Beginn, sich \u00fcber Kompetenzen, Rollen, Rechte und Pflichten, die noch unklar schienen, zu verst\u00e4ndigen sowie die Kl\u00e4rung und Transparenz der jeweiligen Zust\u00e4ndigkeiten. Es existiert nat\u00fcrlich weiterhin noch vereinzelt Kl\u00e4rungsbedarf, jedoch bei weitem nicht wie zu Beginn. Dies liegt zum einen daran, dass sich st\u00e4dtische und hauptamtliche Strukturen in der Gefl\u00fcchtetenarbeit beispielsweise mithilfe von Neueinstellungen und interner st\u00e4dtischer Kooperationen bilden und festigen konnten und zum anderen daran, dass sich die Initiativen selbst besser organisieren konnten und bereits auf Erfahrungswerte zur\u00fcckgreifen k\u00f6nnen. Einige der Oberhausener Initiativen sind bereits in st\u00e4dtisch organisierten Arbeitskreisen neben hauptamtlichen Akteuren vertreten. Das beiderseitig wachsende Verst\u00e4ndnis im Hinblick auf unterschiedliche Ausgangssituationen und M\u00f6glichkeiten leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag. Viele der Initiativen engagieren sich stadtteilbezogen, bzw. wohnortnah. Auch die Anbindung an die Kirchengemeinden in Oberhausen hat einen Einfluss auf das Engagement. Es haben sich einige Initiativen um Kirchengemeinden herum gebildet und organisieren beispielsweise kulturelle Abendveranstaltungen f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen und die Oberhausener Stadtgesellschaft.<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfteil der engagierten Menschen in der Gefl\u00fcchtetenarbeit wendet mehr Zeit f\u00fcr ihr Engagement auf als Menschen in anderen Engagementbereichen. Auf Nachfrage berichtet ein Gro\u00dfteil der Engagierten, dass sie mindestens 10-15 Stunden pro Woche f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen aktiv seien. Im allgemeinen Engagement liegt der Durchschnitt bei ca. 5 bis maximal 10 Stunden pro Woche. Die Mehrheit der Engagierten in der Gefl\u00fcchtetenarbeit in Oberhausen konzentriert ihr Engagement allein auf diesen Engagementbereich und ist nicht in anderen Bereichen aktiv.<\/p>\n<p>Ein Engagement in der Gefl\u00fcchtetenarbeit ist als soziales wie auch als ein politisches Engagement einzuordnen. F\u00fcr viele Engagierte steht der Gedanke im Vordergrund, den schutzsuchenden Menschen Soforthilfe in allen Lebenslagen leisten zu wollen und sich gesellschaftlich verantwortlich zu f\u00fchlen. Dies unterstreicht den sozialen Aspekt. Politisch ist es dahingehend, dass viele Engagierte auf Nachfrage betonen, dass sie ein \u201eZeichen gegen rechts\u201c setzen m\u00f6chten, die Zukunft mitgestalten wollen und sich f\u00fcr Vielfalt und Freiheit einsetzen m\u00f6chten. Einige der Engagierten kommen auch aus der Antifa-Bewegung und organisieren Aktionen und Demonstrationen gegen rechts (<a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=114\">vgl. Beitrag zur\u00a0politischen Dimension des Engagements<\/a>),<\/p>\n<p>Die freiwillige Gefl\u00fcchtetenarbeit ist ein Engagementbereich, der durch eine allumfassende Unterst\u00fctzung in allen Lebenslagen der gefl\u00fcchteten Menschen gekennzeichnet ist. Die wenigsten Engagierten geben beispielsweise \u201enur\u201c Sprachunterricht, sondern begleiten