{"id":110,"date":"2017-01-26T18:34:31","date_gmt":"2017-01-26T17:34:31","guid":{"rendered":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=110"},"modified":"2017-02-27T16:23:07","modified_gmt":"2017-02-27T15:23:07","slug":"integration-heisst-teilhabe-kann-das-mitwirken-von-personen-mit-eigenem-migrations-oder-fluchthintergrund-eine-loesung-sein-die-integration-besser-gemeinsam-zu-bewaeltigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/engagementforschung.blogs.ruhr-uni-bochum.de\/?p=110","title":{"rendered":"Integration hei\u00dft Teilhabe."},"content":{"rendered":"<h3><strong>Kann das Mitwirken von Personen mit eigenem Migrations- oder Fluchthintergrund eine L\u00f6sung sein, die Integration besser gemeinsam zu bew\u00e4ltigen?<\/strong><\/h3>\n<p>In vielen L\u00e4ndern zwangen fortw\u00e4hrend Kriege, Glaubenskonflikte, Hungersn\u00f6te, politische Missst\u00e4nde und soziale Perspektivlosigkeit, Menschen ihre Heimat zu verlassen. Das f\u00fchrt weltweit zur Zunahme von Migrations- und Fluchtbewegungen. Im Jahr 2011 lag der Anteil der Mitb\u00fcrger mit einem Migrationshintergrund bei 80,3 Millionen Bev\u00f6lkerung bei 19 Prozent. 2013 waren es schon 20,5% der Gesamtbev\u00f6lkerung. Von Gefl\u00fcchteten kamen im Jahr 2014 23% aus Syrien, 10% aus Serbien und 8% aus Eritrea Im Januar 2015 stammten 24,6% der Personen mit Fluchthintergrund aus Syrien, 14% aus dem Kosovo und 9.4% aus Serbien (vgl. DOMID).<\/p>\n<p>2015 wanderten dar\u00fcber 1,1 Millionen Gefl\u00fcchtete ein (vgl. Welt 2016), von denen NRW 21,2 % aufgenommen hat (vgl. Der Westen 2016). Im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern wie der T\u00fcrkei bietet Deutschland sehr wenigen Menschen Asyl an (vgl. DOMID). Insbesondere nach der Fl\u00fcchtlingswelle im Jahr 2015 hat Deutschland nun akuten Bedarf, Ver\u00e4nderungen und Anpassungen in allen Bereichen der Gesellschaft und der Politik vorzunehmen. B\u00fcrgerschaftliches Engagement z\u00e4hlt dabei als ein wichtiges Instrument, aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu begegnen und einen zentralen Beitrag f\u00fcr die Integration von neuangekommenen Personen zu leisten.<!--more--><\/p>\n<p>Allerdings ist die heutige Situation keine Einmalige. Dass aus Einwanderern Mitb\u00fcrger werden, hat Deutschland schon am Beispiel der Gastarbeiter erfahren k\u00f6nnen, die sich nun in der dritten oder sogar vierten Generation unter uns aufhalten. Deutschland ist nun auch ihre Heimat. Es hat sich gezeigt, dass unter den Freiwilligen auch zahlreiche Personen mit Migrations- oder Fluchthintergrund sind, die mit ihrem Engagement zu einer erfolgreichen Bew\u00e4ltigung der sog. \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c beitragen (vgl. Karakayali\/Kleist 2015: 19). Dieser Beitrag m\u00f6chte das Engagement dieser Personengruppe im Besonderen betrachten.<\/p>\n<p>Der Fokus dieser Arbeit, liegt auf Ehrenamtlichen mit einem eigenem Migrations- oder Fluchthintergrund. Dabei unterscheidet dieser Beitrag zwischen Personen mit Migrationshintergrund, die nicht Teil der aktuellen Fl\u00fcchtlingswelle sind, sondern schon seit Jahren in Deutschland leben und Personen mit aktuellem Fluchthintergrund.<\/p>\n<p>Das Forschungsinteresse begr\u00fcndet sich darin, dass der untersuchte Personenkreis durch die eigene Migrations- bzw. Fluchtgeschichte m\u00f6glicherweise ein besseres Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation der Gefl\u00fcchteten aufbringen kann und mitunter sogar dieselbe Sprache, Kultur oder Interessen mit den Gefl\u00fcchteten teilen. Aufgrund ihrer eigenen Migrations- und Fluchterfahrungen ist es ihnen zudem m\u00f6glicherweise ein Anliegen, sich f\u00fcr eine beschleunigte Integration einzusetzen. Dazu wurden Interviews mit einem engagierten Gefl\u00fcchteten aus Syrien und mit zwei Engagierten mit Migrationshintergrund gef\u00fchrt. Die Person aus Syrien ist seit anderthalb Jahren in Deutschland und hat gute Deutschkenntnisse. Die zwei ehrenamtlichen Engagierten kommen aus der T\u00fcrkei und aus Marokko. Beide wurden nicht in Deutschland geboren, sondern kamen in unterschiedlichen Lebensphasen nach Deutschland. Der t\u00fcrkische Interviewpartner kam als Kind und der Marokkaner als Student.<\/p>\n<p>Die Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile. Im ersten Teil der Arbeit mit dem Titel \u201e<a href=\"#Teil 1\">Motive von ehrenamtlichen Engagierten mit Migrationshintergrund<\/a>\u201c wird dargestellt, welche Motive und Hintergr\u00fcnde die Personen mit Migrations- oder Fluchthintergrund in ihrem ehrenamtlichen Engagement haben und inwiefern der eigene biographische Hintergrund ihr jetziges Engagement beeinflusst hat.<\/p>\n<p>Der zweite und letzte Teil \u201e<a href=\"#Teil 2\">Teilhabe von Gefl\u00fcchteten in der Fl\u00fcchtlingsarbeit<\/a>\u201c besch\u00e4ftigt sich damit, inwiefern gefl\u00fcchtete Personen im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Einbindung von engagierten Personen mit eigenem Migrations- bzw. Fluchthintergrund besonders profitieren k\u00f6nnen und \u00a0inwieweit und wodurch das Engagement von Gefl\u00fcchteten\/Personen mit Migrationshintergrund in der Zukunft gef\u00f6rdert werden kann, sodass die Integration der neu ankommenden, hilfsbed\u00fcrftigeren Heimatlosen in die Gesellschaft verbessert werden kann. Die Abschlussworte gelten den zuvor herausgearbeiteten Problemen und politischen Herausforderungen der ehrenamtlichen Fl\u00fcchtlingsarbeit jener Personen, die sowohl mit ihrem Migrationshintergrund als auch mit eigenen Fluchterfahrungen die Integration der neu ankommenden Gefl\u00fcchteten in die Gesellschaft unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p><strong><a id=\"Teil 1\"><\/a>Motive von ehrenamtlichen Engagierten mit Migrationshintergrund<\/strong><\/p>\n<p>Welche Motive und Hintergr\u00fcnde haben Personen mit Migrationshintergrund in ihrem ehrenamtlichen Engagement? Wie ist es dazu gekommen, dass sie sich engagieren und inwiefern spielt der Migrationshintergrund der EhrenamtlerInnen eine Rolle?<\/p>\n<p>Nach Mutz et al. (2015) gibt es f\u00fcnf verschiedene Motivtypen, die sich \u201eHumanistisches Lebensprinzip\u201c, \u201eReligi\u00f6se Grundhaltung\u201c, \u201eP\u00e4dagogische Beweggr\u00fcnde\u201c, \u201eInterkulturelle Geselligkeit\u201c und \u201eEs tut mir gut\u201c nennen. Die in den gef\u00fchrten Interviews genannten Motive lassen sich als humanistisches Lebensprinzip und als religi\u00f6se Grundhaltung kategorisieren. Nach Mutz et. al (vgl. 2015:24f) beruht das humanistische Lebensprinzip auf ethnisch moralischen Handlungen. Zu den stark normativen Ausrichtungen des Handelns geh\u00f6ren: \u201edie Betonung von Gerechtigkeit und Menschenrechten\u201c, das \u201eRecht auf soziale Sicherheit\u201c, der \u201eAnspruch auf eine gute Kindheit\u201c sowie gesellschaftliche Grundhaltungen. Die religi\u00f6se Grundhaltung \u00e4hnelt der humanistischen Haltung besonders \u201ein seiner normativen Dimension\u201c jedoch taucht diese Haltung meist in sozialen Feldern auf und wird \u201enicht mit den Prinzipien einer b\u00fcrgerlichen Lebensweise begr\u00fcndet, sondern mit einer religi\u00f6sen\u201c.