die Menschen auch zu \u00c4rzten oder zu \u00c4mtern und helfen bei der Wohnungssuche. Die Engagementbereiche in der Gefl\u00fcchtetenarbeit sind vielf\u00e4ltig und weisen unterschiedliche Anforderungen an die Engagierten auf. Klassische Bereiche sind beispielsweise die Annahme und Ausgabe gespendeter Kleidung und Hausrat, \u00dcbersetzungshilfe, Wohnungssuche, Ausbildungs- und Arbeitssuche, Fahrdienste, Nachhilfeunterricht und Hausaufgabenhilfe, Sprachkurse, Musikunterricht, Freizeitaktivit\u00e4ten (Zoobesuche, Sport), Fahrradwerkstatt sowie die Begleitung bei Beh\u00f6rdeng\u00e4ngen und zu \u00c4rzten. Des Weiteren werden Begegnungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Gefl\u00fcchtete mit der Oberhausener Stadtgesellschaft in Form von Veranstaltungen (Musikkonzerte, Ausstellungen, Feste, Feiern, Spielgruppen, Frauencaf\u00e9s, interkulturelle Sprachcaf\u00e9s etc&#8230;) seitens der Engagierten organisiert. Einige Initiativen haben bereits ihren Schwerpunkt auf Patenschaften f\u00fcr einzelne Gefl\u00fcchtete oder auch Familien gelegt, um eine allumfassende Unterst\u00fctzung erm\u00f6glichen zu k\u00f6nnen. Es ist zu beobachten, dass die Engagierten, die bereits l\u00e4nger aktiv sind, auch die Bereiche \u00fcbernehmen, in denen Erfahrung vorteilhaft ist. Beispielsweise berichten einige Engagierte, dass sie bei einzelnen \u00c4mtern bereits bekannt sind und wissen, welchen Ansprechpartner sie in welchem Fall kontaktieren m\u00fcssen und auch, wie sie die Anliegen der Gefl\u00fcchteten kommunizieren m\u00fcssen, damit ihnen in den Einzelf\u00e4llen geholfen werden k\u00f6nnen. Auch die \u00d6ffentlichkeitsarbeit wird meist von bereits l\u00e4nger Engagierten ausgef\u00fchrt. Sie organisieren Info-St\u00e4nde auf Veranstaltungen und sind im Gespr\u00e4ch mit Politik und Presse, um ihre Anliegen \u00f6ffentlich zu machen.<\/p>\n<p>Ein weiterer Bereich, bei dem spezielle Kenntnisse gefragt sind, ist der freiwillig organisierte Sprachunterricht. Dieser ist sehr wichtig, da der Zugang zu den offiziellen Integrationskursen der Integrationskurstr\u00e4ger zum einen bisher nur f\u00fcr die Menschen aus Herkunftsl\u00e4ndern mit sogenannter guter Bleibeperspektive bereitgestellt werden und zum anderen, da sie f\u00fcr die Menschen, bis sie einen offiziellen Integrationskurs besuchen d\u00fcrfen, die erste M\u00f6glichkeit bieten, sich mit der deutschen Sprache vertraut machen zu k\u00f6nnen und Kontakte au\u00dferhalb ihrer Unterk\u00fcnfte und Wohnungen zu erhalten (vgl. <a href=\"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=129\">Beitrag zur Arbeitsmarktintegration<\/a>). In Oberhausen hat sich ein professioneller SprachlehrerInnenkreis gebildet. Geleitet wird dieser von einer ehemaligen Schulleiterin. Alle Engagierten in diesem Kreis sind entweder aktive oder pensionierte LehrerInnen und SchulleiterInnen.<\/p>\n<p>Ich begleite ihre regelm\u00e4\u00dfigen Treffen seit \u00fcber einem Jahr und konnte mich davon \u00fcberzeugen, wie gut diese Engagierten organisiert sind, zusammenarbeiten und sich selbst\u00e4ndig auf den aktuellen Stand bringen, bzw. Fachleute zu ihren Treffen einladen. Die Qualit\u00e4t der Sprachkurse ist sehr hoch und die Kenntnisse aus ihrem beruflichen Kontext elementar.<\/p>\n<p>Zunehmend ist leider festzustellen, dass die Bereitschaft, sich in der Gefl\u00fcchtetenarbeit zu engagieren r\u00fcckl\u00e4ufig ist. Dies kann daran liegen, dass sich viele spontane HelferInnen zu schnell und zu intensiv engagiert haben ohne dabei auf ihre pers\u00f6nlichen Grenzen zu achten. Auch die individuelle Erwartungshaltung, die in der tats\u00e4chlich ausge\u00fcbten T\u00e4tigkeit nicht befriedigt wurde oder auch ein \u201eEntt\u00e4uscht sein\u201c in Bezug auf st\u00e4dtische Unterst\u00fctzung kann zu einem Abbruch des Engagements f\u00fchren. Einige Engagierte berichten, dass sie sich mittlerweile in ihrem sozialen Umfeld rechtfertigen m\u00fcssen, weil sie sich in der Gefl\u00fcchtetenarbeit engagieren. Die Haltung gegen\u00fcber gefl\u00fcchteten Menschen hat sich in einigen Reihen der Bev\u00f6lkerung seit den Ereignissen in der Silvesternacht in K\u00f6ln und der anschlie\u00dfenden medialen Berichterstattung ge\u00e4ndert. Ich glaube, dass sich die Menschen, die sich schon viele Jahren engagieren, nicht so leicht entmutigen lassen und ihr Engagement in der Gefl\u00fcchtetenarbeit auch weiterhin mit viel Freude und Enthusiasmus fortf\u00fchren werden. Hier muss der Fokus sein, ihnen gen\u00fcgend Unterst\u00fctzungsangebote zur Verf\u00fcgung zu stellen, ihre Gestaltungsm\u00f6glichkeiten zu st\u00e4rken und die Chance zu bieten, dass ihre Anliegen geh\u00f6rt und ernst genommen werden. Schlie\u00dflich sind sie diejenigen, die durch den direkten Kontakt zu Gefl\u00fcchteten beobachten k\u00f6nnen, welche Integrationsangebote beispielsweise hilfreich f\u00fcr die gefl\u00fcchteten Menschen sind, wie sie sich f\u00fchlen und wo die Bedarfe und L\u00fccken sind. Die Qualit\u00e4t der informellen, sozial-emotionalen Kontakte zwischen gefl\u00fcchteten Menschen und Engagierten ist entscheidend f\u00fcr den Integrationsprozess.<\/p>\n<p>Wichtig erscheint mir, langfristig und \u00f6ffentlich f\u00fcr das freiwillige Engagement zu werben und hierbei dem Bereich der Gefl\u00fcchtetenarbeit gesonderte Aufmerksamkeit zu widmen. Es sollten Kampagnen organisiert werden, die den Mehrwert des Engagements in der Gefl\u00fcchtetenarbeit f\u00fcr die Gesamtgesellschaft deutlich machen. Das Engagement in der Gefl\u00fcchtetenarbeit wird noch viele Jahre eine entscheidende Rolle im Integrationsprozess \u00fcbernehmen. Ich bin zuversichtlich, auch, weil sich immer mehr WissenschaftlerInnen f\u00fcr diesen Engagementbereich interessieren und ihn als Forschungsgegenstand aus den unterschiedlichsten Perspektiven entdecken.<\/p>\n<h3>Ein Beitrag von Katharina M\u00fchleis (Kommunales Integrationszentrum\/ Stadt Oberhausen)<\/h3>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesem Blog-Eintrag m\u00f6chte ich gerne etwas \u00fcber die unterschiedlichen Akteure innerhalb der Gefl\u00fcchtetenarbeit in Oberhausen (f\u00fcr eine \u00dcbersicht \u00fcber die Akteure in Bochum vgl. Beitrag zur Netzwerkperspektive) berichten sowie die einzelnen Engagementbereiche n\u00e4her beleuchten. 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