<\/p>\n<p>Wie die Forschungsergebnisse der vorliegenden Interviews\u00a0 zeigen, kann der eigene Migrations- oder Fluchthintergrund eine ganz andere Perspektive auf die konkrete Fluchtsituation erm\u00f6glichen. So k\u00f6nnen z.B. soziale, kulturelle oder religi\u00f6se Unterschiede besser nachvollzogen werden, sodass den Ankommenden die Ankunft erleichtert werden kann. In den Interviews mit Engagierten mit Migrationshintergrund zeigt sich das Motiv des humanistischen Lebensprinzips darin, dass die Person von einer \u201egesellschaftliche[n] Verantwortung\u201c ausgeht, \u201edie Gesellschaft zu ver\u00e4ndern und zu verbessern.\u201c Das untenstehende Zitat verdeutlicht, dass die Person ihre Einstellungen und Motivlage mit ihrem eigenen Migrationshintergrund erkl\u00e4rt, der bei ihr zu Empathie f\u00fcr die Situation der Gefl\u00fcchteten f\u00fchrt.<\/p>\n<blockquote><p>\u00a0\u201eIch habe immer versucht, in meinem pers\u00f6nlichen Umfeld mich sowohl kulturell als auch politisch zu engagieren. Ich denke, dass wir alle eine gesellschaftliche Verantwortung tragen, die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern und zu verbessern. Sicherlich hat mein Migrationshintergrund hierbei eine gro\u00dfe Rolle gespielt. Mein Vater ist als Kind mit seiner Familie von Griechenland in die T\u00fcrkei geflohen und sp\u00e4ter als \u201eGastarbeiter\u201c nach Deutschland gekommen. Ich selber bin als Kind nach Deutschland gekommen und wei\u00df daher auch aus pers\u00f6nlicher Erfahrung, wie schwer es ist, alles hinter sich zu lassen und in einem fremden Land ohne Sprachkenntnisse klarzukommen. Wo und wann wir leben, ist ein Zufall und kein Recht!\u201c (Interview Bochum 07.08.2016: Engagierte in der Betreuung).<\/p><\/blockquote>\n<p>Manchmal werden zudem religi\u00f6se \u00dcberzeugungen, die vorsehen, Mitmenschen zu helfen, als Bewegungsgrund f\u00fcr ein b\u00fcrgerschaftliches Engagement in der Fl\u00fcchtlingshilfe angef\u00fchrt. So gibt es auch aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden Engagierte, die anderen Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrungen bei der Integration in die deutsche Gesellschaft helfen, zum Beispiel in Form von \u00dcbersetzungen, Sprachunterricht oder Nachhilfe. Der folgende Interviewausschnitt verdeutlicht, dass auch die Person davon ausgeht, sich aufgrund ihres eigenen biographischen Hintergrunds gut in die Situation neu ankommender Personen einf\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Dennoch geht die Person davon aus, dass der Migrationshintergrund \u201ekeine gro\u00dfe Rolle\u201c bei der Entscheidung f\u00fcr ein Fl\u00fcchtlingsengagement gespielt hat.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eMein Migrationshintergrund hat hierbei keine gro\u00dfe Rolle gespielt. W\u00e4re ich hier geboren, also h\u00e4tte kein Migrationshintergrund, w\u00fcrde ich mich trotzdem in der Fl\u00fcchtlingsarbeit engagieren. Ich bin selber als ausl\u00e4ndischer Student hier nach Deutschland eingewandert. Dadurch wei\u00df ich, wie schwer es ist, in einem fremden Land mit ungen\u00fcgenden Sprachkenntnissen zu leben. Meine Motive und Hintergr\u00fcnde sind religi\u00f6s, weil ich es f\u00fcr wichtig halte, nach meinem pers\u00f6nlichen Verst\u00e4ndnis des islamischen Glaubens, meinen Mitmenschen zu helfen.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 29.08.2016: Engagierte in der Betreuung).<\/p><\/blockquote>\n<p>Es wird deutlich, dass eigene Migrationserfahrungen zu mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Fluchtsituation und f\u00fcr soziale, kulturelle und religi\u00f6se Unterschiede f\u00fchren k\u00f6nnen. Die Erkenntnisse werfen die Frage auf, inwiefern ehrenamtliche HelferInnen mit Migrations- oder Fluchthintergrund vielleicht in einigen Bereichen besser als Engagierte ohne Migrations- bzw. Fluchthintergrund Hilfe leisten k\u00f6nnen, da sie sich besser in die Probleme von Gefl\u00fcchteten hineindenken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Abschnitt wird diese Frage am Beispiel der Vorteile der Teilhabe von Personen mit Fluchthintergrund in der Fl\u00fcchtlingsarbeit diskutiert.<\/p>\n<p><strong><a id=\"Teil 2\"><\/a>Vorteile der Teilhabe von Gefl\u00fcchteten in der Fl\u00fcchtlingsarbeit<\/strong>Welchen Anteil k\u00f6nnen Fl\u00fcchtlinge an der genannten Arbeit haben und welche Vorteile lassen sich daraus f\u00fcr alle Beteiligten ziehen? Diejenigen, die sich zumeist als \u201eNicht-Deutsche\u201c im Hintergrund aufhielten, r\u00fccken dadurch, dass mit der Fl\u00fcchtlingskrise neue Herausforderungen an die \u201edeutsche\u201c Gesellschaft gestellt werden, pl\u00f6tzlich ins Scheinwerferlicht und bekommen neue Aufgaben. Wie setzen sich nun diese Mitb\u00fcrger f\u00fcr die Neuen ein? K\u00f6nnen wir sie ermutigen und unterst\u00fctzen, ihre Kenntnisse und F\u00e4higkeiten f\u00fcr die Zukunft einer neuen Gesellschaft einzusetzen?<\/p>\n<p>Wenn es um das b\u00fcrgerschaftliche Engagement in der Fl\u00fcchtlingsarbeit geht, sind die ehrenamtlichen Projekte und die Menschen sehr heterogen. Neben Engagierten mit und ohne Migrationshintergrund kann man Gefl\u00fcchtete st\u00e4rker als neue Akteure einbeziehen. Die Schriftstellerin und Aktivisten Annika Reich dr\u00fcckt diese Tatsache folgenderma\u00dfen aus:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie \u00dcberschrift \u201aMigrant*innen und Gefl\u00fcchtete als neue Akteure und Akteurinnen in Politik und Medien sehe ich erst einmal als Aufforderung, dass Migrantinnen und geflohene Menschen in der deutschen Politik und den Medien als Akteurinnen in Erscheinung treten sollen. Als Vision finde ich das Thema also super. Als Zustandsbeschreibung deckt sich das leider nicht mit unseren Beobachtungen von \u201a<strong>WIR MACHEN DAS\u2018<\/strong><strong>.<\/strong>\u201c (Reich 2016)<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch aus dem Interview mit einer Engagierten wird deutlich, dass Gefl\u00fcchtete st\u00e4rker als Akteure einzubeziehen, von Vorteil sein k\u00f6nnte, um die Integration der Fl\u00fcchtlinge zu verbessern:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eFl\u00fcchtlinge kann man besser integrieren, indem man ihnen die Gelegenheit anbietet, die Sprache zu lernen und ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen zu lassen. Fl\u00fcchtlinge m\u00f6chten generell nicht vom Staat f\u00fcr immer abh\u00e4ngig bleiben. Die wollen lernen, arbeiten und einen positiven Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaft leisten, die ihnen eine Alternative zum Krieg angeboten hat. Genau das sollte man beachten, wenn man mit Fl\u00fcchtlingen umgeht. Integrieren hei\u00dft aber l\u00e4ngst nicht assimilieren zu wollen. Fl\u00fcchtlinge kommen aus einem anderen Land mit anderer Kultur und anderer Religion&#8230; Man sollte daran denken, wie so eine Mischung die Gesellschaft bereichern k\u00f6nnte und nicht versuchen die Differenzen zu beseitigen.\u201c (Interview D\u00fcsseldorf 29.08.2016: Engagierte in der Betreuung)<\/p><\/blockquote>\n<p>Zudem sei auch erw\u00e4hnt, dass der Aufbau einer vertraulichen Beziehung zwischen den Fl\u00fcchtlingen und den Ehrenamtlichen oder dem Staat ein ziemlich sensibler und lang andauernder Prozess sein kann. An dieser Stelle muss man besonders betonen, dass das Vertrauen untereinander schneller gebildet werden k\u00f6nnte, wenn mehr Personen mit eigenen Fluchterfahrungen in der Fl\u00fcchtlingshilfe ehrenamtlich aktiv w\u00e4ren. Die Vertriebenen haben eine sehr schwere Zeit hinter sich, die das Vertrauen in Mitmenschen schwer ersch\u00fcttern kann (vgl. Deutsches Rotes Kreuz: 19). Da sich die meisten der Gefl\u00fcchteten in Deutschland ein neues Leben aufbauen m\u00f6chten, sollte es vermieden werden, sie nur als Empf\u00e4nger von Hilfsleistungen abzustempeln. Es sollte die M\u00f6glichkeit geschaffen werden, sich am Leben der Gesellschaft zu beteiligen, produktiv zu werden und an den Grundsteinen f\u00fcr die Festigung des zuk\u00fcnftigen gesellschaftlichen Zusammenhalts mitzuwirken.<\/p>\n<p>Ma\u00dfnahmen, wie z.B. Versammlungen, Wahlen von Repr\u00e4sentanten, die eine Selbstorganisation erm\u00f6glichen, sind daher sehr zu unterst\u00fctzen. Geeignete Vertreter solcher Gefl\u00fcchteten sollten in die Koordinationsstrukturen eingebunden werden. Schon jetzt kann man davon ausgehen, dass einige Personen mit Fluchterfahrung als Bundesfreiwillige oder als Dolmetscher in der Fl\u00fcchtlingsarbeit ehrenamtlich aktiv sind (vgl. Hamann et al. 2016: 55f).<\/p>\n<p>Man kann eine gro\u00dfe Vielf\u00e4ltigkeit im ehrenamtlichen Engagement in der Fl\u00fcchtlingsarbeit beobachten. Dar\u00fcber hinaus bringt dieses vielf\u00e4ltige Engagement Einwanderer und Einheimischen n\u00e4her zusammen. Ausgangspunkt dieser Darstellung ist die Tatsache, dass sich beide Seiten durch das gemeinsame Engagement besser kennenlernen. Durch eine solche Zusammenarbeit und Kontakte k\u00f6nnen Vorurteile abgebaut und das gegenseitige Verst\u00e4ndnis unterst\u00fctzt werden. Viele wollen den neu ankommenden Gefl\u00fcchteten helfen, wobei diese Unterst\u00fctzungen mit pers\u00f6nlicher Offenheit und Bereitschaft verbunden ist. Der Einsatz der Ehrenamtlichen, bei Arztbesuchen, in der Kinderbetreuung oder dem Ausf\u00fcllen von Formularen, erfordert eine pr\u00e4zise Zusammenarbeit und auch eine Menge Vertrauen. F\u00fcr eine Begleitung der wichtigen ersten Schritte in der neuen Gesellschaft brauchen auch die Ehrenamtlichen mit Fluchthintergrund entsprechende Erfahrungen und ein bestimmtes Know-How\/Wissen. Zudem k\u00f6nnen die Mitb\u00fcrger mit Fluchthintergrund diese gute Gelegenheit nutzen, um ihre Sprachkompetenzen einzusetzen und eine wichtige Rolle in der sich wandelnden deutschen Gesellschaft zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn Deutschland habe ich z.B. in der medizinischen Fl\u00fcchtlingshilfe als \u00dcbersetzer von Arabisch nach Deutsch und Englisch ehrenamtlich in einem Projekt namens \u00a0\u201aRespeech\u2018 gearbeitet. Das Ziel von diesem Projekt ist eine neue Ver\u00f6ffentlichung einer Zeitung f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Und jetzt arbeite ich ehrenamtlich in einem neuen Projekt namens \u201aRefugees Kitchen\u2018. Wir benutzen diese K\u00fcche f\u00fcr ein Fest oder f\u00fcr die Werbung von \u201aRefugees Kitchen\u2018, um die syrische Esskultur vorzustellen. Neben diesem Projekt helfe ich den Fl\u00fcchtlingen auch privat, bei ihren Arztbesuchen oder um etwas zu \u00fcbersetzen.\u201c (Interview Bochum 30.08.2016: Engagierte in der Betreuung)<\/p><\/blockquote>\n<p>Aus dem Interviewausschnitt wird deutlich, dass sich auch Personen, die selbst \u00fcber einen Fluchthintergrund verf\u00fcgen auch f\u00fcr Menschen engagieren k\u00f6nnen, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind. \u00a0Annika Reich (2016) stellt heraus, dass MIT und nicht \u00dcBER die Newcomer gesprochen werden soll. Da die derzeitige Kommunikation noch in jeder Hinsicht sehr wackelig sei, sollte jede Hilfe der \u201eEhemaligen\u201c mit einer Kusshand empfangen werden.<\/p>\n<p>Um die besten Ergebnisse sowohl f\u00fcr die Gesellschaft und als auch f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten zu erreichen, sollten die Stimmen der Beteiligten erh\u00f6rt werden. Die Betroffenen sollten fr\u00fchzeitig in die Planungen eingebunden werden. Die Kommunen sollten sich nach dem Handlungsprinzip \u201emit und nicht \u00fcber\u201c richten, um hinterher keine untragbaren Folgen zu erleben. Also sollten die Newcomer, mit Hilfe der l\u00e4nger in Deutschland lebenden Fl\u00fcchtlingen, eine Stimme bekommen und auch erh\u00f6rt werden (vgl. Reich 2016). Jedoch muss zuerst das Vertrauen der Fl\u00fcchtlinge gewonnen werden, damit sie in betreffende Planungen fr\u00fchzeitig eingebunden und gefragt werden k\u00f6nnen, falls es konkrete Planungsbedarfe gibt.<\/p>\n<p>Die Ans\u00e4tze vieler Organisationen sind n\u00e4mlich auf eine schnelle Selbstst\u00e4ndigkeit ausgerichtet. Die Notwendigkeit des Ausbaus vorhandener Netzwerke ist unumstritten. Die Fl\u00fcchtlingsselbstorganisation ist hierf\u00fcr im gro\u00dfen Ma\u00dfe zu unterst\u00fctzen und zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Durch die Einbindung eingesessener Fl\u00fcchtlinge in den Prozess der Erstaufnahme und Integration der Neuank\u00f6mmlinge, bildet sich f\u00fcr die \u201eerfahrenen Mitb\u00fcrger\u201c eine neue Funktion und Position heraus. Allen Ehrenamtlichen kommt eine sehr wichtige Rolle in der Fl\u00fcchtlingspolitik der Landesregierung NRW zu.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Integration findet vor Ort statt: im Stadtteil, auf dem Spielplatz, beim Einkaufen, Elternabend oder beim Sport. Dialog und partnerschaftliche Zusammenarbeit sowohl der Mitmenschen, als auch der Beh\u00f6rden sind daher wichtige Komponenten der Integration. Hierbei ist die Zusammenarbeit mit dem Ausl\u00e4nderbeirat, Migrantenorganisationen und religi\u00f6sen Gemeinschaften ganz zentral f\u00fcr eine erfolgreiche Integrationsf\u00f6rderung. Die Schaffung einer gleichberechtigten Teilhabe kann nur gemeinsam gelingen. Den Stadtfrieden erhalten hei\u00dft sich respektvoll begegnen und die Teilhabe aller erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Die Mitwirkung der Engagierten mit Migrationshintergrund und zudem mit Fluchterfahrung in der ehrenamtlichen Fl\u00fcchtlingsarbeit ist ein wenig erforschtes Untersuchungsthema. Der vorliegende Beitrag m\u00f6chte erste Anst\u00f6\u00dfe zum Schlie\u00dfen dieser Forschungsl\u00fccke geben. Die Zielsetzung dieser Arbeit war es, die Motive und Wirkungen von Ehrenamtlichen mit Migrations- oder Fluchthintergrund zu diskutieren und zu bewerten.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst gilt es festzuhalten, dass viele Engagierten selbst einen Migrations- bzw. Fluchthintergrund haben. Es ist jedoch nicht immer der eigene Migrationshintergrund, der die Ehrenamtlichen mit Migrationshintergrund zum Handeln bewegt, sondern mitunter auch humanit\u00e4re oder religi\u00f6se Motive, die sich nat\u00fcrlich auch aus dem Migrationshintergrund der Person entwickelt haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einer der wichtigsten Punkte war, inwiefern die Engagementbereitschaft von Menschen mit Migrations- und Fluchthintergrund in Zukunft erh\u00f6ht werden kann, um die neu ankommenden, hilfsbed\u00fcrftigeren Fl\u00fcchtlinge besser in die Gesellschaft zu integrieren. Dahinter steht die Annahme, dass gefl\u00fcchtete Personen im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Einbindung von engagierten Personen mit eigenem Migrations- bzw. Fluchthintergrund besonders profitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Durch die Medien und Politik werden Gefl\u00fcchtete in eine passive Rolle gedr\u00e4ngt. Die Schriftstellerin und Aktivistin Annika Reich kommt zu dem Ergebnis, dass geflohene Menschen in den Medien oft in den nun folgenden dominanten Erscheinungsformen dargestellt werden: Erstens werden die Menschen auf ihre Fluchtgeschichten reduziert, sodass sich die Fragestellungen und Geschichten um Fluchtrouten, Schlepper, Gefahren etc. drehen. Die Gefl\u00fcchteten und ihre Erfahrungen werden nicht individuell betrachtet, sondern als Teil der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten \u201eWelle\u201c. Zweitens werden sie entweder als potentielle \u201eGef\u00e4hrder\u201c kriminalisiert oder pauschal als Traumatisierte pathologisiert. Hier stellt sich die Frage, wie man dieser Problematik begegnen kann. (Reich 2016)<\/p>\n<p>Das Engagement von Gefl\u00fcchteten selbst ist jedoch nur selten eine Schlagzeile wert. Um die Integration des Gefl\u00fcchteten zu verbessern, ist es von Bedeutung, dieses Thema allt\u00e4glich zu thematisieren. Ich vertrete die Position, dass anstelle der Fl\u00fcchtlingsproblematik positive Erfahrungen mit Gefl\u00fcchteten medial st\u00e4rker pr\u00e4sentiert werden sollten. Wenn dies der Fall w\u00e4re, k\u00f6nnte sich gesellschaftlichen Vorurteilen besser entgegengestellt werden und mitunter andere neu ankommende Gefl\u00fcchtete motiviert werden, sich zu integrieren. Engagierte mit Flucht- bzw Migrationshintergrund k\u00f6nnen als Vorbild und Orientierungspunkt f\u00fcr neu ankommende Gefl\u00fcchtete Verantwortung in der Gesellschaft \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h3><strong>\u00a0Ein Beitrag von Seher Kahraman<\/strong><\/h3>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Becker, Kerstin\/ Heck, Sabine<\/em><\/strong>: Deutsches Rotes Kreuz, Gemeinsam mit Fl\u00fcchtlingen Angebote des DRK zum Mitmachen, unter: https:\/\/www.drk.de\/fileadmin\/user_upload\/PDFs\/Gemeinsam_mit_Fluechtlingen.pdf, [zuletzt abgerufen am 04.01.2017].<\/p>\n<p><strong><em>Der Westen (2016):<\/em><\/strong> NRW mit der h\u00f6chsten Zahl von Abschiebungen, unter: http:\/\/www.derwesten.de\/politik\/nrw-mit-der-hoechsten-zahl-von-abschiebungen-id11461897.html, [zuletzt abgerufen am 13.01.2017].<\/p>\n<p><strong><em>DOMID (Dokumentationszentrum und Museum \u00fcber die Migration in Deutschland e.V.): <\/em><\/strong>Migrationsgeschichte in Deutschland, unter: http:\/\/www.domid.org\/de\/migrationsgeschichte-deutschland, [zuletzt abgerufen am 13.01.2017].<\/p>\n<p><strong><em>Hamann, Ulrike; Karakayal\u0131, Serhat; Wallis, Mira; H\u00f6fler, Leif Jannis (2016): <\/em><\/strong>Koordinationsmodelle und Herausforderungen ehrenamtlicher Fl\u00fcchtlingshilfe in den Kommunen, Qualitative Studie des Berliner Instituts f\u00fcr empirische Integrations- und Migrationsforschung, S 55, 56.<\/p>\n<p><strong><em>Karakayali, Serhat; Kleist, J. Olaf (2014): <\/em><\/strong>Strukturen und Motive der\u00a0 ehrenamtlichen Fl\u00fcchtlingsarbeit (EFA) in Deutschland<strong>.<\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Mutz, Gerd; Costa-Schott, Ros\u00e1rio; Hammer, Ines ; Layritz, Georgina; Lexhaller, Claudia ; Mayer, Michaela ; Poryadina, Tatiana; Ragus, Sonja ; Wolff, Lisa (2015):<\/em><\/strong> Engagement f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge in M\u00fcnchen. Ergebnisse eines Forschungsprojekts an der Hochschule M\u00fcnchen in Kooperation mit dem M\u00fcnchner Forschungsinstitut miss, S 24, 25.<\/p>\n<p><strong><em>Reich, Annika (2016):<\/em><\/strong> Migrant*innen und Gefl\u00fcchtete als neue Akteure und Akteurinnen in Politik und Medien, unter: http:\/\/wirmachendas.jetzt\/migrantinnen-und-gefluechtete-als-neue-akteure-und-akteurinnen-politik-und-medien\/, [zuletzt abgerufen am 02.01.2017].<\/p>\n<p><strong><em>Seher Kahraman (2016a):<\/em><\/strong> Pers\u00f6nliches Interview, gef\u00fchrt vom Verfasser. Bochum, 07.08.2016.<\/p>\n<p><strong><em>Seher Kahraman (2016b):<\/em><\/strong> Pers\u00f6nliches Interview, gef\u00fchrt vom Verfasser. Bochum, 29.08.2016.<\/p>\n<p><strong><em>Seher Kahraman (2016c):<\/em><\/strong> Pers\u00f6nliches Interview, gef\u00fchrt vom Verfasser. Bochum, 30.08.2016.<\/p>\n<p><strong><em>Topcu, Canan (2015):<\/em><\/strong> Gefl\u00fcchtete als Akteure st\u00e4rken, unter: https:\/\/www.boell.de\/de\/2015\/12\/12\/gefluechtete-als-akteure-staerken, [zuletzt abgerufen am 02.01.2017].<\/p>\n<p><strong><em>Welt (2016):<\/em><\/strong> 1,1 Millionen Fl\u00fcchtlinge kamen 2015 nach Deutschland, unter: https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article150678614\/1-1-Millionen-Fluechtlinge-kamen-2015-nach-Deutschland.html, [zuletzt abgerufen am 13.01.2017].<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann das Mitwirken von Personen mit eigenem Migrations- oder Fluchthintergrund eine L\u00f6sung sein, die Integration besser gemeinsam zu bew\u00e4ltigen? In vielen L\u00e4ndern zwangen fortw\u00e4hrend Kriege, Glaubenskonflikte, Hungersn\u00f6te, politische Missst\u00e4nde und soziale Perspektivlosigkeit, Menschen ihre Heimat zu verlassen. Das f\u00fchrt weltweit zur Zunahme von Migrations- und Fluchtbewegungen. 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